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Beruflicher Wiedereinstieg

Wiedereinstieg in den Beruf nach Familienpause

Nach einer langen Zeit bei Kindern daheim an den Arbeitsplatz zurückzukehren heisst oft, gegen Widerstände ankämpfen – auch innere. Ein Anstoss für Mütter, die wieder ins Berufsleben einsteigen wollen.

Hier soll es nicht um Mütter gehen, die nach einer kurzen Familienpause an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Nicht um Arbeitgeber, die Frauen im gebärfähigen Alter Hürden in den Weg stellen. Nicht um die gläserne Decke, an die hoch qualifizierte Berufsfrauen stossen, erst recht, wenn sie ein Kind geboren haben. Und nicht um antiquierte Zeitgenossen, die uns weismachen wollen, zwischen Job und Familie eine Entscheidung fällen zu müssen.

Es soll um jene Mütter gehen, die sich nach der Geburt von einem oder mehreren Kindern freiwillig einige Jahre um Haushalt und Familie kümmerten. Um dann endlich wieder für ihre Arbeit bezahlt zu werden (vier Mütter erzählen). Und die das Vierteljahrhundert, das bei den meisten bis zum Rentenalter noch vor ihnen liegt, auch nutzen wollen für eine neue Karriere.

Lange Familienpause

Es sind nicht wenige: Laut Schweizerischem Bundesamt für Statistik (BfS) verbringen Mütter durchschnittlich 5,4 Jahre ausserhalb des Arbeitsmarkts, bevor sie wieder eine Stelle annehmen. Wobei die Familienpause bei Schweizerinnen länger dauert als bei Müttern mit ausländischem Pass (5,9 Jahre gegenüber 4 Jahren). Je höher das Bildungsniveau, desto kürzer fällt die Pause aus (Sekundarstufe II 5,9 Jahre, Tertiärstufe 3,9 Jahre). Alleinerziehende Frauen kehren früher in den Job zurück als solche mit einem Partner (4,7 Jahre gegenüber 5,4 Jahren).

Klar ist: Der gesellschaftliche Druck auf Mütter für einen schnellen Wiedereinstieg ist gewachsen. Wer die Rückkehr nicht nach spätestens sechs Monaten (gesetzlich geschützt ist eine Mutter 14 Wochen) schafft, dem drohe der Abbruch der Laufbahn, heisst es. Diese Frauen würden später höchstens noch unqualifizierte Stellen finden, um mit Kleinstpensen finanzielle Brosamen aufzuklauben. Es wird gewarnt vor dem wirtschaftlichen Abstieg bei einer Trennung und einem Krater bezüglich Altersvorsorge.

Leider haben diese Stimmen auch recht. Dennoch: Schwarzmalerei nützt all jenen Müttern nichts, die bereits eine lange Berufspause hinter sich haben. Die mit dem Gedanken spielen, sich doch irgendwann, irgendwie, irgendwo wieder zu bewerben.

Eigenes Geld verdienen

Die Gründe für die Rückkehr in die Erwerbswelt sind vielfältig: Die Lust oder die Notwendigkeit, eigenes Geld zu verdienen; Selbstverwirklichung; die Flucht vor der Decke, die einem auf den Kopf fällt; oder eben: die Erwartungen aus dem Umfeld.

Die grösste strukturelle Hürde für den Wiedereinstieg ist laut einer Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich – nicht überraschend – die Betreuungssituation. Der organisatorische Aufwand, das Gebundensein an beschränkte Bringund Abholzeiten in Krippen, das Fehlen unterstützender Grosseltern oder Arbeitgeber, die dem Partner keine Teilzeitarbeit zugestehen: Das alles lässt viele Frauen das Handtuch werfen, bevor sie überhaupt ernsthaft einen Job suchen.

Der Hausfrauenkomplex

Ebenso schwer aber wiegt bei manchen Müttern der Hausfrauenkomplex. Eine Mauer aus Selbstzweifeln und Selbstentwertung, die manche um sich hochziehen. Die kritischen Fragen an sich selber lauten dann: Wer will mich noch? Bin ich beruflich nicht viel zu weit weg vom Fenster? Kann ich überhaupt noch etwas ausser Rotze putzen, Kuchen backen und Haushalt-Highlights auf Insta posten?

