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Züchten wir Narzissten?

Verwöhntes Kind

Heute sei die Mehrheit der schulpflichtigen Kinder verzogen und verhaltensauffällig, behauptet eine Kinder- und Jugendtherapeutin. Mehr noch: Das lasse sich später nicht korrigieren.

Es ist starker Tobak, den man da in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen bekommt. In einem Interview postuliert die Kinder- und Jugendtherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger, viele Kinder von heute würden sich zu «totalen Narzissten» entwickeln. Grund dafür seien die Eltern, die ihren Zöglingen alles durchgehen lassen und ihnen keine Grenzen mehr setzen. So komme es zu einer Umverteilung der Macht: Anstelle der Eltern meinen die Kinder, sie seien Herr im Haus.

Eltern behandeln ihre Nachkommen wie Prinzen und Prinzessinnen, ist Leibocivi-Mühlberger überzeugt. Die Kinder orientieren sich in der Folge schneller an ihrer Peer-Group. Die Rechnung kommt später: Wenn es darum geht, auf eigenen Beinen zu stehen, fühlen sich die narzisstischen Jugendlichen verraten – auf einmal wird ihnen die Hilfe entzogen. Im schlimmsten Fall wenden sie sich von den Eltern ab.

Die Zukunft sieht Leibovici-Mühlberger aber ohnehin düster für sie:

Es wird diesen Menschen erstmals schlechter gehen als ihren Eltern. Sie haben keine Bereitschaft, sich anzustrengen, und keinen Leistungswillen. Sie wollen nicht erst lange dienen, bevor sie Chef werden.

Weil sich die Ich-bezogene Generation nicht mehr um die Eltern kümmern werde, sieht die Therapeutin gar den Zerfall der Gesellschaft nahen.

Nun, ich sagte ja «starker Tobak». Aber es kommt noch dicker: Ich bin nämlich einverstanden. Zwar befürchte ich nicht, dass unsere Gesellschaft zerbröckelt oder die Menschheit bald ausschliesslich aus Narzissten bestehen wird. Ich glaube auch nicht, dass heute nur noch drei bis vier Schüler einer Klasse nicht verhaltensauffällig sind. Und dass das alles irreversibel ist. Aber das Grundproblem kann ich durchaus nachvollziehen: Viele Eltern setzen ihren Kindern kaum mehr Grenzen, sei es, weil sie keine Zeit haben oder keine Energie oder keine Nerven.

Das Angebot unserer Erlebnisgesellschaft ist ohnehin schon immens, wenn da die Kinder auch noch tun und lassen können, was sie wollen, ist das auch in meinen Augen ungesund. Wir Eltern müssen stark sein und solide, ein sicherer Hafen für die Kinder – und kein Fähnlein im Wind. Auch nicht beste Freunde.

Obwohl es also Frau Leibovici-Mühleberger etwas drastisch sagt und sehr schwarz sieht, hat sie im Grunde recht. Oder was denkt ihr?

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