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Oberstufe

Schule ist nicht gleich Schule

Gymnasium Schild

Der Lehrplan ist für alle Schüler gleich, die Gymi-Prüfung auch. Doch die Realität im Klassenzimmer, könnte für die Kinder unterschiedlicher nicht sein.

Über die Aufnahme–Prüfung fürs Lang-Gymnasium wird viel geredet. Von Eltern, Lehrern, Psychologen, Politikern. Wir reden mit denen, die es vor allem angeht: den Schülern. Drei Sechstklässler haben uns erlaubt, sie durch die Vorbereitungszeit zu begleiten. Letztes Mal haben wir sie daheim besucht, diesmal sind wir: In der Schule ... und wir drücken den Dreien fest die Daumen.


Ajith vor der Schule

Ajith, Schule Grünau, Zürich

Fatma und Dilpreet heissen die Kinder hier; Hadi, Ömer, Yaser und Medina. An der Zürcher Primarschule Grünau lernen Jungen und Mädchen aus 20 Nationen. Die Schweiz ist nur schwach vertreten. In Ajiths Klasse beträgt der Ausländeranteil 100 Prozent. Deutsch spricht daheim niemand. Auf dem Pausenplatz klingt es dann auch ein bisschen wie in Babel nach der Zerstörung des Turms. Nur fröhlicher. Ein bisschen Serbisch hier, ein wenig Portugiesisch da, Zürideutsch und Hochdeutsch mit eigenwilliger Grammatik. Die Kinder stört das nicht. Sie spielen Fangis und Fussball, Jungsauslachen und Mädchenärgern wie überall. Und wie überall wird geseufzt, wenn es wieder zum Unterricht klingelt. Ajith hat Geometrie. Seine Klasse ist altersgemischt: 6 Sechstklässler und 11 Fünftklässler. So können die Grossen den Kleinen helfen, vife 5.-Klässler ab und an in der 6. mitmachen und langsamere 6.-Klässler manchmal in der Fünften.
«Wie berechnet man überstumpfe Winkel?» Daniela Werndli, Ajiths Klassenlehrerin, blickt in die Runde. Ajiths Finger ist oben. «Wo muss man das Geo-Dreieck anlegen?» Ajiths Finger ist oben. «Wer hat die Aufgaben schon fertig?» Ajith. Jedes Ergebnis zweimal unterstrichen. Keine verschmierte Tinte, kein schiefer Strich. «Er ist ein fleissiger, aufmerksamer und reifer Junge», sagt seine Lehrerin. «Aber er wird es schwer haben an der Aufnahmeprüfung. » Ajith weiss das. Zwischen seinen Aufsätzen und den Aufsätzen anderer Gymi-Kandidaten, die im März gegeneinander antreten, liegt eine Welt. Der Teil der Welt, der zwischen Sri Lanka und der Schweiz liegt.

Vor allem freu' ich mich jetzt erstmal aufs Skilager.

Ajith

«Ich schlafe im Augenblick nicht gut», erzählt er mit seiner leisen Stimme. «Ich mache mir oft Sorgen wegen der Prüfungen, den Vornoten und so.» Der 13-Jährige guckt aus dem Fenster auf die Flachdächer Altstettens. «Über Weihnachten werde ich alles, alles wiederholen.» Abhängen und Ausruhen ist ohnehin nicht sein Ding. In seiner Freizeit belegt er möglichst viele von den Kursen, die die Schule anbietet. «Was ist Kunst?» beispielsweise. Capoeira könnte er auch wählen oder Malen oder Chor … Das Angebot für die 360 Schüler ist gross. «Wir möchten, dass auch unsere Kinder die Möglichkeit haben, nachmittags etwas Sinnvolles zu tun», sagt Schulleiter Bernhard von Arx. Von montags Flöte, mittwochs Ballett und freitags Frühenglisch sind die Kinder in Grünau nämlich meilenweit entfernt. Förderwahn grassiert anderswo. Hier wohnen Eltern mit wenig Zeit, wenig Geld, vielen Sorgen. Kopfzerbrechen macht den Müttern und Vätern nicht der Vortrag ihres Kindes zum Thema «Der Saturn», sondern etwa die Aufenthaltsbewilligung: Flüchtlingsstatus? B? C? Mit Planeten, Winkeln und unbestimmten Artikeln müssen die Kinder hier schon selbst zurechtkommen. Ajith hat sich auch selbst das Gymnasium ausgesucht, an dem er die Prüfung machen will: «Rämibühl» am Zürichberg. «Das soll eine berühmte Schule sein», sagt er ehrfürchtig. Ajith sieht wieder aus dem Fenster. Die Prüfung ist momentan nicht sein Lieblingsthema. Ob es etwas gibt, auf das er sich so richtig freue? «Und ob», der Junge ist ein einziges Strahlen. «Wir gehen ins Skilager. Nach Davos.» Snowboarden will er da lernen. Bis auf warme Kleidung werde alles bereitgestellt. «Ich liebe Berge!» Das weiss er seit vergangenem Sommer. Denn da hat er sie auf der Schulreise zum ersten Mal von Nahem gesehen. Zum einzigen Mal auch bislang. Ajith würde jetzt gerne wieder in seine Klasse. Die Stifte müssen doch noch gespitzt werden, die «Uffzgi» parat gelegt. Er gibt gern sein Bestes.


