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Draussen lernen

Waldschule: Dauerhaft in der Natur lernen

Wie ist das, wenn die Schule das ganze Jahr draussen stattfindet, auch im Winter? Ein Besuch bei der ältesten Waldschule der Schweiz.

Sie sind von Weitem zu erkennen, die Waldschulkinder, die am Bahnhof St. Gallen auf die Appenzeller Bahn warten. Warm und wetterfest angezogen, ausgerüstet mit Rucksäcken, Kappen und Handschuhen. An ihren Schuhen kleben Spuren von getrockneter Erde und Lehm, bei manchen auch an Hosen und Jacken. Kurz vor halb neun fährt der Zug ein, die Kinder wuseln auf die Sitze. Brigitte, Mutter von Lena, hat heute Bähnlidienst und schaut mit Praktikant Kokes, dass sich die Gruppe öV-verträglich benimmt. Alles geht gut, nach neun Minuten hüpfen die Kinder aus dem Zug. Jetzt noch ordentlich in der Zweierreihe bis zum Waldrand laufen. «Wenn man hier ist, hat man es geschafft», sagt Brigitte, atmet auf und entlässt die Kinder mit Kokes in den Wald.

Nach weiteren zehn Minuten auf dem Waldweg kommt die Schar beim Treffpunkt, dem Basislager an. Hängt die Rucksäcke an die Waldgarderobe. Grüsst Caro und Wilma – die beiden Lehrerinnen dürfen geduzt werden – die anderen Kinder, die nicht mit der Bahn gekommen sind. Jetzt erklingen Flötentöne. Stecken werden fallen gelassen, Grüppchen lösen sich auf, nicht lange dauerts und alle stehen im Kreis. Die Schule beginnt.

Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern. Die Bäume und die Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein Mensch sagen wird.

Bernhard von Clairvaux (1090–1053, Zisterzienser, Mystiker)

Angeregt durch Vorbilder aus Dänemark und Deutschland gründeten Eltern in St. Gallen vor 22 Jahren den ersten Waldkindergarten der Schweiz. Der Wald sollte das Schulzimmer ersetzen, so die Idee, die Kinder sollten fast die ganze Zeit draussen sein und von und in der Natur lernen. Nicht nur wenn es mild und warm und trocken ist, sondern auch an trüben Regentagen, bei Schnee und Eiseskälte. Mit dem Älterwerden der Kinder erweiterte sich der Kindergarten zur Basisstufe, welche die Schülerinnen und Schüler in zwei, drei oder vier Jahren durchlaufen. Danach wechseln sie von der Waldschule in die 3. Klasse der Volksschule.

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Nomadisch lernen

Ein Kindergarten in der Natur, das ist vorstellbar. Doch wie geht Schule im Wald? Gleich endet der morgendliche Begrüssungskreis. Die Kinder zählen der Reihe nach, wie viele sie sind. Nachdem jedes die richtige Zahl gesagt hat, macht es einen Windgump, lässt zuerst die Arme hängen, reisst sie dann in die Höhe und springt gleichzeitig hoch, manche machen einen richtigen Satz, andere immerhin einen Hüpfer. 26 Kinder zwischen vier und acht Jahren sind heute hier. «Altersdurchmischtes Spielen und Lernen ist ein Übungsfeld für soziales Verhalten», sagt Eva Helg, pädagogische Leiterin des Vereins Waldkinder St. Gallen.

Die Gruppe wechselt den Platz. Schon gestern war den ganzen Tag Sturmwarnung. Aber Winde sind oft lokal und im Notkersegger Wald blieb es ruhig. Heute nun scheint der Wind an Fahrt zu gewinnen. Caro Knoepfel und Wilma Doritzi beobachten die Lage und werden mit den Kindern den Wald verlassen, sollte es noch stürmischer werden. Die Waldschule ist jeden Tag nomadisch unterwegs, verlässt das Basislager, wo der Bauwagen, die Material- und Teambaracke stehen und wandert zu einem der rund 40 Plätze, von denen jeder andere Erfahrungen und Spielmöglichkeiten bietet. Manche sind flach, andere steil, mit Kletterwand oder Schlucht, geschützt oder offen. Bei extremen Wetterbedingungen wie starkem Sturm, Regen oder Schnee findet die Gruppe im Keller eines Wohnhauses im angrenzenden Wohnquartier Unterschlupf.

Im Moment sitzen die Kinder auf dem Waldsofa, das mit einer Blache gedeckt ist, und spitzen die Ohren. In der geführten Sequenz greifen die Maus Frederik und der farbige Pilz das Thema Wind auf. Frederik ist besorgt und bittet den Pilz: «Kannst du schauen, dass es allen gut geht und niemand fortgeblasen wird?» Dieser nickt kräftig. Danach teilt sich die Gruppe auf. Der Kindergarten hat Freispiel, erste und zweite Klasse werden im Bauwagen bis zur Znünipause arbeiten. Auf dem Weg dahin strolchen die Buben und Mädchen vergnügt durchs Unterholz, heben Tannzapfen auf und fragen: «Wie gahts dir hüt, Tannezapfe?»

Lernziele im Wald erfüllen

Naturpädagogik, wie sie der Verein Waldkinder St. Gallen versteht, ist nicht rein wissensorientierter Unterricht im Freien. Die Kinder erfahren sich als Teil des Waldes, in den sie sich einfügen und der sich wiederum mit dem Wetter und den Jahreszeiten verändert und so laufend neue Spiel- und Lernmöglichkeiten parat hält.

