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Familie Ebinger/Rohner

Partnerschaft / Anders leben

«Wir haben wieder Dates»

Zusammen sein, getrennt leben. Das ist für die Berner Nora Ebinger und Manuel Rohrer das Rezept für eine zufriedene und gute Beziehung.

Vor- und Nachteile von LAT-Beziehungen

Partnerschaft / Anders leben

Vor- und Nachteile von LAT-Beziehungen

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Bern, ein Frühsommertag im Lorraine-Quartier: Hier, in diesem lauschigen Stadtteil auf einer Aareterrasse, gegenüber der Berner Altstadt, wohnen Milla und Louis Ebinger, 3 und 6 Jahre alt. Die Mutter lebt im Haus Nummer 51, der Vater wohnt 100 Meter Luftlinie entfernt. Die Kinder tingeln zwischen den beiden Wohnungen hin und her. Dienstag und Mittwoch wohnen sie beim Papa, am Montag, Donnerstag und Freitag bei der Mama: ein mögliches Familienmodell getrennter Eltern, könnte man meinen. Doch hier ist etwas völlig anders: Millas und Louis᾽ Eltern sind nicht getrennt. Sie sind ein Paar. Ein Paar mit zwei Wohnungen. Manuel Rohrer, 31, und Nora Ebinger, 30, leben eine LAT-Beziehung, was «living apart together» heisst, getrennt zusammen leben, auch bilokale Paarbeziehung genannt.

Prominente LAT-Paare

LAT-Beziehungen sind keineswegs ein neues Phänomen. Wohl eines der ersten LAT-Paare waren in den Fünfzigerjahren die Feministin Simone de Beauvoir und der Philosoph Jean Paul Sartre. Auch wenn das wohl damals als völlig verrückt gegolten und in dem kleinbürgerlichen Milieu dieser Zeit für einen Aufschrei gesorgt haben mochte, lebten Sartre und de Beauvoir getrennt, bis Sartre krank wurde. Weitere LAT-Promis waren Woody Allen und Mia Farrow oder Tim Burton und Helena Bonham Carter. Auch Helmut Dietl und Veronica Ferres lebten während ihrer neunjährigen Beziehung in zwei getrennten Wohnungen im selben Schwabinger Haus.

Nora Ebinger und Manuel Rohrer sitzen bei ihr daheim am Küchentisch. Die Wohnung ist gemütlich, drei Zimmer, Altbau. Rohrer und Ebinger sind seit sieben Jahren ein Paar. «Kaum waren wir zusammen, war ich schwanger», sagt Nora Ebinger. Sie waren verliebt und wollten so schnell wie möglich eine gemeinsame Wohnung. «Doch es fing bereits bei den Bildern an, welches hängen wir wo auf, wo kommt der Tisch hin? Am Anfang waren wir tolerant, fanden Kompromisse, lachten darüber. Doch die Toleranzgrenze sank zunehmend», sagt Nora Ebinger. Als dann das zweite Kind zur Welt kam, hatten beide das Bedürfnis nach mehr Raum. «Wir wollten mehr Ruhe. Wir mussten schon viele Kompromisse eingehen mit den Kindern. Da hatten wir die Idee mit den eigenen Zimmern», so Rohrer. Sie zogen in eine Vierzimmerwohnung in der Lorraine, jeder hatte sein eigenes Zimmer, einen Rückzugsort. Doch es reichte nicht. Da sie beide alles machten, Haushalt, Kinder, Job, haben die Verpflichtungen nie aufgehört. «Wir hatten ständig Streit wegen so Kleinkram, dem Haushalt, dem Umgang mit den Kindern. Paarzeit gabs nicht mehr. Es war für alle einfach ungut», erzählt der 31-Jährige. Sie versuchten es mit freien Tagen, einer übernahm die Kinder, der andere hatte frei. «Diese freie Zeit war zwar jeweils ‹hönne guet›, doch auch das klappte auf die Dauer nicht», so Ebinger. Im Sommer 2014 kam es zum Eklat. Es sei nicht an der Liebe gelegen, sagen sie, sie konnten so einfach nicht mehr weiter. Manuel Rohrer zog zu seinem Vater. «Meine Idee war aber schon die klassische Familienkonstellation. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass eine Beziehung mit zwei Wohnungen funktioniert», sagt Rohrer. Die Eskalation, sagt er, hätte darum beides bedeuten können, auch eine Trennung. Aber dann war alles ganz einfach und klar.

