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Familie / Digital

Watschen auf Facebook

Screenshots aus facebook und Messengern

Mamagruppen auf Facebook liefern rund um die Uhr Rat und Tat. Heiter und freundlich. Bis die Rede aufs Impfen kommt, aufs Stillen oder einen geplanten Kaiserschnitt. Dann gibts statt digitaler Liebe Hiebe.

Annette Saloma-Huber

Annette Saloma-Huber

In meine erste Mamagruppe auf Facebook kam ich vor etwa drei Jahren durch eine Freundin. Ich wollte mich mit Müttern austauschen und von anderen Erfahrungen profitieren. Meine Tochter stand damals so früh auf, dass meine Schmerzgrenze erreicht war, also fragte ich nach Rat. Und bekam eine ganze Palette von Tipps – von Mittagsschlaf streichen über später bis zu früher ins Bett. Der einzige, der half: Die Situation einfach akzeptieren.

In Mamagruppen trifft man Mütter aus allen sozialen und kulturellen Schichten. Ungelernte Hausfrauen sind ebenso vertreten wie Akademikerinnen, Kirchengängerinnen oder Besucherinnen von Swinger Clubs. Die Bandbreite der Themen ist so vielseitig wie die Mütter, die hier diskutieren. Frauen, die sich noch nie im Leben begegnet sind, reden über Schwangerschaftsbeschwerden, den Umgang mit Trotzanfällen oder Eheproblemen. Mit der Zeit begriff ich, dass bei Themen wie Impfen, Stillen oder Schlafen nur noch Popcorn holen hilft – der Streit ist vorprogrammiert.

«Bei manchen Menschen frage ich mich, wo sie waren, als das Hirn verteilt wurde», steht unter dem Post einer Mutter, die wissen will, ob sie gegen Starrkrampf impfen lassen soll. «Und wo warst du, als uns Respekt beigebracht wurde?», ist eine Antwort. «Du bist total egoistisch», wird einer Mutter an den Kopf geworfen, die sich einen geplanten Kaiserschnitt wünscht. «Wie dumm muss man sein!», schreibt eine andere, weil eine Alleinerziehende bei einem One Night Stand schwanger wurde. «Müsst ihr sie jetzt auch noch fertig machen?», gibt eine dritte zurück. Der Kommentar, der immer passt: «Soll es doch jede so machen, wie sie will.» Oft frage ich mich, ob diese Frauen auch so miteinander reden würden, träfen sie sich im richtigen Leben.

Die meisten sind zwar stille Mitleserinnen und manche kommentieren bloss ab und zu, andere aber legen ihr ganzes Leben offen. Ob sie gerade ihre Babies füttern oder wickeln, ihr Mann fremdgeht, oder sie mit dem Kind im Notfall des Kinderspitals sitzen – Tausende wildfremde Mütter dürfen daran teilhaben. Einige sind so aktiv, dass man sich wundert, wo ihre Kinder sind, während sie auf Facebook jeden Post kommentieren.

Offline-Treffen

Ich möchte sie nicht missen, meine Facebook-Gruppen, auch wenn sie mir manchmal vorkommen wie eine Telenovela. Nicht zuletzt, weil ich einige tolle Frauen kennengelernt habe, mit denen ich mich nun auch im wirklichen Leben treffe – hier ist Tratschen und Lachen doch einiges nahrhafter als via Facebook.


Über 7000 Mütter

Linda Santos hat 2011 die Diskussionsgruppe «Von Mami zu Mami» gegründet: «Es gab damals Verkaufsgruppen, in denen vom Windeleimer bis zur Milchpumpe alles erhältlich war. Manchmal wurden Fragen zur Kindererziehung gestellt. Doch das kam bei den Administratoren nicht gut an», erinnert sich die Mutter eines 6-jährigen Sohns, die mit ihrem Mann in Zug lebt. Sie machte sich schlau und fand heraus, dass es noch keine Diskussionsgruppe gab – also rief sie ihre eigene ins Leben. Mittlerweile hat die Gruppe über 7000 Mitglieder und ist die grösste Schweizer Müttergruppe auf Facebook. «Wir sind eine grosse Gemeinschaft: organisieren Treffen, trösten, unterstützen und beraten einander, fiebern bei Geburten mit und beschenken uns, und das nicht nur in der Adventszeit.» Übrigens unter Ausschluss der Männer. Weil sie sich unter Frauen wohler fühlten und intimere Dinge besprochen werden könnten, als wenn Männer dabei wären, erklärt Santos. «Zudem diskutieren wir oft Beziehungsfragen, da möchte man nicht, dass der eigene Mann oder sein Kollege mitliest.» Auch Pädophile wolle man so draussen halten, da viele Kinderfotos gepostet würden.

Artikel wurde 2015 publiziert.

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