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maedchen schmust mit einem pferd

Vorlieben

Warum mögen Mädchen Pferde?

Mädchen lieben Ponys & Co. Jungs nicht. Meine Tochter und ich allerdings auch nicht. Irgendwas läuft da wohl schief.

Ich bin anders, ich steh nicht auf Pferde. Mir hat mal ein Pony in den Bauch getreten. Das reichte für lebenslängliche Sippenhaft. Mein Töchterchen hat nie einen Tritt bekommen und ist trotzdem wie ich. Sieht sie einen Stall, ruft sie fröhlich: «Geht ihr nur rein. Ich warte draussen.» Dieser Geruch! – Das möge man doch bitte verstehen. Kurz: Irgendwas läuft schief mit unserer Weiblichkeit. Denn weiblich sein heisst pferdenärrisch sein. Heisst «Bibi und Tina auf Amadeus und Sabrina» in Endlosschleife zu hören. Heisst, Kindergartentäschchen mit Pony zu haben, Etui mit Pony, Stifte mit Pony, Fahrradhelm mit Pony. Frisur mit Pony. Fehlende Begeisterung für Mähne, Huf und Sattelfett ist sonderbar.

Weibliche Wesen unter sich

Für ein Mädchen. Denn nirgendwo – ausser vielleicht in einem Ursulinenkloster – sind weibliche Wesen heutzutage so verlässlich unter sich wie auf einem Ponyhof.

90 Prozent der Mitglieder in Reitvereinen unter 18 Jahren sind weiblich, besagen deutsche Zählungen; in der Schweiz dürfte es ähnlich sein. 100 Prozent der Pferdebuch-Leser sind Leserinnen. Mädchen quietschen beim klobigsten Ackergaul noch: «Oooooch, ist der süüüüss» und Mädchen sind es, die sich nichts sehnlicher wünschen als Ferien auf dem Reiterhof. Mögen sie auch daheim zu matt sein, die leere Kakaotasse bis zur Spülmaschine zu schleppen, den elterlichen Wunsch, den Müll hinauszubringen als unzumutbare Härte empfinden und sich vor jedem Käfer-Baby ekeln – auf dem Reiterhof sind sie wie ausgewechselt: knöchelhoher Mist? Super! Staub im Pferdefell, juchee, wo ist der Striegel? Pony-Sabber im Gesicht, Schlamm am Stiefel, schleppen, schippen, scheuern und im Urlaub Vokabeln lernen wie Kehlriemen, Paddock und Renvers? Kein Problem.

Ja, was ist denn da los? Wieso tun sie das alles? Und das gerne? Und wieso tun Jungs das nicht? Wieso kaufen die – und meine Tochter – sich für zwei Franken lieber ein Eis, als dafür in Knies Kinderzoo auf einem Pony im Kreis zu trotten? Während all die anderen Mädels derart strahlend im Sattel sitzen, dass man versucht ist zu glauben, dass an dem Satz «Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde» irgendetwas dran ist. Zumindest für 50 Prozent der Menschheit. Ist das mit den Pferden was Hormonelles?

Kind auf Pferd

Der allerbeste Freund hat Hufe. Hört alles, sagt aber nichts und stalkt nicht. Zum Glück!

Liegt es am Testosteron, weshalb Buben unterm Reithelm ähnlich oft zu finden sind wie Mädchen im Angelverein? Wo doch Winnetou reitet und Ritter reiten und Cowboys sowieso? Warum ist das Jungen in etwa so egal als ob in Island ein Sack Hafer umkippt? Wieso geht Mann und Mähne nicht zusammen? Denn dass Sigmund Freud Recht hat mit der Behauptung, diese weibliche Affenliebe zu Pferden habe mit Sex zu tun, weigert man sich dann irgendwie doch zu glauben. So in aller Öffentlichkeit. In Knies Kinderzoo...

Sexuelle Motive beim Reiten?

