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Psychologie

Was tun mit einer beleidigten Leberwurst?

Verschränkte Arme, finsterer Blick, verstummen: Beleidigte Leberwürste sind anstrengend. Was hinter den immer gleichen Schmoll-Mustern steckt und wie man kleinen und grossen Schmollköpfen hilft.

Niklas ist ein Meister darin. Sobald etwas nicht nach dem Kopf des Fünfjährigen läuft, spult er sein Programm ab. Mein Lieblings-T-Shirt ist in der Wäsche? Arme verschränken. Ihr habt mir vom Dessert nichts übrig gelassen? Kinn vorschieben. Mein bester Freund hat keine Zeit für mich? Stirn in Falten legen, schmollen. Auch die 13-jährige Nachbarstochter ist Spezialistin darin, sich wortlos zurückzuziehen. «Bei jeder Kleinigkeit», seufzt ihre Mutter. Wer beleidigt ist, ärgert sich nach innen. Und sagt vor allem nicht, was mit ihm los ist. Stattdessen strafen Schmoller ihre Umwelt mit Schweigen – aber möglichst so, dass es jeder sieht. Die anderen wiederum bleiben oft ratlos zurück: Was hat er denn jetzt schon wieder? Was nimmt sie uns diesmal übel? Nicht ohne Grund nennen Fachleute Beleidigtsein auch «Sieg in der Niederlage».

Schmollen ist einfach

Was Kinder ab etwa drei Jahren können und Teenager perfektionieren, davor sind auch Erwachsene nicht gefeit. Hast du was? – Nein, wieso? – Ich merk doch, dass du was hast. – Nein, nein. – Willst du darüber reden? – Wieso, ich sag doch, es ist nichts.

Der Mann einer Freundin zieht sich nach jeder Auseinandersetzung mit seiner Frau beleidigt in sein Schneckenhaus zurück, ohne dass ihr klar ist, was ihn genau ärgert. Eine Reaktion, die sie wahnsinnig macht. Wer schmollt, ist über irgendetwas richtig wütend, traut sich aber nicht, dieses Gefühl zu zeigen. Die beleidigte Leberwurst zu spielen ist ja auch leichter, als den Mund aufzumachen und zu sagen: «Das stinkt mir!». Denn dafür müsste man benennen, was einen genau ärgert.

Es gibt viele Auslöser fürs Beleidigtsein: Enttäuschte Erwartungen, ein durch einen unbedachten Satz angegriffenes Selbstwertgefühl, die Zurückweisung durch eine geschätzte Person. Die Crux dabei: Wir beleidigen meist im Vorübergehen, ohne böse Absicht. Ein skeptischer Blick auf die Frisur des anderen kann ausreichen. Eine Freundin, die einen Tag zu spät zum Geburtstag gratuliert, ahnt nicht, was sie anrichtet.

Ob jemand schnell beleidigt ist, hängt nicht so sehr mit der Beleidigung zusammen. Ausschlaggebend ist das Selbstwertgefühl. Wer nur ein geringes besitzt, reagiert sensibler auf vermeintliche Angriffe. Emotional stabile Personen lachen mit, wenn der Besuch eine lustige Bemerkung über die aus der Form geratenen Muffins macht – während Instabile dem Angriff auf ihren Selbstwert mit offensivem Ärger oder Rückzug begegnen.

Schmollköpfe, egal welchen Alters, haben eines gemeinsam: Sie verstummen. Auf die Frage «Was ist los?» kommt vielleicht noch ein kurzes «Nichts» – dann hört das Gespräch auf. Das macht den Umgang mit ihnen so schwierig. Dabei schwirrt es im Kopf eines Schmollers nur so von Gedanken: Müsstest du doch eigentlich wissen, dass ich lieber mit dir alleine ins Kino gegangen wäre als mit deinem Kollegen und seiner furchtbaren Partnerin. Aber du hast mich irgendwie überredet, mitzukommen, und nun sitze ich in diesem Kino und finde alles blöd.

