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Geburt / Begleitung

Oma im Gebärsaal

Illustration Mutter und Tochter

Manchmal fühlt sich eine junge Frau besser aufgehoben, wenn sie ihre Mutter statt des Kindsvaters zur Geburt begleitet. Wie aber ist es, als Oma dabei zu sein, wenn die eigene Tochter gebärt? Ein Bericht über Ängste, Vertrauen und den ersten Schrei.

Die Oberärztin rauscht weissbekittelt ins Gebärzimmer. Sie richtet ein knappes Hallo an die Gebärende, aber kein Blick zu mir, der werdenden Oma. Die Augen hinter der schwarz umrandeten Brille wandern schnell vom Wehenschreiber zum Babybauch, zur Scheidenöffnung und zurück. Dann klackert ein verbales Pingpongspiel zwischen Assistenzärztin, Hebamme und Oberärztin durch die Stille und bedeutungsschwangere, medizinische Begriffe fliegen über unsere Köpfe hinweg.

Mein 22-jähriges Mädchen, nennen wir sie hier Sophia, wimmert, stöhnt und weint. Das erste Mal seit gestern Abend drückt die Angst dumpf gegen meinen Brustkorb. Sophia liegt seit 20 Stunden in den Wehen, die drei letzten davon pressend. Sie litt und kämpfte, während es draussen hell und wieder dunkel wurde. Nun kulminiert der Fachdialog des Spitalpersonals in jenem Wort, das die Wende bringt: Sectio. Kaiserschnitt.

Unter jungen Schweizerinnen ist es nur eine von Tausend, die im Beisein der eigenen Mutter ihr Kind gebärt, unter Migrantinnen sind es fünf von Tausend. Die Norm ist es mitnichten, dass eine Oma im Gebärzimmer ihrer Tochter dabei ist. Seit mindestens zwei Generationen gehört es zu unserer Kultur, dass der Kindsvater seiner Frau bei der Geburt des Babys beisteht. Dass er ihre Hand hält, ihr Mut zuspricht, für eine sanfte Musikkulisse sorgt. Dass er das Kunststück schafft, Coolness zu verströmen und gleichzeitig den Emotionen freien Lauf zu lassen.

Ein Kunststück, das Sophias Freund nicht hinkriegt. Denn es scheint unvereinbar mit seinem Selbstbild als junger Mann. «Im Balkan», sagt er, «ist Gebären Frauensache». Wenn Bojan im Vorfeld versucht, in Gedanken über den eigenen Schatten zu springen, erfasst ihn Panik. Sophia mit Schmerzen erleben? Blut zwischen den Beinen seiner Liebsten heraussickern sehen? Vor aller Augen zusammenbrechen? Nein. Dann aus helvetischer Sicht lieber als Versager dastehen.

Unter Schweizerinnen ist es nur eine von Tausend, die im Beisein der eigenen Mutter ihr Kind gebärt.

Im Herzen eine Löwenmutter

«Mama, falls Bojan nicht mitkommt – magst du mich dann begleiten? » Nie hätte ich meine eigene Mutter bei der Geburt meiner Kinder dabei haben wollen. Die Nähe wäre mir unerträglich, die Intimität peinlich gewesen.

«Klar, wenn Bojan nicht mag, springe ich gerne ein!», höre ich mich sagen. Und schon flackern still die Fragen auf: Ist punkto Abnabelung etwas schief gelaufen zwischen mir und meiner Tochter? Kann man sich wenige Jahre nach aufreibendem Pubertätsgezank wieder so nahe sein? Wie wird das Umfeld reagieren? Wird es mich für verschroben erklären? Oder gar für übergriffig? Andererseits bin ich mit 50 Jahren eine relativ junge Grossmutter – so weit weg ist die Geburt der eigenen Kinder noch nicht. Zudem bilde ich mir ein, Lebenserfahrung zu haben und mich von ein bisschen Blut nicht so schnell umpusten zu lassen.

