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Interview

Vaterschaftsurlaub: Ein Gegner und ein Befürworter im Streitgespräch

Adrian Wüthrich, Fredy Greuter und Manuela von Ah diskutieren an einem Tisch

In der Schweiz dürfen frischgebackene Väter der Arbeit gemäss Gesetz einen einzigen Tag fernbleiben. Eine Volksinitiative will dies ändern und plädiert für 20 Tage Vaterschaftsurlaub. Braucht es das? Ein Befürworter und ein Gegner kreuzen die Klingen.

Die Interview-Partner:

wir eltern: Herr Wüthrich, Sie setzen sich mit der Vaterschaftsurlaubs-Initiative dafür ein, dass Väter nach der Geburt eines Kindes 20 Tage bezahlten Urlaub erhalten. Was gewinnt ein Vater damit?

Adrian Wüthrich: Väter sollen Zeit haben, ihr Neugeborenes kennenzulernen und die Mutter zu unterstützen. Man soll die 20 Tage aber nicht zwingend gleich nach der Geburt einsetzen müssen, sondern kann beispielsweise 20 Wochen lang ohne grosse Einkommenseinbusse nur 80 Prozent arbeiten. Ich selber profitierte von 10 Tagen Vaterschaftsurlaub und konnte dadurch die Bindung zu meinen Kindern von Anfang an stärken und meine Frau unterstützen.

Herr Greuter, einen einzigen Tag bezahlten Urlaub erhält hierzulande ein frischgebackener Vater gesetzlich. Das reicht unter Umständen nicht einmal, um bei der ganzen Geburt dabei zu sein!

Fredy Greuter: Ich bin nicht gegen einen Vaterschaftsurlaub – aber ich bin dagegen, dass dieser gesetzlich festgeschrieben wird. Der Arbeitgeberverband ist für eigenverantwortliche, betriebsindividuelle Lösungen. Das Ergebnis: In der Praxis beziehen Väter heute im Durchschnitt zwischen 3 und 6 Wochen Vaterschaftsurlaub. Es funktioniert also auch ohne gesetzlichen Zwang. Die Initiative von Herrn Wüthrich will aber genau dies: einen von allen Arbeitnehmern und Arbeitgebern subventionierten, staatlich verordneten Zwangsurlaub.
Wüthrich: Ein Vater muss den Vaterschaftsurlaub nicht nutzen, wenn er nicht will, von daher kann keineswegs von Zwang gesprochen werden! Aber ein Vater soll nicht einfach auf den Goodwill seines Arbeitgebers angewiesen sein, sondern ein Recht darauf haben, nach einer Geburt Zeit mit der Familie verbringen zu dürfen. Wenn Sie, Herr Greuter, sagen, dass Arbeitnehmer eigenverantwortlich sein sollen: Sie wissen, wofür Ferien da sind – für die Erholung, damit man danach dem Arbeitgeber wieder mit vollen Kräften zur Verfügung stehen kann. Wenn man statt eines vom Staat zur Verfügung gestellten Vaterschaftsurlaubs die regulären Ferien beanspruchen muss, fehlen diese anderweitig. Das ist, überspitzt gesagt, Raubbau am Körper.

Ein Vater soll nicht auf den Goodwill seines Arbeitgebers angewiesen sein.

Adrian Wüthrich

Tatsächlich erhalten viele Väter nur den einen, gesetzlich festgelegten freien Tag. Ist es richtig, dass sie zusätzlich das eigene Ferienkontingent beschneiden müssen, wenn sie sich nach einer Geburt um ihre Familie kümmern wollen?

Greuter: Wenn Väter ihre Vaterschaft ernst nehmen, denken sie keine Sekunde darüber nach, ob sie Ferien investieren sollen. Sie tun es selbstverständlich. Bei mir waren es übrigens jeweils eineinhalb Wochen Ferien. Ich bin überzeugt, dass Väter, die nicht wegen eines staatlichen Geschenks, sondern aus eigenem Antrieb nach der Geburt eines Kindes Ferien beziehen, das aus innerer Überzeugung mamachen und damit einen ersten Tatbeweis erbringen, dass sie für ihre Kinder und ihre Familie da sein wollen.

Selbst wenn es sich junge Väter finanziell leisten könnten: Viele wagen es nicht, den Arbeitgeber zum Beispiel um unbezahlte Ferien oder eine Reduktion von 100 auf 80 Prozent zu bitten – auch aus der Erfahrung heraus, dass sie mit solchen «Spezialwünschen » auf taube Ohren stossen.