Je länger die Familienphase dauert, desto weniger trauen sich Mütter zu, beruflich wieder durchzustarten. Regula Zellweger, Psychologin und Laufbahnberaterin mit eigener Praxis in Obfelden (ZH), spricht vom fehlenden Selbstwirksamkeitsglauben: «Für den beruflichen Wiedereinstieg braucht es neben einem guten sozialen Netz auch Vertrauen und eine Portion Frechmut.»

Wer innerlich nicht wirklich bereit und von Ambivalenzen zerrissen ist und mit einem lauen «Ja, aber…» und «Eigentlich will ich…» ins Rennen steigt, wird ebenso schwerlich aus den Startblöcken finden wie jene, denen der Status quo im Grunde ganz bequem erscheint. Wer jedoch richtig Lust verspürt, wird die Laufstrecke meistern.

Wiedereinstieg als Familienprojekt

Die Rückkehr in den Beruf darf allerdings nie als Alleingang betrachtet werden, sondern muss ein Familienprojekt sein: «Ist eine Mutter nicht alleinerziehend, muss sieunbedingt den Partner mit ins Boot holen, um Herausforderungen konstruktiv anzugehen », rät Regula Zellweger. Denn Paare, die jetzt nicht über Wünsche und Zukunftspläne sprechen, geraten schnell in einen Strudel aus Vorwürfen und Machtkämpfen.

Eine Chance bietet eine Änderung für beide: «Allenfalls will auch der Partner seinen beruflichen Standort neu bestimmen, den Arbeitsumfang reduzieren oder aufstocken», sagt die Psychologin.

Auch Sandra Zurbuchen rät, den Wiedereinstieg partnerschaftlich anzugehen: «Um nicht in eine Falle zu tappen, muss über Rollenbilder und die eigene Rolle nachgedacht werden», sagt die Beraterin von der Fachstelle UND, die auf Vereinbarkeitsfragen spezialisiert ist. Das Paar muss die Karten mit den wichtigsten Fragen vor sich ausbreiten: Wer ist nach der Schule für die Kinder da? Wie wird die Haus- und Familienarbeit neu aufgeteilt? Dabei müsse man zu Hause etwas abgeben können, betont Sandra Zurbuchen: «Mütter dürfen den Haushalt spätestens jetzt nicht mehr als Einzelunternehmen betrachten.»

Verdeckter Stellenmarkt

Und: Auch die Kinder haben das Recht mitzubekommen, wenn ihr Alltag sich verändert, mitunter der andere Elternteil oder eine Hortnerin künftig das Mittagessen auftischen wird. Eltern sind den Kindern eine altersgerechte Erklärung schuldig.

Sind die Grundpfeiler gesetzt, erfolgt das aktive Vernetzen und Suchen: Dabei können die bestehenden Kontakte aus dem persönlichen wie aus dem digitalen Netz genutzt und ausgebaut werden. Vielleicht hat der Freund einer Kollegin einer Freundin gerade kürzlich von einer vakanten Stelle gehört? Oder es gelingt, durch eine Mutterschaftsvertretung für eine Festanstellung Fuss zu fassen?

Eine Fülle von freien Stellen bieten zahlreiche Jobportale. Doch sinnvoll sei es auch, auf dem «verdeckten Stellenmarkt» zu suchen, rät die Laufbahnberaterin Regula Zellweger: «Häufig werden Stellen gar nicht über die Online-Stellenbörsen ausgeschrieben, sondern ausschliesslich auf der Firmenwebsite platziert.» Diese gehen dann unter der Hand weg, weil Unternehmen gerne Empfehlungen von ihren eigenen Angestellten entgegennehmen. «Es lohnt sich, die Websites der Traum-Arbeitgeber regelmässig abzuchecken.»

Ausdauernde Strategen

Mütter (und Väter) sind Höchstleisterinnen, keine Frage. Sie stehen 24/7 im Einsatz, wuppen den Alltag als Pflegerin, Köchin, Erzieherin – oft alles parallel. Eltern trösten, ermuntern, fördern und fordern. Sie zeichnen sich durch Flexibilität, Zuverlässigkeit und als kluge Konfliktbewältigungsstrategen aus. Sie übernehmen Führungsaufgaben, die auch im Berufsleben gefragt sind.

Aber Achtung: Bei einer Bewerbung sollten Mütter sich nie als «Familienmanagerin» vorstellen. Nie. Fachleute warnen, dass die meisten Unternehmen dafür nur ein müdes Lächeln übrig haben – vermutlich vor allem jene, die von Familienarbeit keine Ahnung haben. Klüger ist es, beim Bewerbungsgespräch Weiterbildungen oder Freiwilligenarbeit hervorzuheben, die eine Mutter während der Elternzeit gemacht hat.