Er fand eine Wohnung in der Lorraine. Sie mietete diese Wohnung in einem Vierparteienhaus: «Ich wollte auch neu anfangen. Ich wollte meine eigenen Bilder aufhängen.»

Endlich konnten sie wieder atmen, sich stressfrei begegnen. «Unsere Beziehung hat wieder eine ganz andere Dynamik bekommen », so Manuel Rohrer.

Sie arbeitet im Sekretariat der Hochschule der Künste Bern, Studienbereich Jazz, in einem Pensum von 50 Prozent. Er ist Art Director in einer Berner Werbeagentur zu 80 Prozent. Beide haben Kindertage, die Wochenenden übernehmen sie im Turnus, die Sonntagabende verbringen sie zusammen. Und: Sie haben frei, ganze Tage, freie Abende, an denen jeder tun und lassen kann was er will. Ruhe haben, auf dem Sofa rumliegen, in der Strassenbeiz ein Bier trinken. Oder den Abend spontan mit der Familie verbringen, das geht auch. «Früher bin ich zum Teil nicht mehr gerne nach Hause gegangen. Jetzt freue ich mich immer, wenn wir zusammen sind», so Rohrer.

«Die Freiheit, die wir jetzt haben, hat unsere Beziehung belebt, intensiviert. Wir sind uns wieder nahe.»

Mehr als nur ein Trend

Das bilokale Beziehungsmodell etabliert sich. In Schweden lag die Zahl der «LATs» im Jahr 1993 bei sechs Prozent; 2001 waren es bereits mehr als 14. Auch in den USA sollen laut einer Studie der Rutgers University bilokale Beziehungen zunehmen. Und nach der Universität Leeds hatte 2007 eines von 20 britischen Paaren getrennte Wohnungen. In Deutschland hat sich der Berliner Psychologe Jens B. Asendorpf im Rahmen einer Studie an der Berliner Humboldt-Universität erstmals ausführlich mit dem Thema befasst. Seine Ergebnisse zeigen, dass deutsche LAT-Partnerschaften zwischen 1992 und 2006 um mehr als 70 Prozent zugenommen haben. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden leben heute mehr als zehn Prozent aller Paare in Deutschland eine bilokale Partnerschaft.

Keine Lust auf Patchwork

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Zahlen gibt es hier nicht. Denn wer allein in einer Wohnung lebt, gilt für das Bundesamt für Statistik als Alleinlebend, als Single. Zwischen 1930 und 2000 hat sich die Quote der Einpersonenhaushalte von 8 auf 35 Prozent nahezu vervierfacht. 2013 gab es 1,24 Millionen Einpersonen- und 203 300 Einelternhaushalte. «Die Schweiz als zunehmende Singlegesellschaft zu bezeichnen, wäre allerdings zu kurz gegriffen», sagt die Psychologin und Beziehungsexpertin Wiebke Neberich von der Partnervermittlung eDarling. «Vor allem in Städten wird das ‹getrennte Zusammenleben› beliebter.» Eine zunehmend tolerantere Gesellschaft mit starker Tendenz zur Individualisierung und neue Kommunikationsmedien würden bessere Bedingungen für unkonventionelle Beziehungen schaffen.

«Zwei Menschen, die eigenwillig genug sind, könnten es schaffen.»

Laut dem Berliner Psychologen Jens B. Asendorpf sind es oft Frauen ab 40, die das LAT-Modell bevorzugen. Frauen, die es sich mit ihren Kindern gemütlich eingerichtet und keine Lust auf Patchwork haben. Oder die Familienplanung und Beziehungen hinter sich haben und nur ungern ihre Freiheit für einen neuen Partner aufgeben möchten. Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, nur noch hauptsächlich für den eigenen Kram zuständig zu sein, das scheint mit zunehmendem Alter eine gute Alternative zu werden. Eine Untersuchung der Psychologen Alexander Noyon und Tanja Kock an der Universität Frankfurt zeigt schliesslich, dass LAT-Frauen zufriedener mit ihrer Beziehung sind als Frauen in einem klassischen Partnerschaftsmodell. Männer hingegen leben weniger gerne allein und bevorzugen eher das traditionelle Modell, nicht selten aus Gründen der Bequemlichkeit. Denn die Zahlen des Bundesamts für Statistik von 2013 zeigen klar: Noch immer fast 75 Prozent der Frauen in Paarbeziehungen tragen die Hauptverantwortung für den Haushalt.

