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Mutter räumt Kinderzimmer auf während Vater mit Kindern spielt

Familie

Ist Streit beim Erziehen gut?

Einigkeit in der Erziehung? Schön wärs. Oder doch nicht? Wenns bei Papa anders läuft als bei Mama, bringt das Schwung und Farbe in den Alltag. Und tut allen gut. Warum das so ist, erfahren Sie hier.

Sonja hält das Kindergartenfoto ihres Sohnes in den Händen. «Als ich Tim auf diesem Bild sah, traf mich fast der Schlag.» Der 6-Jährige hatte eine mit Gel gepimpte Igelfrisur, die Haare standen auf alle Seiten ab. «Furchtbar», sagt die Mutter. Ihr Mann Max hatte an diesem Tag Papatag und war für das Outfit des Sprösslings zuständig: «Tim wollte halt eine trendige Frisur für den Fototermin.» Max schmunzelt. Er findets cool. «Tim und ich hatten jedenfalls einen Riesenspass.» Und genau das ärgert Sonja umso mehr. «Max macht, was der Junge will. Und das nur, weil es bequemer ist als Nein zu sagen und Grenzen zu setzen.» Max hingegen sagt, er habe einfach andere Erziehungsansätze als Sonja. «Bei ihr muss immer alles perfekt sein. Ich finde es entspannender, wenns auch mal ein bisschen wild und chaotisch zu und her geht.»

Am gleichen Strang?

Die Dauer des Fernsehkonsums, ein Pulli mit Flecken für die Schule oder die Ballerinas im Sandkasten können zu satten Paarkrisen führen. Bei Matthias und Dora sind es immer wieder dieselben Themen, die für Ärger sorgen. Matthias möchte, dass seine Kinder zu «lebenstüchtigen Menschen» erzogen werden, so wie er selbst es wurde. Voll berufstätig stellt er in seiner Freizeit im Affekt Regeln und Verbote auf, die Dora dann die Woche über durchziehen sollte. «Kürzlich hat er unserer Tochter ein einwöchiges Fernsehverbot aufgedrückt, weil sie zum wiederholten Mal das Fahrrad nicht in die Garage gestellt hatte», beklagt sie sich. Wenn sie findet, er sei zu streng, behauptet er, sie verziehe die Kinder und sei disziplinlos. «Und dann herrscht Krieg. Oder Eiszeit. Und alle fühlen sich schlecht», so die Mutter.

Matthias und Dora, Sonja und Max, zwei von unzähligen Elternpaaren, die sich wegen der Kindererziehung in den Haaren liegen. Dabei sollten sie sich doch bemühen, möglichst immer am gleichen Strang zu ziehen. Oder? «Nein», meint Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch «Was Familien trägt». «Es ist eine veraltete Wertvorstellung, dass Eltern sich über die Erziehung ihrer Kinder einig sein müssen.» Man müsse akzeptieren lernen, dass der Erziehungsstil des Partners nicht falsch, sondern einfach anders ist. Jeder Mensch bringt seine Biografie mit in die Familie. «Wie man sich als Kind gefühlt hat, was man erlebt hat, wie man erzogen wurde: Das alles bestimmt die eigene Erziehungshaltung, die man auf die eine oder andere Weise weiter gibt», schreibt Kinderarzt und Autor Remo Largo in seinem Buch «Kinderjahre». Kinder können sehr wohl mit verschiedenen Erziehungsstilen umgehen. Sie wissen genau, wie sie sich bei welcher Person zu verhalten haben. Für Kinder sei es positiv, wenn sie Eltern erleben, die unterschiedlich entscheiden und sich so verhalten, wie sie es als sinnvoll erachten. So lernen sie, zu vergleichen und zu akzeptieren, dass nicht nur eine Meinung zählt und richtig ist. Das macht sie realitätstüchtig, kritikfähig, selbstbewusst und fit fürs Leben, sind Erziehungsexperten überzeugt. Da macht es auch nichts, wenn mal die Fetzen fliegen, weil die Eltern sich nicht einig sind. Vorausgesetzt, sie verlieren sich nicht in endlosen, destruktiven Streitereien, sondern lösen die Meinungsverschiedenheiten auf eine gute, konstruktive Weise.

Vater kommt zurück von der Arbeit, während Mutter und Kindern auf dem Boden spielen

Der wilde Pirat

Tatsächlich ist es auch erfrischend, wenn es nicht immer gleich läuft. Mit Papa wilde Piraten spielen, mit Mama Kuchen backen. Mit Papa raufen, mit Mama tanzen. So weit, so harmonisch. Doch wenn Piratenspielen und raufen schmutzige oder löchrige Hosen ergeben, wer wäscht und flickt die dann? Wenn Kuchenteig mischen die Wände in der Küche verspritzt, wer putzt die? Und genau hier liegt oft der bekannte Hund begraben. «Ich finde es ja toll, wenn Jens mit den Kindern rumtollt. Aber wenn ich danach rummosere, dass er sich auch mal um grundsätzliche Dinge wie den Berg Dreckwäsche kümmern könnte, dann bin ich die Spielverderberin, die Spiesserin», ärgert sich Daniela. Dabei arbeite sie auch halbtags. Sie sieht sich auf die Rolle der Haushaltsmanagerin und Kinderversorgerin reduziert, während ihr Mann sich als Spass-Papa profilieren könne. «Klar bin ich auch eifersüchtig. Denn die Kinder sind ganz vernarrt in Jens. Und ich bin die, die meckert.»

