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Polyamorie

Familie bleiben trotz fremdverlieben?

Krisen erschüttern manche Beziehung tief. Doch anstatt sich zu trennen und die Familie auseinander zu reissen, versuchen einige Eltern, Parallelbeziehungen zu führen. Kann das gut gehen?

Mit vierzig kommt der Wendepunkt. Anders zumindest kann ich mir die Lawine, die durch meinen Bekanntenkreis gefegt ist, nicht erklären. Waren eben alle noch fleissig damit beschäftigt, eine Familie zu planen, Wohnungen mit Designobjekten zu bestücken, Schrebergärten anzulegen und eine Säule-3a Vorsorge abzuschliessen, stehen viele meiner Freunde nun an einem Punkt,an dem sie mit dem «eng» gewordenen Familienalltag nicht mehr klarkommen. An dem sie sich wieder mehr Leidenschaft wünschen – auch in sexueller Hinsicht. Sich nach neuen Inputs, Leichtfüssigkeit und Spontaneität sehnen und so gar keine Lust mehr darauf haben, einfach nur ein gut funktionierendes Rädchen in der Familien-AG abzugeben. Dafür sei das Leben schliesslich zu kurz, so der Grundtenor. Ein Blick auf die Statistik erstaunt deshalb nicht: Rund die Hälfte der Partnerschaften werden geschieden. Dabei spielt der Faktor Untreue eine entscheidende Rolle. Bei 50 Prozent der Geschiedenen wird Fremdgehen als Hauptgrund genannt, um sich zu trennen. Und dies, obwohl sich laut zahlreicher Umfragen 90 Prozent der Befragten Treue wünschen. Wie geht das zusammen: Wir wünschen uns Treue und Exklusivität, können aber dem «Kick» des Neuen nicht widerstehen? Kann man es überhaupt schaffen, eine Beziehung über viele Jahre hindurch in Bewegung zu halten? Sodass wir dabei auch in sexueller Hinsicht auf unsere Kosten kommen? Oder machen wir uns etwas vor? Belügen uns, um ein vermeintlich romantisches Liebesideal aufrechtzuerhalten? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen habe ich Menschen getroffen, die anders lieben als die meisten.

Selina* (39), Mutter von zwei Jungen (13 und 9 Jahre alt), ist seit 17 Jahren mit Patrick (39) zusammen. Sie lebten von Beginn an ein offenes Beziehungsmodell. Seit fünf Jahren sind die beiden kein Paar mehr – in sexueller Hinsicht. Was allerdings nicht bedeutet, dass sie sich nicht mehr lieben würden:

Selina: «Was uns von Anfang an ausmachte, war der Wille, sich tatsächlich miteinander auseinanderzusetzen. Auch wenn uns ziemlich schnell klar wurde, dass wir dafür den einen oder anderen Schweinehund überwinden müssen. Dass wir zu unseren Gefühlen und Bedürfnissen stehen wollen – so peinlich, egoistisch oder absurd sie sein mögen – und uns gleichermassen mit denjenigen unseres Partners auseinandersetzen wollen. Das ist unglaublich anstrengend! Und braucht unbedingt Ehrlichkeit und ganz schön Mut. Mut auch deshalb, weil mit der Ehrlichkeit immer viele Ängste einhergehen. Allen voran die Verlustangst. Die Angst davor, den anderen zu verlieren. Mit dem Bekenntnis zur Ehrlichkeit begibt man sich sozusagen willentlich in eine Gefahrenzone.»

Patrick: «Wahrscheinlich hätte ich mit einer anderen Partnerin einen ganz anderen Weg gewählt. Was den sexuellen Kontakt zu anderen Menschen betrifft, so hatten Selina und ich von Beginn an eine ähnliche Einstellung. Wir wussten, dass wir in unserem Leben immer wieder in Situationen geraten würden – vor allem auch weil wir beide an Begegnungen mit Menschen interessiert sind – in denen es zu irgendeiner Form von Nähe kommen würde. Meist ‹nur› im Gespräch. Aber manchmal eben auch in Form von Küssen, oder möglicherweise landet man auch mal mit jemandem im Bett. Wir hatten beide solche Storys. Vor der Geburt der Kinder, aber auch nachdem sie schon auf der Welt waren. Der Deal für uns beide war: Solche Geschichten müssen wir nicht miteinander besprechen. Das ist weder besonders interessant, noch führt es zu etwas Konstruktivem. Eigentlich führt es nur zur Verletzung des Gegenübers. Und man macht etwas gross, das diese Bedeutung überhaupt nicht verdient hat.»

