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Pädophilie

Warum wir über Pädophilie reden müssen

Monika Egli-Alge therapiert Männer mit pädophilen Präferenzen, die keine Täter werden wollen.

Frauenfeld, Zürcherstrasse 149. Unscheinbar, zwischen den Schaufenstern einer Drogerie, liegt in einer Mauernische eine grüne Eingangstür. Diese Tür führt zum Forensischen Institut Ostschweiz, kurz forio genannt. Wer hierher kommt, hat eine spezielle Geschichte. Neben Jugendlichen und Erwachsenen mit Gewaltproblemen sind es Pädophile, «Menschen mit der sexuellen Präferenz-Besonderheit Pädophilie», wie sie in der Fachsprache heissen. Sie kommen ins forio, weil sie Täter sind, denen ein Richter eine Therapie verordnet hat. Doch es gibt noch eine andere Gruppe Klienten: Pädophile, die freiwillig kommen und sich helfen lassen wollen.

Im Warteraum, auf dem Nebenstuhl, sitzt ein Mann in gestreiftem Hemd. Gedanken drehen im Kopf: Ist das ein Pädophiler? Oder ein Sexualstraftäter? Oder ist er der Buchhalter des forio? «Es gibt keine Merkmale, die einen Menschen mit pädophiler Präferenz erkennen lassen», sagt forio-Leiterin Monika Egli-Alge, Psychologin für Rechts- und Psychotherapie. «Es sind Menschen wie du und ich.» Und sie sagt: «Wir müssen über Pädophile reden.»

wir eltern: Monika Egli-Alge, Pädophilie verursacht in Eltern Gefühle der Angst, Hilflosigkeit und Abscheu. Warum müssen wir nun über Pädophile reden?

Monika Egli-Alge: Es braucht eine differenzierte Diskussion über den sexuellen Missbrauch an Kindern und über das Phänomen Pädophilie. Es ist mir zu undifferenziert, wenn man sagt, die Pädophilen sind das Problem, die müssen weg, und dann sind unsere Kinder sicher. Denn die Gefahr geht nicht primär von Pädophilen aus, die gehören zu der kleineren Tätergruppe. Bis zu 60 Prozent der Täter, die Kinder missbrauchen, sind normal sexuell orientierte Menschen.

Wie muss man das verstehen?

Die Sexualität dieser Täter ist eigentlich auf erwachsene Partner ausgerichtet. Doch sie nehmen sich ein Kind, weil es verfügbar ist. Das Kind wird zum Ersatzobjekt, so furchtbar es klingt. Diese Täter geilen sich an der Macht auf, sich nehmen zu können, was sie wollen. Oder es geschieht aus perverser Neugier, Sadismus, aus Scheu vor altersgemässen Kontakten, aus Rache an der Partnerin oder Ex-Partnerin. Es sind verschiedenste verwerfliche und niederträchtige Motive.

Haben Sie mit dieser nicht-pädophilen Täter-Gruppe zu tun?

Wenn ein Gericht eine Therapie verordnet, dann ja.

Was sind die Aussagen dieser Täter?

Von Bereuen über Beschönigen bis zum Abstreiten, da ist alles dabei.

Seit 2006 wird im forio das Präventions-Programm «Kein Missbrauch» angeboten. Es richtet sich an Menschen mit pädophilen Neigungen, die noch keine Täter geworden sind und die Hilfe suchen. Derzeit sind 70 Männer in freiwilliger Behandlung. Vorläuferin des Programms ist die Charité Berlin, die 2005 «Kein Täter werden» initiiert hat. Dieses wird derzeit in elf deutschen Städten durchgeführt. In der Schweiz bieten neben dem forio die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und der Verein «Dis No» in Monthey (VS) ein entsprechendes Angebot. Seit dem Programmstart wurden im forio 150 Therapien abgeschlossen.

Die Männer, die freiwillig zu Ihnen kommen, was treibt sie an?

Sie wollen keine Täter werden. Sie schliessen sexuelle Kontakte mit Kindern aus, sei es aus juristischen und sozialen Konsequenzen, oder weil sie sich der ethischen und moralischen Problematik bewusst sind. Sie sind in grosser Not. Keiner freut sich, pädophil zu sein, das wünscht sich niemand. Man kann es sich nicht aussuchen. Man ist es einfach. Die Männer verabscheuen sich selber, haben Angst, irgendwann die Kontrolle zu verlieren.

Also müsste man Mitleid haben mit Pädophilen? Ziemlich zynisch, oder?