Was aber, wenn doch? In meinem Kopf fechten Argumente dafür und dagegen. In meinem Herzen jedoch knurrt die Löwenmutter: Wenn meine Kinder Hilfe brauchen, bin ich da. Ein Leben lang.

Die Wehen setzen an einem Montagabend ein. Der Termin ist bereits überschritten. Seit einer Woche bin ich auf Draht. Mein Handy führe ich nur noch mit Akku, wie einen Hund an der Leine. Bojan hat nun doch Zugeständnisse gemacht: Er möchte es zumindest versuchen. Will mit meiner Tochter mitgehen ins Spital, ihre Hand halten und gut zureden. Gut so. Ich erhalte als Grossmutter wieder kulturkompatible Distanz.

Fast beschwingt ruft mich Sophia an besagtem Abend an: «Mama, ich glaube, es geht los!» Mit sonorer Stimme versuche ich, Beruhigung auszustrahlen: «Super, ihr macht das prima – viel Glück! Wenn ihr mich braucht, einfach anrufen», sage ich. Unnötig, das Handy mit maximaler Klingeltonlautstärke neben mir liegen zu lassen – ich schlafe keine Sekunde. Um Mitternacht Sophias enttäuschter Anruf: «Die haben uns wieder heimgeschickt, der Muttermund ist erst zwei Zentimeter geöffnet, die Wehen zu wenig stark.» Das Spital liegt einen Steinwurf von der Wohnung der beiden entfernt, sie gehen zu Fuss zurück nach Hause.

Illustration Mutter mit gebärender Tochter

Wut über die Schmerzwogen

Weshalb es sich kulturhistorisch nicht durchgesetzt hat, dass Grossmütter jene Funktion übernehmen, die heute Hebammen, Doulas und Kindsväter innehaben, ist eigentlich erstaunlich. Stehen die Mütter ihren Töchtern nicht instinktiv so nahe, dass sie sich für das Überleben des Nachwuchses auch von der nächsten Generation verantwortlich fühlen? Verbindet nicht ein archaisches Band die Grossmütter mit ihren Enkeln? Zudem kann sich eine Frau, die selber geboren hat, besser in die momentweise durchaus brachiale Lage einer Gebärenden versetzen als ein Mann.

Dienstagmorgen, sechs Uhr, nach einem Fingerhut voll Schlaf schrillt erneut mein Handy. «Mama, bitte komm’ sofort – ich halte das nicht aus!» Ich steige aufs Velo, eine halbe Stunde später bin ich auf der Gebärabteilung, wo meine Tochter mittlerweile wimmernd und verschwitzt auf dem funktionalen Spitalbett liegt. Daneben steht Bojan und tritt nervös von einem Bein aufs andere. Wie eine Welle überrollt ihn die Übelkeit, jedes Mal, wenn Sophia sich durch eine Wehe kämpft. Als ich ihm anbiete, zwei Stunden zu übernehmen, damit er sich ausklinken kann, nimmt er dankbar an. Bei mir legt sich nun jener Schalter um, der die Emotionen wegdrückt und den Kopf klar und rational denken lässt. Auch Sophia scheint sich zu entspannen.

Der Wehenschreiber neben dem Gebärbett spuckt kaum hörbar die Kurven auf Papier aus, die Herztöne des Babys oszillieren im Normalbereich. Die junge Hebamme spricht meiner Tochter Mut zu, füllt Wasser nach, tastet feinfühlig die Öffnung des Muttermundes ab. Ihre engelsgleiche Gelassenheit haucht Zeitlosigkeit in den Raum. Bei den Untersuchungen ziehe ich mich in den Hintergrund zurück, sonst stehe oder sitze ich meist neben Sophias Bett, tupfe ihre Stirn, halte ab und zu während einer Wehe ihre Hand. Die Wut über die Schmerzwogen hinterlässt Abdrücke auf der meinen.

