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Introvertierte Kinder

Wie introvertierte Kinder ticken

Introvertierte Kinder haben es nicht leicht: Schule und Gesellschaft empfinden sie als zu still, zu schüchtern, zu unsichtbar. Sie wollen in sich gekehrte Kinder ändern. Das ist Blödsinn. Eine Fürsprache für die Stillen.

«Annouk* macht es gut! Sie ist sehr gewissenhaft», lobte die Kindergärtnerin im Elterngespräch. Sie könne sich erstaunlich lange in die gestellten Aufgaben vertiefen, halte sich an die Regeln und spiele rücksichtsvoll mit ihren Gspänli. Bloss: «In einer grösseren Gruppe hat sie ein Problem. Sie streckt nie auf, macht kaum mit. Es wäre gut, wenn sie sich mehr melden würde.»

Ihre Eltern sind über die Einschätzung der Kindergärtnerin nicht erstaunt. Zwar sind Annouk und ihr jüngerer Bruder Lars zu Hause auch mal übermütig und laut, hüpfen auf ihren Betten herum oder geraten sich in die Haare. Schon sehr früh zeigten sie aber eine Vorliebe für ruhige Tätigkeiten. Liebten es zu malen, zu zeichnen, stundenlang Puzzles zu machen. «In einer grösseren Gruppe ist beiden oft sichtbar unwohl», sagt Jasmin, die Mutter der beiden. «Gibt es in den Ferien oder in einem Hotel ein Kinderprogramm, wollen sie sich der Kindergruppe fast nie anschliessen.»

Was ist Introversion?

Jasmin weiss es schon lange: Ihre Kinder sind introvertiert. Genau wie sie selber auch. Der Begriff Introversion geht auf den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung zurück und stammt aus den 1920er-Jahren. Laut Jung wenden introvertierte Menschen ihre Aufmerksamkeit und ihre Energie stärker nach innen, während sich extrovertierte mehr nach aussen orientieren. In Gruppen oder in grösseren Menschenansammlungen neigen Introvertierte eher zum Beobachten als zum Handeln. Sie ziehen Gespräche zu zweit oder in kleiner Runde dem Bad in der Menge vor. Nach einer gewissen Zeit unter Leuten fühlen sie sich erschöpft oder ausgelaugt und haben das Bedürfnis nach Rückzug und einer ruhigen Umgebung.

Während Introversion und Extraversion für Jung ursprünglich wertfreie Begriffe waren, haben die eher ruhigen und in sich gekehrten Menschen in den letzten Jahrzehnten Punkte verloren. Wer heute eine grosse Klappe hat, dem hört die halbe Welt zu, auch wenn dabei in manchen Fällen wenig Verantwortungsbewusstes herauskommt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Meistens mögen wir sie, die wortgewandten Alphas, schlagfertigen Unterhalter und risikofreudigen Macherinnen, denn sie sorgen für aufgekratzte Stimmung und für Lebendigkeit. «Es braucht aber auch die aufmerksamen Zuhörerinnen, die besonnenen Denker und ausdauernden Umsetzerinnen», sagt Susanne Schild, Personalfachfrau und Mutter, die sich die Sensibilisierung für Introversion zur Aufgabe gemacht hat.

Extrovertierte sind beliebt

Allerdings scheint sich heute die Überzeugung durchzusetzen, dass erfolgreicher durchs Leben kommt und glücklicher ist, wer sich extrovertiert verhält. Wer sich gut verkaufen kann, kontaktfreudig, schlagfertig und gesellig ist. Schild sagt, das setze die Zurückhaltenden und Ruhigen unter Druck, vor allem im Kindesalter. Sie bekommen das Gefühl, dass etwas nicht stimmt mit ihnen, dass sie anders, lauter, fröhlicher sein sollten. «Menschen, die extrovertiert veranlagt sind, fällt es schwer, Introvertierte zu verstehen und sie neigen zur Ansicht, diese seien ‹schwierig› oder ihr Verhalten sei ‹nicht normal›», sagt Brigitte Stirnemann, Dozentin und Beraterin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, Paar- und Familienberaterin mit eigener Praxis.

Introvertierte Kinder und Erwachsene leiden denn auch nicht in erster Linie unter ihrem stillen, nach innen gekehrten Temperament, sondern vielmehr unter den verständnislosen, bisweilen verletzenden Reaktionen des Umfelds.

Als kleines Mädchen gab Lili fremden Menschen nicht gerne die Hand, beobachtete lieber, als dass sie etwas sagte oder versuchte sich hinter ihrer zwei Jahre älteren Schwester zu verstecken. «Lili hat halt Hemmungen», gab die Schwester altklug zum Besten; die Lacher der Erwachsenen trieben Lili die Schamröte ins Gesicht. Später, in der Schule, erhielt das Mädchen gute Noten und die Lehrerin rühmte ihr folgsames Verhalten. Im Schulbericht wurde Lilis ruhige, bisweilen schüchterne Art aber negativ bewertet. Lili mied das Reden vor der Klasse, vor allem weil sie immer knallrot anlief. Und lernte, dass nicht nur mit den zu lauten Schülerinnen und Schülern etwas falsch war, sondern auch mit den zu leisen.

Schüchternheit ist erlernt

Während Introversion und Extraversion Veranlagungen sind, die sich nicht ablegen lassen, weisen Entwicklungspsychologen heute darauf hin, dass Schüchternheit eine erlernte Eigenschaft ist, die auf negativen Erfahrungen basiert und alle betreffen kann: Die Kinder haben Angst vor dem abfälligen Urteil anderer und sind deshalb in sozialen Situationen gehemmt. Extrovertierte und introvertierte Kinder können schüchtern werden, etwa wenn man sie zu etwas drängt, das ihnen nicht entspricht oder weil man ihnen nicht die Zeit lässt, die sie brauchen, um sich an neue Situationen zu gewöhnen.

