Menü

Beziehung

«Wir waren als Paar zuerst da!»

paar_zuerst_da_beziehung_thinkstock_interview.jpg

Die Paartherapeutin Bettina Jellouschek-Otto über die Kunst, trotz Kindern ein Paar zu bleiben und weshalb sich Eltern unbedingt mehr von ihrem Nachwuchs abgrenzen sollten.

wir eltern: Frau Jellouschek-Otto, sind Kinder eher Kitt oder Trennungsgrund?

Bettina Jellouschek-Otto: Beides. Kinder bringen Paare zusammen – durch die gemeinsame Freude, sie aufwachsen zu sehen. Sie können aber auch Trennungsgrund sein, etwa bei einseitigen Koalitionen: Wenn der Mann aus der Eltern-Kind-Beziehung gedrängt wird, weil die Frau sich ausschliesslich fürs Kind zuständig fühlt. Grenzen sich Eltern nicht genug ab, verschwimmt die Linie zwischen Paar- und Familien-Ebene. Dabei ist die Liebe der Eltern der Kern von Familie. Auch für Kinder muss spürbar sein: «Wir Eltern waren als Paar zuerst da!»

In Ihrem neuen Buch*, das Sie mit Ihrem Mann geschrieben haben, plädieren Sie klar für elterliches Abgrenzen. Wie viel Paar-Egoismus muss sein?

Sich gegenüber den Kindern abzugrenzen, ist essenziell – das kann bedeuten: «Einmal die Woche gehen Mama und Papa abends aus.» Diese Grenze ist auch für Kinder verständlich. Gleichzeitig sollte man es nicht rigoros durchsetzen, wenn ein Kind mal Widerstand leistet oder krank ist. Eltern sollten aber wissen, dass sie den Kleinen durchaus etwas zumuten dürfen. Denn Spannungen, die durch Aufopferungen von Seiten der Eltern entstehen, bekommt irgendwann auch der Nachwuchs zu spüren. Kinder wiederum profitieren, wenn Eltern liebevoll zusammen sind, dann erleben sie Geborgenheit. Sie zu Grosseltern zu geben und sich ein schönes Paarwochenende gönnen, sollte man also auch ihnen zuliebe tun.

Sie schreiben, gemeinsam verbrachte Zeit sei heute wichtiger denn je für die Haltbarkeit einer Beziehung, da frühere Kriterien wie wirtschaftliches Überleben oder gesellschaftliche Konventionen an Bedeutung verlieren. Genügt da ein Paar-Abend pro Woche?

Wie oft ist nicht die Frage, viel mehr kommt es auf die Qualität an! Also darauf achten, wie man die kostbare Zeit nutzt. Gespräche über organisatorische Dinge lieber auf eine Stunde begrenzen und anschliessend noch etwas Schönes unternehmen – an die Verliebtheitszeit anknüpfen zum Beispiel und eine Kneipe von früher besuchen. Hilfreich ist auch, zu trennen zwischen Eltern-Abend, an dem man sich explizit über die Kinder austauscht, und Paar-Abend, an dem thematisiert wird, wie es dem einzelnen in der Beziehung geht.

Darf man den Mann mehr lieben als die Kinder?

Das ist eine interessante Frage. Aber eigentlich geht es hier nicht um Liebe – denn lieben tue ich beide. Nur manchmal entscheide ich mich, mehr Zeit mit dem einen oder anderen zu verbringen. Genauso wie Mütter, die ein zweites Kind erwarten, oft fragen: «Werde ich das Zweite genauso lieben können wie das Erste?» Diese Ängste sind aber völlig unbegründet. Mir fällt da ein Paar ein, das schon Kinder im Teenie-Alter hatte, als ihm auffiel: Wir lassen unsere Schlafzimmertür nachts ja immer noch auf, ein Relikt aus Kleinkinderzeiten! Die Teenie-Kinder hingegen schlossen längst ihre Türen, liessen auch niemanden mehr ins Bad. Kinder ziehen ganz selbstverständlich ihre Grenzen, Erwachsenen fällt das oft schwerer.

Was tun, wenn ein Partner mehr Familienbedürfnis hat als der andere?

Unterschiedlich gelagerte Bedürfnisse gibt es oft – was häufig ein Konfliktgrund ist. Denn derjenige mit dem grösseren Nähebedürfnis hat meist das Gefühl, dem anderen nicht wichtig zu sein. Beide Partner müssen deshalb zunächst anerkennen, dass es sowohl Nähe als auch Autonomie braucht, um als Familie zu funktionieren. Ausserdem sollten sie immer wieder Schritte aufeinander zugehen und Kompromisse finden.