«Es kommt alles gut, bald hast du es geschafft», wiederhole ich wie ein Mantra. Besänftige im Wissen, dass noch viele Stunden vergehen können. Bojan pendelt zwischen Gebärzimmer und Spital-Lounge, wo auch seine Eltern besorgt auf die Geburt ihres ersten Enkels warten. Mit dem Vater in spe kehrt jedes Mal die Unsicherheit ins Spitalzimmer zurück. Spürbar die Scham des jungen Paares voreinander – die eine, weil sie sich ihm nicht in diesem Ausmass ausgeliefert zeigen mag, der andere, weil ihm das Verdammtsein zum Zuschauen die Luft nimmt.

Vielleicht ist es meine Präsenz, die stört. Dränge ich mich doch auf wie ein unwillkommener Gast? Als ich mich zurückziehen will, fleht meine Tochter, ich solle doch bitte bleiben. Auch Bojan bittet scheu darum.

Der Boden unter meinen Füssen fühlt sich an wie Watte, als ich in die OP-Kleider schlüpfe.

«Alles vorbereiten für die Sectio!»

Der Papierwurm aus dem Wehenschreiber rollt sich längst auf dem Boden. «Schluss, ich will nach Hause!», ruft Sophia irgendwann, «oder eine PDA!» Sie hat genug. So setzt der Narkosearzt die Kanüle für die Periduralanästhesie und Sophia kann etwas durchatmen. Immer wieder fällt sie in einen Mikroschlaf. Doch mit der PDA verlieren die Wehen an Wirksamkeit. Und kehren nach einer Wehentropf-Infusion als wütende Presswehen zurück. «Bravo, Sie arbeiten gut mit!», unterstützt die Hebamme Sophia. «Du schaffst das!», murmle ich, mittlerweile selber müde und erschöpft.

Doch der Leib meiner Tochter will das Kind nicht hergeben. «Alles vorbereiten für die Sectio!», ordnet die Oberärztin also nach knapp 20 Stunden Gebärzeit an. Und fragt Bojan rhetorisch: «Sie sind der Vater? Sie können gerne dabei sein im OP!» Eben hat er das Gebärzimmer wieder betreten. Doch Bojan winkt erschrocken ab und wedelt mit der Hand in meine Richtung.

«Mama, gell du begleitest mich!», ruft Sophia, als man sie mit dem Bett zur Tür hinaus schiebt.

Ein kleiner Sohn

Der Boden unter meinen Füssen fühlt sich an wie Watte, als ich in die sterilen OP-Kleider schlüpfe und mir das blassgrüne Häubchen aufsetze. Kurz darauf bin ich im grell erleuchteten, gekachelten Operationssaal. Gefühlte zehn Personen wuseln um den Operationstisch, eine freundliche Stimme weist mich an, hinter dem Tuch auf der Brusthöhe von Sophia auf einem Hocker Platz zu nehmen. Sophias rechter Arm liegt seitlich ausgestreckt, mit Kanülen verkabelt und mit der Armbinde des Blutdruckgerätes umschlungen. Teilnarkotisiert und im Dämmerzustand nimmt sie wahr, wie hinter der Abschirmung an ihrem Bauch geschnitten und gezerrt wird. Bis zehn Minuten später dieser gurgelnde, hohe Babyschrei erklingt und eine Ärztehand das blaurosa zerknitterte Bündelchen in die Höhe hält.

Wie mein grosses Kind ihr kleines Kind nun in erschöpfter Zärtlichkeit unverwandt anguckt, wie Sophia dem noch immer schreienden Baby leise ein Kinderlied summt und es damit beruhigt, wie die beiden in ihrer kleinen Welt zu zweit versinken, saugt sich mein Mundschutz voll mit aufgestauten Gefühlen. Und kurze Zeit darauf sitzt Bojan im Spitalzimmer und trägt seinen kleinen Sohn unbeholfen in den Armen. Keiner erwartet mehr eine Performance von ihm, die Tränen rinnen über sein Gesicht.

Ich kann mich endlich zurückziehen. Erschlagen von den Brandungen der letzten Stunden, steige ich aufs Velo und fahre in die Nacht hinaus. Diesmal als stolze Oma.

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