Der Mensch ist nicht monogam von Natur aus. Wir wissen wir, dass sich Menschen in der Steinzeit in ihrer Sippe nicht nur die Beute, sondern auch die Sexualpartner geteilt haben. Weil dies für die nomadische Lebensform die beste Überlebensstrategie war. Populationsgenetische Untersuchungen des Schweizerischen Nationalfonds haben ergeben, dass vor rund 20 000 Jahren, als wir uns sesshaft machten, das Modell der Monogamie aufkam. Man nimmt an, dass mit dieser Beziehungsform Eigentum und Erbe geregelt wurde. Um sozusagen das weitere Überleben des Nachwuchses zu sichern. Passt aber die Monogamie auch in die heutige Zeit? Zur Individualgesellschaft? Zu einer Gesellschaft, in der immer weniger geheiratet wird und Beziehungen kürzer und serieller werden? In eine Zeit, in der wir ständig damit beschäftigt sind, uns auf allen Kanälen zu präsentieren? Uns darzustellen und uns dadurch soziale und nicht zuletzt auch sexuelle Anerkennung erhoffen? Wir wollen ge-liked werden, so viel steht fest. Karin (42) ist Mutter eines Sohnes und seit elf Jahren verheiratet. Vor zwei Jahren hat sie ihrem Partner gestanden, dass sie sich in eine Frau verliebt hat und dieser Liebe auch Raum geben wolle. Das hat für die beiden nicht zum Beziehungsaus geführt, sondern zu einem innigeren Miteinander.

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Karin: «Mein Mann Ben war natürlich verletzt, als ich ihm von meinen Gefühlen zu Luisa erzählte. Doch eifersüchtig war er nicht. Es gab weder Szenen noch Dramen. Vielmehr hatte er Angst. Angst davor, mich zu verlieren. Er merkte allerdings schnell, dass das Gegenteil eintraf: In den vergangenen Jahren hatten wir uns sehr von planerischen Dingen vereinnahmen lassen, von Dingen wie: Wo wollen wir leben? Was ist das Beste für unseren Sohn? Wie schaffen wir es, unsere Karrieren voranzutreiben, aber dennoch Zeit mit unserem Kind zu verbringen? Durch diesen Alltagskram hatten wir uns selber völlig aus dem Blickfeld verloren. Uns selber und uns als Paar. Das polyamouröse Beziehungsmodell war für uns die Rettung. Auch in sexueller Hinsicht. Wir sind wieder innig und aufrichtig an Körperlichkeit mit dem anderen interessiert. Ben hat bislang nicht von der Öffnung unserer Beziehung Gebrauch gemacht. Ausser, dass er vielleicht etwas offensiver flirtet als in der Vergangenheit. Luisa treffe ich fix einmal in der Woche. Auch sie lebt in einer Partnerschaft – allerdings ohne Kinder. Ich verabrede mich mit ihr zum Kino, gehe essen oder wir besuchen eine Vernissage. Meist landen wir auch zusammen im Bett. In ihrer Wohnung. Bislang habe ich sie noch nie mit zu uns nach Hause genommen. Das hat einfach noch nicht gepasst. Im vergangen Sommer allerdings habe ich sie offiziell meinem Mann und meinem Sohn vorgestellt. Wir waren Pizza essen und es war ein sehr entspannter Abend. Meinem Sohn habe ich zuvor erzählt, dass Luisa meine beste Freundin ist und ich deshalb gerne mit ihr Zeit verbringe. Das kann er gut verstehen, denn er mag sie. Am meisten allerdings hat mich beruhigt, dass Ben und Luisa gut miteinander klarkommen. Wäre ich an Bens Stelle, so hätte ich mit der ganzen Situation bestimmt viel mehr Mühe gehabt. Ich habe süditalienische Wurzeln, neige also definitiv zu Eifersucht. Wenn es mal so weit sein sollte, dass Ben auch parallel eine Beziehung führt, werde ich mich diesen Emotionen aber stellen. Das steht fest. Denn Ben und ich haben es verdient.»

