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Interview

«Zu viel Moral kann das Zusammenleben auch stören»

Ein Gespräch mit Markus Huppenbauer (59), Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich über Anstand, Verunsicherung und die Schweizer DNA.

Einen Schritt zurück tun und fragen: Was trägt mich eigentlich?

wir eltern: Herr Huppenbauer, Sie sind beste Mann, um über Werte zu reden.

Markus Huppenbauer: Vielleicht, aber aufgepasst mit dem Begriff Ethik. Den mögen die Leute nicht, der hat für sie ein Gschmäckle. Er scheint nach Moralapostel zu klingen und nach jemandem, der sagt, wo es lang geht – so einer bin ich nicht.

Das wundert mich, dass die Leute nicht wollen, dass man ihnen sagt, wo es lang geht. Die Ratgeberliteratur boomt.

Ja, das hat mit einer gewissen Verunsicherung zu tun, gerade bei Eltern. Diese wollen für ihre Kinder das Beste. Sie wollen einerseits, dass die Kinder moralisch anständig werden, aber sie wollen auch, dass ihre Kinder in Liebe und Beruf Erfolg haben. Diese Ansprüche an die Kinder können kollidieren.

Etwa wenn ich es gut finde, dass sich meine Tochter stets rührend um das Integrationskind in der Klasse gekümmert hat, aber nicht so gut fand, dass sie dadurch von der Bruchrechnung abgelenkt war? Oder bin ich nur ein aussergewöhnlich schlechter Mensch?

(lacht) Ja, vermutlich schon. Aber im Ernst: Es gibt viele Wertedebatten, in denen wir als Gesellschaft sehr verunsichert sind. Etwa bei der Burka-Debatte.

Dem Verschleierungsverbot…

Ja. Vollverschleierte Frauen irritieren und beängstigen uns. Das ist dem klaren Denken nicht förderlich. Und so wird in der Debatte vieles durcheinandergebracht. Frauenrechte, Sicherheitsfragen, Benimmregeln und Kleideretikette werden zu einem hochemotionalen Gemisch, das die Orientierung erschwert und Bagatellen zu Fragen des richtigen Schweizerseins macht.

Wie ist es mit dem Handschlag für die Lehrerin?

Das ist doch nichts, was in die Schweizer DNA eingeschrieben wäre. Wir haben es hier mit einer Konvention der Höflichkeit zu tun. Ich mag den Handschlag, aber er wird fälschlicherweise zu einem Symbol der Schweiz oder gar des christlichen Abendlandes emporgejubelt. Mir fehlt in diesen Debatten oft der liberale und entspannte Geist.

Das christliche Abendland wird im derzeitigen Wertehype ausserordentlich oft bemüht.

Ja. Erstaunlicherweise. Denn was ist das eigentlich, das christliche Abendland? Das Christentum in Zürich ist ein völlig anderes als das der russisch-orthodoxen Christen. Und fragen Sie in unserem «christlichen Abendland» doch mal die Leute auf der Strasse, was es mit Pfingsten auf sich hat. Da kommen die abenteuerlichsten Antworten, wenn überhaupt welche. Kurz «die Werte des christlichen Abendlandes» – das klingt halt gut, ist aber oft nicht mehr als ein Instrument der Abgrenzung. Damit will ich nicht bestreiten, dass Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit im Christentum von grosser Bedeutung sind.

Zurück zu den Eltern. Wie finden diese in der ganzen Vielfalt der Werte eine Basis, die weitergebenswerten Werte?

Eigentlich finden nicht wir die Werte, die Werte finden uns. Der Einzelne wächst in eine Gemeinschaft, in eine Familie, in eine Gruppe hinein. Dort werden ohne grosse Worte bestimmte Werte vorgelebt. Und die Beziehungen, auf deren Grundlage der moralische Kompass entsteht. Wenn Eltern um des lieben Friedens willen nur noch um das Kind und seine Bedürfnisse kreisen, entwickeln sich Narzissten. Moral entsteht so nicht. Moral gibt es nicht ohne Positionierung. Moral fördern und nicht anecken wollen – das geht in der Erziehung nicht zusammen.

Auf der einen Seite wollen heutige Eltern auf keinen Fall für ihre Kinder «die Bösen» sein, andererseits reagieren sie hochmoralisch und hypersensibel auf jede Schulhofrauferei.

Leider. Es wird viel zu früh moralisiert. Man muss wirklich nicht aus jeder Klopperei unter Jugendlichen eine Frage der Moral machen.

Sie stehen quer zum Zeitgeist. Der Ruf nach mehr Werten liegt im Trend.

Ja, aber zu viel Moral kann unser Zusammenleben auch stören. Wir sollten Moral mit Augenmass einsetzen. Dort wo sie wirklich wichtig ist, wo es klar um Fragen der Menschenwürde, Gleichheit, Fairness, Freiheit geht. Was diese moralischen Normen im Einzelnen bedeuten, muss immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden.

In der Schule wird derzeit allerdings primär auf MINT-Fächer gesetzt. Philosophie, Religion, Ethik – alle müssen im Stundenplan dem Fitmachen für die Zukunft weichen.

Ich will mir kein Urteil anmassen, welche Fächer für die Zukunft wichtig sind. Aber gut fände ich, wenn man einzelne Fächer öffnete. Zum Beispiel im Matheunterricht thematisierte, was in der Gesellschaft mit der Mathematik gemacht wird: bei Banken, in Versicherungen … Man kann in viele Fächer ethische Fragen integrieren. Weiterdenken schadet nie.

Es kommt ja jetzt die Zeit der Besinnlichkeit.

Genau das finde ich an Weihnachten «wertvoll». Dem Nachdenken einen Wert einzuräumen, sich herauszunehmen aus dem Stress. Einen Schritt zurück tun und sich fragen: Was trägt mich eigentlich?

Und danach das Ergebnis in der Familie diskutieren?

Bloss nicht! Das wäre der denkbar schlimmste Zeitpunkt. Alle sind gestresst, haben Wahnsinnserwartungen. Das führt nur zu Zank. Ich würde für ein stilles Innehalten plädieren.

Was uns wertvoll ist...

Erziehung / Werte

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«Werte» werden derzeit oft und gern beschworen. Nur – was ist damit gemeint? Brauchen wir sie im Alltag? Und welche geben wir unseren Kindern mit? Eine Suche nach dem inneren Kompass.

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