Wir sind keine Pädophilen-Freunde. Wir haben nie Empathie mit den Taten, wir verurteilen diese aufs Schärfste. Doch wir haben Empathie für den Menschen, respektieren ihn mit seinem Schicksal. Sie suchen Hilfe in der Not, wir versuchen zu helfen. Ohne irgendwas zu billigen oder rechtfertigen. Es hat nichts mit Kuscheltherapie zu tun. Es ist harte Arbeit.

Stammen pädophile Menschen aus spezifischen Verhältnissen?

Nein, sie kommen aus allen sozialen Schichten, allen Bildungsniveaus, vom Professor bis zum Angestellten, Männer zwischen 18 und 72 Jahren, aus allen Teilen der Schweiz, jeglicher Nationalität, verheiratet, ledig, geschieden, homo-, hetero- oder bisexuell.

Wie erleben Sie die Männer?

Verzweifelt, traurig, viele sind depressiv. Wenn sie zu uns kommen, tragen sie es schon lange mit sich rum. Hier machen viele von ihnen ihre Pädophilie zum ersten Mal öffentlich.

Was ist das Ziel der Therapie?

Der Schutz der Kinder. Darum ist das oberste Ziel: keine Taten. Damit meine ich alle Delikte, auch der Konsum von Bild- und Videomaterial, von Kinderfotos bis Kinderpornografie im Internet. Auch wenn es dort sogenannt «hands off» geschieht, man «nur» schaut und kein Kind berührt, ist es ein Delikt. Diese Kinder sind Opfer grausamer Taten.

Wie therapieren Sie?

Die Männer können über alles reden, ohne verspottet oder verurteilt zu werden. Wir unterstehen der Schweigepflicht. Nach der Deliktfreiheit ist ein weiteres Ziel die Akzeptanz, die Störung und deren Unveränderbarkeit einzusehen. Mit Verhaltensstrategien lernen sie, sich gewissen Situationen nicht auszusetzen, also etwa nicht ins Freibad gehen, auf Spielplätze, ins Internet. Orte zu meiden, wo ihre Fantasie befeuert würde. So lernen sie, mit ihren Gedanken und Trieben umzugehen und damit zu leben.

Längst nicht jeder Pädophile wird zum Täter. Eine Studie der Charité Berlin hat ergeben, dass 98 Prozent der Männer, die freiwillig in Therapie kamen, nach fünf Jahren keine Straftaten verübt hatten. «Das ist ein grosser Erfolg», sagt Monika Egli-Alge, und der maximale Antrieb für ihre Arbeit. Für jedes Kind, das nicht missbraucht werde, habe es sich gelohnt. Den Bestrebungen der Betroffenen, freiwillig zur Therapie zu kommen und gegen ihre dunkle Seite anzukämpfen, müsse man mit Respekt begegnen, findet Egli-Alge. «Denn es braucht schon sehr viel Mut, durch die grüne Tür unten zu gehen und zu riskieren, als Pädophiler erkannt zu werden.» Pädophilie allein ist keine Straftat, das ist nur der Missbrauch.

Bei Ihnen können sich Pädophile aussprechen. Bei niemandem sonst?

Selten. Outet sich ein Betroffener oder wird er geoutet, bricht meist alles zusammen. Für die meisten Leute sind Pädophile die schlimmste Sorte Mensch. Er wird Zeit seines Lebens zum Geächteten. Wir haben Klienten, die aus Verzweiflung Hilfe beim Hausarzt oder Therapeuten suchten und angewidert weggeschickt wurden. Dieses Schattendasein macht aber alles noch gefährlicher.

Warum?

Weil Kontrolle fehlt. Durch Vereinsamung und ein Leben in Isolation und Vakuum droht der Druck eher zu explodieren.

Also müsste Pädophilie raus aus der TabuZone, Betroffene sollten offen darüber reden dürfen?

Das würde sicher helfen. Untersuchungen haben ergeben, dass unter sozialer Kontrolle die Schwelle zum Delikt höher wird. Ich jedenfalls würde wissen wollen, wenn der Lehrer meines Kindes pädophil ist.

Und Ihr Kind weiter zu ihm in die Schule schicken?

Nun, es ist ja nicht so, dass ein Mensch mit pädophiler Präferenz bei jeder Gelegenheit über Kinder herfällt. Wäre die Pädophilie des Lehrers allerdings bekannt, würden alle mit Argusaugen auf ihn schauen. Er wäre unter Beobachtung.

Quasi eine Tretmine unter unseren Kindern?