Auf die Frage, was ihr damals als Kind geholfen hätte, sagt Lili: «Ich hätte mir gewünscht, in meinem Wesen gesehen und akzeptiert zu werden, wie ich bin.» Wie schwierig das sein kann, wurde ihr klar, als sie feststellte, dass ihr erstes Kind ein ebenso zurückhaltender Beobachter war, wie sie es gewesen sein musste. Ihr Sohn brauchte deutlich länger als sein gleichaltriger Freund, bis er sich im Gemeinschaftszentrum traute, alleine die Spielecke zu entdecken. Unbewusst entwickelte Lili eine subtile Ablehnung gegen ihn, die ihre Beziehung während vieler Jahre belastete. Die Blockade konnte sich erst lösen, als ihr bewusst wurde, dass sie im Prinzip mit sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen haderte.

Introversion ist teils vererbt

Auch Jasmin empfand es lange Zeit als Bürde, introvertiert zu sein. Zwischen 20 und 25 litt sie an sozialer Phobie und wagte sich kaum aus dem Haus. Angst- und Zwangsstörungen schränkten sie zuweilen stark ein. Sie sagt, noch heute komme es sehr aufs Umfeld an, ob sie rede oder nicht, sich wohlfühle oder nicht. Wenn sie an ihre zurückhaltenden, ein bisschen verträumten und sensiblen Kinder denkt, fragt sie sich: «Mache ich mein Thema zu ihrem?» Manchmal plagen sie Schuldgefühle. Das gehe fast allen Eltern so, wenn sie merkten, dass ihr Kind die gleichen Schwierigkeiten hätten wie sie, sagt Brigitte Stirnemann: «Womit man selber kämpfte oder noch immer Mühe hat, das wünscht man seinem Kind nicht. Ganz besonders wenn man den gesellschaftlichen Anspruch spürt, anders zu sein.»

Es sei hilfreich, anzunehmen, dass Introversion ein Stück weit genetisch verursacht sei, sagt die Psychologin: «Das hilft, das Kind anzunehmen, wie es ist.» Ausserdem seien diese Eltern Spezialisten auf dem Gebiet. Sie wissen aus eigener Erfahrung, was einem introvertierten Kind schadet, was ihm guttut, wo es Unterstützung braucht, ganz besonders wenn es noch klein und verletzlich ist. Das ist auch bei Jasmin so: «Ich musste lernen, meine Arbeit und meine Freizeit so zu gestalten, dass ich genügend Ruhe habe und Zeit alleine verbringe, damit es mir gut geht. Das versuche ich den Kindern mitzugeben.»

Kommen die beiden von Schule und Kindergarten heim, sind sie froh, wenn sie sich zuerst eine Weile alleine beschäftigen können und nicht gleich weiter müssen zum nächsten Termin, auf den Spielplatz oder in den Flötenunterricht. Manchmal wartet Jasmin sogar mit dem Mittagessen, um den Kindern genügend Erholungszeit zu gönnen. «Kommen sie dann an den Tisch, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass es weder Streit noch Drama gibt.»

Introvertierte nicht unter Druck setzen

Trotzdem fragt sie sich immer wieder mal, wie gut es ihnen geht. Seit Annouk in der Schule ist, wirkt sie deutlich entspannter. Die Lehrerin lässt sie sein, wie sie ist, und setzt sie nicht unter Druck. Beide Kinder erzählen zu Hause wenig, schon gar nicht, was sie bedrückt. «Ich mache mir Sorgen, dass ich etwas versäume, dass ich nicht mitkriege, wenn sie Hilfe brauchen», sagt Jasmin.

Brigitte Stirnemann empfiehlt Eltern von stillen Kindern, Problembereiche anzusprechen, jedoch einen Gesprächsstil zu erlernen, der nicht konfrontativ ist und nicht Fragen zu stellen, die man mit ja oder nein beantworten kann. Die Eltern können fragen: Wie war das für dich? Warst du sehr traurig? Oder: Ich kann mir vorstellen, dass dich das sehr wütend macht.

«Weil Introvertierte oft lieber schriftlich als mündlich kommunizieren, können Eltern von grösseren Kindern auch versuchen, schriftlich mit ihnen in Kontakt zu bleiben», regt Susanne Schild an. «Das klingt seltsam, kann aber durchaus funktionieren.» Gift für stille Kinder sind Sätze wie «Komm mehr aus dir heraus!» oder «Geh doch raus und spiel mit den anderen!» Sie kritisieren nicht das Verhalten des Kindes, sondern seine Wesensart.

Mittlerweile gibt es verschiedene Bücher und Blogs, die sich mit dem Selbstverständnis der Introversion befassen. Die bekannteste Fürsprecherin für stille Menschen ist die amerikanische Anwältin Susan Cain, deren TedTalk zu den Stärken der Introvertierten von einem Millionenpublikum geschaut wurde. Ja, ruhige Kinder und Erwachsene sind nicht nur genaue Beobachter, sondern oft auch empathische Zuhörer und Ratgeber. Sie sind vertrauenswürdig, haben eine differenzierte Selbstwahrnehmung und orientieren sich mehr an immateriellen Werten als an Statussymbolen. Susan Cain wünscht sich deshalb: «Die nächste Generation der ruhigen Kinder soll und wird mit dem Wissen um ihre Stärken aufwachsen.»

*Alle Namen von Betroffenen und ihren Angehörigen geändert.

Ist mein Kind introvertiert? Der Test

Introvertierte Menschen

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