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Familienalltag

Warum Kinder im Alltag Zeit brauchen

«Beeil dich!» hören Kinder heute fast so häufig wie früher «Benimm dich!». Beides schadet. Ein Plädoyer für die Langsamkeit.

Eben noch hat Corona unseren Alltag gnadenlos durchgerüttelt und gleichzeitig radikal entschleunigt. Manche Familien stellten fest, dass der leere Terminplan Raum gab zum Aufatmen, Brotbacken, mehr mit den Kindern sein. In den vergangenen Wochen sind die Brotrezepte jedoch still und heimlich zurück in den Schrank gewandert und für die zweite Gutenachtgeschichte fehlt wieder die Zeit.

Schon strampeln wir erneut im Hamsterrad. «Und stellen ernüchtert fest, dass wir die Chance, die uns Corona geboten hat, nicht wirklich ergriffen haben», sagt Anna Noss (36), Pädagogin, Familienbegleiterin, Illustratorin und Autorin des Blogs «Kinderwärts – Richtung Beziehung, Wertschätzung, Vertrauen». Darunter leiden die Kleinsten am meisten, denn ihr Wille, sich der Umgebung anzupassen, ist enorm.

Wurden Kinder bis vor nicht allzu langer Zeit noch regelmässig ermahnt, sich anständig zu benehmen, heisst es heute: «Beeil dich!», «Hopp, hopp!» und «Mach vorwärts!». Das fängt oft schon frühmorgens und im Babyalter an: Damit Papa rechtzeitig auf der Arbeit ist, muss er den Nachwuchs noch früher in der Kita abgeben, egal ob beide ausgeschlafen sind oder nicht. Nach dem Kindergarten gehts ohne Zeit zu verlieren direkt ins Sporttraining oder zum Musikunterricht, und auch in der Schule macht Tempo bei der Matheprüfung die Hälfte der guten Note.

Kinder brauchen Freiheit. Um sich und das Leben auszuprobieren.

«Mama, du stresst mich!», sagt dann das Kind zur Mutter, wenn es fühlt, dass ihre Hektik es überfordert. Sofern es Worte dafür findet. Und sich getraut, diese auszusprechen. Wer das nicht kann, funktioniert einfach – oder stellt sich quer und wird damit zum Problem.

Stress schon bei Kindern

Dass Stress an der Lebenszufriedenheit nagt und ernsthaft krank macht, wenn er zu oft auftaucht, wissen die meisten aus eigener Erfahrung; Gesundheitsexpert* innen belegen genau dies seit Jahrzehnten in immer neuen Untersuchungen und Studien. Wir wissen heute: Stresshormone befähigen uns zu Flucht oder Kampf. In Notsituationen sichert dies unser Überleben. Sind wir jedoch zu oft und zu lange im Überlebensmodus, bricht das System zusammen: Burn-out, nichts geht mehr. Schon Kinder zeigen heute Anzeichen dafür.

Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Und das ist gut so.

Was tun? «Wir müssen verlangsamen und im Takt des Kindes denken, nicht in unserem», sagt Anna Noss. «Wir Erwachsenen sind immer schnell unterwegs, doch kleine Kinder sind sehr, sehr, sehr langsam. Sie sind Meister* innen der Achtsamkeit.»

Nicht nur mit ihren Fingerchen und den Augen, auch mit dem Mund erkunden Babys einen neuen Gegenstand. Wie fühlt er sich an? Wie schmeckt er? Lässt er sich zerkauen oder ist er ganz hart? Wie tönt er, wenn er auf die Tischplatte aufschlägt? Mit der gleichen Hingabe, Aufmerksamkeit und Ausdauer lernen Kleinkinder krabbeln und später laufen. Schauen auf der Wiese eine halbe Ewigkeit lang zu, wie die Kühe grasen, wiederkäuen, furzen und scheis… Pardon: Darm und Blase entleeren.

Zeit für die Alltagswunder

Ihr Alltag ist voller Wunder und immer wieder entdecken sie Neues, untersuchen, be-greifen und lernen im freien Spiel, sich in ihrer Umwelt zu bewegen. Dabei ist wichtig, dass sie nicht zu oft unterbrochen werden. Denn nur so erfahren sie, wie es ist, sich vertiefen zu können, sich auf eine Sache voll und ganz zu konzentrieren und nicht von links oder rechts ablenken zu lassen. Genau das wird aber in der Schule und später im Beruf verlangt: Dranbleiben, bis ein Auftrag erledigt ist. «Wie sollen Kinder diese Erfahrungen machen können, wenn wir ihnen nicht die Zeit dazu geben?», fragt Anna Noss.

Doch manchmal sind die Kinder mitten drin im schönsten Spiel und es steht ein Zahnarzttermin in der Agenda, zu welchem die Eltern pünktlich erscheinen wollen. Statt kurz vor Abfahrt durch die Wohnung zu rufen: «Wir müssen gehen, bitte parat machen!», braucht es auch hier: deutlich mehr Zeit.

Das Kind respektieren

Anna Noss, die in einer Privatschule in Zürich Lernbegleiterin ist, sagt: «Wenn ich merke, dass ein Kind sehr vertieft ist in seine Tätigkeit, diese jedoch beenden muss, setze ich mich zu ihm, schaue zu, was es gerade tut, und warte, bis es mich wahrnimmt.» Sie interessiert sich für seine Tätigkeit und bespricht dann mit ihm, wie es diese für heute beenden kann und ob oder wann es sie wieder aufnehmen möchte.

Das Kind fühlt sich gesehen, ernst genommen und respektiert. Stress kommt nicht auf. «Wichtig ist, dass ich langsam und gemütlich rede, dass ich auf die Bedürfnisse des Kindes eingehe und gleichzeitig in der Führungsrolle bleibe», sagt Anna Noss.

Gebt den Kindern Liebe, noch mehr Liebe.

Voraussetzung dafür ist, dass die Erwachsenen, in deren Obhut sich die Kinder befinden, einigermassen entspannt sind. Viele Menschen haben jedoch eine innere Stimme, die ihnen permanent befiehlt, schnell zu machen, noch mehr Tätigkeiten in den Moment zu stopfen, keine Zeit zu verschwenden, möglichst mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Innere Antreiber zum Schweigen bringen

Solche Prägungen oder Muster nennt die Psychologie auch innere Antreiber. Sie sind meist in der Kindheit entstanden und von den eigenen Eltern und von der Gesellschaft übernommen worden. Solche inneren Antreiber machen es schwer, das Kind in seinem eigenen Tempo die Jacke überziehen zu lassen, die es dann vielleicht verkehrt rum trägt.

Schneller geht es, wenn wir helfen, wenn wir es machen. «Wenn wir ständig in Eile sind, neigen wir dazu, den Kindern Tätigkeiten abzunehmen, die sie dann später alleine können sollen. Das hemmt sie in ihrer Entwicklung», sagt Anna Noss. Mehr noch: Auch die Kinder werden zu Erwachsenen, deren innere Stimme sie drängt, sich zu beeilen. «Wir müssen also an uns selber arbeiten und in unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung investieren.»

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht, weiss ein afrikanisches Sprichwort. Wenn wir aufhören, am Gras zu ziehen und langsamer werden, können wir vielleicht plötzlich sehen, wie das Gras, oh Wunder, einfach wächst.

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