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Interview

Warum die Vater-Kind-Bindung erst später entsteht

Die Frau hat durch das Stillen einen Bindungsvorteil. Die Aufgabe der Väter beginnt später, ist jedoch nicht weniger wichtig, gerade in Zeiten wie während der Coronakrise, sagt Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll.

wir eltern: Wie bedeutsam ist das Bonding, die Bindung unmittelbar nach der Geburt für die Eltern-Kind-Beziehung?

Fabienne Becker-Stoll: Gar nicht! Internationale Forschung und auch meine eigenen Untersuchungen zeigen, dass die Geburt nicht überbewertet werden soll. Früher sind viele Mütter gestorben, manche schon bei der Geburt. Die Menschheit wäre ausgestorben, wenn das Kind nicht fähig wäre, sich auch nach der Geburt zu binden – sogar an jemand anderes als an die Mutter. Passiert nach der Geburt eine Trennung zwischen Eltern und Kind, kann alles aufgeholt werden. Entscheidend ist, wie feinfühlig sich die Eltern danach dem Kind gegenüber verhalten. Kinder binden sich in den ersten neun Lebensmonaten an die Personen, die sich am meisten um das Kind kümmern.

Aufgrund der Corona-Sicherheitsvorkehrungen ab März 2020 konnten manche Väter die Frau nur ungenügend durch die Geburt und die ersten Tage mit dem Kind begleiten. Wie kann eine solche Situation am besten bewältigt werden?

Es ist wichtig, dass der Mann viel Kontakt mit der jungen Mama hat, wenn er sie und das Neugeborene nach der Geburt nicht besuchen kann. Telefonieren, Videos und Fotos stellen Nähe her. Der Vater soll der Mama immer wieder sagen, wie wunderschön das Kind ist. Er soll sie ermutigen, sie entlasten und ihr emotionales Konto aufladen. Und die Wohnung picobello aufräumen, bevor sie nach Hause kommt. Auf keinen Fall aber soll er jammern, dass er das Kind nicht sehen kann oder sich Sorgen machen wegen Corona – das Virus scheint für Babys ungefährlich zu sein.

Und wenn die Frau nach Hause kommt?

Auch in Nicht-Corona-Zeiten ist es die Aufgabe des Partners – und der nächsten Angehörigen! – die Frau in den Tagen nach der Geburt zu verwöhnen und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Also regelmässig die Bettwäsche wechseln, dafür sorgen, dass frische Blumen da sind und Kaffeeduft in der Luft liegt, das Lieblingsessen der Frau kochen und ihr sagen, dass sie die schönste und beste Mama der Welt ist – und das alles am besten sechs Wochen lang. Das meine ich ganz ernst! Der Mann soll alles dafür tun, dass die Mutter keinen einzigen Gedanken an Wäschekorb oder Küche verschwenden muss, sondern sich nur um die Bindung zum Kind kümmern kann.

Das tönt nicht gerade emanzipiert…

…ist aber einfach Biologie. John Bowlby, Begründer der Bindungstheorie, fand heraus, dass das Kind, um sein Überleben zu sichern, zu Beginn meist eine einzige Bindung aufbaut. In der Regel zur Mama, weil sie am meisten da ist und sich um das Kind kümmert. Kümmert sich der Vater, die Oma oder eine Tagesmutter im ersten halben Jahr um das Baby, entwickelt es die erste Bindung zu dieser Person. Bindungsbeziehungen sind hierarchisch. Damit das Kind in Gefahrensituationen nicht überlegen muss, zu wem es läuft, sind alle anderen Bezugspersonen zweitrangig. Der Vater wickelt und trägt das Kind in den ersten Monaten natürlich auch und es freut sich, wenn es ihn sieht. Bekommt es aber Bauchweh oder zahnt, kann es oft nur von der Mutter getröstet werden. Die Stunde der Väter kommt später.

Spielt der Vater in den ersten Wochen im Leben des Kindes wirklich kaum eine Rolle?

Der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Bindungsbeziehung kann klein oder gross sein. Doch keine Sorge, Papas verpassen gar nichts. Die Vater-Kind-Bindung entwickelt sich ab dem sechsten bis achten Monat. Also etwa dann, wenn das Kind zu fremdeln beginnt. Auch im weiteren Verlauf sehen wir, dass der Vater für das Kind zum wichtigsten Spielpartner wird – im Sinne der Exploration. Über den Vater lernt das Kind die Welt kennen, oft bei sportlichen Aktivitäten. Etwa ab einem Jahr lassen sich die meisten Kinder auch vom Vater trösten.


Zur Person: Dr. Fabienne Becker-Stoll ist Expertin zur frühen Kindheit. Sie ist Psychologin und Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München. Dort sorgt sie dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bildung und Betreuung von Kindern umgesetzt werden. Nach über 20 Jahren Forschung gilt sie in Deutschland als wichtigste Stimme zur Qualität von Kita-Betreuung.

Buchtipp: Fabienne Becker-Stoll, Kathrin Beckh, Julia Berkic: «Bindung – eine sichere Basis fürs Leben», Kösel-Verlag.

Das Interview erschien in «wir eltern» 6/2020.

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