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Bubenalarmismus

Raus aus dem Jammertal der Jungs!

Junge streichelt eine Katze

Glaubt man den Warnrufen der Pädagogen, müssen sich Bubeneltern ernsthaft Sorgen machen um den Nachwuchs. Doch ist dieser Alarmismus auch gerechtfertigt? Maximilian Buddenbohm, Autor und Vater zweier Söhne, tritt auf die Sorgenbremse.

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein Junge wird von einer alleinerziehenden Frau erzogen. Das Zusammenleben ist schwierig, Harmonie selten. Der Junge geht widerstrebend zur Schule, die Lehrer können mit ihm nicht umgehen. Er reagiert entsprechend, er kann sich mit den Regeln des Lehrbetriebs nicht arrangieren, er scheitert an seinem Desinteresse, an Langeweile, Hyperaktivität und Aggression – aber auch an der Liebe zu einer schönen Klassenkameradin. Einem Mädchen, mit dem er sich nicht verständigen kann, denn die beiden finden keine gemeinsame Sprachebene. Er ist auf machohaftes Imponiergehabe geprägt, sie sucht etwas ganz anderes, von dem er gar keinen Begriff hat. Er wird kalt zurückgewiesen, er verliert überall. Er hat das tragische Potenzial zu einem Aussenseiter, zu einem schulischen Versager, und in der Folge zu einer traurigen Karriere im Prekariat der Gesellschaft – das wird einem sofort klar, wenn man den Jungen beobachtet, seine fehlerhafte Sprache hört. Man weiss genau, was aus diesen Typen wird. Es ist schrecklich, so etwas mit anzusehen.
Schrecklich unterhaltsam: Denn Millionen von Menschen haben das Leben dieses Jungen atemlos verfolgt, seit Generationen wird es weitererzählt, kein auch nur halbwegs belesener Mensch wird erwachsen, ohne Tom Sawyer gelesen zu haben. Ohne seine Liebe zu Becky Thatcher nachgefühlt zu haben, ohne ganz genau verstanden zu haben, warum ein auf der Schulbank herumkrabbelnder Käfer viel, viel spannender ist als der staubige Religionsunterricht, warum es so essenziell wichtig ist, nachts aus dem Fenster zu verschwinden und sich mit Huck Finn zu treffen, ohne dass Tante Polly wach wird. Ein kleines Experiment: Versuchen Sie sich zu erinnern, wie Tom Sawyer ausgeht. Was geschah nach der Kindheit? Ging Tom vor die Hunde? War er ein Schulabbrecher, ein Schläger, ein Knastbruder – oder machte er später Karriere, irgendetwas mit Medien, irgendetwas an der Börse? Haben Sie sich darüber je Sorgen gemacht? Wahrscheinlich nicht. Einer wie Tom, der kommt schon durch, werden Sie sich gedacht haben, denn das ist der Tonfall des Buches, in dem übrigens gar nicht erwähnt wird, was aus Tom später wurde. Tom Sawyer erschien 1876.

Die ganz normalen Buben werden in Büchern einfach unterschlagen.

Junge isst Schokolade, Hände und Mund sind vollgeschmiert.

«Es ist besser ein Bub zu sein, weil die Mädchen doch kleiner sind.»

Einer wie Tom kommt durch!

Heute, 135 Jahre später, machen wir uns plötzlich grosse Sorgen um Typen wie Tom. Warum eigentlich?
Autoren wie Frank Beuster (Die Jungen-Katastrophe), Dieter Schnack & Rainer Neutzling (Kleine Helden in Not) oder Reinhard Winter (Jungen – eine Gebrauchsanweisung) und viele andere mehr verkaufen Bücher – und gar nicht wenige – zu einem Trendthema, das angeblich seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr übersehen werden kann: das langsame gesellschaftliche Verlieren der Jungs. Jungs kommen nicht mehr mit. Nicht mehr in der Schule und in logischer Konsequenz auch nicht mehr im Beruf. Jungs werden heute reihenweise nur noch von alleinerziehenden Frauen erzogen, haben im Kindergarten nur Erzieherinnen und in der Schule nur Lehrerinnen. Jungs haben keine männlichen Vorbilder mehr und suchen sich zunehmend zweifelhaften Ersatz. Jungs können sich nicht benehmen, sich nicht disziplinieren, nicht kommunizieren, sie verstehen ihre Emotionen nicht, schon gar nicht die der anderen und sie werden an ihrer eigenen Kraft bekloppt.

Was ist mit all den anderen?

Die Autoren zitieren Studienergebnisse ohne Ende, werfen mit Zahlen und Statistiken um sich und zitieren Heerscharen von Experten. Sie zeichnen ein krasses Zerrbild der Wirklichkeit, in dem das Glas in aller Entschiedenheit immer halb leer ist. All die Buben, die nicht negativ oder sogar positiv auffallen, fallen den Autoren offenbar gar nicht auf. Sie zeigen auf die andere Hälfte und rufen «Beweis! Beweis!», dabei beweisen sie eigentlich gar nichts, ausser dass sie über ein sehr schwieriges Thema reden und dabei lauter Spezialfälle aufzählen. Frank Beuster schreibt: «Es ist inzwischen beinahe so, dass die Geburt eines Jungen mehr Sorgesellschaft auf das Gesicht wirft, als Freudentränen fliessen.» Vergleichen Sie das einmal mit den eigenen Erfahrungen oder denen der Freunde. Haben Sie sich wirklich Sorgen gemacht, als es dummerweise ein Sohn war – oder war die Geburt nicht einfach ein freudiges Ereignis? Eben.

Es ist doch egal, ob man ein Bub oder Mädchen ist.

Luc, 11
Junge springt vom Dach des Gartenhäschen

Die Mädchen sind die meisten Tussis. Ausser meine Schwester natürlich.