Hanna kletter einen Baum hoch vor ihrer Schule

Hanna, Bachtobelschule, Zürich

«Zwei Menschen werden öffentlich verbrannt und niemand hilft, warum?» Aufmunternd sieht Kim Bärtschi ihre 6. Klasse an. «Na, jemand eine Idee?» Von Frau Bärtschis Schülern und Schülerinnen haben viele eine Idee. Mindestens eine. «Liegen die vielleicht in einem Krematorium?», fragt Hanna. Kim Bärtschi schmunzelt «Nicht ganz, aber das ist der richtige Weg.» «Hat jemand einen Punkt auf der Stirn?», will ein Junge wissen. «Ja.» «Dann sind das Tamilen oder Inder. Und der Mann ist tot und dann wird die Frau mitverbrannt.» Fünf Minuten – länger braucht die 6. Klasse der Zürcher Bachtobelschule nicht, um mithilfe geschickter Fragen das Rätsel rauszutüfteln. Die Besucherin hinten in der Klasse grübelt noch immer und schämt sich ein bisschen. Witwenverbrennungen in Indien, wie kommen die Kinder nur so schnell darauf? «Ich habe eben eine tolle Klasse», schwärmt Kim Bärtschi. «Die Mädchen und Jungen denken kreativ und eigenständig. Das ist mir wichtig – deshalb machen wir regelmässig diese ‹Rätsel› mit Nachfragen im Unterricht.» Sechs aus ihrer Klasse sieht die 34-Jährige sicher auf dem Gymnasium, einer ist Wackelkandidat. Über Hanna sagt sie: «Wenn das Maitli die Prüfung nicht schafft, stimmt mit dem System was nicht.» Dann lacht sie: »Falls Hanna durchfällt, beschwere ich mich bei der Prüfungskommission.»
23 Kinder sind in ihrer Klasse, 15 Nationalitäten: Briten, Spanier, Deutsche wie Hanna, Elternpaare mit einem Schweizer Elternteil … Die meisten davon gebildet, jung, engagiert. Was in der Klasse läuft, ist den Vätern und Müttern wichtig. Fredi Welter, Schulleiter der Bachtobelschule, seinerseits ist wichtig, dass in seinem Schulhaus die Kinder bestmöglich gefördert werden und – sich wohlfühlen. «Nur wer mit Spass bei der Sache ist, kann Leistung bringen.» Deshalb machen an den Gangwänden Plakate mit Buchempfehlungen den Schülern Lust aufs Lesen. Deshalb gibt es an der 202 Schüler und 25 Lehrer zählenden Schule Wahlfächer: freiwillige Stunden zu Themen wie «Theater», «Schreiben», «Kiosk» … «Die Kinder haben Freude daran und den Begabten bietet sich eine Möglichkeit, mehr zu machen als die übliche Routine», sagt Fredi Welter. Schliesslich bräuchten nicht nur schwache Schüler Unterstützung, sondern auch starke – um ihr Potenzial entfalten zu können.

Unsere Lehrerin ist lustig, ich gehe gerne in ihre Klasse.

