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Geduld lernen

Warum Geduld die Super-Tugend ist

Geduld hat einen mässigen Ruf. Zu Unrecht! Weshalb Ausdauer und Langmut die Super-Tugenden sind, Kinder sie unbedingt lernen sollten – und Eltern erst recht.

Gleich zu den Geduldsübungen springen, anstatt den Artikel zuerst zu lesen? Hier geht's zum Geduldstraining für Kinder und hier zum Geduldstraining für Erwachsene.

Stufe 1: Kuli-Klicken. Stufe 2: Knie-Wibbeln. Danach folgen in beliebiger Reihenfolge: Seufzen, aus dem Fenster gucken und Finger-Knibbeln….

Langfädiges aller Art raubt mir den Nerv. Mäandernde Konferenzen, trantütige Kassierer* innen, Dia-Abende – alles eine spezielle Art von Nahtoderfahrung. Das war schon immer so.

Meine Schulzeit – eine Kette von Klicken, Wippen, Knibbeln... Begleitet von der Hoffnung «Vielleicht erklärts der da vorne wenigstens nicht zum dritten Mal» und dem düsteren Empfinden «Hier passiert weniger als in einer Tropfsteinhöhle innerhalb von zwanzig Jahren.»

Unnötig zu erwähnen, dass ich mein Töchterchen häufig hetze und Bussen wegen – kleiner! – Geschwindigkeitsübertretungen fix in meinem Budget einzuplanen sind. Kurz: Ich habe keine Geduld. Und das ist schlecht.

Denn Geduld, beweisen zahllose Studien, ist die Top-Tugend, die Königsdisziplin der Erziehung, ja, genau genommen: die Hauptzutat für ein gelingendes Leben.

Geduld hat einen mässigen Ruf

Dabei hat sie momentan einen eher mässigen Ruf, gilt als ein bisschen schluffig, als behäbig, dazu dieser leichte Beigeschmack von begriffsstutzigem Loser. Dagegen: «Dynamisch», «jetzt», «schnell», «sofort», «flott» – Wörter, die neonfarben flirren und besser zu Erfolg und modernem Leben zu passen scheinen. «Ungeduld» fungiert – beweisen Vorstellungsgespräche und Promi-Fragebögen – noch immer als schlechte Eigenschaft mit Sexappeal. Hyperaktivität und Burn-out – Krankheiten im zackigen Zeitgeist.

3 Minuten 30, basta, länger sollte kein Song im Radio mehr dauern. «July Morning» von Uriah Heep mit seinen schmusigen 10 Minuten 14, das verkraftet der Geduldsfaden des modernen Hörers nicht. Nervende Sender werden weggezappt, lange Filmeinstellungen vorgespult.

Und als Goalie beim Elfmeter einfach mal in der Mitte abwarten? Das schafft kein Torhüter. Dabei fand schon der israelische Sportforscher Michael Bar-Eli heraus: Statistisch gesehen, bringt das hektische Hüpfen des Torwarts in eine Ecke seiner Wahl gar nichts. Genauso wenig wie die Kassenschlange am Supermarkt zu wechseln, Aktien beim ersten Schwächeln zu verkaufen und trödelnde 3-Jährige zu drängeln. Das mag zwar alles in eine Zeit passen, in der Menschen wie Flipperkugeln herumsausen. Bringen tut es nichts.

Geduld dagegen bringts, Geduld schlägt Aktionismus. Und zwar von Kindesbeinen an. Das ist bewiesen.

Weniger im Hier und Jetzt leben. Mehr an morgen denken.

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Boah, ist das öde. Ungeduldige hassen alles Zähe. Na, wer schafft es, das Bild zu kolorieren?

Das «Marshmallow-Experiment»

Berühmt ist das inzwischen hundertfach ähnlich repetierte «Marshmallow-Experiment» des Harvard-Professors Walter Mischel. Mischel wollte in den 60er- und 70er-Jahren eigentlich «Warte-Strategien» vier- bis sechsjähriger Kinder erforschen. Also herausfinden, was sie so tun, während sie einer Belohnung harren.

Zu dem Zweck wurde ihnen ein Marshmallow hingelegt und gesagt, sie könnten es sofort essen, oder aber, wenn sie es bis zur Rückkehr des Versuchsleiters nicht ässen, anschliessend zwei Marshmallows bekommen. Mischel fand die Strategien der Kinder auch heraus: Zur Ablenkung singen, sich wegdrehen, die Augen zuhalten, dran schnuppern…

Aber er fand im Laufe von Nachfolgeforschungen Jahre und Jahrzehnte später, noch viel Interessanteres heraus: Dass nämlich Kinder, die es geschafft hatten, das Marshmallow nicht zu verputzen, als Jugendliche bessere Schulleistungen erbrachten, im Erwachsenenalter häufiger Karriere machten, ihre gesteckten Ziele erreichten und insgesamt Stress sinnvoller händeln konnten.

