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Vaterkolumne

«Huch, da liegt ja noch einer!»

Zwillinge schlafen gemütlich

Zwillingsgeburten nehmen zu. Unser Kolumnist Reto Vogt hat nicht damit gerechnet. Doch nüchtern betrachtet gebe es auch Vorteile, findet er.

Sind das Zwillinge? Menschen sind nicht besonders kreativ, wenn sie mit anderen ins Gespräch kommen wollen. Und ich bin halt auch nicht besonders schlagfertig, weil ich die in gefühlter Endlosschleife laufende Frage jeweils mit einem knappen Ja beantworte, anstatt zu sagen, dass es kürzlich eine 2-für-1-Aktion gab oder dass die linke Doppelwagenhälfte bloss für den Transport von Bierkästen gedacht ist.

Ein Schuss, zwei Treffer also. Was in wenigen Wochen bei der Europameisterschaft wahrscheinlich nicht passieren wird, ist mir gelungen. Wobei: Dieses «mir» eigentlich in Anführungszeichen zu setzen wäre. Denn der Mann als solcher ist an einer Mehrlingsschwangerschaft komplett unschuldig. Das liess zumindest die diensthabende Ärztin verlauten, als sie mich dastehen sah, als hätte ich in der 93. Minute den Siegestreffer für meine Mannschaft markiert.

Ich wollte zwar noch insistieren und argumentierte, das unfassbare Tempo meines Geschosses hätte doch die Eizelle gespa... aber da war sie schon weg, die Ärztin. Da standen wir (also zumindest ich – meine Frau lag) nun. Zwillinge? So richtig einordnen konnten wir das im Moment der Wahrheit nicht wirklich. Und selbst heute gibts noch Situationen, in denen ich schlaftrunken ins Kinderzimmer wanke, Bastian aus dem Bettchen nehme, den Blick schweifen lasse und feststelle: «Huch, da liegt ja noch einer!» Felix.

Aber immerhin wussten wir zum Voraus, was uns erwartet. Früher, als es pro Kanton ein einziges Ultraschallgerät gab und dieses in jeder Schwangerschaft allerhöchstens einmal genutzt worden ist, wurden Eltern nicht selten von ihrem doppelten Glück überrascht. Da denkst du vermutlich «uff, endlich vorbei!» Aber die Freude hält nur kurz. Denn kurz darauf sagt der Mann am unteren Ende: «Einen Moment noch ...»

Für Vergleiche mit einer Einlingsschwangerschaft bin ich zwar der Falsche, aber ich stelle es mir so vor: Abgesehen davon, dass sich werdende Zwillingseltern für den Geburtstermin vier mögliche Namen überlegen und ein paar mehr Kleider kaufen müssen, ists vermutlich gar nicht viel anders als mit nur einem Kind. Im Gegenteil gibts bei Zweien sogar Vorteile: Die Kinderwagenauswahl ist viel kleiner, Mami und Papi haben beide was zu tun und müssen sich nicht drum streiten, wir können später problemlos einen Schieber jassen und wenn beide Kinder das Gleiche tragen, dann schaut das mehr als doppelt so herzig aus.

Doch selbst wenn Bastian und Felix in ihren roten Bodys und grauen Stramplern auf ihrer Spieldecke liegen, sind die Unterschiede zwischen den beiden auf Anhieb zu erkennen. Vor allem beim Gewicht, aber auch bei der Haarfarbe und den Ohren. Doch das Aussehen ist nur die eine Seite der Medaille. Auch die verschiedenen Charaktere machen sich schon bemerkbar: Während Bastian viel aufmerksamer ist und beobachtet, total auf gefüllte Rotweingläser abfährt und alles in den Mund steckt, was möglich ist (Typ: Philosoph), scheint Felix eher ein Kandidat fürs nächste Eidgenössische (Typ: Schwingerkönig). Er ist stark, trinkt gern eins über den Durst und wälzt sich schampar gern herum.

Damit sind sie ziemlich sicher keine eineiigen (erstaunlich viele Menschen sprechen übrigens von ‹einäugig›, aber das nur am Rande) Zwillinge – aber so ganz genau wissen wir das nicht. Das würde uns nur ein Bluttest verraten, aber so wichtig ist das Ergebnis auch wieder nicht, dass deswegen noch ein paar Laborratten rumrennen müssten. Rumrennen müssen dafür immer öfter die Eltern. So richtig halten sich die Knirpse nämlich nicht mehr an unsere Idealvorstellung, gleichzeitig müde, wach oder hungrig zu sein. Aber es gäbe Schlimmeres! Zum Beispiel, dass einer von beiden keinen Fussball mag. Schliesslich sollen sie spätestens im Jahr 2034 die unwiderstehliche Flügelzange des FC Winterthur bilden.

Aber wenn das nicht hinhaut, darf Bastian gern ins Ballett, während Felix friedlich neben einem Bierkasten schläft. So hat die ganze Familie etwas davon.

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