Es geht weder um Mitleid mit Pädophilen noch um einen verharmlosenden Umgang. Es geht ausschliesslich um den Schutz der Kinder. Ist mir die Neigung bekannt, könnte ich meinem Kind sogar erklären, wie der Lehrer tickt und dass es nicht in Ordnung wäre, wenn er es anfasst.

Stand heute würde ein Outing in einer Hetzjagd münden, bis der pädophile Lehrer entlassen wäre.

Fakt ist, es gibt pädophile Menschen. Und noch mehr Menschen, die Kinder missbrauchen, ohne pädophile Präferenzen. Wenn wir Menschen diffamieren, lösen wir das Problem nicht. Vielleicht müssen wir die Unveränderbarkeit der Pädophilie begreifen und den Betroffenen auf Augenhöhe helfen, mit der Situation umzugehen. Wir würden besser fahren, wenn wir offener darüber sprechen würden. Vor allem auch mit den Kindern.

Einmal Täter, immer Täter? Fachfrau Egli-Alge erklärt, dass zwar Verhaltenstherapien auch bei Tätern oft eine gute Wirkung erzielen würden. Aber: Hat ein erster Übergriff stattgefunden, wurde eine Hemmschwelle überschritten. Die Gefahr für Wiederholungstaten sei tatsächlich gross. Das zeigte sich auch bei Thomas N., dem Täter von Rupperswil (AG), der bereits kurz nach den Morden an vier Menschen konkrete Vorbereitungshandlungen für weitere Taten begangen hatte. Muss die Gesellschaft mit solchen Taten rechnen? Monika Egli-Alge überlegt lange. Dann sagt sie: «Der Fall Thomas N. ist sehr aussergewöhnlich in seiner unglaublich niederträchtigen Brutalität. Es ging hier um mehr als um Sexualität mit einem Kind.» Im Zentrum seien die Planung, Vorbereitung, das Töten und die Vertuschung der Tat gestanden. Der Fall sei nicht exemplarisch. «Aber ja, die Gesellschaft muss mit solchen Taten rechnen, es gibt Menschen, die so etwas tun.»

Gibt es Klienten, die Sie abweisen?

Es gibt Männer, die nicht therapierbar sind. Sätze wie «das Kind wollte es auch», «es hat mich verführt», oder «es hat ihm ja auch gefallen» sind kognitive Verzerrungen. Da macht es manchmal keinen Sinn, mit ihnen zu arbeiten.

Sie schicken sie weg?

Ja. Freiwillige bekommen keinen Termin mehr, von der Justiz zugeführte Täter werden mit entsprechender Stellungnahme und/oder Gutachten zurückgewiesen.

Was tun Sie, wenn ein Mann einen Übergriff ankündigen würde?

Bei Gefahr in Verzug melden wir das der Polizei.

Und was, wenn einer einen Missbrauch gesteht?

Wir haben keine Pflicht zur Anzeige vergangener Taten. Will jemand jedoch reinen Tisch machen und Selbstanzeige erstatten, unterstützen wir ihn dabei.

Oft werden Kinder über lange Zeit missbraucht. Wie ist das möglich?

Die Übergriffe sind selten Affekt-Delikte. Sie sind in der Regel von langer Hand geplant. Egal ob mit oder ohne pädophile Neigungen sind die Täter meist geschickte Strategen, sie gehen überlegt vor.

Wie?

Viele Taten finden im nahen sozialen und familiären Umfeld statt. Es sind Trainer, Betreuer, Freunde der Familie, Bekannte, Verwandte und so weiter. Die Täter haben ein Gespür, bei welchen Kindern die Chancen gut stehen. Sie bauen eine nahe Beziehung zu den Eltern auf, geben sich tolerant, charmant, grosszügig, machen den Eltern Geschenke, verwöhnen das Kind, gehen mit ihm auf den Rummelplatz, kaufen ihm einen Laptop. Das geht oft über lange Zeit. Das Umfeld wird mit dieser Grooming-Strategie (Anbahnung sexueller Kontakte mit Missbrauchsabsichten, Anm. d. Redaktion) so geschickt eingelullt, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass was nicht stimmen könnte. Oft haben die Täter eine hohe Empathie-Fähigkeit.

Warum schweigen die Kinder oft lange, wenn was passiert ist?

Wenn es so weit ist, ist oft eine grosse emotionale Verbundenheit zwischen Kind und Täter aufgebaut. Er ist doch ein Lieber. Die Eltern mögen ihn auch. Der Täter sagt dem Kind, das sei alles ganz normal. Er sagt, es sei ein kleines Geheimnis und macht das Kind zu seinem Verbündeten. Oder er droht mit Gewalt und Tod an den Eltern, Geschwistern oder dem Haustier.

