Menü
adhs1

Aufmerksamkeitsstörungen

Warum ADHS kein Nachteil sein muss

Nicht Kinder mit AD(H)S, sondern ihr Umfeld muss verändert werden, das legen neue wissenschaftliche Untersuchungen nahe. Wir zeigen, wo es bereits funktioniert.

Unsere Gesellschaft blickt vor allem mit missbilligend gerunzelter Stirn auf AD(H)S-Kinder (siehe Box). Stempelt sie als defizitär ab, mit einer Störung behaftet. Eltern verzweifeln an ihnen, ebenso wie die Schule. Anderseits gibt es Fachleute und Eltern, die das Besondere dieser Kinder hervorheben, von denen wir viel lernen könnten, würden wir sie nicht mit Medikamenten an das Mittelmass anpassen.

Die Psychiaterin und Familientherapeutin Ursula Davatz bezeichnet sie sogar als Rosinen im Kuchen. Nun kommt auch eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW und der Universität Freiburg zum Schluss: Nicht das Kind müsse verändert werden, sondern sein Umfeld. Doch wer die über 80-seitige Broschüre mit Handlungsempfehlungen liest, die aus der Studie hervorgegangen sind, erfährt herzlich wenig darüber, was sich nun genau verändern müsste, damit den Bedürfnissen der Kinder ausreichend entsprochen wird. Dann halt doch wieder Ritalin? Ja, zumindest in der Schule, so das Fazit. Solange dort Normierung und Gleichmachen über allem stehen.

Ritalin zur Einschulung

Das tönt etwas plakativ. Doch genau so hat es Melanie Borer* erlebt. Ihr Sohn Lenny* besucht in Gränichen AG den Kindergarten und soll im Sommer eingeschult werden. «Lenny hat ein starkes ADHS, redet nonstop, hüpft herum wie ein Gummiball, das ist nicht einfach auszuhalten», sagt die Mutter. «Im Kindergarten fällt er zwar auf, doch die Lehrerin mag ihn und führt ihn sehr strukturiert.» Das spürt der Junge und reisst sich zusammen, so gut er kann; zuhause lässt er dann raus, was sich in ihm aufgestaut hat. Im Hinblick auf die Einschulung soll Lenny nun Ritalin nehmen, trotz heilpädagogischer Unterstützung – so wollte es der Schulpsychologe. «Das kommt für uns nicht in Frage», sagt Melanie Borer, die als Psychiatriepflegefachfrau auch beruflich mit erwachsenen AD(H)S-Betroffenen zu tun hat.

«ADS und ADHS sind keine Krankheit»

Psychiaterin und Familientherapeutin Ursula Davatz:

«ADS und ADHS sind keine Krankheit»

Zum Interview

Privatschule statt Sonderschule

Ebenso ist für die Eltern klar, dass Lenny nicht in die Sonderschule gehört, ein weiterer Behördenentscheid. «Er ist intelligent, weiss zum Beispiel über den Weltraum bereits jetzt besser Bescheid als ich. Lenny ist, wie sein Vater, der auch ADHS hat, ein wandelndes Lexikon», erzählt Melanie Borer. Doch ihr Partner habe mehrheitlich schlechte Erinnerungen an die Schulzeit, wurde ständig abgewertet, weil er nicht still sitzen konnte. Lenny soll nicht das Gleiche erleben. Er geht deshalb nach den Sommerferien in eine Privatschule.

Das Umfeld verändern, das scheint schneller gesagt als getan. Mut braucht es dafür. Und vor allem den Willen, die routinierten Trampelpfade unserer Denk- und Erziehungsweise zu verlassen. Denn in diese passen AD(H)S-Kinder nicht hinein. Weil sie schlechter fremdzusteuern sind, oft dickköpfig und unruhig, aber vor allem kreativ und hochsensibel. Sie nehmen die Aussenwelt und ihre Mitmenschen intensiv und häufig sehr differenziert wahr, ebenso ihre eigene vielfältige Innenwelt. Weil so viel auf sie einprasselt, können sie sich schlecht konzentrieren – ausser ein Spiel, ein Tier, eine Situation oder ein Thema packt sie derart, dass sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit widmen. Dabei zeigt sich, dass sie in der Regel mindestens durchschnittlich intelligent sind, nicht selten in Teilgebieten sogar hochbegabt.

