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Gehorsam in der Erziehung

«Unterordnung ist etwas für Hunde»

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Einige Pädagogen plädieren wieder für mehr Gehorsam in der Erziehung. Dabei wollen Kinder verstehen, um zu lernen. Ein Interview.

wir eltern: Das Buch «Lob der Disziplin» von Bernhard Bueb ist ein Bestseller, ein Hohelied auf den Gehorsam: «Wer Selbstbestimmung lernen will, muss Unterordnung gelernt haben».

Tina Hascher: Unterordnung ist etwas, das einen eher an Hunde oder an das Militär denken lässt als an Pädagogik… Nein, ich glaube nicht, dass Mütter, Väter, Lehrer oder Lehrerinnen tatsächlich zurück zur autoritären Erziehung wollen. In Zeiten, in denen jeder wenig Zeit hat, ist alles beliebt, was eben diese spart. Diskussionen mit Kindern dauern länger als Anordnungen.

Was ist von der Behauptung zu halten, es gäbe ein kindliches Bedürfnis nach Hierarchie?

Meiner Ansicht nach ist das Unfug. Vielmehr gibt es ein menschliches Bedürfnis nach Verstehen Wollen und eines nach sozialer Teilhabe. Ein Beispiel: Tempolimite im Strassenverkehr werden erwiesenermassen deutlich häufiger eingehalten, wenn eine Begründung mitgeliefert wird. Etwa «Vorsicht Schulanfänger». Auch Kinder möchten Begründungen und Erklärungen haben. Erst dadurch können sie lernen, sich in die Perspektive eines anderen hineinzuversetzen, aus innerer Überzeugung zu handeln und nicht nur aufgrund von Lob oder Strafe.

Sie sind also eine Vertreterin der sogenannten Kuschelpädagogik?

Nein, das bin ich nicht. Aber ich bin der Überzeugung, dass Eingefordertes plausibel werden muss. Ausserdem machen Untersuchungen deutlich, dass autoritäre Erziehung Schaden anrichtet. An der Beziehung zu Eltern oder Lehrer, innerhalb der Kindergruppe und im Kind selbst.

Inwiefern?

Es gibt das berühmte Experiment von Kurt Lewin. Drei Kindergartengruppen sollen ein Osternest aus Plastilin kneten. Eine Gruppe hat keinerlei Lenkung, ein Grossteil dieser Kinder ist verunsichert, manche werden aggressiv, werfen und matschen mit dem Material herum. Eine Gruppe wird liebevoll betreut und angeleitet. Das Was und Wie wird gemeinsam besprochen und festgelegt. Es entstehen hübsche Eier, Hasen, andere fantasievolle Gebilde und die Kinder helfen, loben und motivieren sich gegenseitig. Und dann die autoritär geführte Gruppe: Hier geht es nur ums Nachmachen. Es werden ausschliesslich Eier nach Schema F produziert. Nahezu kein Kind mag die Leiterin, die Kleinen putzen sich gegenseitig runter; und den anderen deren geknetete Eier kaputt machen tun sie auch.

Die Verfechter der Grenzen-setzen-Pädagogik würden wohl sagen: erst die Eier, dann das Vergnügen.

Und damit liegen sie falsch. Nur wenn Kinder aus sich heraus motiviert sind, wird sich dauerhafter Erfolg einstellen. Bei extrinsischer Motivation – also Handeln aufgrund von Belohnung oder in Aussicht gestellter Strafe – gibt es, sobald diese wegfallen, auch keine Leistung mehr. Zudem finde ich es wichtig, dass Kinder Hilfsbereitschaft und Verständnis lernen. Viel wichtiger jedenfalls als genormte Ostereier.

Soll man also als Eltern um die Gunst der Kinder buhlen?

Nein. Regeln, Grenzen, Sanktionen, das alles gehört selbstverständlich zur Erziehung. Aber transparent, liebe- und respektvoll. Gehorsam und Unterordnung ist eben nur was für deutsche Schäferhunde.


Zur Person

Tina Hascher ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg. Sie hat sich an der Uni Fribourg habilitiert, das ehemalige Sekundarlehramt der Universität Bern geleitet und als Schwerpunkt Pädagogische Psychologie gelehrt. Sie ist entschiedene Verfechterin eines sozial-integrativen Erziehungsstils.

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