Wissenschaftliche Forschung zu Geduld

Und im Kielwasser des Mischelschen Blockbuster-Experiments fanden andere Wissenschaftler in der Folgezeit zudem Weiteres heraus:

♦ Yu Ohmura von der japanischen Hokkaido-Universität stellte fest, dass geduldige – also frustrationstolerante, selbstkontrollierte – Menschen, die Bedürfnisbefriedung auch mal aufschieben können, weniger rauchen und Alkohol trinken.
♦ Spielsüchtig und drogenabhängig werden sie zudem seltener (Nancy Petry, Thomas Casarella, Universität Conneticut),
♦ genauso wenig wie übergewichtig und unsportlich (Christopher Chabris, David Laibson, Harvard).
♦ Zudem sparten die Geduldigen nicht schon in jungen Jahren ihr Marshmallow, sondern später auch mehr Geld (Stanford und Columbia-Studien).
♦ Auch Scheidungen, sowie Aufenthalte hinter Gittern kommen bei geduldigen Menschen seltener vor (Terrie Moffitt, Duke University, North Carolina).

Rein statistisch gesehen. Selbstverständlich gibt es auch den gechillten Raucher, den nervösen Sparer und die hibbelige Journalistin auf freiem Fuss. Nur eben: seltener.

Weniger im Hier und Jetzt leben, mehr an morgen denken, steht quer zum Trend, sinnvoll ist es dennoch. Wobei «Gut Ding braucht Weil» weder Aussitzen, Fatalismus noch Däumchendrehen meint, sondern: langfristiges Denken und zugunsten eines Ziels, das in der Zukunft liegt, in der Gegenwart die eine oder andere Kröte zu schlucken.

Ausdauer schlägt Intelligenz

Denn: «Geduld» kann im Leben als Joker fungieren. Ausdauer und Ruhe schlagen sogar Intelligenz. Neuseeländische Langzeituntersuchungen an 1000 Probanden ergaben nämlich, dass geduldige, aber etwas weniger intelligente Menschen in den meisten Lebensbereichen genauso erfolgreich, oft sogar erfolgreicher waren als ungeduldige intelligente Menschen.

Neue Förder-Möglichkeiten

«Bildungsökonomisch ist das ein hochinteressanter Befund», findet Matthias Sutter, Professor für Verhaltensökonomie an den Universitäten Innsbruck und Köln und Direktor am Max-Planck-Institut Bonn. Bislang sei man ja davon ausgegangen, dass primär Intelligenz und Herkunft entscheidend für Schulund Lebenserfolg seien. Diese beiden Grössen jedoch stünden weitestgehend fest, da liesse sich nicht viel dran drehen.

«Wenn es aber so ist, dass Geduld diesen enormen Einfluss hat und sie sich zudem im Kindes- und Jugendalter erlernen und trainieren lässt, dann», schwärmt Sutter, «dann ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Förderung.» Dann entstünden unerwartete Chancen für Kinder aus weniger privilegierten Elternhäusern und für Kinder, die kognitiv weniger brillieren.

Geduldige Eltern als Vorbild

Erwiesen ist zwar schon, dass das Vorbild geduldiger Eltern zu geduldigeren Kindern führt, Zuverlässigkeit von Mutter und Vater den langen Atem fördert und auch, dass Stillkinder in Sachen «langfristig Denken» die Nase ein bisschen vorn haben.

Doch besonderen Anlass zu Hoffnungen geben Studien von Sule Alan und Seda Ertac in der Türkei. Die beiden Wissenschaftlerinnen, machten mit 9–10-jährigen Schüler* innen gezieltes Geduldstraining: Eine Gruppe wurde nachmittags normal unterrichtet, eine andere Gruppe beschäftigte sich über Monate in unterschiedlichster Form mit Gedankenexperimenten.

Etwa: Ein Mädchen hätte gerne ein Velo für ihren langen Schulweg. Wie wird sie sich fühlen, wenn sie ihr Taschengeld für Süssigkeiten und Kino ausgibt? Wie wird es sein, wenn sie ihr Taschengeld spart und davon das Velo kauft?

Ergebnis: Die Kinder der Gedankenexperiments-Gruppe waren auch nach Abschluss des Projekts dauerhaft besser in der Lage, langfristige Folgen von Verhalten abzuschätzen und zu antizipieren; sie stuften Selbstkontrolle häufiger als erstrebenswerte Eigenschaft ein und besuchten – drei Jahre nach dem Gedulds-Unterricht – signifikant häufiger eine höhere Schulform als die normal unterrichtete Gruppe.