Gerade eine Weiterbildung kann als Sprungbrett zurück in den Beruf dienen. Ob sich eine Kauffrau in einem Kurs mit der neusten Excel-Version vertraut macht oder eine Pflegefachfrau mit Wundmanagement– sie poliert damit ihre Fachkenntnisse auf und erhält ein Gefühl für den neuen Tagesablauf. Zudem trifft sie Gleichgesinnte und hält nach dem Kurs ein für die Bewerbung wichtiges Dokument in den Händen.

Auch Arbeitgeber und HR-Verantwortliche wissen: Frauen, die wiedereinsteigen wollen, treten zwar nicht mit wehender Selbstvermarktungs-Fahne auf. Aber Rückkehrerinnen sind meist hoch motiviert und leistungsbereit. Mütter, auch solche mit einer mehrjährigen beruflichen Auszeit, sind Marathonläuferinnen. Es gibt keinen Grund, die Ausdauerfähigkeit nicht auch auf dem Arbeitsmarkt und gegen Bezahlung zu beweisen.

Oder wie es die Laufbahnberaterin Regula Zellweger nennt: «Das Projekt mit dem tollen Produkt ‹Ich› anpacken».


«Ich will ein Vorbild für meine Söhne sein»

Elin Böhm (42) kommt aus Schweden, wo alle Mütter erwerbstätig sind.

«Nach dem ersten Kind pausierte ich ein Jahr und arbeitete dann drei Jahre lang zu 80 Prozent als Projektleiterin. Nach dem zweiten Kind setzte ich zwar 4 Jahre aus, besuchte aber in der zweiten Hälfte der Berufspause das Weiterbildungsprogramm «Women Back to Business» an der Universität St. Gallen und schloss das Diploma of Advanced Studies in Strategie und General Management an der Executive School der HSG ab.

Im letzten Jahr habe ich zu 60 bis 80 Prozent als Projektleiterin gearbeitet und dieses Jahr bin ich zwischen Januar und Juli sogar zu 100 Prozent angestellt. Ich bin aber froh darüber, kann ich danach wieder auf 60 bis 80 Prozent reduzieren.

Ich war aus drei Gründen motiviert wieder zu arbeiten: Erstens wollte ich wieder mein eigenes Geld verdienen, zweitens mir selber beweisen, dass ich einen Wert auf dem Arbeitsmarkt habe, und drittens möchte ich ein gutes Frauenvorbild für meine Söhne sein.

In Schweden ist es selbstverständlich, dass man auch als Mutter berufstätig ist. So hat sich denn auch niemand von meinen Angehörigen eingemischt, als ich erzählt habe, wieder einsteigen zu wollen. Nur mein Vater hat sich ab und zu Sorgen gemacht, dass ich mir zu viel zumute. Er sagte immer, dass die Kinder viel zu schnell gross werden und die Zeit, wenn sie klein sind, nie zurückkommen werde.

Mein Mann steht voll hinter mir und erwartet, dass ich wieder arbeite und auch finanziell etwas zur Familie beitrage. Ich glaube, dass es für Ehepaare besser ist, einen ähnlichen Alltag zu haben. Sind beide berufstätig, kriegt man ein tieferes gegenseitiges Verständnis füreinander.»


«Ist es mir der Stress wert?»

Sandra Keller (40) suchte eine Stelle mit Homeoffice-Möglichkeit.

«Ich bin kein Heimchen am Herd und vermutlich auch nicht die geborene Mutter. Mir fiel einfach die Decke auf den Kopf. Und weil ich schon immer gerne arbeitete, wollte ich unbedingt wieder einsteigen.

Klar war, dass es nicht der alte Beruf als Heilerziehungspflegerin sein sollte mit all den Wochenend- und Feiertagseinsätzen und den Nachtschichten. Bei der Familiengründung war meinem Mann und mir wichtig, dass wir Zeit für die Kinder haben. Wir wollten sie nicht extern betreuen lassen. Da wir keine Familie in der Nähe zur Entlastung haben, fiel meine Suche auf Homeoffice oder etwas Vergleichbares, wo ich meine Kinder um mich herum hatte. Ich machte mich online auf die Suche und liess mich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) beraten.

