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Psychologie und Partnerschaft

Positiv denken – was für ein Stress!

Glückskeks

Das nächste Jahr wird grossartig. Bestimmt. Einfach nur noch positive Gedanken zulassen und alles wird gut. Oder nicht?

Die ewigen Pessimisten, Nörgler und Skeptiker werden schon ernten, was sie mit ihren negativen Gedanken ausstrahlen: Frust, Misserfolg, Krankheit. Selbst Schuld. Alles sehen sie schwarz. Fragt man sie, wie es geht, bekommt man im besten Fall ein «Muss ja» zur Antwort. Alles ist immer nur schlecht. Der Chef, die Politiker, die Nachbarn und das Wetter sowieso. Wen wunderts, dass sie mit dieser Einstellung nur Kummer und Katastrophen anziehen. Nein, sie werden nicht zu den Gewinnern gehören. Zu jenen, die verstanden haben, dass Wohlstand, Gesundheit, privates Glück keinem zufälligen Schicksalsprinzip folgen, sondern machbar sind.
«Das Leben Ihrer Träume – alles, was Sie gern sein, tun und haben würden – war Ihnen schon immer näher, als es Ihnen bewusst war, denn die Kraft für alles, was Sie sich wünschen, liegt in Ihnen!» Klingt doch gut, oder? Rhonda Byrne jedenfalls, amerikanische Schönrednerin, hat es geschafft. Mit ihrem Film «The Secret» und dem entsprechenden Buch dazu ist sie Millionärin geworden. Sie predigt darin das «Gesetz der Anziehung». Und weil das offenbar so viele Menschen anziehend fanden, hat sie jetzt nachgeladen, mit «The Power», in dem sie das «grösste Geheimnis des Universums » preis gibt: «Die Kraft, alles zu bekommen, was Sie sich wünschen». Vor grossen Worten hat Rhonda Byrne keine Angst. Das Universum ist für sie ein einziges Versandhaus, bei dem man nur inbrünstig genug bestellen muss: Geld, Gesundheit, Beziehungen, Karriere. «Sie machen aus Ihrem Leben, was immer Sie möchten. Um ein spezielles Wunschobjekt anzuziehen, brauchen Sie nur den einfachen Schritten des Erschaffungsprozesses zu folgen», erklärt sie. Diese Schritte lauten: «Stellen Sie sich etwas vor. Fühlen Sie es. Bekommen Sie es.»
Nein, nicht nur ihre millionenfache Leserschaft im Land der unbeschränkten Möglichkeiten glaubt mittlerweile daran, dass jeder es selbst in der Hand hat, wie glücklich, reich und gesund er ist. Motivationstrainer, Coachs und esoterische Seelenschmeichler künden auch hier von der grenzenlosen Macht des positiven Denkens. Du willst abnehmen? Stell dir dich selbst zehn Kilo leichter vor. Fühl das Glück dabei! Und schon nimmst du ab. Du möchtest ein Haus mit Garten mitten in der Stadt? Stell es dir vor! Fühl, wie das Haus genau zu dir passt! Du bekommst es.

Natürlich sind Menschen netter und umgänglicher, die grundsätzlich fröhlich sind und optimistisch in die Welt schauen. Und sie selbst tun sich bestimmt auch leichter im Leben als die Berufspessimisten. Wie soll man Kindern Vertrauen und Zuversicht vermitteln, wenn man selbst davon überzeugt ist, dass sowieso alles bald den Bach runtergeht? Eine optimistische Grundeinstellung ist gut und tut gut. Komisch nur, wenn daraus eine Glaubenslehre wird, die in ihrem Innersten menschenverachtend ist. Das bekommen zum Beispiel Krebskranke zu spüren, wenn sie den Heilungsprozess nicht mit aufbauenden Gedanken befördern. Wer nicht positiv denkt, ist selbst schuld an seinem Unglück. Die amerikanische Publizistin Barbara Ehrenreich hat das selbst erlebt. Als sie an Brustkrebs erkrankt, trifft sie auf eine Helferszene, in der man Wut und Angst mit grosser Kraft unter eine dicke Schicht positiven Denkens zwingt. Wer das nicht schafft, stirbt. «Smile or die» heisst denn auch ihr Buch, in dem sie die «Tyrannei des positiven Denkens» kritisch unter die Lupe nimmt. Nirgendwo aber, so Ehrenreich, sei diese Ideologie, die Realität zu leugnen und den Einzelnen allein für sein Schicksal verantwortlich zu machen, grösser als in der Wirtschaft. Banker und Manager, die vor der Blase und dem Crash warnten, wurden als pessimistische Spielverderber kaltgestellt. «Think big» heisst das Zauberwort. Du musst nur daran glauben, dann ist alles möglich.
Nein, es ist eben nicht alles möglich. Auch an der Börse nicht. Den Preis für den Grössenwahn zahlen wir alle. «Die Alternative zum positiven Denken ist nicht Verzweiflung », schreibt Barbara Ehrenreich. «Negatives Denken kann genauso realitätsfremd sein wie positives. (…) Die Alternative zu beidem besteht darin, dass wir aus uns heraustreten und die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind, also möglichst wenig gefärbt durch unsere Gefühle und Fantasien. Dann erkennen wir, dass die Welt voller Möglichkeiten und voller Gefahren ist, dass wir zugleich die Chance grossen Glücks und die Gewissheit des Todes haben.»

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