Sind Buben im Nachteil?

Der letzte Krieg in unserem Sprachgebiet ist 66 Jahre her, wir leben in historisch bisher ungeahntem Saus und Braus. Wir leben in Rechtsstaaten, in denen Frauen gleichberechtigt sind, so gleichberechtigt wie nie zuvor. Sie haben endlich fast alle Chancen dieser Welt, sie können sich in nahezu jedem Bereich mit Jungen und Männern messen und was stellen die ehemaligen Herren der Schöpfung entsetzt fest? Die Damen, auch die ganz kleinen, gewinnen in gar nicht so wenigen Bereichen! Sie benehmen sich besser, sie sind besser in Deutsch, in Fremdsprachen, in Kunst, sie holen in den meisten anderen Fächern auf. Sie vernetzen sich besser und die Sache mit dem Einparken wollen wir lieber gar nicht noch einmal testen. Und wenn man den Damen noch die letzten Hürden aus dem Weg räumt, wenn man wirklich faire Bedingungen schafft, dann hat es die jetzige Generation von Jungs vielleicht tatsächlich etwas schwerer, zum Zug zu kommen, als es ihre Vorfahren hatten. Aber muss man das primär als Problem sehen?
Offenbar: Klaus Hurrelmann, einer jener Experten, die schneller zu einem Trend interviewt werden, als dieser im Boulevard thematisiert werden kann, sagt im Spiegel: «Wir müssen [in der Schule] die gleiche kompensatorische Strategie fahren, die bei den Mädchen in den letzten 30 Jahren erfolgreich war.» In der Schweiz gibt es ähnliche Wortmeldungen von Männerforschern wie Walter Hollstein. Wir müssen also die Schulpolitik, welche die Mädchen ihre Nachteile endlich, endlich kompensieren liess, wieder neu justieren, damit die Jungs wieder aufholen können. Darüber kann man ruhig mal einen Augenblick verblüfft nachdenken.

Die Mädchen haben aufgeholt. Aber muss man das gleich als Problem sehen?

Das Thema ist ein wenig verwirrend, denn sicherlich ist man sich allgemein einig, dass die Buben, wenn sie Männer geworden sind, bisher immer sehr schnell aufgeholt und die Teppichetagen bevölkert haben. Und sicherlich ist man sich auch einig, dass wir heute die beste Schule aller Zeiten haben. Das klingt vielleicht komisch, bei all der Empörungsbereitschaft ringsum, aber vor uns, was war denn da bitte? Die selbstgerechten 68er mit den antiautoritären Experimenten, die stockkonservative Nachkriegszeit, die Rohrstockzeit des anbrechenden zwanzigsten Jahrhunderts – das, bitte sehr, war vor uns. Wir leben im pädagogischen Paradies, wir leben überhaupt in einem Sahnehäubchen der Geschichte, was unsere Alltagskultur angeht.
* Name der Redaktion bekannt

Und mitten in diesem fetten Wohlleben regen wir uns darüber auf, dass die modernen Rabauken von heute im Schulsystem frühzeitig scheitern, dass man mit Aggressionen allmählich keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, und dass die Gesellschaft, die zusehends auch durch Frauen geprägt wird, verstärkt ganz andere Qualitäten nachfragt. Qualitäten, die man tendenziell eher den Frauen zuschreibt. Tendenziell, nicht kategorisch, die Unterscheidung ist wichtig. Denn eine der erhellendsten Stellen bei Beuster und auch bei den anderen Autoren lautet: Die Bandbreite für Verhaltensweisen innerhalb eines Geschlechts ist bei jedem (!) Aspekt grösser als der durchschnittliche Unterschied zum anderen Geschlecht. Der Mensch, auch der männliche, fällt nämlich ziemlich verschieden aus, aber über diesen Punkt gehen die Autoren gerne recht schnell hinweg, er dient ihrer Sache nicht.

Junge hockt vor dem Klavier mit einem Hut vom Vater.

«Ich bin froh, dass ich ein Bub bin. Wieso weiss ich nicht.»

Junge ist nicht gleich Junge

Und wenn heute ein Tom aus Basel, Hamburg oder Wien den Unterricht stört, weil er einen Käfer in einer Schachtel zu fangen versucht, mutmasslich um ihn später langsam und genüsslich umzubringen, und wenn seine Angebetete währenddessen die Fragen der Lehrerin eloquent und kompetent wie stets beantwortet, weil sie ihre Schulaufgaben gemacht hat, dann ist es heute eben nicht mehr so, dass sie zwanzig Jahre später irgendwo am Herd steht und ein Kind an jeder Brust hat, während er dann doch noch Generaldirektor geworden ist, weil er in einer Burschenschaft oder im Militär ordentlich hingelangt hat. Heute ist es wohl eher so, dass sie irgendwo Chefin wird, während er als schlecht bezahlter, aber hoffentlich wenigstens engagierter Kindergärtner irgendwo in einem netten Vorort ihre Kinder entertaint. Und wenn man dies mit etwas geschichtlichem Abstand betrachtet und nicht nur aus dem äusserst engen Blickwinkel der letzten zwanzig, dreissig Jahre, dann kann man, ob man nun Mann ist oder Frau, vielleicht doch einmal tief Luft holen, sich zurücklehnen und aus ganzem Herzen sagen: «Na und?»
Ich habe übrigens zwei kleine Söhne. Ich werde ihnen rechtzeitig Tom Sawyer schenken.


Maximilian Buddenbohm arbeitet als Controller und Buchautor, führt mit seiner Frau eine Internet-Agentur und bloggt seit sieben Jahren unter www.herzdamengeschichten.de über sein Leben, seine Frau und seine beiden Söhne.

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