Sie empfehlen auch feste Termine für Sex – was jeglicher Leidenschaftsfantasie widerspricht.

(Lacht) Darauf werden wir oft angesprochen. Aber sind erstmal Kinder da, bleibt kaum mehr Raum für Spontaneität. Viele sagen dann: «Ich kann doch nicht planen, wann ich Lust habe.» Das stimmt. Aber sich Zeit nehmen und schauen, was passiert, ist der erste Schritt. Auch wenn es nur mit Streicheln und Küssen endet. Immerhin hat man sich dann mal wieder gezeigt: Du bist mir wichtig, ich will dich nicht nur als Mutter oder Vater erleben.

Und wenn das mit Brei verkleckerte Shirt doch an den Nachwuchs erinnert?

Ausziehen! Im Ernst: Möglichst schauen, dass in der Zeit der intimen Begegnung nichts ans Kind erinnert. Also Spielzeug wegräumen und etwas anziehen, das nicht nach Muttermilch riecht. Ein klares Zeichen setzen: Ich bin nicht nur stillende Mutter, sondern auch begehrende Frau. Ausserdem spricht für Sex nach Terminkalender, dass man dann seinen Tagesablauf danach ausrichten kann. Oft hat ja der Mann abends Lust, die Frau aber keinen Bedarf mehr an Berührungen, weil den ganzen Tag über jemand an ihr herumgezerrt hat. Organisiert man aber bewusst die Kinder auswärts, wenn Sex im Kalender steht, dann sieht alles ganz anders aus.

Man sollte sich also regelmässig zum Sex zwingen?

Sich einlassen auf körperliche Begegnung – ja, unbedingt. Aber gleichzeitig dem anderen zugestehen, wenn er oder sie nicht mehr als Nähe will. Ausserdem wichtig: Versuchen, ein eigenständiger, interessanter Mensch zu bleiben und so attraktiv für den Partner zu sein. Also eigene Hobbys und Kontakte pflegen, sich weiter entfalten. Denn nichts ist erdrückender für eine Beziehung, als wenn sich Partner geschwisterlich angleichen und alles gemeinsam machen.

Was sind die grössten Herausforderungen für Eltern – von der Paarbeziehung aus gesehen?

Im Kleinkindalter müssen Eltern vor allem einseitige Koalitionen vermeiden und schauen, dass beide gleichmässig Kontakt zu den Kindern haben und dies auch zeigen. Im Teenie-Alter geht es einerseits ums klare Grenzenziehen, andererseits müssen Eltern nun langsam mehr zulassen – etwa beim Thema abendliches Weggehen. Hier sollten sie sich gut absprechen und möglichst gleich reagieren.

Sie empfehlen auch, dass Eltern sich das Wohnzimmer zurückerobern.

Ja, sie sollten hin und wieder dem jugendlichen Nachwuchs erklären, dass die Eltern das Wohnzimmer heute Abend nur für sich haben wollen. Sind die Kinder dann erwachsen, müssen Mutter und Vater ihren Einfluss zurücknehmen und sich abgrenzen. Adler sind hier gutes Vorbild: Während die Jungvögel das Futter ins Nest gebracht bekommen, setzen sich Eltern grösserer Tiere mit der Nahrung auf einen entfernten Baum und warten bis der Hunger die Jungen aus dem Nest treibt.

Sie meinen also, bei Nesthockern sollte man den Kühlschrank abschliessen, ein Zimmer anmieten und warten, bis der Nachwuchs den Auszug erwägt?

(Lacht) Ja, so ungefähr. Tatsächlich fehlt jungen Leuten heute oft der Impuls, sich zu lösen. Eltern stehen damit länger in der Versorgungspflicht – was es ihnen schwer macht, Grenzen zu ziehen. Sie müssen lernen zu sagen «ich habe jetzt keine Zeit mit dir zu telefonieren» oder «Nein, ich kann dir am Samstag nicht helfen.» Natürlich soll das kein brüskes Abweisen sein. Stattdessen soll vermittelt werden: Mir ist an dir gelegen, aber ich will dich nicht überversorgen.

Zur Person

Bettina Jellouschek-Otto (Jahrgang 1956) ist Paartherapeutin und Hebamme und führt seit vielen Jahren zusammen mit ihrem Mann, dem Paartherapeuten Hans Jellouschek, eine Praxis in der Nähe von Tübingen (D). Ihr zentrales Thema: Partnerschaft und Veränderungen, die sich etwa durch Kinder oder Alter ergeben.

Buchtipp

Bettina Jellouschek-Otto und Hans Jellouschek: Grenzen der Liebe. Nähe und Freiheit in Partnerschaft und Familie. Klett-Cotta 2013, Fr. 29.90

Auch lesenswert