Tatsache ist nach wie vor, dass Mütter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als Väter. 2014 waren laut Bundesamt für Statistik 35,7 Prozent der Frauen in Paarhaushalten Vollzeitmamis, Vollzeitväter gab es gerade mal 2,3 Prozent. 63,4 Prozent der Mütter arbeiteten Teilzeit, bei den Vätern waren es 9,8 Prozent. Erziehungs- und Hausarbeit ist also meist immer noch Frauensache. Da dürften Kuchenbacken und Tanzen öfter zwischen Wickeltisch und Pausenbrot hängen bleiben.

Wenn sie findet, er sei zu streng, behauptet er, sie verziehe die Kinder und sei disziplinlos.

«Mütter sind oft für die unangenehmen Dinge zuständig. Sie überwachen das Zähneputzen, kümmern sich um Ernährung, Manieren, regelmässige Schlafenszeiten, sie sind für die tausend kleinen Dinge zuständig », schreibt die Ärztin Andrea Schmelz auf Elternwissen.com. Vollzeitarbeitende Väter hingegen wollen den Kindern in der knapp bemessenen Freizeit nahe sein, sie treffen ungern unpopuläre Entscheidungen, sind oft nachgiebiger und gelassener. Kein Wunder, wird Mama leicht säuerlich, wenn sich der Vater hauptsächlich um die genüsslichen Seiten des Papaseins kümmert.

Männer wollen mehr

Das Spass-Papa-Dasein genügt aber vielen Männern ohnehin nicht mehr. Die «neuen Väter» wollen erziehen, wickeln, übernehmen Verantwortung, interessieren sich für den Alltag und gestalten ihn aktiv mit – sofern die Frauen sie lassen.

«Mara war eine total lockere Frau, auch darum habe ich mich in sie verliebt», erzählt Stefan. «Doch kaum war das Baby da, verwandelte sie sich in eine dieser Supermamis, über die wir uns früher immer lustig gemacht hatten.» Beim Wickeln schaute sie ihm über die Schulter und griff korrigierend ein. Auch die Flasche hielt er ihrer Meinung nach nicht im richtigen Winkel. Die Schuhe, die er dem Kind angezogen hatte, waren immer die falschen, für das ausgewählte T-Shirt war es entweder zu warm oder zu kalt. Stefan ist genervt: «Das hat sich in allem so durchgezogen. Heute ist Sarah drei Jahre alt. Und wenn ich mit ihr ohne Notfallpflaster und Regenjacke auf den Spielplatz gehe, wird Mara wütend und behauptet, ich sei verantwortungslos.» Der Vater ist am Ende mit seiner Geduld.

Familienforscher nennen das Maternal Gatekeeping, was übersetzt so viel heisst wie mütterliches Türstehen. Frauen wie Mara sind – bewusst oder unbewusst – der Ansicht, dass primär die Mutter weiss, was für das Kind gut ist. Maternal Gatekeeping kann zu einem Machtkampf führen, der für das Paar und für das Kind ungut ist. Hier braucht es viele Gespräche, viel Einfühlungsvermögen, viel Reflexion und vor allem die Einsicht, dass es Väter genauso gut können und genauso wichtig sind für Kinder wie Mütter.

Alle haben Rechte

Probleme entstehen laut Remo Largo auch dann, wenn Eltern ihre Kinder in Streitereien einbeziehen, wenn sie sich gegenseitig ausspielen oder sich mit dem Kind «verbünden». Wie zum Beispiel Nadja und Peter. «Lass sie doch», sagt Peter regelmässig, wenn sie der vierjährigen Julia etwas verbieten will. «Bei Papa darf ich das», ist denn auch Julias häufige, trotzige Antwort auf ihre Ansagen. Verbietet Nadja das Bonbon, steckt Peter ihr eines hinter dem Rücken zu und hält sich den Zeigefinger vor den Mund: «Pssst, der Mama nichts verraten, das ist unser Geheimnis.» Peter geniesst es sichtlich, wenn sich das Kind auf seine Seite schlägt. Nadja ist verzweifelt. «Er hat mit Julia eine Art Kumpanei gegen mich beschlossen. Ich fühle mich total hintergangen.» Mit Argumenten läuft sie bei Peter ins Leere. Sie sei nur eifersüchtig, weil er einen besseren Draht habe zu dem Kind, meint er. «Ich könnte platzen vor Wut», sagt die 33-Jährige. Dabei möchte sie mit Julia nur eine ganz normale Mama-Kind-Beziehung haben.

Verbietet Nadja das Bonbon, steckt Peter der Tochter eines hinter dem Rücken zu.

Unterschiedliche Erziehungsstile dürfen nie zum Machtkampf um das Kind ausarten, egal ob bewusst oder unbewusst. Darüber sind sich Fachleute einig. Sich beim Kind einschmeicheln führt dazu, dass Kinder die Eltern flott gegeneinander ausspielen. Oder in einen Loyalitätskonflikt geraten. «Das ist ungesund für Kinder, da sie verunsichert werden und ihnen der feste Rahmen fehlt», so Jesper Juul. Der Dauerkonflikt um die Erziehung schadet natürlich auch der Paarbeziehung.

Klar ist: Männer erziehen anders. Frauen auch. Aber keiner besser oder schlechter. Für Kinder ist es super, wenn sich Mama und Papa engagieren. Auch, oder gerade erst recht, wenn das Elternpaar getrennt lebt.

Kurz: Macht man sich bewusst, dass alle Beteiligten ihre Rechte haben – das Kind auf eine ungezwungene Zeit mit Mama und Papa, die Eltern auf eine Beziehung zum Kind nach eigenem Geschmack – ist es sicher einfacher, über seinen Schatten zu springen. Auch wenn man vieles anders machen würde, muss man einsehen, dass gewisse Dinge einen schlicht nichts angehen. Punkt.

Alles aus Liebe zum Kind? Genau.


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