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David Stamm Müller

Vaterschaftsurlaub

Den Vorsprung der Mutter aufholen

In den Vatermodus wechselt Mann nicht von einem Tag auf den anderen, findet David Stamm. Für die Ankunft seines Sohnes hat er sich ein halbes Jahr Urlaub genommen.

Lehrpersonen können nicht mitten im Quartal frei machen. Also habe ich bereits nach den Frühlingsferien aufgehört zu arbeiten. Da meine Partnerin und ich neben unseren Berufen in verschiedenen Projekten aktiv sind, etwa bei der regionalen Gartenkooperative Ortoloco, habe ich natürlich nicht nichts getan. Aber ich habe das Tempo gedrosselt. Und versucht, mich auf das Kind vorzubereiten. Dadurch hat sich unser gemeinsamer Alltag schon vorher verlangsamt, und aus dieser Ruhe heraus sind wir am 24. Juni 2014 ins Familienleben gestartet.

Die Geburt eines Kindes ist ein grosser Moment. Wenn ich jetzt zurückschaue, kommt mir diese erste Zeit mit dem neugeborenen Jon vor wie eine ausgedehnte Phase des Staunens. Wir haben nicht viel gemacht, lebten eine Weile lang sehr zurückgezogen, den ersten Monat in Zürich, danach zwei Monate im Tessin im Rustico, das wir uns mit Freunden teilen. Meistens waren wir da allein, aber langweilig war es trotzdem nicht. Alles drehte sich um das Kind und seine Bedürfnisse. Wir tauchten ein in seinen Mikrokosmos und nahmen die Welt aus seiner Perspektive wahr. Die Gegenwart bekam mehr Gewicht und unser Lebensrhythmus glich sich dem des Babys an.

Wenn man Eltern wird, merkt man, dass die Mutter einen Vorsprung hat. Ihre Nähe zum Kind ist sozusagen naturgegeben, durch die Schwangerschaft und nach der Geburt durch das Stillen. Als Vater hat man den Vorteil, dass man physisch besser zwäg ist, jedenfalls unmittelbar nach der Geburt. Man kann zwar nicht stillen, alles andere aber schon, wie etwa das Kind herumtragen. Und weil die Beziehung zu Beginn fast ausschliesslich physisch ist, konnte ich durch meine blosse Präsenz eine ähnlich nahe Bindung zu Jon aufbauen wie die Mutter.

An seinem dritten Lebenstag habe ich mit Jon im Tragetuch das erste Mal den Gemeinschaftsgarten in der Nähe unseres Hauses besucht. Diese Aufregung, dass da jemand Neues ist, mir anvertraut! Auf dem Rückweg brach ein Gewitter über uns herein. Ich hatte keinen Regenschutz dabei und musste mich an der Tramhaltestelle unterstellen. Was tue ich jetzt, wenn Jon Hunger bekommt und zu weinen beginnt? Das waren völlig neue Erlebnisse und für mich sehr wertvoll. Ich bin froh, dass ich mich nicht nur neben dem Berufsalltag dem Kind widmen konnte. Ich glaube nämlich nicht, dass man einen Schalter umkippen kann und man ist im Vatermodus.

Die lange Auszeit war möglich dank tiefer Lebenskosten.

Die lange Auszeit konnten wir uns leisten, weil wir keine hohen Lebenskosten haben. Viele Babysachen haben wir geschenkt oder gebraucht bekommen. Grössere Anschaffungen wie den Veloanhänger kauften wir Secondhand. Ausserdem habe ich im Jahr davor 80 Prozent gearbeitet, sodass es mit dem Einkommen von Dorothea gut ­gereicht hat, bis ich nach den Herbstferien wieder angefangen habe zu arbeiten.

Die Verteilung von Arbeit und Kinderbetreuung ist bei uns sehr ausgeglichen. Das ist natürlich auch eine Herausforderung, weil viel ausgehandelt werden muss. Mit drei anderen Familien haben wir an zwei Tagen in der Woche eine private Kinderbetreuung organisiert. So sind wir regelmässig für die Kindergruppe verantwortlich, verbringen beide aber auch Zeit alleine mit Jon. Ich geniesse die Zweierdynamik; zwischen Vater und Sohn passiert etwas anderes als mit der Mutter, unsere Spiele sind etwa deutlich kämpferischer. Im Moment merke ich aber auch, dass ich mich beruflich wieder mehr engagieren will, möchte aber nicht weniger Zeit für die Familie haben. Eher werde ich meine anderen Projekte zurückstellen.


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Dieser Artikel stammt aus «wir eltern» 02/17.

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