Ich entschied mich, eine Ausbildung zur Innen- und Waldspielgruppenleiterin zu machen. Gleichzeitig fand ich eine Stelle im Bereich Marketing in einer Tagesfamilienvermittlungsorganisation (TAO). Als ich die Ausbildung abschloss, wurde mir deren Leitung angeboten und zugleich je in Kleinpensen die Leitung dreier Spielgruppen und eines Minitreffs vom Integrationsnetzwerk. Von Null auf Hundert – nach drei Jahren zu Hause.

Fragen gab es vor dem Wiedereinstieg trotzdem viele: Wo sind meine «Ist es mir der Stress wert?» Sandra Keller (40) suchte eine Stelle mit Homeoffice-Möglichkeit. Kinder in der Zeit untergebracht, wenn ich arbeite? Was, wenn sie krank sind? Wie begleite ich die Grosse in den Chindsgi? Wie bekomme ich alles unter einen Hut? Kinder, Haushalt, Partner, Sozialleben und mich selbst? Ist es mir der Stress und das Geld wert, wieder zu arbeiten? Oder bleibe ich lieber einfach daheim?

Anfangs fühlte ich mich nicht sehr unterstützt bei meinem Vorhaben. Mein Partner war der Ansicht, dass es uns doch gutgeht. Natürlich hatte ich mich während der Familienpause daheim um den Haushalt und auch sonst um alles gekümmert. Alles klar abgemacht und für uns geregelt. Mein Partner brauchte also eine gewisse Zeit, bis er sich daran gewöhnt hatte, dass ich nicht mehr alles übernehmen konnt und wollte. Aber heute wuppen wir das gemeinsam! Meine Freunde und meine Familie standen von Anfang an hinter mir.»


«Finanzielle Unabhängigkeit»

Sandra Hürlimann (40) holte die Berufsmatur nach.

«Nach fünf Jahren Familienpause fing ich an, mich mit meiner Zukunft auseinanderzusetzen. Beruflich wünschte ich mir eine Veränderung. Und weil ich damals bereits 35 Jahre alt war, wollte ich diese möglichst bald angehen. Zuerst holte ich die Berufsmatura nach, dann machte ich ein Vorpraktikum in der Sozialpädagogik und begann Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz zu studieren.

Wirtschaftliche Gründe für den Wiedereinstieg waren vor allem meine Altersvorsorge und die finanzielle Unabhängigkeit von meinem Partner. Aber ich merkte auch, dass der Entscheid, sich komplett aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen, von der Gesellschaft sehr negativ bewertet wird.

Zuerst hatte ich Angst, nicht allen Ansprüchen gerecht zu werden: Kinder, Arbeitgeber, Familienleben, Partnerschaft, Schule – da prallen viele Interessen aufeinander. Aber zum Glück habe ich ein tolles soziales Netzwerk: Meine Eltern übernehmen einen Tag pro Woche die Betreuung der Kinder, eine Freundin und die Mutter des besten Freundes meines Sohnes unterstützen mich regelmässig, mein Partner schaut während meinen übrigen Abwesenheitszeiten zu den Kindern, oft abends, in der Nacht und an Wochenenden. Und: Mein Arbeitgeber gewährt mir fixe Arbeitstage – was überhaupt nicht selbstverständlich ist bei 24 Stunden betreuten Wohngruppen.»


«Die Eltern helfen mit»

Marina Kumli (32) sorgte sich vor dem Wiedereinstieg um ihre Tochter.

«Ich war noch während der Ehe beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) angemeldet und absolvierte dort einen Bewerbungsschreibkurs und Kurse, die mich darin unterstützten, mich gut zu präsentieren.

Nach der Trennung von meinem Mann musste ich dann möglichst schnell wieder Geld verdienen. Dank Vitamin B erhielt ich eine 20-Prozent-Stelle als Mitarbeiterin im Roomservice, die bald auf 60 Prozent, dann auf 80 Prozent aufgestockt wurde.

Obwohl ich mich vom RAV gut gecoacht fühlte, haderte ich und hinterfragte vieles: Werde ich meinem Kind trotz hohem Arbeitspensum gerecht? Kommt es nicht zu kurz? Sieht Finja die Betreuungspersonen irgendwann als Elternteil an? Es sind Fragen, die mich bis heute beschäftigen. Zum Glück gibt mir mein Arbeitgeber an einem fixen Wochentag frei, an dem meine Eltern Finja nicht betreuen können. Ansonsten darf meine Tochter immer bei ihnen sein, sofern sie natürlich keine Schule hat.»

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