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Lehrplan 21

Tränen nach Plan

Kind ist am zeichnen

Der Wochenplan ist ein Instrument des modernen Schulunterrichts und soll die Kinder zu selbstständigem Planen und Arbeiten anleiten. Doch: Funktionieren tut das längst nicht überall.

Er gehört zum modernen Schulalltag wie in früheren Zeiten das Zackig-bis-demonstrativ-träge-Aufstehen, wenn der Schulmeister das Zimmer betrat. Und er ist mindestens so umstritten wie die erzwungene Respektbezeugung von damals: der Wochenplan. Manche Lehrpersonen schwören auf ihn, weil er ihren Schulalltag strukturiert und ihnen erlaubt, besser auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler einzugehen. Andere lehnen ihn ab, weil er einzelne Schüler überfordert und im Chaos endet, wenn es mit der Organisation nicht klappt. Läuft alles rund und kommen die Kinder gut damit zurecht, brauchen sich die Eltern nicht weiter mit dem Wochenplan auseinanderzusetzen. Immer wieder sind aber auch Klagen zu hören: Eltern erzählen, wie ihre Kinder vor kaum zu bewältigenden Aufgabenbergen in Tränen ausbrechen, plötzlich schlechte Noten heimbringen, der Wochenplan zum Familien-Albtraum wird und nur mehr eines klar ist: Hier läuft etwas falsch.

Drillen oder dümpeln?

«Wenn der Wochenplan zu Problemen führt, ist es ein schlechter Wochenplan», sagt Etienne Bütikofer, Dozent an der pädagogischen Hochschule in Bern und Bereichsleiter Pädagogik beim Berner Lehrerverband (Lebe). Die Methode an sich sei sinnvoll, ist der Lehrer und Vater von drei Kindern überzeugt, obwohl es sehr wenige Untersuchungen dazu gebe. Wichtig sei, dass die Lehrperson die Klasse gut vorbereite auf die Wochenplanarbeit und sicher stelle, dass alle damit zurecht kämen. Bütikofer: «Auch die Eltern müssen informiert werden, was es heisst, mit einem Wochenplan zu arbeiten.»
Dass sich der Schulalltag gewandelt hat, merken nicht pädagogisch gebildete Eltern spätestens beim ersten Elternabend oder Schulbesuchstag. Da ist viel von fächerübergreifendem Projekt oder Werkstattunterricht die Rede. Von Lernumgebungen, in denen die Kinder selbstständig arbeiten. Von Selbstkontrolle und eigenverantwortlichem Lernen. Im Schulzimmer fallen all die bunten Materialien und Fächlisysteme auf. Gruppentische, Lese- und Spielecke deuten darauf hin, dass nicht nur alleine, sondern auch zu zweit oder zu mehreren gepaukt – und ja, auch gespielt wird. Frontal-Unterricht, wie die Generation der Eltern von heutigen Schulkindern ihn noch gekannt hat, wird oft nur noch punktuell praktiziert. Statt dass ein Lehrer stundenlang über die griechische Mythologie doziert und Hefte füllen lässt, erarbeiten sich die Schüler das Thema heute mithilfe von Medien und Materialien aller Art individuell und gemäss den eigenen Fähigkeiten und Interessen. Etienne Bütikofer: «Der Lehrer als Alleinunterhalter ist eine aussterbende Gattung.» Und so ist das disziplinierte Stillsitzen und Zuhören betriebsamer Bewegung im Schulzimmer gewichen. Linear zur Abnahme der Langeweile haben allerdings Konzentrationsschwierigkeiten zugenommen.
Der Ursprung der heutigen Schulform geht auf die Reformpädagogik zurück, die besonders in den 20er- und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts vermehrt Anhänger fand. Das Kind wurde vom Objekt des Lehrens zum Subjekt des Lernens. Vertreter dieser Grundgedanken waren etwa Maria Montessori («Hilf mir, es selbst zu tun», Célestin Freinet («Den Kindern das Wort geben») oder Peter Petersen, Gründer des Jena-Plans («selbsttätiges Arbeiten in altersgemischten Lerngruppen»). Der Wochenplan wurde als Instrument der Strukturierung für diese neue und offene Unterrichtsform entwickelt. Erste Spuren eines offenen Unterrichts finden sich in der Schweizer Volksschule erst in den 1970er- und 1980er-Jahren. Mittlerweile ist der Wochenplanunterricht auf der Unter- und Mittelstufe jedoch relativ verbreitet.
Nicht zur Freude aller Beteiligten. Die SVP ärgerte sich in den letzten Monaten immer wieder medienwirksam darüber, dass das «sozialromantische Phantom der Selbstverantwortung des Schülers zum Lernprinzip erhoben» werde, dass «Schüler in individuellem Lerntempo durch die Schule dümpeln» dürften. Wochenplanarbeit ist der SVP ein Dorn im Auge. Nun fordert sie gar den Frontalunterricht zurück und veröffentlichte zu diesem Zweck im vergangenen November einen Gegenentwurf zum Lehrplan 21, welcher in diesen Monaten von der Schweizerischen Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) erarbeitet wird und 2014 eingeführt werden soll. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Diskussion, ob Drill besser ist als Freiheit, dank dem eben erschienenen Buch der chinesisch-amerikanischen Autorin Amy Chua. In «Die Mutter des Erfolgs» preist sie die ultrastrenge Erziehung ihrer Landsleute; nur autoritär verordnetes Lernen, Fleiss und eine konsequent auf Leistung ausgerichtete Alltagsgestaltung würden zu schulischem und beruflichem Erfolg führen, ist die ambitionierte Mutter von zwei Töchtern überzeugt. Der hohe Leistungsdruck zeigt in China allerdings seine äusserst zweifelhafte Wirkung. Mehr als jedes dritte chinesische Kind leidet mindestens einmal in der Woche vor lauter Stress an Bauch- oder Kopfschmerzen, wie Spiegel-online berichtete.


