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Paargespräche

Rendez-vous mit meinem Mann

Mann und Frau halten sich die Hände am Tisch

Können Paare ihre Gesprächskultur auf Kommando pflegen? Ümit Yoker und ihr Mann haben fünf Wochen lang nach einem Ratgeberbuch gelebt.

Erinnern Sie sich, wie man einander alles erzählen wollte zu Beginn? Warum man mit 17 Jahren für eine halbe Woche von zu Hause ausgerissen war, wie man einst Schneckenhäuser suchte auf dem Schulweg, woran die letzte Beziehung scheiterte. Wie man auch vom andern alles wissen möchte: Warum er als Kind am liebsten Pfarrer geworden wäre, was es mit der Vorliebe für koreanisches Essen auf sich hat, welchen Blauton sie am liebsten trägt. «Es ist, als ob wir uns schon ewig kennen», sagen frischverliebte Paare. «Wir können einfach über alles reden.»

Und jetzt spulen wir einmal ein paar Jahre vor: Vielleicht sitzt das Paar noch am selben Küchentisch, an dem es zu Wohngemeinschaftszeiten über die Unmöglichkeit der Freundschaft zwischen Männern und Frauen diskutiert hatte. Vielleicht musste inzwischen aber auch ein grösseres Möbel her, weil die beiden nicht mehr zu zweit zu Abend essen, sondern zu dritt, zu viert, zu fünft. «Bringst du den Kleinen morgen zur Zweijahreskontrolle?», «Leon, ein zweites Wienerli gibt es erst, wenn du das Rüebli gegessen hast.», «Wir könnten ja mal wieder ins Kino ...» Seien wir ehrlich: Einem Gespräch, das seinen Namen verdient, lässt der Alltag mit kleinen Kindern wenig Raum.

Dabei wissen wir ja, wie wichtig Kommunikation für ein glückliches Zusammenleben ist. Beziehungsratgeber erklären uns seit langem, dass wir Ich-Botschaften formulieren und Verallgemeinerungen vermeiden sollen. «Was bei all den Kommunikationsregeln aber oft fehlt, ist ein Rahmen für Gespräche», sind die Psychologin und «Blick»-Sexberaterin Caroline Fux und der Paartherapeut Joseph Bendel überzeugt. Im gemeinsamen Buch «Das Paar-Date» plädieren sie deshalb für «fixe Inseln des Austauschs im Beziehungsalltag» und liefern die Anleitung dazu gleich mit. Das Update-Gespräch, wie sie es nennen, hat klare Regeln: Es findet einmal pro Woche an einem ungestörten Ort statt; Ablenkungen wie Essen, Rauchen, Smartphone und ja, auch Kinder, haben da nichts zu suchen. Jede Person spricht 15 Minuten über sich selbst, währenddessen hört die andere zu und unterlässt Rückmeldungen jeglicher Art – es wird nicht genickt, nicht gelacht, nicht mit den Augen gerollt. Die letzten 15 Minuten dienen für Verständnisfragen und Erläuterungen. Der Austausch dient einzig dem Zweck, zu erfahren, was in der anderen Person vorgeht. Es werden keine Diskussionen geführt und keine Probleme gelöst.

Mein Mann und ich sind seit sechs Jahren ein Paar. Wir haben in dieser Zeit zwei Söhne bekommen, sind mehrere Male umgezogen und haben uns in einem neuen Land niedergelassen. Wir haben immer gerne und viel miteinander geredet, aber seit wir Kinder haben, geht es bei vielen Unterhaltungen darum, was alles zu erledigen ist und wer was macht. Echte Gespräche ergeben sich meist nur auf langen Autofahrten. Aber so oft wir fahren ja nun auch nicht quer durchs Land. Kein schlechter Zeitpunkt also, um einmal die Inseln des Austauschs anzusteuern.

Gedanken, die ich so von ihm noch nie gehört habe.

Woche 1: Unter einer Decke

Es ist Donnerstag, kurz nach 21 Uhr. Die Kinder sind im Bett, wir haben es uns auf dem Sofa bequem gemacht und die rosa Tagesdecke über unseren Beinen ausgebreitet, die uns die Grossmutter meines Mannes zu Weihnachten geschenkt hat. Wir sind skeptisch, ob Gedankenaustausch auf Knopfdruck funktioniert, aber wir sind auch neugierig. Es ist ein guter Abend für das erste Gespräch. Ich bin gerade von einer mehrtägigen Pressereise zurückgekehrt und erzähle von Weingütern, Verkostungen und den anderen Journalisten. Mein Mann spricht über seinen Job und unser neues Zuhause. Es sind Themen, über die wir schon oft geredet haben und trotzdem sind Gedanken dabei, die ich noch nie von ihm gehört habe. So wusste ich, dass meinem Mann unser neues Quartier gefällt, aber nicht, dass er sich erstmals wieder richtig zu Hause fühlt an einem Ort. Und ich wusste auch, dass wir nicht mehr so oft über seine Forschungsarbeiten sprachen wie früher, aber nicht, wie sehr ihm diese Gespräche fehlten. Als die 45 Minuten vorüber sind, sind wir ein bisschen stolz: Offenbar wissen wir ziemlich genau, was den andern beschäftigt, und haben in den letzten Jahren doch über mehr geredet als nur übers Windelnwechseln.