Greuter: Es mag sein, dass Arbeitgeber manchmal einem traditionellen Familienbild verhaftet sind. Ein staatlich verordneter Vaterschaftsurlaub wird daran aber nichts ändern. Die Arbeitnehmenden müssen Arbeitsmodelle wie Teilzeit ins Spiel bringen und mit den Arbeitgebern zusammen flexible Lösungen finden.
Wüthrich: Herr Greuter, Sie haben ein bisschen ein verherrlichendes Bild des Arbeitgebers. De facto gibt es viele Unternehmen, die sich um die Interessen der Arbeitnehmer foutieren. Mit einer staatlichen Lösung könnten die Unternehmer nicht mehr mit patronaler Geste nur ein paar Tage Vaterschaftsurlaub gewähren.
Greuter: Arbeitgeber und Arbeitnehmer sitzen an einen Tisch und handeln aus. Dabei werden praktische Lösungen gefunden, die für ein KMU anders aussehen können als für einen Grossbetrieb.
Wüthrich: Für Väter in meinem Umfeld – es sind viele Handwerker aus kleinen Betrieben dabei – ist es selbstverständlich, dass sie nach der Geburt eines Kindes Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen. Aber die Rahmenbedingungen stimmen häufig nicht.

In der Praxis beziehen Väter heute im Schnitt zwischen 3 und 6 Wochen Vaterschaftsurlaub.

Fredy Greuter

Herr Wüthrich, ein Vaterschaftsurlaub würde den Staat – das heisst uns alle – 385 Millionen Franken pro Jahr kosten.
Wie sollen wir das finanzieren?

Wüthrich: Wir schlagen vor, dass ein Vaterschaftsurlaub über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert wird, das ist die gleiche Kasse, aus der der Mutterschaftsurlaub für die Mütter bezahlt wird. Ein Vaterschaftsurlaub würde paritätisch über Lohnprozente bezahlt, das heisst, beide – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – leisten einen Beitrag.
Greuter: Die Schweiz kennt eine inzwischen gut ausgebaute Kinderbetreuung, die aus allgemeinen Steuermitteln gespiesen wird. Daran leisten die Unternehmen über Steuern bekanntlich einen massgeblichen Beitrag. Die Finanzierung eines staatlichen Vaterschaftsurlaubs durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber wäre unsolidarisch – wenn schon müsste die ganze Gesellschaft in die Pflicht genommen werden. Zudem fand die Idee eines gesetzlich vorgeschriebenen und aus der Erwerbsersatzordnung finanzierten Vaterschaftsurlaubs dieses Jahr auch im Parlament keine Mehrheit.
Wüthrich: In der Schweiz gibt es 1,5 Kinder pro Paar. Ein Vater würde während seines Arbeitslebens durchschnittlich 6 Wochen Vaterschaftsurlaub erhalten. Das ist verkraftbar. Angesichts der Milliardengelder, die in der Schweizer Wirtschaft fliessen, sind die Kosten für einen Vaterschaftsurlaub ein Nasenwasser.
Greuter: Das stimmt nicht, die Soziallastquote hat sich seit den 1990er-Jahren ununterbrochen erhöht. Die Quote ist ein Indikator dafür, wie stark die Volkswirtschaft mit sozialen Aufgaben belastet wird. Der Wirtschaft wird also stetig mehr aufgebürdet.
Wüthrich: Ein Vaterschaftsurlaub würde unsere Volkswirtschaft nicht zusätzlich belasten, sondern den Output erhöhen: Wenn der Vater nach der Geburt besser in die Familie eingebunden ist, kann der Wiedereinstieg der Mutter erleichtert werden. Ein Urlaub dient also durchaus der besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Wenn mehr Mütter wieder arbeiten, können wir so dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Zudem sind Väter, die einen Vaterschaftsurlaub beziehen können, erwiesenermassen zufriedener am Arbeitsplatz und es fallen bei Müttern und Vätern weniger Krankheitstage an.
Greuter: Für eine tragfähige Vater-Kind- Beziehung braucht es eine langfristig ausgerichtete Vereinbarkeit von Beruf und Familie! Hier setzt der Arbeitgeberverband den Hebel an, indem er sich etwa für die steuerliche Abzugsfähigkeit der Drittbetreuungskosten von Kindern einsetzt. Demgegenüber ist ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen blosse Symbolpolitik, die das Problem nicht an der Wurzel packt. Zudem wird eine staatliche Einheitslösung der modernen Gesellschaft nicht gerecht: Digitalisierung, Generation Millenials, Patchwork – heute gibt es zahlreiche unterschiedliche Lebensentwürfe. Eine zeitgemässe Familienpolitik muss auf Privatautonomie von Familien und Kindern, Eigeninitiative und Selbstverantwortung aufbauen. Familienpolitik ist keine Staatsaufgabe.
Wüthrich: Wir haben eine sinkende Geburtenrate, Fachkräftemangel und die Bevölkerung ist skeptisch gegenüber der Zuwanderung. Ein Vaterschaftsurlaub könnte ein kleines Puzzleteil sein, damit in der Schweiz wieder mehr Kinder zur Welt kommen. Der Staat muss letztendlich also doch Interesse an Familienpolitik haben.