Wenn also Ausdauer und langfristiges Denken das A und O sind, Marathon den Sprint schlägt, setzen dann möglicherweise Gymi-Vorbereitungskurse, Nachhilfestunden, die gängige Förderung benachteiligter Schüler und so manche Unterrichtsstunde an der falschen Stelle an? Ist 3000-Teile-Neuschwanstein-im-Schnee zu puzzeln nicht totgeschlagene, sondern klug in die Zukunft investierte Zeit? Sollte es in der Schule häufiger «Angeln statt Algebra» heissen und zu Hause «ruhig Blut» statt «hopp, hopp»? Möglicherweise.

Hier jedenfalls schon mal ein paar Tipps für mehr Geduld von Matthias Sutter: für Kinder. Und Eltern. Vielleicht ist sogar bei besonders kribbeligen Müttern noch nicht Hopfen und Malz verloren…


Geduldstraining für Kinder

♦ Ich kann das allein! Helikoptern in Grenzen halten, Kindern nicht alles abnehmen. Nur so merken sie: Wenn ich mich anstrenge, schaff ich es!

♦ Früh geduldiges Verhalten honorieren. Verhaltensänderungen nach der Pubertät? Schwierig.

♦ Vorleben: Kinder schauen sich Verhalten ab. Mama und Papa lassen sich nicht schnell entmutigen, haben langen Atem und ein Hobby, bei dem «zack, zack!» nicht weiterhilft? Sehr gut!

♦ Verlässlich sein. Versprechen halten. Vertrauen in die Zukunft nicht enttäuschen. «Üb fleissig, dann gehen wir nach deinem Klavierkonzert ein Eis essen», so ein Satz ist in Stein gemeisselt!

♦ Ich verstehe dich und bin bei dir. Apropos Klavier: Ohne ausdauerndes Üben wird das nichts. Sich als Eltern dazu setzen, Interesse und Verständnis für Gemaule zeigen.

♦ Gedankenspiele. Mit dem Kind Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Was ist, wenn es die Aufgaben vom Wochenplan Montag nicht macht, weil Spielen lustiger ist? Und Dienstag auch nicht… Wie sieht es dann Freitag aus?

♦ Werte-Check. Ganz ehrlich: Was ist in der Familie wichtig? Zählt die aufgewendete Mühe oder das Ergebnis?

♦ Hobbys auf den Prüfstand: Schneller, höher, weiter. Es gibt auch noch andere Hobbys als die spritzigen. Wie wärs mit Lesen? Basteln? Angeln? Ausprobieren.

♦ Lesetipp: Die Fabel «Die Grille und die Ameise» von Jean de La Fontaine

♦ Temperament akzeptieren. Aus einem Louis de Funès wird kein Mahatma Ghandi

Geduldstraining für Erwachsene

♦ Aufgaben-Buch schreiben: Studien mit Studenten zeigten: Notierten diese exakt, wann sie was erledigten, wofür sie Zeit aufwendeten und wofür nicht, lernten sie nicht nur ausdauernder und geduldiger, sondern wurden insgesamt ordentlicher und effizienter. Sie ernährten sich sogar bewusster.

♦ Aussen-Ansicht: Geht es um die eigene Person, arbeiten andere Gehirnregionen, als wenn man weniger emotional involviert ist. Entscheidungen für andere Personen sind daher rationaler. Also: Was täte ich, wenn ich X wäre?

♦ Vorbeugen: Die Steuer fällt einmal jährlich an. Jeden Monat einen Betrag auf ein Steuerkonto einzahlen. Jetzt sparen, später haben.

♦ Wir und die Routine: Ja, Joggen ist öde. Zu zweit ist es weniger langweilig. Und wenn erst aus faden Pflichten Gewohnheiten geworden sind, braucht es weniger Geduld, das Sportprogramm durchzuhalten. Ein erreichtes Ziel motiviert, das nächste anzuvisieren.

♦ Bin ich der Massstab? Der bei Ungeduldigen beliebte Satz «Ich erwarte von anderen nicht mehr, als ich von mir selber erwarte», sollte mit der Frage gekoppelt werden, ob der andere das überhaupt leisten kann und dieselben Prioritäten hat. Bei Kindern lautet die Antwort in beiden Fällen meist: Nein.

♦ Ich fordere mich. Ungeduld entsteht zuweilen durch Unterforderung. Ausweg: Echte Herausforderungen suchen, dann wirken andere auch weniger verschnarcht.

♦ Üben. Geduldig Geduld erfordernde Situationen trainieren. Aufploppendes Email nicht sofort anschauen. Yoga eine zweite Chance geben, auch wenn der herabschauende Hund an jeder einzelnen Nervenfaser nagt. An der längsten Supermarktkasse anstellen…

♦ Weggehen. Der Geduldsfaden ist dünner gesponnen als erhofft? Raus aus der Situation bevor es eskaliert, durchatmen, neu versuchen.

➺ Matthias Sutter: «Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent», ecowin, Fr. 32.90

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