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Aus dem Vaterland

«Wie wärs mit Olivia»

OLIVIA

Nomen est omen und deshalb eine schicksalsschwere Entscheidung. Auch Filmemacher Stascha Bader feilschte mit seiner Frau um den richtigen Namen.

«Wie findest du Sandra? », frage ich hoffnungsvoll. Sie: «Dann werden sie alle Sandy nennen, wie die Hauptperson dieser billigen amerikanischen Soap.» – «Was hältst du von Eliane? » – «Das wird sicher verhunzt werden zu Eli.» Ich liess enttäuscht das dicke Vornamensbuch sinken, das die Lieblings-Bettlektüre von meiner Frau und mir geworden war. Das kleine Wesen im Bauch meiner Allerliebsten war nun schon sieben Monate alt, umgekehrt gerechnet hiess dies: Es dauerte noch zwei Monate bis zur Geburt. Der Countdown lief. Und wir hatten uns immer noch nicht auf einen Vornamen einigen können!
Wir starteten Umfragen bei unseren Bekannten. Das Heikle an der Angelegenheit war, dass wir das Geschlecht unseres zukünftigen Kindes zwar kannten, es aber niemandem verraten wollten. Deshalb fragten wir immer nach beiden Geschlechtern. Mein bester Freund, den ich vor Jahren zum Namen seines Sohnes inspiriert hatte, machte mir Vorschläge: «Fritz? Max? Kurt?» Ich nickte scheinbar prüfend, warf sie aber gedanklich unbesehen in den Papierkorb, da männlich. Die zweite Serie war spannender: «Barbara? Claudia? Olivia?»
«Wie wärs mit Olivia?», fragte ich beim Abendessen meine Ehefrau, «die vielen Vokale, o-i-i-a, tönt das nicht musikalisch?» – «So hiess eine sehr unsympathische Schulkollegin von mir», bemerkte sie trocken. «Ausserdem wollen wir dem Kind ja nicht ein Lebensmittel als Namen geben», fügte sie hinzu und pickte eine Olive aus dem Glas. «Warum nicht? Im Serbischen zum Beispiel gibt es eine ganze Reihe von Vornamen, die aus dem Pflanzenreich stammen: Dunja heisst Quitte, Ruža heisst Rose, Višnja heisst Himbeere.» Damit waren wir beim nächsten schwierigen Thema gelandet: beim Kulturkreis.
Noch einen Monat bis zur Geburt. Sollten wir einen Namen wählen, der eher aus der slawischen oder germanischen Ecke kommt? Immerhin waren wir uns einig, dass wir Gudrun oder Irmgard wenig melodisch fanden. Also wieso nicht etwas Exotisches? Viele unserer Freunde haben Kinder mit Namen wie Bao, Daina, Imee. Wir brüteten bis tief in die Nacht hinein über unserem Buch, forschten auf Webseiten, wo wir erfuhren, dass «Abbey» die Kurzform von Abigail ist und «Freude des Vaters» bedeutet. Wir arbeiteten uns nicht nur durch die alttestamentarische Welt, sondern auch durch die griechisch-römische, sumerische, babylonische, assyrische, hinduistische und ägyptische, ohne in der neuen Welt die Mayas, Tolteken und Azteken zu vergessen. Schliesslich schalteten sich unsere Verwandten ein und schlugen vor, bei der Namensgebung verstorbene Grosseltern oder gleich sich selber zu verewigen. Das hatte uns gerade noch gefehlt.
Und endlich war er da, der lang ersehnte Tag der Niederkunft. Wir packten die Shortlist unserer Lieblingsnamen ins Handgepäck fürs Spital. Jeden fanden wir schön, doch wollten wir uns erst definitiv entscheiden, wenn wir unser Baby gesehen hatten. Sehr bald war klar, welcher Name passte. Uff! Doch nun begann das Rätselraten nach der Schreibweise. Sofia? Sophia? Sofija? Sofi? Wir liessen uns noch ganze drei Tage Zeit und entschieden uns für einmal fürs Einfache, nämlich für die klassische Schreibweise Sophia – und haben die Wahl bis heute nicht bereut!

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