Weder krank noch gestört

Szenenwechsel, Schule für offenes Lernen (SOL) in Liestal (BL). In einem alten Fabrikgebäude unterrichten Ruth Oechsli und Matthias Held, früher Psychotherapeutin und Psychologe, mit einem Team von rund zehn Lehrpersonen zurzeit 60 Schülerinnen und Schüler. Der überwiegende Teil der Erst- bis Neuntklässler sind in der SOL, weil sie in der Volksschule nicht mehr zurechtkamen, Probleme mit ihrem Verhalten hatten oder gleich ganz von der Schule flogen. Der Diagnosen sind viele, AD(H)S ist die häufigste. Die beiden Schulleiter kümmert das erstaunlich wenig. «Die Kinder sind für uns weder krank noch gestört, weder mühsam noch daneben. Wir helfen ihnen einfach, ihren eigenen Rhythmus kennenzulernen, zu merken, was sie brauchen, Lösungen für Schwierigkeiten zu entwickeln. Und später ihren Weg in die Welt zu finden», sagt Ruth Oechsli. Ihre warmherzige Art und ihre freundlichen Augen geben einem das Gefühl, angenommen und in Ordnung zu sein, wie man ist. «Nach wenigen Tagen oder Wochen brauchen die meisten kein Ritalin und auch keine anderen Medikamente mehr», sagt Matthias Held. Und Oechsli ergänzt: «Bei Schwierigkeiten schauen wir immer das ganze System an, also das Kind in seiner Familie. Und wir fragen uns: Was lebt das Kind, das sein Umfeld unterdrückt?» Bezogen auf die AD(H)S-Problematik regt Oechsli die Überlegung an, ob wir als Gesellschaft unsere Lebendigkeit derart unterdrücken, dass wir Kinder brauchen, die uns unerbittlich darauf aufmerksam machen?

Vieles ist anders an der SOL als an einer normalen Volksschule. Zum Beispiel das grosszügige Platzangebot: Wer im Klassenzimmer schlecht arbeiten kann, findet jederzeit ein ruhiges Zimmer. Oder das Frühstücksbuffet, das wie in einem Komfort-Hotel von 7.15 bis 11 Uhr geöffnet und ebenso reichlich bestückt ist. Äpfel, Rüebli- und Gurkenstücke, Brot, Butter, Konfitüre, Käse, Nüsse, Müesli. Die Kinder, die meist einen langen Schulweg haben, frühstücken hier, bevor um acht Uhr der Unterricht beginnt, und können jederzeit etwas essen, wenn ihnen danach ist.

Erfolge statt Ablehnung

Die Kinder werden jedoch auch gefördert und gefordert. Während der Woche haben sie neben den üblichen Schulfächern Zeit, ihren individuellen Interessen nachzugehen. Sobald sie eine Arbeit abschliessen, zeigen sie diese an der wöchentlichen Schulkonferenz, an der die gesamte Schule teilnimmt und die im Wechsel von zwei Jugendlichen aus der Oberstufe moderiert wird. Das kann ein selbst gebautes Longboard sein, ein Text, ein kleines Theaterstück, ein Physikexperiment. Die Lehrer sind mitverantwortlich, dass die Präsentation gelingt. «Das Kind und sein Werk sollen gefeiert werden», erklärt Oechsli.

Erfolge verzeichnen, gute Erfahrungen machen, statt Ablehnung und Kontrolle erleben. Melanie Borer hat Lenny zuliebe ihr Leben fundamental umgestellt.

Sie meidet überfüllte Spielplätze, hält Lenny vor Menschenansammlungen fern und sagt allzu grosse Einladungen ab. Zu viel Gewusel überfordere den Bub. «Tickt er aus, sind hinterher alle gefrustet», sagt die Mutter. Sie, die früher immer nach etwas gestrebt habe – noch eine spannende Ausbildung, eine abenteuerliche Reise, ein cooles Event – ist jetzt mit ihrem Sohn oft im Wald und mit dem Velo unterwegs. Oder versorgt mit ihm Pferde, Ponys, Hunde und Katzen.

«Das Schwierigste war, mich mit meiner Wut auseinanderzusetzen, die immer dann in mir hochkochte, wenn wieder mal nichts klappte. Als ich realisierte, wie traurig ich darüber war, dass mein Sohn es so schwer hat und nicht sein kann wie die anderen, kehrte Ruhe in mir ein.» Heute sei sie unendlich viel zufriedener als vor Lennys Geburt. Und wisse jetzt auch, weshalb so viele ADHS-ler in ihrem Leben seien: «Sie lehren mich, meinen Perfektionismus abzulegen.»

*Namen geändert

Auch lesenswert