Harald Euler, emeritierter Psychologie-Professor der Universität Kassel, hat das Phänomen Geschlecht und Gaul erforscht: «Freud hat da rechtes Unheil angerichtet», beruhigt er hochschäumende Assoziationen. «Nichts liegt den pferdeverliebten Mädchen beim Reiten ferner als sexuelle Motive.» Vielmehr, belegen seine Studien, lebe das Mädchen Fürsorge, Pflege und Versorgungsbedürfnis am Pferd aus. Ab dem Alter von acht Jahren. Vorher, so Eulers Forschungen, mögen beide Geschlechter Tiere aller Art gleich gern. Hund, Katze, Maus, egal. Doch dann gehts los: Von da ab sagen Mädchen in wissenschaftlichen Umfragen Sachen wie: «Pferde riechen gut» und «Pferde sind klug», «Pferde sind lieb», während die Jungs prosaisch reagieren. Mehr als die Hälfte von ihnen befindet kühl «Reiten ist anstrengend» und stimmen der Aussage «Ein Motorrad ist besser als ein Pferd» entschlossen und mit satter Dreiviertel-Mehrheit zu. Weibliche Wesen – mit gefühlt zwei Ausnahmen – mögen das nicht nachvollziehen können, Harald Euler kanns. Jungs, erklärt der Psychologe sinngemäss, sei das Pferd exakt von dem Moment an am A… vorbei und unter demselben hinweg gegangen, seit es modernere Fortbewegungsmittel gäbe. Seit Ende des 19.Jahrhunderts, spätestens aber seit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Ende der Kavallerie, hätte es für Männer einfach keinen Grund mehr für Pferdebegeisterung gegeben: «Es liegt an der Evolution, dass Männer, die Jäger und Sammler, dieses Interesse an weitem, selbstbestimmtem, möglichst schnellem und effizientem Umherschweifen haben.»

Der ideale Therapeut

Gas und Bremse statt Sattel und Trense. Auch für das Pferd, lässt sich vermuten, muss sich im Lauf der Zeit einiges geändert haben. Ritten früher schweigende Kerle still und stumm auf ihrem Gefährten in den Sonnenuntergang, kann das Pferd von heute Ruhe vergessen. «Mädchen erzählen dem Pferd all ihre Probleme», sagt Harald Euler, das Pferd sei der starke Freund – oder, wie vier von fünf Mädchen in seinen Umfragen sagen, «der gute Kumpel», der sie stets verstehe. Ohne zu kommentieren oder zu werten. «Hunde winseln ja oder lecken einem die Hand ab oder springen an einem hoch oder stalken einen, indem sie hinter einem herlaufen.» Dagegen das Pferd: kein Winseln, kein Lecken, kein Stalken. Dafür: belastbar, geduldig, erwartungsarm. Der ideale Therapeut.

Genau deshalb bietet Liz Heer, Leiterin von «TeachingHorse», Seminare im Bündnerland an, in denen Menschen vom Tier für ihr eigenes Leben lernen: Angstabbau, Erziehungskompetenz, Führungsstärke. Aber ein Therapeut? «Nein, als Therapeut möchte ich das Pferd nicht sehen, es soll doch Pferd bleiben können.» Und dennoch profitiere man vom Umgang mit einem Pferd. Profitiere frau vom Pferd. Denn pferdenärrisch – meist mit einer Unterbrechung während der Pubertät, wenn Pickel und erster Kuss die Synapsen des Interesses blockieren – das seien nun mal primär weibliche Wesen. «Männer und Jungs interessieren sich für die Tiere vornehmlich dann, wenn es um Wettbewerb geht.» Turniere reiten, Pferderennen, Jagden … sowas fänden Männer gut und seien darin auch gut. Aber Ponys mit Karotten füttern, Zöpfchen in Mähnen flechten, Hufe auskratzen und verträumt durch die Natur zu traben? Eher: nein.

Gelassenheit und Sanftmut

Auch eine andere Erklärung hat Liz Heer noch parat, weshalb Männer – und einzelne Frauen – ihr eigenes Herz und Hufe sauber getrennt hielten: «Es ist dieses männlich-gerade, zielgerichtete Denken, das ein Verständnis zwischen Mann und Pferd erschwert.» Während ein Raubtier, etwa ein Wolf, quasi männlich und schlicht: «Durst, Bach, trinken» dächte und dann tränke, sei das Pferd komplizierter, erklärt die Reitlehrerin und Mitbegründerin der Horsemanship-Schule in Champfèr. Der direkte Weg erschiene Fluchttieren zu riskant; dem Ziel nähere sich ein Pferd also stets vorsichtig, notfalls auf Umwegen, doch alles und alle im Blick. Genauso verschlungen sei auch der Weg zum Pferdeherzen. Anders als bei Hund und Katze sei dabei nicht Futter für Pony und Co Trumpf, sondern Sicherheit. Wer beim Pferd punkten will, sollte so wirken, als könne er die garantieren. «Aber dazu braucht es Gelassenheit. Sanftmut. Und starke innere Ruhe.» Das Wesen des Pferdes käme dem weiblichen Naturell entgegen. Kommt es das nicht, so muss man wohl leider deprimiert schlussfolgern, läuft was schief in Sachen Naturell, Gelassenheit und Sanftmut.

Doch meine Tochter und ich sind jetzt auch auf gutem Weg zu Ross und Ruhe: Wir haben uns den Film «Der Pferdeflüsterer» angesehen. Tatsächlich: wunderschön, dieses Wesen im Zentrum. Diese grossen Augen. Dieser warme Blick. Diese natürliche Kraft. Toll, dieser Robert Redford.

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