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Schwimmen – Leben retten

Vorsicht beim Baden

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Kleine Kinder ertrinken lautlos. Der Arzt Johannes Mayr erklärt, wie Eltern Unfälle vermeiden können.

wir eltern: Herr Professor Mayr, warum schreien und gestikulieren Kinder im Alter von 1 bis 4 Jahren nicht, wenn sie vom Ertrinken bedroht sind?

Prof. Dr. med. Johannes Mayr: Wenn Wasser in den Rachen und den Kehlkopf gelangt, verschliesst sich dieser reflektorisch, um das Eindringen des Wassers in die Lunge zu vermeiden. Deshalb ist es den Kindern weder möglich zu atmen noch zu schreien.

Geraten sie denn nicht in Panik?

Auch für die Kleinsten ist es ein Riesenstress. Das Kind sinkt langsam. Es ist aber schon gefährlich, wenn das Kind mit dem Gesicht nur fünf Zentimeter unter Wasser liegt. Kinder unter drei Jahren fallen sehr viel häufiger auf den Kopf. Einfach weil sie diesen Reflex noch nicht haben, sich mit den Armen abzustützen. Selbst im seichten Wasser schafft ein Kind es manchmal nicht, den Kopf hochzuheben. Kleine Kinder können sich nicht über Wasser halten.

Schützen Schwimmflügel vor dem Ertrinken?

Nein, das sind nur Schwimmhilfen, die nicht vor dem Ertrinken schützen. Sie bieten nicht die Sicherheit von etwa Schwimmwesten.

Können auch grössere Kinder lautlos ertrinken?

Auch bei älteren Kindern existiert der Verschluss-Reflex des Kehlkopfes, aber sie machen sich eher durch Zappeln und Gestikulieren bemerkbar. Im Idealfall können sie schon schwimmen. Trotzdem ist es immer noch möglich, dass sie vor Schreck erstarren, wenn es ihnen die Kehle zuschnürt, und dann wie ein Stein untergehen.

Wie lassen sich Ertrinkungsfälle vermeiden?

Man kann den Kindern nicht sagen: «Macht euch bemerkbar». Aber man kann dafür sorgen, dass sie gar nicht ins Wasser fallen. Indem man die Kinder nie aus den Augen lässt und auch, indem man Swimmingpools einzäunt. In Kalifornien zum Beispiel hat die Einführung einer entsprechenden Ge setzesvorschrift schlagartig zu einem drastischen Rückgang von Kinder-Ertrinkungsfällen geführt.

Sollen Eltern ihre Kinder besser gar nicht in Wassernähe spielen lassen?

Es ist eine Frage der Aufsicht. Kinder haben einfach Interesse und Spass am Wasser, und es zieht sie magisch an. Es ist wichtig, sie über die möglichen Gefahren aufzuklären.

Wie lange dauert es, bis ein Kind ertrinkt?

Wir gehen von drei bis fünf Minuten aus. Wenn ein Kind unauffindbar ist – beispielsweise in einem Garten mit Pool oder Biotop, sollte man zuerst dort suchen. Sonst vergeht zu viel Zeit.

Welche Schäden können bei Beinahe-Ertrinkungsfällen eintreten?

Prinzipiell können das Gehirn und die Lunge betroffen sein. Lungenschäden entstehen durch massive Atembewegungen gegen die geschlossene Stimmritze oder das Aspirieren von Wasser. Selbst wenn man das Kind rechtzeitig aus dem Wasser rettet, kann ein Lungenödem entstehen. Neurologisch sind die Kinder zum Glück meist in Ordnung. Schlimmer ist es, wenn man Kinder, die keinen Herzschlag mehr haben, quasi «erfolgreich» reanimiert hat. Dann ist der Hirnschaden meist sehr schlimm und es kommt entweder zum verspäteten Tod oder zu äusserst tragischen Pflegefällen.

Was sind die wichtigsten Präventionsmassnahmen?

Aufklären und Vorbeugen! Wichtigste Massnahme ist die Verbreitung des Wissens, dass das Ertrinken in erster Linie lautlos erfolgt, und man deshalb, wenn ein Kind fehlt, sofort und zuerst an möglichen Wasserflächen suchen muss. Kinder sollten zudem möglichst früh schwimmen lernen und einen guten Übergang schaffen vom Babyschwimmen zum Kleinkinderschwimmen.


Zur Person

Prof. Dr. med. Johannes Mayr ist Leitender Arzt Kinderchirurgie am Universitäts-Kinderspital beider Basel. Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG macht im Rahmen ihrer Kampagne «Das Wasser und ich» auf die Gefahrdes «Lautlosen Ertrinkens» aufmerksam.

Infos auf www.das-wasser-und-ich.ch

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