Doch was bezwecken beleidigte Leberwürste mit dieser Reaktion? Bei Kindern sagen Psychologen: Schmollen ist Ausdruck von Frustration und Überforderung, was die Kleinen ihrer Umgebung meist deutlich signalisieren‚ indem sie in Ruhe gelassen werden wollen. Gleichzeitig strafen sie dabei den anderen ab, um so Einfluss auf sein Verhalten zu nehmen und vielleicht doch noch ihre Wünsche durchzusetzen. Kurz: Schmollen ist ein Zeichen von Hilflosigkeit mit der verhohlenen Aufforderung: «Kümmere dich um mich und hilf mir wieder raus!»

Bei erwachsenen Schmollern ist das nicht viel anders. Sie legen ebenfalls dieses kindische, oder eben bestenfalls kindliche, Verhalten an den Tag – denn gelernt haben wir das in den ersten Jahren unseres Lebens. Kleiner Trost für alle, die oft ungewollt in den Schmoll-Modus verfallen: Psychologen haben vor einiger Zeit auch eine positive Seite des Beleidigtseins entdeckt: Wer schmollt, sagen sie, ist über eine Kleinigkeit so wütend und verletzt, dass er sich unbewusst nicht traut, dieses Gefühl anders auszudrücken. Schmoller möchten also andere vor ihrer Wut schützen – die ihnen selbst unangemessen erscheint, weil doch der Anlass irgendwie immer so nichtig ist. In diesem Sinne ist Schmollen also die emotionale Ausdrucksweise von Menschen, die nicht wissen, wie sie ihrer Emotionen sonst Herr werden sollen.

Früher galt Schmollen übrigens als Frauenspezialität. Heute, so sagen Experten, schmollen vor allem Männer – weil sie traditionell weniger Erfahrung mit dem Ausdrücken von Gefühlen haben. Und auch Tiere können Schmollen: In einem Experiment hörten Affen auf, mit ihrem Pfleger zu spielen, wenn sie statt süssen Trauben nur ein Stück Gurke bekamen. Und Hundebesitzer, die ein paar Tage ohne ihren Vierbeiner verreist waren, erkennen oft ihr Tier nicht wieder, weil es sie nach der Rückkehr zunächst schmollend ignoriert.

Tricks gegen das Schmollen

Beleidigte Leberwürste gibt es übrigens schon recht lange. In der Antike dachte man, das Schmollen käme direkt aus der Leber. Die Wurst wiederum gesellte sich erst später als Witz hinzu – was auch einer der wenigen Wege ist, wie man einem Schmoller aus seiner Ecke heraus helfen kann: Ihn zum Lachen bringen, ablenken. Direkte Konfrontationen hingegen, wie: «Du hast doch was!», führen selten zur Lösung. Stattdessen ist Fingerspitzengefühl gefragt: Der beleidigten Person zeigen, dass man sie gern hat, auf sie zugehen. Denn sich selbst aus der Situation zu befreien, fällt den meisten schwer – schliesslich braucht es dazu erstmal das Eingeständnis, dass man sich irrational verhalten hat. Umsorgt und mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden, ist hingegen genau das, was sich ein Schmoller wünscht. Wer es dann noch schafft, ihn zum Lachen zu bringen, hat die Situation entschärft.

Auch bei der beleidigten Leberwurst Niklas hilft Humor am besten. Besonders prädestiniert als Schmoll-Brecher ist sein Lieblingskuscheltier. Schmiegt sich die zerknautschte Robbe an den Fünfjährigen und flüstert ihm mit Quietschstimme ins Ohr: «Jetzt lass uns endlich mit den anderen Znacht essen, ich habe Hunger!», sind alle vermeintlichen Ungerechtigkeiten auf wundersame Weise sofort vergessen. Ganz ohne elterliche Intervention.

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