Woche 2: Ich-Botschaft

Mehrere Male ist der Kleine diese Woche nachts aufgewacht, jedes Mal habe ich mich sofort aus dem Bett gehievt, damit er seinen Bruder nicht weckt. Mein Mann hat derweil friedlich geschlummert. Ich versuche, nicht vorwurfsvoll zu klingen, als ich in unserem Update-Gespräch darauf zu sprechen komme, aber die Ich-Botschaften kaschieren meinen Ärger nur notdürftig. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich unseren Austausch heute zweckentfremde, denn Streitgespräche, auch einseitige, gehören hier eigentlich nicht hin. Gar nicht so einfach, Negatives zur Sprache zu bringen, ohne anklagende Töne anzuschlagen.

Woche 3: Tatort wäre jetzt schön

Mein Mann kneift die Augenbrauen zusammen, blickt vor sich hin, schüttelt den Kopf, nichts. Angestrengt sucht er nach etwas, wovon er mir erzählen könnte, noch nicht einmal die Hälfte seiner Redezeit ist um. Leiser Ärger über die wöchentliche Gesprächsveranstaltung mit ihren starren Regeln steigt in mir hoch. Es ist Sonntagabend, ich bin müde, wir sollten unsere Pläne für die kommende Woche besprechen. Ausserdem möchte ich lieber Tatort schauen, statt zuzusehen, wie zäh Minuten gerade vergehen. Andere Paare müssen ja aufregende Leben haben, sagt mein Mann, als das Update vorbei ist. So viel passiert doch niemandem in einer ganz gewöhnlichen Woche, dass man ständig allerhand Neues zu erzählen wüsste.

Ein paar Tage später kündigt mein Mann frühmorgens im Bett an: «Beim nächsten Update reden wir über Sex!» Mit einem Murmeln bedeute ich ihm meine Zustimmung. Stimmt, die Möglichkeit, ein Thema für unser Update-Gespräch zu setzen, hatten wir bisher noch gar nicht genutzt. Doch vor dem nächsten Austausch steht erst einmal Ostern an – ein langes Wochenende zu zweit, unsere Kinder gehen zu den Grosseltern. Am Abend besuchen wir eine Bar, über die wir schon seit langem sprechen. Schaukästen mit Zinnsoldaten und allerlei anderen Figürchen säumen die Wände, an der Decke sind altmodische Porzellanteller angebracht. Wir setzen uns an den Tresen und reden über Männer und Frauen. Ich erkläre, was den Schauspieler Lars Eidinger so anziehend macht, obwohl er eigentlich gar nicht mein Typ ist, und mein Mann hört mit derselben vorbehaltlosen Neugier zu, mit der das auch eine Freundin tun würde. Es ist diese Nähe, für die ich ihn so liebe. Ich weiss gar nicht mehr, wie wir auf das Thema gekommen waren, aber liegt nicht darin der Kern aller tollen Gespräche? Sie ergeben sich einfach. Man muss ihnen Raum geben, aber man kann sie nicht erzwingen.

Mann und Frau reden am Tisch

Woche 4: Dann halt mit Fragebogen

Nachdem der Sex ja nun schon zur Sprache gekommen war, müssen wir uns für unser Update-Gespräch etwas anderes einfallen lassen. Ich drucke den Fragebogen aus dem Buch von Fux und Bendel aus: Wo konnte ich Kraft tanken? Womit habe ich mich alleine gelassen gefühlt? Wann habe ich mich dir nahe gefühlt? Unser Osterwochenende, sagt mein Mann, habe er als eine der innigsten Zeiten seit langem für uns als Paar empfunden. Ich bin gerührt. Ob er das wohl auch ohne unseren wöchentlichen Austausch so gesagt hätte?

Der Fragebogen soll helfen, wenn man gerade nicht so viel zu erzählen weiss, schreiben die Autoren. Denn natürlich wissen sie um die Gewöhnungsbedürftigkeit und die Fallstricke eines so strikt geregelten Austauschs. Es ist ihnen bewusst, dass es Zeit braucht, bis dieser nicht mehr künstlich und aufgesetzt anmutet, dass man nicht immer auf Knopfdruck etwas von sich zu berichten hat und manchmal lieber etwas anderes tun würde. Man solle ein wenig Geduld mitbringen und nicht zu hohe Erwartungen, raten die beiden. Die Paare, die in ihrem Buch zu Wort kommen, haben das Update-Gespräch im Verlauf der Jahre auch ihren Bedürfnissen angepasst. Manche verkürzten die Sprechzeit, andere verlängerten sie, es gibt Paare, die das Gespräch heute nur noch alle zwei Wochen durchführen oder auf Spaziergängen in der Natur. Und manchen dient es einfach als Werkzeug, das man hervorholen kann, wenn die Beziehung es gerade benötigt.

Woche 5: Noch 7 Minuten, Schatz!

Für unser letztes Update schlägt mein Mann den Montag vor. Lass es uns auf Mittwoch verschieben, sage ich. Ich hoffe, dass wir uns dann mehr zu erzählen haben, denn am Dienstag treffe ich mich mit ein paar neuen Bekannten zum Mittagessen, und abends spielt Benfica gegen Bayern München, ein Fussballspiel, dem mein Mann seit Wochen entgegenfiebert. Doch der Match ist schnell zusammengefasst und mein Lunchdate ebenso, ist doch nur eine der Mütter aufgekreuzt. «Kann ich mir was zu Essen holen?», fragt mein Mann. Ich schüttle den Kopf. Ein paar Minuten später stösst er mich mit dem Fuss unter der rosa Tagesdecke an. «Dann darfst du aber auch nicht schlafen!» Sieben Minuten lang sitzen wir schweigend da, dann holt sich der Mann ein Joghurt.


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