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 Kind Ab aufs Töpfchen

In den Windeln

Trocken werden: So klappts

Windelfrei, Töpfchentraining oder das Kind entscheiden lassen, wann es sich von der Windel trennen will? Welches ist der beste Weg? Tatsache ist, dass viele Kinder immer älter werden, bis sie «sauber» sind. Was läuft schief?

Trocken werden: Wie begleite ich mein Kind?
Stoffwindeln sind sinnvoller

Reinlichkeitstraining war zu DDR-Zeiten striktes Programm, kollektives Töpfchensitzen ganz normal. Die Kleinen im Kinderhort sassen reihum, wann sie aufstehen durften, entschieden die strengen Erzieherinnen. Das war dann, wenn entweder A-a oder Pipi oder beides im Töpfchen lag. Solch restriktives Training muss nicht sein. Das weiss man heute. Aber wie macht mans dann? Und vor allem: wann? Selten sonst laufen die Diskussionen heisser als bei der Windelfrage. In den Foren kabbeln sich Eltern. Eine Mutter schreibt: «Ich finde es nicht schlimm, dass meine Kinder, 11 und 13, in der Nacht Windeln tragen. Hauptsache, es stimmt für sie und sie fühlen sich wohl», wofür sie von Zustimmung über fassungslose Kommentare alles abkriegt. Früher gabs klare Richtlinien, heute ist die Verunsicherung ist gross. Derweil hat die Windelindustrie längst reagiert und bringt Pampers, Huggies und Co. in XXL-Grössen auf den Markt. Das Glücksbärchis-, Auto- und Blümchen-Design wird bei Windeln für Kinder ü-30-Kilo mit Militärmuster und trendigen Skatern ersetzt.

XXL-Windeln

Wo ein Bedürfnis, da ein Markt. Die Hersteller freuts. Aber normal ist das nicht. Vor 30 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein gesundes Kind mit fünf Jahren noch Windeln trägt. Und wir sprechen hier ausschliesslich von gesunden Kindern. Heute gibt es im Durchschnitt pro Klasse ein Kind, das beim Eintritt in den Kindergarten noch Windeln trägt. Für das betroffene Kind ist das peinlich. Denn spätestens jetzt erkennt es, dass andere keine mehr brauchen. Und es ist für die Schulen ein Problem. Denn Kindergartenlehrpersonen haben weder die Zeit, Windeln zu wechseln, noch die Kompetenz dazu. Gleichzeitig wickeln und die Aufsichtspflicht den anderen Kindern gegenüber nicht verletzen? Ein Dilemma. Darum wurden auch schon Eltern telefonisch aufgeboten, wenn das Kindergartenkind die Windeln voll hatte. Dieser Fall ist für alle Beteiligten höchst unbefriedigend. «Zwar können viele Kindergartenkinder bereits lesen und rechnen. Doch der Anteil derer, die kaum mehr richtig Treppen steigen können, die Hände selber waschen oder den Reissverschluss schliessen können, nimmt stark zu. Genauso die Zahl der späten Windelkinder», schreibt Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften und Psychologie, in ihrem Blog. Der Grund liege nicht in der früheren Einschulung von bereits vierjährigen Kindern. Die Erziehung zur Selbstständigkeit sollte bereits im frühen Kindesalter beginnen. Viele Kinder würden jedoch zu sehr verwöhnt, mit drei Jahren im Buggy rumgeschoben, die Treppen hinaufgetragen. Es werde ihnen nicht mehr viel zugemutet und leider immer weniger zugetraut. Klar ist es auch von anderen Faktoren wie der Kita oder den Grosseltern abhängig, ob die Erziehung zur Selbstständigkeit gelingt. Doch für Stamm liegt die Verantwortung der Windelfrage eindeutig bei den Eltern.

Sind späte Windelkinder verwöhnte Kinder? Sind sie das Resultat bequemer Eltern, die den mit der Windelentwöhnung einhergehenden Aufwand scheuen? Fakt ist: Wartet man zu lange, gewöhnt sich das Kind irgendwann an die Windeln. Pipi am Po wird zum Normalfall und nicht mehr als unangenehm empfunden. Zumal die Werbung für einmal ihr Versprechen hält, wenn sie für Super-dry-Windeln wirbt, die jedes Tröpfchen zuverlässig aufsaugen. Für das Kind kann das bequem sein, es muss sein Spiel nicht unterbrechen, um aufs Klo zu gehen. Schwierig, auf eine über Jahre angeeignete Gewöhnung zu verzichten. Und irgendwann geht es vielleicht gar nicht mehr anders.

Babys' Pipi in den Topf

Wie können Eltern aber ihr Kind beim Trockenwerden unterstützen? Rita Messmer, Autorin und Vertreterin der Windelfrei-Methode, die sie heute «Hello Nappy» nennt, rät, Babys bereits im Alter von wenigen Tagen vor dem Wickeln über die Toilette oder den Topf zu halten. «In der ersten sensiblen Phase nimmt das Baby wahr, dass es zum Pipimachen bestimmte Orte gibt. Diese Informationen fliessen in das Gehirn und werden dort vernetzt.» Diese Vernetzungen würden dann für weitere Lern- oder Trainingsimpulse genutzt. Diese frühe Abhalte-Methode sei bis etwa in die 1950er-Jahre völlig normal gewesen. «Es ist altes Wissen, das vergessen gegangen ist», so Messmer (siehe Interview unten). Zwar gibt es bereits Windelfrei-Bewegungen. Doch für viele Eltern ist diese Methode noch fremd oder zu zeitintensiv.

«Das Alter, in dem Kinder bereit sind zum Trockenwerden, ist individuell», schreibt Kinderarzt und Autor Remo Largo in seinem Buch «Kinderjahre». Der richtige Zeitpunkt für das Kind ist dann, wenn es Eigeninitiative entwickelt. Es verzieht sein Gesicht, zeigt durch charakteristische Körperhaltung oder mit Worten, wenn es bereits sprechen kann, dass es muss.
Die Eigeninitiative beginnt im Alter von 12 bis 18, bei den meisten Kindern zwischen 18 und 36 Monaten und verläuft meist parallel mit der beginnenden Darm- und Blasenkontrolle, deren Funktionen nun herangereift sind. Das Kind beginnt, Urin- und Stuhlgang bewusst wahr zu nehmen.
Ein Kind, das die Windeln auszieht und aufs Klo will, den Topf hervorholt und drauf sitzt, das Interesse zeigt, wenn die Eltern oder Geschwister auf dem Klo sitzen, will trocken werden. Jetzt braucht es Eltern, die es in seinen Bestrebungen ernst nehmen und es unterstützen. Es ist der Zeitpunkt, dem Kind zur Selbstständigkeit zu verhelfen. Mit Sätzen wie «du hast ja Windeln an, mach mal einfach dort rein» untergräbt man das Streben des Kindes, selbstständig zu werden.

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