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Gesunder Umgang mit digitalen Medien

Wisch oder weg?

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Es führt kein Weg an den neuen Medien vorbei. Nicht für Kinder und nicht für Eltern. Wie aber werden Kinder fit fürs digitale Zeitalter?

Hier, nimm!» Die Mutter hält ihrem trotzenden Dreijährigen das iPhone unter die Nase. Das Smartphone ist ihr letzter Trumpf – und der sticht. Der Zweijährige drückt auf das Spiele-App und versinkt ganz in die virtuelle Welt der Hoppelhäschen. Nullkommaplötzlich ist Ruhe.
 Das iPhone als Instant-Ruhigsteller für die Kleinsten. Das Smartphone als elektronischer Nuggi.

Eine nicht repräsentative, aber verglichen mit aktuellen Nutzungsstudien realistische Umfrage im Freundeskreis zeigt, dass die neuen Medien bei vielen Eltern bereits selbstverständlich zum Alltag gehören. Von neun befragten Müttern lassen acht ihre Kinder mit Handys und Table Tablets spielen. Es handelt sich dabei um Kleinkinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Bloss eine Mutter lehnt das Handy als Spielzeug ab. «Das kommt dann noch früh genug, wenn sie zur Schule gehen», kommentiert sie ihren Entscheid. Die Verweildauer der Kids ist unterschiedlich. Sie reicht von fünf bis zwanzig Minuten. Je jünger die Mutter, desto selbstverständlicher ihr Umgang mit elektronischen Geräten. «Das gehört doch einfach zum Leben, dafür muss man offen sein», sagt eine junge Mutter, die sich noch vor wenigen Jahren die Nächte in virtuellen Welten um die Ohren schlug. Damit hat sie Recht. Die Frage ist nur, ab wann dies so sein soll. Und wie.

Fakt ist, dass Medien den Alltag unserer Kinder prägen. Rund ein Drittel der Teenager in der Schweiz hat einen Fernseher im Zimmer, fast jeder zweite einen Computer und 28 Prozent spielen auf der eigenen Playstation. Die Folgen? Ist eine Spielkonsole im Kinderzimmer vorhanden, spielen 10-jährige Kinder etwa viermal häufiger Computerspiele, die eine Freigabe erst ab 16 oder 18 Jahren erhalten haben, wie eine Studie zur Mediennutzung der Fachhochschule Nordwestschweiz festhält.

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Fakt ist auch, dass bereits Zweijährige problemlos Handy und Table Tablets bedienen und sehr gern und unglaublich geschickt darauf spielen. Erstaunlich ist das nur für eine Elterngeneration, die noch nicht zu den «Digital Natives» gehört, also zu den Müttern und Vätern, die sich kaum mehr vorstellen können, dass es noch vor gar nicht so langer Zeit eine Welt ohne Mobiltelefon und Video gegeben hat. Elterliche Zurückhaltung wirkt nur bedingt: Allerspätestens, wenn die Kleinen eingeschult sind, werden sie mit Computern, Smartphones und Spielen konfrontiert. Thomas Merz, Fachbereichsleiter der Abteilung Medienerziehung der Pädagogischen Hochschule Zürich, forderte vor kurzem in der «SonntagsZeitung» denn auch ein Schulfach «Medienbildung»: Noch sind Medien und Kommunikation im überkantonalen Lehrplan 21 nämlich ohne fixe Stundenzahl erfasst. Von Gemeinde zu Gemeinde, von Klassenzimmer zu Klassenzimmer herrscht deshalb Wildwuchs.

Was heisst «massvoll»?

