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Spracherwerb

Sprechen lernen mit Apps?

Können Apps und Kinderserien meiner einjährigen Tochter helfen, sprechen zu lernen? Der Markt dafür boomt. Was Forschende dazu sagen – und wie der Selbstversuch klappt.

Vier animierte Tierbabys tanzen über den Bildschirm. Meine knapp zwölf Monate alte Tochter jauchzt und gluckst vor Freude auf meinem Schoss. Wir schauen die Netflix-Serie «Jim Henson’s Wortparty». Die Serie läuft unter der Kategorie «Bildung» und soll Kleinkindern helfen, Wörter zu lernen. Mein Baby will vor allem eins: ständig den Bildschirm berühren.

Vielleicht eignet sich die interaktive App von Spreceine besser, um neue Wörter kennenzulernen? Auf meinem Handy öffne ich das Programm «Baby lernt sprechen», das laut Beschrieb den Wortschatz von Kindern ab einem Jahr aufbauen und erweitern hilft. «Gelb», sagt eine Stimme aus dem Off. Zu sehen ist ein gelbes Fantasiewesen. Meine Tochter versucht, das Wesen abzulecken.

Ich beende die mediale Lerneinheit vorerst. Die beiden Baby-Lernprogramme habe ich aus einem Angebot ausgewählt, das anscheinend viele Eltern nutzen. «Baby lernt sprechen» wurde bereits über eine Million Mal heruntergeladen. «Klavier Kinder» will Lernerfolge mithilfe von Musik erzielen und hat sogar über 50 Millionen Nutzer* innen. Die Apps sind in unterschiedlichen Sprachen in vielen Ländern verfügbar. Auf Netflix und YouTube Kids gibt es ganze Lernbereiche, die meinem Kind beim Spracherwerb helfen sollen.

Was braucht das Kind um sprechen zu lernen?

Meine Tochter spricht erst drei Wörter: «Mama», «Oma» und «da». Der Kinderarzt fragte bei der letzten Untersuchung nach ihrem Wortschatz und schob gleich hinterher, dass es fürs Sprechen noch etwas früh sei. Kinder sprechen meist zwischen einem und eineinhalb Jahren die ersten Wörter.

Einige überraschen ihre Eltern damit schon mit neun Monaten, andere lassen sich Zeit, bis sie zweieinhalb Jahre alt sind. Trotzdem frage ich mich: Sollten wir das mediale Angebot nutzen, damit meine Tochter von Anfang an sprachlich bestmöglich gefördert wird?

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Für Babys gilt: Zehn Minuten Bildschirmzeit täglich reichen.

Die Medienpädagogin Eveline Hipeli von der Pädagogischen Hochschule Zürich beobachtet immer wieder, dass manche Eltern keine Fördermöglichkeit verpassen wollen. «Wir leben in einer Leistungsgesellschaft», sagt sie und im Gespräch wird klar, dass sie die Lernversprechen von App-Anbietern mit Skepsis betrachtet.

Wertvolle Zeit mit dem Kind verbringen

Mich interessiert trotzdem, wie ich mein Baby fördern kann, damit es besonders gut sprechen lernt. Carine Burkhardt Bossi, Leiterin des Masterstudiengangs Frühe Kindheit an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, sagt dazu: «Wer sein Kind fördern will, muss vor allem wertvolle Zeit mit ihm verbringen, bei der das Kind im Fokus steht.»

Ob Apps oder Videos auch zur frühen Förderung beitragen können, sei nicht ganz einfach zu beantworten. Smartphones, Tablets und App-Stores gibt es noch nicht besonders lange. Deshalb habe man noch zu wenige Erkenntnisse darüber, welche Auswirkungen digitale Medien wirklich auf Kinder haben.

Die Welt mit den Eltern entdecken

Tatsächlich gibt es nicht viel Forschung über die Förderung des kindlichen Sprachvermögens durch digitale Medien. In der Studie «Babies and Baby Media» haben Psychologinnen der University of Virginia 12 bis 18 Monate alte Kinder untersucht, die mehrere Wochen lang täglich eine Wortlernsendung schauten.

Das Ergebnis: Kinder, die keine Sendung sahen, sondern die Welt mit den Eltern entdeckten, lernten am meisten neue Wörter. Babys, die ganz allein vor dem Bildschirm sassen, lernten am wenigsten.

Digitale Aktivitäten ab Geburt

Bisher fehlen allerdings umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen. Diese Lücke will das Zürcher Marie Meierhofer Institut für das Kind schliessen. Der Psychologe Fabio Sticca führt dort das Forschungsprojekt «Kinder und Digitale Medien» durch.

«Wir möchten einen ganzheitlichen Blick auf die Entwicklung des Kindes werfen», sagt er. «Deshalb interessieren wir uns nicht nur für die digitalen, sondern auch für die nicht-digitalen Aktivitäten von Kindern zwischen Geburt und drei Jahren.»

Mit seinem Team untersucht er auch den Inhalt der genutzten digitalen Medien, das Umfeld und die Eigenschaften der Kinder und ihre Beziehung zur Hauptbezugsperson. Dieser umfassende Blick soll helfen, die Auswirkungen digitaler Medien besonders gut einzuschätzen.

Greifen und Begreifen

Meine Tochter ist nach der digitalen Lerneinheit zu ihrer Lieblingsbeschäftigung zurückgekehrt: Sie durchwühlt die Schublade mit den Tupperschüsseln, stapelt Behälter ineinander, leckt einen Deckel ab und hält ihn mir freudestrahlend entgegen. «Ja, ein Deckel!», sage ich.

Laut Carine Burkhardt Bossi lernt mein Kind mit dieser Schublade mehr als bei einem digitalen Lernprogramm: «Es lernt die Konsistenz kennen, indem es die Schüssel in den Mund nimmt. Beim Stapeln kann es etwas bewegen und erfährt dadurch Selbstwirksamkeit. Beim Aufeinandertürmen sammelt das Kind Raumerfahrungen. Und indem Sie es sprachlich begleiten, lernt es die passenden Wörter kennen.» Greifen und Begreifen entwickeln sich dadurch Hand in Hand.

Ohne digitale Medien verpasst das Kleinkind nichts

Das lehrreichste Programm ist also das alltägliche Leben. «Wenn ein einjähriges Kind keine digitalen Medien erlebt, verpasst es nichts», bilanziert die Medienpädagogin Eveline Hipeli.

Ist es vielleicht gar besser, Kinder unter drei Jahren komplett vom Bildschirm fernzuhalten, wie es medienkritische Fachleute empfehlen? Das könne man zwar so halten, aber in der Realität drücken die Kinder oft schon mit einem halben Jahr neugierig auf einem Handy oder einem Tablet herum. «Ab und zu mit dem Kind auf den Bildschirm zu schauen, ist sicher nicht schädlich», sagt die Expertin.

Wie viel Bildschirmzeit ist gut?

Sie empfiehlt die einfache Rechnung «Lebensalter mal zehn Minuten». Das heisst: Ein einjähriges Kind darf begleitet von den Eltern zum Beispiel zehn Minuten lang Fotos auf dem Handy anschauen. Eveline Hipeli sagt: «Wenn bei den Aktivitäten die Balance stimmt, müssen Medien vor den Kleinen nicht versteckt werden.»

Ich nehme mein Handy, mache ein Foto von meiner Tochter inmitten der Tupperschüsseln und zeige es ihr. «Das bist du», sage ich. Sie tippt auf den Bildschirm, schaut mich an und lacht. Ich lache zurück.

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