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Familie / Allein mit Papa

Wenn Mama geht

Tochter und Vater als Illustration

Was geschieht mit Kindern, deren Mütter die Türe hinter sich zuziehen und nicht wiederkommen? Laura Fischer* ist 19 Jahre alt. Sie erzählt, wie das Leben auch ohne anwesende Mama weiterging.

Es ist schon vier Jahre her. Vor vier Jahren ist meine Mama von zu Hause ausgezogen. Wir sassen am Tisch und unsere Eltern erklärten mir und meinen zwei jüngeren Brüdern, dass sie sich trennen und wir bei unserem Papa wohnen werden. Ob das ok für uns sei? – Ja, es war ok. Tief in uns drin wussten wir drei Teenies, dass es das Richtige für uns war.

Und dann war sie weg. Nicht weit weg, wir sehen sie ein-, zweimal in der Woche. Aber sie ist halt nicht mehr zu Hause und das ist nicht das Gleiche. Fast alle Leute reagieren gleich auf unsere Situation. Alle fragen nach, wieso wir bei unserem Papa wohnen und nicht bei unserer Mama. Die meisten denken wohl, dass eine grosse Tragödie mit im Spiel sein muss, aber so ist es nicht. Meine immer gleiche Antwort auf die immer gleiche Frage ist: «Einfach.» Das Verständnis der Gesellschaft für eine Mama, die freiwillig geht, ist sehr beschränkt. Dafür wächst meins für alleinerziehende Väter von Tag zu Tag mehr.

Ein Giftzwerg

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Auch ich habe zwei Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Ich war 15. Und ich konnte nicht einfach tatenlos zu Hause rumsitzen, während mein Papa heldenhaft versuchte, unseren Alltag, den Haushalt und unser turbulentes Leben zu managen. Ich musste ihm helfen. – Und so steigerte ich mich in Hausarbeit und Seelenklempnerei, während ich mein Teenagerleben sang- und klanglos an mir vorbeiziehen liess. Niemand hat das von mir erwartet, ausser ich selbst. Ich setzte mich selber enorm unter Druck und das war das Problem. Meine Brüder lebten weiter in den Tag hinein und liessen ihre ganzen Sachen herumliegen, während ich mich tierisch darüber aufregte und trotzdem immer für sie da sein wollte, für sie da war. Ihnen durfte nichts fehlen und deshalb versuchte ich, unsere Mama zu ersetzen.

Irgendwann nahm mich meine Oma zur Seite und bat mich, nicht so respektlos und gemein zu meiner Mama zu sein. Zuerst bin ich gar nicht richtig draus gekommen, aber dann fiel es mir selber auf. Ich war ein richtiger Giftzwerg, ich war so dermassen sauer auf sie, dass sie mich einfach mit ihrem Leben zurückgelassen hat und ich jetzt den Laden schmeissen musste. Aber ganz so war es ja nicht. Ich gab ihr einfach die Schuld für alles. Richtig Halt fand ich nirgendwo. Wie denn auch? Meine Freundinnen mussten zu Hause keinen Finger krümmen, sie hörten mir zwar zu, verstanden aber nur Bahnhof, wenn ich ihnen von meinem Familienalltag erzählte. Deshalb konnte ich in dieser Zeit nicht mal mit ihnen viel anfangen.

Er hat jetzt eine Freundin

Zuflucht fand ich höchstens im Fussball, aber selbst dort gingen meine Ambitionen den Bach runter. Zu Hause lief es nach wie vor nicht so rosig und ich haderte damit, dass mein Mami nicht da war. Wobei, zugegeben hätte ich das wohl nicht.

Eine Jugendberaterin kam auf die wunderbare Idee, dass ich und meine Mama doch einen gemeinsamen Abend pro Woche auf die Beine stellen könnten. So simpel es klingt, es ist zuvor niemand darauf gekommen. Ich fühlte mich zwar die ganze Zeit vernachlässigt und überfordert, aber irgendwie kam es mir nicht in den Sinn, etwas an der Situation zu ändern. Dieser Mami-Laura-Abend pro Woche war Goldwert. Endlich hatte meine Mama wieder einmal nur Zeit für mich. Meine Brüder konnten mir an diesem Abend gestohlen bleiben. Es dauerte wieder eine ganze Weile, aber allmählich pendelte sich unser neues Leben ein. Langsam konnte ich hinter dem Entscheid meiner Mutter stehen und mit der Zeit lernte ich, dass mein Vater auch ganz gut ohne mich zurechtkommt, und dass es nicht meine Aufgabe ist, erst mal die ganze Küche sauber zu machen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Vor allem dann nicht, wenn meine Brüder vor dem Fernseher sitzen und gamen. Manchmal beschwere ich mich bei meinem Vater darüber. Aber dann kommt immer die gleiche Antwort: «Laura, das sind Jungs.» – Oder: «Levin ist ein Jahr jünger als du, der sieht das einfach noch nicht.» Das macht mich jedes Mal aufs Neue sauer. Ein Jahr jünger? Aber hallo! Diese Ausreden bringt mein Papa schon seit vier Jahren und mein Bruder sieht es wohl auch in zehn Jahren noch nicht.

Auch meinem Papa geht es gut und deshalb geht es auch mir vielbesser als noch vor vier Jahren. Seit über einem Jahr hat er eine Freundin. Viele denken, dass ich Mühe mit ihr habe, weil sie doch so etwas wie eine Konkurrenz für mich ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Dass sie für meinen Papa und uns da ist. Und dass sie als Erstes zu mir gesagt hatte: «Es ist nicht deine Aufgabe, die anderen müssen für sich selber schauen, du sollst dein Leben leben.»

Meine Freundinnen verstanden nur Bahnhof, wenn ich von meinem Familienalltag erzählte.

Mama als Besucherin

Manchmal wünsche ich mir, meine Mama kehre zurück nach Hause. Zum Beispiel, wenn ich einfach ein bisschen plaudern will. Oder ihr von einer guten Note erzählen. Wenn es mir nicht so gut geht und ich sie zuerst anrufen muss, um ihr mein Herz auszuschütten, dann macht das alles gleich noch ein bisschen schlimmer. Und wenn sie aus welchem Grund auch immer mal wieder bei uns ist, dann fühlt sich das ganz komisch an. Wenn sie so in meinem Zimmer steht, als Besucherin.

Trotzdem, das ist unser Weg. Ich bin stolz auf meinen Papa und frage mich, ob meine Freundinnen auch so eine enge Beziehung zu ihrem Vater haben, wie ich zu meinem. Wohl nicht. Das mit meiner Mama habe ich auf die Reihe gekriegt, wie auch das Leben mit meinen drei Männern. Mein Papa macht das ganz schön gut und manchmal nerve ich mich, wenn immer alle nur von alleinerziehenden Müttern reden. Deshalb verzeihen wir jetzt einmal allen Mamis, die gingen (weil wir es auch bei allen Papis tun) und applaudieren all den alleinerziehenden Papas da draussen.

*Namen geändert

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