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Umelthelden-1647

Umwelterziehung

Wie Kinder Naturschutz lernen

Auch Kinder wollen sich für die Natur starkmachen. Dazu brauchen sie Wissen. Eine Müllsammeltour mit Kids durch einen Innerschweizer Wald.

Leo (6) stürmt voraus, stolpert über Wurzeln, bleibt im Gestrüpp hängen, bückt sich und schwingt triumphierend eine weggeworfene PET-Flasche über seinem Kopf. «Das ist Müll, leg es in den Sack!» fordert Faye (8) Leo auf. Sie geht gleich hinter dem Jungen mit der blauen Dächlikappe und streckt ihm die Einkaufstüte entgegen.

An diesem Samstag durchstreifen Leo, Lisa, Mailin, Björn und Faye ein Waldstück bei Kerns (OW) und klauben Abfall zwischen bemoosten Steinen und aus Sträuchern hervor. Einen halben Tag lang üben sie, die Welt zu retten. Oder zumindest ganz viel über Nachhaltigkeit zu lernen.

Dass die jungen Müllsammler* innen dabei unter pädagogischer Anleitung stehen, ist ihnen gar nicht so klar. Aber der erzieherische Mehrwert kann ihnen auch gestohlen bleiben, denn in erster Linie fesselt die Action. Und Sonja Krummenacher (29) versteht es bestens, die kleinen Umwelthelden ganz unverdächtig in ihren Bann zu ziehen. Mit schauspielerischem Talent liest sie ihnen zwischendurch zum Thema passende Bilderbücher wie «Willibarts Wald» oder «O weh! O Schreck! Der Dreck muss weg!» vor, oder treibt die Kids zum Entdecken weiterer Fundstücke an.

Müll in der Natur

«Eine Zahnbürste!», rufen Lisa (7) und Björn (6) jetzt gleichzeitig – und rümpfen synchron die Nase: «wääk, gruisig!» Egal, das Zahnbürsteli fliegt in die Sammeltasche zu Getränkedosen, Taschentüchern, Alufolie, Abwaschbürste, Plastiksäcken. Alles Unrat, der nicht in den Wald gehört. Zugegeben, den Müll hat eine halbe Stunde zuvor Sonjas Mann Michael (31) rund um das idyllische Plätzchen im Dickicht ausgelegt. Denn erstens ist das etwas versteckte und mit einer Feuerstelle eingerichtete Waldstück wegen vorangegangener Kurse schon müllfrei. Und zweitens verantwortet Sonja die Gesundheit der Kinder: «Sie könnten sich an Glasscherben, scharfen Kanten oder rostigem Schrott verletzen – deshalb schummeln wir halt bisschen.»

Giftige Schlacke

Dem pädagogischen Wert tut der Fake keinen Abbruch. Denn als die kleinen Naturschützer*innen den gesammelten Kehricht jetzt auf die grosse Decke auf dem noch feuchten Waldboden kippen, stimmt der Mix an Wiederverwertbarem und Restmüll. Die Kinder hocken sich um den Haufen und beginnen die Materialien unter Sonja Krummenachers Anleitung zu sortieren. Gar nicht so einfach. «Was machen wir mit der Cola-Dose?», fragt Sonja in die Runde. «Ähm – zum Metall legen?», zögert Mailin (8). «Richtig! Die Dose kommt zusammen mit der Alufolie zum Aluminium.»

«Und wohin gehört das gebrauchte Nastüechli?», fragt Sonja weiter. «Zum Altpapier?», schlägt Björn schüchtern vor. Sonja Krummenacher erklärt, sie würde das Schnudderlümpchen doch eher im Restmüll entsorgen. Papier ist eben nicht zwingend Papier.

Auch beim Plastik gibts Auflärungsbedarf: Selbst wenn Plastiksäcke noch so zerfleddert aussehen – in der Natur verrotten sie nicht. Und aus PET-Fläschchen können zwar wieder neue Flaschen entstehen – aber nur aus dem durchsichtigem und blauen PET, und nur 20-25 Mal. Danach endet auch dieser Kunststoff als dunkle, giftige Schlacke in der Kehrichtverbrennungsanlage.

Nachhaltiger Lebensstil

Sonja Krummenacher brennt für die Natur und für Nachhaltigkeitsthemen. Deshalb hatte sie nach ihrem Studium der Philosophie und Erziehungswissenschaften in Bielefeld auch gar nichts dagegen, zu ihrem Liebsten ins ländliche Voralpengebiet am Sarnersee zu ziehen.