Adrian Wüthrich und Fredy Greuter diskutieren

Adrian Wüthrich (links) verspricht sich vom Vaterschaftsurlaub eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Fredy Greuter (rechts) findet, ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen sei blosse Symbolpolitik.

Ein Vaterschaftsurlaub würde unsere Volkswirtschaft nicht zusätzlich belasten

Adrian Wüthrich

Die Bevölkerung will laut Umfragen einen Vaterschaftsurlaub …

Greuter: Wer kann schon gegen ein zunächst so sympathisches Unterfangen sein! Aber: Als wir vor nicht allzu langer Zeit darüber abgestimmt haben, ob wir in der Schweiz eine Woche mehr Ferien wollen, hat das Volk abgelehnt. Warum? Weil wir letztendlich lieber keine weitere Woche Ferien beanspruchen, dafür sichere Arbeitsplätze haben.
Wüthrich: Müttern werden mit Mutterschaftsversicherung 14 Wochen gewährt, um sich ganz dem Neugeborenen zu widmen. Aus Sicht der Gleichberechtigung sollte es auch Männern vergönnt sein, sich wenigstens 4 Wochen innerhalb des ersten Jahres um die Bindung zu Kind und Familie zu kümmern.
Greuter: Wie bei jedem Gesetz müsste übrigens auch beim Vaterschaftsurlaub dessen Einhaltung kontrolliert werden. Wie wollen Sie aber vernünftig und unbürokratisch überprüfen, ob diese 20 Tage nicht zweckentfremdet bezogen werden? Salopp gesagt, gäbe es womöglich frischgebackene Väter, die lieber einen EM-Final gucken, anstatt Mutter und Kind zu unterstützen ...

… da dringt aber ein negatives Menschenbild durch …

Greuter: … das ist kein negatives, sondern ein realistisches Menschenbild. Es gibt Missbrauch, überall dort, wo es Regelungen gibt. Sonst müssten wir keine Polizisten haben, die Verkehrssünder büssen.

Werfen wir einen Blick über die Grenze: Wir gehören mit 14 Wochen Mutterschafts- und einem Tag Vaterschaftsurlaub zu den Schlusslichtern in Europa. Ist das nicht bedenklich für ein reiches Land wie die Schweiz?

Greuter: Die Schweizer sind deswegen reich, weil sie arbeitsam sind. Wenn wir weniger arbeiten und mehr solche Urlaube wie den Vaterschaftsurlaub finanzieren müssen, nimmt der Reichtum ab. Und wenn Sie von Schlusslicht sprechen, ist das eine Frage der Perspektive: Vielleicht sind wir sogar Avantgarde, weil wir uns darum bemühen, nachhaltige Lösungen zu finden für einen eigenverantwortlichen und betriebsindividuellen Vaterschaftsurlaub.
Wüthrich: Die Schweiz ist in Europa das einzige Land ohne gesetzliche Regelung zum Vaterschaftsurlaub. Wir fordern ja nicht wie Deutschland eine monatelange Elternzeit, unser Vorschlag ist vernünftig. Mit 4 Wochen bezahltem Vaterschaftsurlaub wären wir höchstens im Mittelfeld. Und punkto Reichtum: Ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser, können die Eltern mehr arbeiten. Damit wächst neben der Zufriedenheit der Eltern auch der Reichtum in der Schweiz.

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