Hanna

Hanna hat im letzten Semester «Themenheft schreiben» belegt. «Diesmal habe ich «Theater» genommen», erzählt die 11-Jährige: «Man kann selber spielen, selber gestalten, auch selber etwas schreiben.» Selber wird in der Bachtobelschule grossgeschrieben. Hat jemand die «Uffzgi» vergessen, machen sich die Schüler aus der Bärtschi-Klasse selbst einen Eintrag, löschen selbst ihren Eintrag nach drei «vergessenslosen Wochen» und nehmen sich selber die auf dem Tischchen parat liegenden Aufgaben zum selbstständigen Üben. Von Gängelei hält hier niemand etwas. «Gerade die Gymi-Schüler brauchen – neben Intelligenz – ein hohes Mass an Eigenverantwortlichkeit, Organisation, die Überzeugung, für sich zu lernen», sagt Kim Bärtschi. «Und sie brauchen die Einstellung, dass Lernen Spass macht.» Deshalb brennt in ihrer Klasse ein Adventskranz, deshalb wird gerätselt, vorgelesen und – möglichst oft gelacht. «Streng, lustig, gerecht und hilfsbereit», charakterisiert Hanna ihre Lehrerin. «Es ist schön, bei ihr hier zur Schule zu gehen.» Dass sie gerade in drei Tests drei Fünfeinhalber eingeheimst hat, macht zusätzlich Spass. Ob Hanna inzwischen ein bisschen nervös vor der Aufnahmeprüfung ist? «Nö», sagt sie.
Ob Hanna Grund zu ihrer Seelenruhe habe? «Absolut», findet Kim Bärtschi, «sie schafft das.» Getippte Wahrscheinlichkeit: 90 Prozent.


Nico vor seine Schule

Nico, Schule Tössfeld, Winterthur

wir eltern: Na, Nico, ist die Nervosität vor der Aufnahmeprüfung inzwischen gestiegen?

Nico: Nein. Ich denke kaum dran.

Redet ihr in der Schule viel über «Gymnasium oder nicht Gymnasium»?

Mit meinem Freund rede ich über Fussball. Ich bin für Barcelona, er ist für Real.

Wie haben sich deine Noten seit unserem letzten Treffen entwickelt?

In Mathe habe ich meine erste 4-5 geschrieben. Das hat mich nicht gefreut.

Denkst du, dass deine Lehrerin dich gerne auf dem Gymnasium sehen würde?

Keine Ahnung. Glaub schon.

Was ist für sie das Wichtigste?

«Uffzgi». Wenn man die nicht hat, muss man was aus dem Duden abschreiben.

Was gefällt dir an ihr, was nicht?

Dass wir viele Spiele im Unterricht machen und so Vokabeln lernen, das gefällt mir. Das mit dem Duden nicht.

Mag sie dich?

Kommt drauf an. Wenn ich mit meinem Nachbarn schwatze, nicht.

Wie lange sitzt du täglich an den Hausaufgaben?

Mal 10 Minuten. Mal 2 Stunden.

Was interessiert dich in der Schule am meisten?

Einstein interessiert mich. Und Galilei. Und Newton. Die alle.

Wirst du in deinen Interessen von der Schule unterstützt?

Wir haben eine schöne Bibliothek. Mit Kissen drin. Die mag ich.

Aussehen der Schule? Egal. Hauptsache keine Blüemli an der Wand.

Nico

Gibt es sonst Angebote an der Schule über den Unterricht hinaus?

Einen Chor.

Gibt es etwas für die Begabten?

Da gibts in Winterthur etwas, das heisst «Exploratio». Da war ich früher mal.

Deine Schule ist in einem schönen, alten Gebäude. Ist dir wichtig, wie ein Schulhaus aussieht?

Solange sie keine rosa Blüemli auf den Wänden hat, ist mir alles recht.

Wie viele Kinder wollen aus deiner Klasse ans Gymi?

11 von 23.

Wie viele sprechen zu Hause kein Deutsch?

Keine Ahnung. Sechs vielleicht.

Macht ihr Übungen in der Schule, für die man viel Fantasie braucht?

Wir schreiben Geschichten.

Du warst doch schon mal an dem Gymnasium, auf das du möchtest. Wie war dein erster Eindruck?

Viele Kakteen.

Nico besucht:

Die Primarschule Tössfeld, eine Tagesschule in Winterthur, bei der die Kinder Mittagstisch und Betreuung bis abends 18 Uhr freiwillig (gegen Entgelt) nutzen können. Etwa 40 Lehrer unterrichten dort 350 Kinder. Der Ausländeranteil beträgt 30 Prozent. Das Schulhaus liegt in einem bunt durchmischten Stadtteil.

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