Viel unstrukturiertes Material liegt herum, das anders als gekauftes Spielzeug und gefertigte Lernmaterialien keinen eindeutigen Verwendungszweck hat. Der Boden ist bedeckt mit Laub und Tannennadeln, im Herbst finden sich Eicheln und Bucheckern, Moos verwandelt umgestürzte Bäume in Fabelwesen. Käfer krabbeln durchs Pflanzenwerk – oder raschelt da eine Maus?

Vorstellungskraft und Kreativität der Kinder können sich entfalten. «Sie steuern ihr Lernen selbst, werden dabei unterstützt von den Lehrpersonen und erleben so, dass sie sich einbringen können», sagt Eva Helg. Im Zentrum steht das Erlangen von Kompetenzen, wie es auch der Lehrplan 21 vorsieht. «Die kantonalen Lernziele erreichen wir locker», ergänzt Lehrerin Caro Knoepfel. «Einzig bei Heftführung und Schönschrift fallen unsere Schülerinnen und Schüler etwas ab.»

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Begleiten statt kontrollieren

Damit die Waldkinder Lesen, Schreiben und auf Papier Rechnen üben können, steht der Waldschule ein Bauwagen zur Verfügung. Hier ist es trocken und an kalten Wintertagen geheizt. Die Schüler und Schülerinnen arbeiten an diesem Morgen eine halbe Stunde an ihren Quartalsplänen, alleine oder zu zweit. Wer etwas nicht versteht, streckt die Hand auf und Caro Knoepfel kommt und erklärt. Wie in der normalen Schule. «Manchmal haben wir auch Lernkontrollen», sagt Robin, «wenn ich es nicht kann, nervt es mich.»

Am Nachmittag wird die zweite Klasse nochmals im Bauwagen weiterarbeiten. Robin wird eine selbst erfundene Geschichte erzählen. Doch bereits ist es Zeit fürs Znüni. Heute gehts zum Windplatz auf dem Hügel, raus aus dem Wald. Der Wind hat nochmals zugelegt und es besteht die Gefahr, dass dürre Äste abbrechen.

«Auch die Kinder sind etwas durch den Wind», sagt Caro Knoepfel und schaut ihnen lächelnd nach. Eben haben alle noch ruhig und konzentriert gearbeitet, jetzt sausen sie davon, klettern auf Bäume und springen über Wurzelstöcke. Die Lehrerin beobachtet das fröhliche Treiben entspannt: «Im Wald ist so viel Raum, da stört es nicht, wenn die Kinder schreien und sich austoben.» Auch die stilleren leiden nicht unter den lauteren, wie es drinnen oft vorkommt. Früher, als sie noch in Schulzimmern unterrichtete, habe sie sich häufig als Polizistin gefühlt. «Hier bin ich eher die Begleiterin», sagt die Lehrerin, die seit 16 Jahren in der Waldschule arbeitet. «Weil die Kinder ihren Bewegungsdrang ausleben können, sind sie auch fähig, sich intensiv auf eine ruhige Tätigkeit einzulassen.»

Übertritt in die Volksschule

Wenn die Kinder nach der zweiten Klasse vom Wald in ein Schulhaus mit Schulzimmer und Pausenplatz wechseln und der Stundenplan den Tag auf die Minute strukturiert, ist die Umstellung gross. «Manche Kinder klagen über den Lärmpegel im Klassenzimmer, andere finden die Pausen herausfordernd, weil sie gleichzeitig Znüni essen müssen, aber auch spielen möchten», sagt Eva Helg. In der Freizeit brauchen sie zum Ausgleich dann meistens viel Bewegung, gehen raus zum Tschutten oder Velofahren oder treten einem Sportverein bei. «Von den Lehrpersonen erhalten wir die Rückmeldung, dass unsere Kinder selbstbewusst, eigenständig und hoch motiviert sind», weiss Helg, «sie fragen viel und haben ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit.»

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Wagemutig spielen

Die Znünipause ist fertig, die Rucksäcke liegen auf einem Haufen. Bis zum Mittag ist jetzt für alle Freispiel. Kokes Ramanathas hat den grossen farbigen Fallschirm mit auf den Hügel genommen. Ein paar Kinder falten ihn auf, halten die Enden fest und lassen ihn vom Wind aufblähen. Eins, zwei, drei! Alle versuchen gemeinsam, auf den Rand zu sitzen. Das gelingt nur schlecht, sie verwickeln sich darin, lachen und kriechen immer weiter unter das riesige Tuch.

Etwas davon entfernt sitzt Meret mit drei Kindern im Gras. Sie hat von zu Hause einen Sack Wolle mitgenommen und zeigt den andern, wie man Freundschaftsbändeli knüpft. Eine weitere Kindergruppe spielt Rodelbahn. Auf dem Hosenboden oder kopfvoran rutschen die Kinder eine Böschung hinunter. Allein, zu zweit oder wie im Fünferbob. Klettern hoch und schlittern gleich wieder runter. Auf den ersten Blick sieht das ziemlich gefährlich aus, denn der Hang ist steil und endet auf einer Strasse – die allerdings kaum befahren wird, wie alle zu wissen scheinen.

Caro Knoepfel schaut dem Treiben in ihrer ruhigen Art zu und erklärt: «Selbstverantwortung ist uns wichtig, auch bei wagemutigen Spielen. Wir sagen nicht, das darfst du nicht oder das kannst du nicht, sondern: Schau, ob du es kannst, ob du es dir zutraust.» Die Kinder juchzen und johlen und bald macht die ganze Klasse mit. Die Wangen der Kinder werden immer roter, ihre Kleider immer brauner.

Schon ist es 12 Uhr. Die Flöte erklingt. Die jüngeren Kinder, die mittags nach Hause gehen, bilden einen Kreis und singen zum Abschied: «Danke, liebe Wald, danke liebi Tier, bi öich händ mir chönne spiele, und jetzt isch es verbi.»

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