Verunsicherten Eltern geht es also nicht viel anders als geschulten Pädagogen: Einen gesunden Umgang mit den neuen Medien zu finden, ist für die ganze Gesellschaft eine Herausforderung. Ratgeberliteratur findet man zuhauf. Dort ist oft von Mass halten die Rede. Doch was, Bitteschön, heisst massvoll? Auch Thomas Merz rät, Kinder zwischen zwei und vier Jahren nur in Ausnahmefällen mit elektronischen Medien spielen zu lassen. Aber wie sieht der Ausnahmefall denn in der Praxis aus? Ist Wischen und Klicken im Stau oder Wartezimmer des Kinderarztes in Ordnung? Und was, wenn das Nervenkostüm der Eltern blank liegt? Ist ein entnervtes Anfahren der Kleinen dann besser als eine kleine Auszeit dank dem Handy?

Rahel Werren unterrichtet seit 13 Jahren an einer Unterstufe in Villmergen AG. «Einige Schüler werden sehr gut von den Eltern begleitet und kontrolliert, machen sinnvolle Lernspiele oder sind kindergerecht im Internet unterwegs. Sie haben ein gutes Handling mit dem Computer und kennen sich damit aus. Das ist hilfreich, wenn wir in der Schule damit arbeiten», sagt sie. Die Pädagogin kennt auch das Gegenteil: «Es gibt Eltern, die überhaupt keine Ahnung haben, was ihre Kinder spielen oder welche Filme sie konsumieren.» Gewaltspiele, so erzählt sie, verändere nicht nur die Sprache der Kinder, sondern auch ihr Verhalten: «Einige können im Laufe der Zeit Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden.»

Zeitbudget festlegen

Spätestens hier müsste die Schule einspringen. Vor Gewaltspielen und Pornosites schützen kann die Kinder zwar niemand, aber im Klassenzimmer können sie lernen, Inhalte einzuordnen und Medien kompetent zu konsumieren und nutzen. Medienkompetenz heisst also das Gebot der Stunde. Wie aber macht man seine Kinder «fit» für diese Welt? «Das Handling der Geräte ist nur ein kleiner Teil davon, was Medienkompetenz ausmacht», sagt Eveline Hipeli, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zürcher Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Abteilung psychosoziale Entwicklung. Neben Hintergrundwissen sei ein kritischer Umgang gefragt. Kompetent sei aber auch, wer Medien kreativ nutze und mit anderen darüber spreche, denn: «Medienkompetenz ist ein ganzer Strauss an Erfahrungen, die meisten davon stammen aus dem ganz normalen Leben.»

Am wirkungsvollsten ist Medienerziehung deshalb, wenn sie schon im Kinderzimmer anfängt: Verbindliche Regeln aufstellen, an die sich alle Familienmitglieder halten, ein Medienbudget festlegen, das den Kindern den nötigen zeitlichen Rahmen absteckt. Und die Kinder bei der Nutzung begleiten. So die drei wichtigsten Regeln. «Egal, um welches Medium es sich handelt, Mütter und Väter müssen sich selbst mit den neuen Medien auseinandersetzen», sagt Hipeli, «am besten erkunden sie die neue Welt gemeinsam mit den Kindern.» Ausserdem rät die Fachfrau, mit der Anschaffung eines neuen Mediums gleich die entsprechenden Regeln zur Nutzung einzuführen. So gehe man ständigen Diskussionen aus dem Weg. Einzelne Medien zu verbieten, findet Hipeli falsch, «damit klammert man die positiven Aspekte aus». Und positive Aspekte gibt es neben den negativen ebenfalls: Mit Apps kann der Nachwuchs nicht nur spielen, sondern sich auch kreativ betätigen. Auch Reaktionsgeschwindigkeit oder Geschicklichkeit werden geübt. Oder das Rechnen und Schreiben. Und das ganz spielerisch auf einem Medium, das schon die Kleinsten fasziniert. Nicht umsonst arbeiten Schulen, etwa in Schweden, vermehrt mit Tabletcomputern, um etwa Buchstaben oder Rechnungen zu automatisieren. Das Tablet wird künftig die Tafel im Klassenzimmer wohl immer mehr konkurrenzieren.

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