6 Punkte, die ein guter Wochenplan erfüllen muss:

1. Er ist lernzielorientiert
Das Ziel, beispielsweise das Passé Composé zu beherrschen, wird festgelegt. Der Weg dahin besteht aus unterschiedlichen Aufträgen in verschiedenen Sozialformen und nicht nur aus Tätigkeiten, die abgearbeitet werden müssen.

2. Er enthält Pflicht und Kür
Zu den Pflichtarbeiten gehören diejenigen, die nötig sind, damit in der ganzen Klasse der Stoff fortgesetzt werden kann. Zur Kür gehören Aufgaben, die freiwillig und nach Beenden des Pflichtteils erarbeitet werden können.

3. Er ist individuell
Der Wochenplan geht auf die Fähigkeiten, Bedürfnisse, das Leistungsvermögen und die individuellen Interesse des einzelnen Schülers ein, er ist massgeschneidert, weder über- noch unterfordernd.

4. Er ist altersangepasst
In der Grund- und Unterstufe zeigen Zeichnungen und Symbole, ergänzt mit wenigen Wörtern oder Zahlen, was erarbeitet werden muss. In der Mittelstufe sind die Aufträge immer noch in einfacher Sprache abgefasst.

5. Er wird sorgfältig eingeführt
Der Einstieg kann über einen Tagesplan erfolgen, welcher sich nach und nach zum Wochenplan entwickelt. Die Lehrperson muss sicherstellen, dass die Schüler mit dem System des Wochenplans selbstständig klar kommen. Die Hilfe der Eltern sollte nicht nötig sein.

6. Er beantwortet folgende Fragen:
Was muss ich tun? Wie kann ich vorgehen? Was benötige ich zur Lösung der Aufgaben? Wann arbeite ich nach dem Plan?


Planen oder verplant werden?

Überdies ist es eine Fehleinschätzung der SVP, dass Frontalunterricht in Schweizer Schulen nicht mehr vorkommt. «Heute ist man kaum mehr der Ansicht, dass offener Unterricht und Wochenplanarbeit eine flächendeckend zu praktizierende Methode ist», sagt Anton Strittmatter, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbands Schweizer Lehrer und Lehrerinnen (LCH), «es muss ein breites Methodenrepertoire gespielt werden, damit nicht chronisch eine Gruppe von Schülern um ihre Lernchancen betrogen wird.» Pädagogik-Experte Bütikofer ergänzt: «Um einen Stoff einzuführen und einen Boden zu legen, eignet sich Frontal-Unterricht oft sehr gut.» Vertiefen und üben wiederum können die Kinder jedoch mithilfe eines Wochenplans. Und lernen ganz nebenher selbstständiges Arbeiten – ein Lernziel, dem heute besondere Wichtigkeit beigemessen wird. Denn im Arbeits-, Familien- oder Vereinsleben ist es wichtig, dass wir gelernt haben, uns zu organisieren und unsere Energie sinnvoll einzuteilen.

Selbstständiges Planen der Arbeiten fällt jedoch nicht allen Schülerinnen und Schülern gleich leicht. «80 Prozent haben den Wochenplan nach einem Monat im Griff und können ihn grösstenteils selbstständig und termingerecht abgeben», sagt Raffel Müller, Mittelstufenlehrer am Zürcher Schulhaus Letten. «Einige brauchen jedoch die besondere Unterstützung von Lehrperson und Eltern, manchmal bis zum Ende der sechsten Klasse oder darüber hinaus.» Mehr Mühe hätten verspielte, verträumte oder schulisch etwas unreifere Kinder. Nicht alle schaffen es, am richtigen Tag das Geometriebuch und den Zirkel oder die Matheaufgabe Blatt 5B im Schulthek zu haben. Nicht alle merken, dass Kollege Marlon, der einen mit seinem imaginären Star-Wars-Laser-Schwert ablenken will, jetzt besser ignoriert wird, wenn der Rest des Nachmittags nicht über den Hausaufgaben gebrütet werden soll. «Es gibt Kinder, die besser planen können als andere», sagt Pädagoge Anton Strittmatter. «Meistens ungeeignet ist Wochenplanarbeit für Kinder mit ADHS oder Autismus; sie brauchen klare Strukturen und Vorgaben.» Heikel wiederum findet Strittmatter, wenn die Wochenplanarbeiten in die Hausaufgaben übergehen, weil es so zu sozialen Ungerechtigkeiten kommt und die Chancenungleichheit zunimmt.

Eltern als Lerncoach

Im Alltag ist dies oft der Fall. Und so kommt es, dass viele Eltern ihre Kinder ganz besonders in der ersten Zeit der Wochenplanarbeit mehr oder weniger intensiv coachen. «Ich konnte nicht mehr zuschauen, wie Nino immer wieder seinen Thek durchwühlte auf der Suche nach dem richtigen Blatt und schliesslich nur noch wütend war auf die Schule und sich selbst», erzählt die Mutter eines Fünftklässlers. Irgendwann habe sie Mäppli angelegt für alle Aufgaben: eins für die unerledigten, eins für die erledigten aber nicht kontrollierten, ein drittes für die komplett fertigen. Mit der Zeit habe sich die Situation entspannt und heute, knapp zwei Jahre nach Beginn der Wochenplanarbeit, sei Nino ganz stolz, wenn er das Wochenpensum mal bereits einen Tag vor dem Abgabetermin erledigt habe. «Eine harte Schule ist es gewesen, die ihm leichter gefallen wäre, hätte sie etwas später oder mit nicht ganz so hoher Belastung begonnen», ist die Mutter überzeugt.

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