Ein Modell der Zukunft?

Zwar wird die bilokale Paarbeziehung auch von Paaren zwischen 18 und 27 Jahren oft und gerne gelebt, meist jedoch mit dem Ziel, irgendwann eine Familie zu gründen und ganz traditionell zusammen zu ziehen. LAT-Beziehungen von Paaren mit gemeinsamen Kindern sind laut Asendorpf noch eher selten. Doch machen wir uns nichts vor: Die Chancen, eine Paarbeziehung über die Dauer von zehn bis fünfzehn Jahren zu retten, sehen nicht gut aus. Die Scheidungsrate von rund 50 Prozent spricht für sich.

Zusammenbleiben oder trennen? Diese ultimative Frage muss nicht unbedingt sein. Denn Paare wie Nora Ebinger und Manuel Rohrer zeigen, dass es auch anders geht.

Der Berner Paartherapeut Klaus Heer hat sich im Oktober 2014 in einem Interview mit diesem Magazin skeptisch zu den Überlebenschancen von Paarbeziehungen mit Kindern geäussert. Was meint er zum Thema LAT-Beziehungen, hat das Modell Zukunftscharakter? «Zwei Menschen, die fähig und eigenwillig genug sind, ihre Liebes- Sehnsüchte im Zaum zu halten, könnten es vielleicht schaffen – jedenfalls eine Zeitlang», so Klaus Heer. Aber ob es LAT für viele Paare zu einem nachhaltigen Liebesmodell bringen werde, sei mehr als fraglich. «Wahrscheinlich ist es auch künftig für die meisten liebenden Paare auf Dauer zu abstrakt und zu asketisch.» Also nicht unbedingt ein Rezept gegen den Trennungs und Scheidungstrend? Dazu Heer: «Ein probates Allheilmittel für die ewige Liebe wird LAT nie werden.» Die Studie von Asendorpf ergab denn auch, dass die Trennungswahrscheinlichkeit von LAT-Partnerschaften bei 50 Prozent innerhalb von sechs Jahren liegt. Er betont aber, dass lediglich die Dauer der LAT-Beziehungen untersucht wurde und nicht die der effektiven Partnerschaft, die in etwa doppelt so lang gewesen ist.

Auf vieles verzichten

Für jeden Geschmack dürfte die bilokale Beziehung eh nicht sein. Dazu braucht es schon ganz viel Individualismus und Selbstverständnis. «Für uns stimmts», sagen Nora Ebinger und Manuel Rohrer. «Jeglicher Druck und Stress ist weggefallen. Jeder macht es so, wie er will. Jeder hat sein Ding», so Ebinger. Die Kinder seien ruhiger geworden, zufriedener. «Ich habe Louis zwei-, dreimal gefragt, ob er es nicht mühsam fände, dieses Hin und Her zwischen den Wohnungen. Er hat nur abgewunken», so Rohrer. Freunde sagen, sie fänden ihr Paarmodell toll. «Aber insgeheim denken sie wohl, dass unsere Beziehung wahrscheinlich doch nicht so ganz gut ist», sagt Rohrer und schmunzelt. Das einzige Problem, das sie haben, ist das Geld. Denn zwei Wohnungen sind teuer. «Das bedeutet: weniger Kino, weniger Restaurantbesuche, weniger Ausflüge, weniger von allem», sagt Nora Ebinger. Sie müssen auf vieles verzichten, sagen sie. Doch zurück, wieder zusammen wohnen? «Nein, die nächsten Jahre sicher nicht. Das wird vielleicht wieder Thema, wenn die Kinder aus dem Haus sind.» Sie sind sich einig.

Spielt Eifersucht keine Rolle? Keine Angst, der andere könnte den Freiraum ausnützen? «Nein. Vorher gab es mehr Grund, misstrauisch zu sein, aus lauter Frust über unser Zusammenleben. Wir sind enorm freiheitsliebend und diese Freiheit, die wir jetzt haben, hat unsere Beziehung intensiviert und belebt. Wir haben wieder ein Paarleben wie vorher lange nicht mehr, wir sind uns wieder nah», sagt sie. Und er fügt hinzu: «Jetzt haben wir wieder Dates.»


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