Doch auch umgeben von Magerwiesen, Schafen und Bergkämmen erreichten sie die Meldungen der Klimakrise. Davon habe sie sich manchmal erschlagen und gelähmt gefühlt – «bis ich merkte, dass ich mit einem nachhaltigeren Lebensstil auch in meiner Familie einen Beitrag zum Umweltschutz leisten kann.» Seither ist nicht nur der heimische Mülleimer weniger überfüllt, es bleibt auch mehr Geld im Portemonnaie. Denn es ist günstiger, die Kleider zu flicken, Secondhand-Jacken einzukaufen und statt zehn Shampoo- und Duschmittel nur noch zwei Stück zu brauchen.

Kindern Lösungen geben für Klimakrise

Weil aber die Energie und Lebenslust der jungen Mutter – ihre Kinder sind 7 und 4 Jahre alt – zu weit mehr reicht, als bloss in den eigenen vier Wänden das gute Gewissen zu füttern, gründete sie flugs Zero Waste Innerschweiz und begann zu Umweltthemen zu bloggen. Zudem leitet sie Workshops unter anderem an der Nachhaltigkeitswoche Luzern und ist Vorstandsmitglied des Vereins «Natur und Umwelt Nid-Obwalden» mit dem Programm «Naturiamo» für Kinder (und Erwachsene).

Da Kinder am stärksten betroffen sind von der Klimakrise, möchte sich Sonja in erster Linie um sie kümmern: «Ich will sie nicht blindlings reinlaufen lassen in die bedrückenden Szenarien der Zukunft, sondern sie begleiten und ihnen Werkzeuge für Lösungen mit auf den Weg geben.»

Basteln statt entsorgen

Zum Beispiel Ideen, wie Dinge vor der Entsorgung gerettet werden können. Deshalb stehen Leo, Lisa, Mailin, Björn und Faye nun vor der Wahl, aus einer Milchtüte ein Vogelhaus zu basteln, ein Blumentöpfchen aus einer PET-Flasche, oder ein Teelicht aus einem Confi-Glas zu werkeln. Ersteres schliesst Björn aus: «Meine Katze mag keine Vögel!» Also bitte kein Vogelhaus im Garten. Reizvoller findet er, die untere Hälfte eines PET-Fläschchens bunt zu bemalen, mit Erde zu füllen und mit Samen für essbare Blumen zu bepflanzen.

Sonja Krummenacher will die Kinder dazu animieren, vorausschauend und vernetzt zu denken, das Bewusstsein für die Zusammenhänge zu schärfen: «Holz verrottet vielleicht in der Natur – Plastik aber tut es nicht», erklärt sie den Kids. «Fressen Tiere plastifizierten Abfall, erkranken oder sterben sie.»

Wer Kinder hat tut mehr für die Umwelt

Es ist kein Zufall, dass sich Sonja als junge Familienfrau für die Umwelt einsetzt. Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt mehr wert als Männer darauflegen, etwas für den Umweltschutz zu tun. Und Menschen mit Kindern engagieren sich stärker für eine intakte Umwelt als solche ohne. Logisch: Eltern denken in die Zukunft – denn sie wollen nicht am Ast sägen, auf dem ihre Kinder und Enkelkinder sitzen.

Auch Sonja Krummenacher sägt so wenig als möglich am Ast der Zukunft. Dennoch liegt ihr nichts ferner, als moralinsauer den Finger in die Luft zu strecken: «Wenn andere mit einem Glas voller Abfall pro Jahr bluffen, schreckt mich dieser Eifer und Fundamentalismus ab», sagt sie und kraust die Stirn. «Nicht jede Familie kann sich Bio leisten.» Deshalb will sie dort mit Umweltschutz ansetzen, wo es Spass macht.

Davon hatten die fünf Mädchen und Buben die vergangenen Stunden jede Menge. Bloss: Nach Abfalljagd, Materialienkunde und Upcycling-Meisterwerkeln knurrt jetzt der Magen. Das Feuer lodert, die zugeschnitzten Äste fürs selbstgemachte Schlangenbrot liegen bereit, Cervelats gibts keine. Die kleinen Umwelthelden wissen auch, weshalb. Dafür schmecken die gerösteten Marshmallows zum Dessert doppelt gut!

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