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Gesellschaft

Zwischen Menopause und Mukiturnen

«Erst mit 50 wünschte ich mir ein Kind»

Späte Mütter gehören längst zum Alltag. Auch in der Schweiz. Zu reden geben Spätgebärende nur noch, wenn sie Rentnerinnen sind. Ist das wirklich wünschenswert? Besichtigung eines Trends.

Ein Aufschrei der Empörung ging durch die Presse, als die Aargauer Rentnerin Dominique C., 64, ihr frisches Babyglück Ende 2010 im Blick feierte. «Ist das wünschenswert? », fragte sich die schreibende Zunft. Und: «Darf die Medizin alles möglich machen, was sie möglich machen kann?» Wichtige und richtige Fragen sind das. Nur: Hätte man sie nicht schon längst stellen müssen? Zum Beispiel als Monica Bellucci mit ihrem Baby die November-Ausgabe der italienischen «Vanity Fair» zierte und der Welt mit 46 Jahren vorführte, wie schön Mutterglück kurz vor der Menopause aussehen kann. Oder als John Travoltas Ehefrau Kelly Preston unlängst ihr drittes Kind zur Welt brachte – mit 48. Die beiden Prominenten sind zwar noch keine Rentnerinnen, aber sie stehen für einen Trend, der gern gefeiert, aber ungern kritisch beleuchtet wird.
Auch ich gehöre zum Kreis der betagten Mütter, feierte den 40. Geburtstag, während in meinem Bauch das zweite Kind heranreifte. Antifalten-Creme und Babybodies gleichzeitig geschenkt zu bekommen, fand ich etwas irritierend. Doch mein Bekanntenkreis ging mit der Nachricht über meine zweite Schwangerschaft völlig entspannt um. Ein befreundetes Paar fragte gar, ob wir uns noch ein drittes Kind vorstellen könnten. Mein fortgeschrittenes Alter? Kein Thema. Späte Mütter, so scheint es, sind courant normale geworden.

Zuerst die Karriere, zuletzt das Kind

Ein Blick auf die Daten des Bundesamts für Statistik zeigt, dass Frauen um die 40 die am schnellsten wachsende Müttergruppe bilden. Über die letzten vier Jahre stieg etwa die Zahl der Geburten von Frauen zwischen 37 und 44 Jahren um 18 Prozent an. In der Altersgruppe der 27 bis 36-Jährigen betrug der Anstieg nur 7 Prozent. Der Anteil der Frauen, die mit 35 Jahren und mehr ein Kind zur Welt brachten, ist seit dem Jahr 2000 von gut 20 Prozent auf fast 30 Prozent angestiegen. Die Gründe für diese Entwicklung sind bekannt: Frauen investieren mehr Zeit und Geld in Ausbildung und Karriere. Die Suche nach dem richtigen Partner für die Familiengründung ist komplizierter als früher. Schliesslich häufen sich die Schwangerschaften von älteren Frauen auch dank der modernen Reproduktionsmedizin.

Das Hohelied auf die Last-minute-Babys

Gebären ab 40 liegt also im Trend. Aber muss die späte Mutterschaft deshalb gleich zur allein seligmachenden Erfahrung hochstilisiert werden? Es fällt auf, dass ältere Mütter – ob prominent oder nicht - fast schon reflexartig von den Vorteilen ihrer Lastminute- Babys schwärmen. Sie betonen gerne, dass sie sich souveräner im Umgang mit dem Kind fühlen als jüngere Mütter. Weil sie schon so viel erlebt haben, glauben sie, zugunsten des Babys besser verzichten zu können – auf den Ausgang, auf Ferien, auf Hobbys. Das Alter als beeinträchtigender Faktor im Leben mit Kleinkindern wird kaum je erwähnt. Der Standardsatz der Ü-40-Mamis lautet: «Es hätte mir nichts besseres passieren können, als mit 40 noch ein Kind zu bekommen.»
Vielleicht hätte ich diesen Satz auch einfach abgenickt wie viele Bekannten, hätte mir die Geburt meiner Tochter vor eineinhalb Jahren nicht die Nachteile einer späten Mutterschaft vor Augen geführt. Wohlgemerkt: Die Kleine bereitet uns viel Freude. Aber sie schlief über ein Jahr lang nicht einmal ansatzweise durch. In dieser Zeit erkannte ich mich zuweilen auf Fotos selbst nicht mehr. Ich hätte mir gewünscht, ein paar Jahre weniger auf dem Buckel zu haben. Der permanente Schlafentzug stellte nämlich auch die Partnerschaft auf eine harte Probe. Dazu kam die Trotzphase meines Grösseren, die mir vor Augen führte, dass das mit der Gelassenheit im Alter eine Mär ist. Zumindest in meinem Fall. Kurz: Ich war oft am Limit und fragte mich in schwachen Momenten, ob mir nicht tatsächlich Besseres hätte passieren können, als mich mit 40 nochmals auf das Abenteuer Baby einzulassen. Auch wenn ich mich auf Spielplätzen oder in der Kleinkindberatung umsehe, kann ich nicht erkennen, dass späte Mütter ihre Rolle entspannter spielen als andere. Im Gegenteil: Nicht selten haben sie diesen Hang, alles krampfhaft perfekt machen zu wollen. Die gestiegenen Ansprüche an sich selbst und ans Leben, die man in diesem Alter hat, werden im Umgang mit dem Kind manifest.
Aber ist es in der heutigen Gesellschaft, im Zeitalter des Jugendwahns und der unbegrenzten Möglichkeiten, überhaupt erlaubt, die Frage zu stellen, ob das Kinderkriegen ab 40 beschwerlicher ist? Oder ist das bereits politisch inkorrekt? Mir geht es in keiner Weise darum, junge Mütter gegen ältere auszuspielen. Jede Lebensphase hat Vor- und Nachteile für die Familiengründung. Ich verstehe bloss nicht, warum 40+-Mütter in den letzten Jahren zu Supermamis hochstilisiert worden sind. Darf ich überhaupt noch zugeben, dass ich mich durch meine zwei Racker so alt fühle, wie ich tatsächlich bin? Dass ich die Aussicht, schon in Rente zu gehen, wenn die Tochter gerade mal mit der Ausbildung fertig ist, zuweilen beängstigend finde? Oder grenzt das in unserer Gesellschaft bereits an Kulturpessimismus?

Geriatrie-Eltern als Zukunftsmodell?

Während sich junge Mütter oft anhören müssen, dass sie wegen des Babys ihre Jugend verpassen, scheint die Altersfrage bei den reiferen Müttern zur Quantité négligeable zu mutieren. Sogar Extreme werden alltäglich: Die Zahl der Frauen und Männer, die als Rentner Nachwuchs bekommen, nimmt laufend zu. Geriatrie-Eltern – ein Zukunftsmodell? Ich finde nicht. Sich nie zu alt für etwas zu fühlen, ist ebenso zur doktrinären Lebenshaltung geworden wie die Vorliebe für Biofood. Ein Leben zwischen Menopause und Mukiturnen mag leicht klingen und beschwingt. In Tat und Wahrheit ist es alles andere als das.

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