Manchmal suchen Kinder ihren Peiniger von sich aus auf. Warum tun sie das?

Vermutlich weil alles so angenehm gestaltet ist. Es bekommt beim Täter viele Freiheiten, wenige Regeln, der Täter schafft ein spannendes Umfeld, in dem er mit dem Kind Dinge macht, die es vielleicht zu Hause nicht darf. Autofahren, gamen, Filme gucken, Süssgetränke und Chips ohne Ende. Er verwöhnt, was für ein Kind natürlich reizvoll ist, es aber auch emotional verpflichtet. Meidet es ihn, hat es Schuldgefühle. Möglicherweise schafft es der Täter, dass das Kind denkt, die sexuellen Handlungen kämen von ihm aus.

Wie das?

Er lenkt es ganz langsam darauf hin, macht Kitzel-Spiele und Blödsinn, das lieben Kinder ja. Geht er dann weiter, behauptet er, das Kind habe die Berührungen gewollt, mehr noch, es habe sie provoziert und ihn verführt. Er sagt, dass es verdorben sei und das wohl nicht den Eltern erzählen könne. Und das Kind glaubt ihm aus Scham.

Spielen familiäre oder soziale Verhältnisse eine Rolle, ob ein Kind eher Opfer wird?

Missbrauch und Übergriffe finden in allen sozialen Schichten statt. Aber sicher ist es von Vorteil, in gutem Kontakt zum Kind zu sein, zu wissen, wo es sich aufhält, in gutem Austausch zu sein mit anderen betreuenden Personen und dem sozialen Umfeld. Klar ist aber: Werden Kinder Opfer, ist das weder das Versagen der Eltern noch die Schuld der Kinder. Verantwortlich dafür ist ganz allein der Täter.

Was können Eltern tun, wenn der Freund der Familie sich sehr um den eigenen Nachwuchs bemüht?

Es ist ein Balanceakt zwischen Überreagieren und Bagatellisieren. Ich empfehle wachsam zu sein und auf seine Menschenkenntnis zu vertrauen. Und darauf, dass das Kind sagt, wenn etwas nicht stimmt. Dann jedoch muss man reagieren, selbst wenn der Verdacht noch so ungeheuerlich erscheint. Fatal wäre aber, alle Männer unter Generalverdacht zu stellen. Die Gesellschaft und die Kinder brauchen gute Männerbilder, in der Familie genauso wie in der Kita oder der Schule.

Wenn ein vierjähriges Kind von detaillierten sexuellen Handlungen erzählt, kann das frei erfunden sein?

Kaum. Zum sexuellen Wissensstand eines Vorschulkindes gehören in der Regel nicht solche Aussagen. Entweder hat es etwas gesehen, oder es ist ihm etwas passiert.

Wohin können sich Eltern mit einem Verdacht wenden?

Die Opferhilfe und die Kindesschutzstellen der Kantone sind professionell und eine gute erste Anlaufstelle.

Können Eltern präventiv etwas tun?

Ja, sehr viel. Kinder sollen sagen dürfen, was sie denken. Und sie sollen Nein sagen dürfen. Privatsphären müssen respektiert werden, Kinder sollen entscheiden dürfen, ob sie allein aufs Klo gehen, alleine duschen oder ob sie sich nackt zeigen, küssen oder geküsst werden wollen. Eltern können ihnen ein gutes Vorbild sein, in dem sie entsprechende eigene Bedürfnisse auch durchsetzen. Zudem sollte die Sexualität von Kindern kein Tabuthema sein.

Kann jedes Kind Opfer werden?

Die totale Sicherheit gibt es nun mal nirgends. Doch wir können wie erwähnt viel tun mit präventiven Massnahmen und dem gesellschaftlichen Dialog über Missbrauch und Pädophilie.

Was soll ich tun, wenn mein Bruder mir sagt, dass er pädophil ist?

Hören Sie ihm zu, nehmen Sie ihn ernst, begleiten Sie ihn zur Beratung. Und lassen Sie ihn nicht fallen.

Die Interview-Zeit ist um. Monika Egli-Alge muss weg, Termine stehen an. Auf dem Weg durch die Räumlichkeiten des forio wagt man einen letzten Blick in den Warteraum. Der Mann im gestreiften Hemd ist weg. Es bleibt ein leerer Platz und ein Gefühl, das schwer zu orten ist. Es schwankt von Empathie zu Abscheu. Und bleibt hängen an einem Gedanken: Was, wenn der Typ im Hemd der eigene Bruder wäre?

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