Eifersucht wird nicht selten als Liebesbeweis betrachtet. Gewisse Menschen formulieren es gar so: Erst wer eifersüchtig ist, liebt richtig. Möglicherweise liegt genau hier der Hund begraben. Unsere Gesellschaft geht von einem Liebesideal aus, das auf Exklusivität und bedingungsloser Hingabe gründet. Unser Selbstwertgefühl wird daraus gespeist.
Aus der Anerkennung unseres Gegenübers. Bangen wir um diese Anerkennung, setzt die Eifersucht ein. Dieser rauschähnliche Erregungszustand ist messbar: Die Botenstoffe Adrenalin, Dopamin und Serotonin sind in totaler Dysbalance. Der Dopamin- Spiegel steigt bei gleichzeitigem Sinken des Serotonin-Spiegels, der für unsere innere Ruhe und Ausgeglichenheit verantwortlich ist. An dessen Stelle tritt Wut und Unsicherheit. Für einen polyamourösen Menschen ist Eifersucht aber pures Gift. Denn die Liebe soll nicht als eine begrenzte Ressource zu nur einer Person wahrgenommen werden, sondern als im Überfluss vorhanden. In dieser Grundhaltung sehen Polyamouröse eine Chance für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Fernab von Heimlichkeiten, betrügen und belügen. Sie setzen auf eine Liebe, die auf Freiwilligkeit aufbaut. Auf einen Partner, der nicht zum Besitz wird und von dem wir nicht unser eigenes Glück abhängig machen.

Selina: «Emotional schwierig wurde es für mich erst, als Patrick sich vor sieben Jahren verknallte. Er steckte spürbar in einem emotionalen Chaos. Ging mir aber aus dem Weg. Das hat mich verletzt und auch genervt. Denn ich hätte sowohl mit der Entscheidung SIE als auch mit der Entscheidung SIE und ICH einen Umgang gefunden. Hätte quasi gleichberechtigt an dieser Entscheidung teilnehmen wollen. Schliesslich ging es mich ja auch etwas an. Seine Verschwiegenheit allerdings hat mich ins Leere laufen lassen. Das fand ich unfair.»

Patrick: «Ich habe mein emotionales Chaos bewusst runtergespielt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich Selina gegenüber respektvoll sein wollte. Das hat sich im Nachhinein als totaler Trugschluss erwiesen: Ich war null respektvoll und verlor deshalb auch Selinas Vertrauen zu jener Zeit. Verständlicherweise. Ich selber habe nie Verlustangst empfunden. War auch nie eifersüchtig. Wieso auch? Wir waren ja in ständigem Austausch. Mühe bereitete mir allerdings, dass sich Selina mir körperlich immer mehr entzog. Sie verspürte einfach kein sexuelles Verlangen mehr. Wir haben zwar intensiv darüber gesprochen, geändert hat das aber nicht viel.»

Ein bekanntes Phänomen ist die «tote Hose» im Bett, die gerade in langjährigen Beziehungen häufig eintrifft und sich hormonell erklären lässt: Befinden sich verliebte Menschen noch im Rausch von körpereigenen Hormonen – allen voran Dopamin, im Volksmund auch als Glückshormon bekannt – so wird dieses nach drei bis vier Beziehungsjahren nur noch spärlich an die Nervenzellen abgegeben.

Selina: «Gespürt, dass wir als sexuelles Paar nur noch bedingt funktionieren, habe ich ansatzweise bereits nach der Geburt unseres zweiten Kindes vor neun Jahren. Es war eine archaische Geburt, die mich auch körperlich wahnsinnig mitgenommen hatte. Ich habe mich danach eine ganze Zeit lang überhaupt nicht als sexuelles Wesen wahrgenommen. Die Liebe zu Patrick hat jedoch nicht nachgelassen. Als ich mich vor fünf Jahren dann in einen anderen Mann verliebt habe und merkte, dass ich doch noch sexuelle Lust empfinden kann, wurde uns ziemlich schnell bewusst, dass wir als Sexualpartner an ein Ende gekommen waren.»

Patrick: «Wir wollten auf keinen Fall, dass unser sexuelles Ende gleichzeitig unser Beziehungsende bedeutet. Räumlich nicht, weder als Eltern noch für unsere Liebe oder Freundschaft. Da wir in einer komfortablen Wohnsituation waren – in der jeder von uns schon lange sein eigenes Zimmer hatte – liess sich das ziemlich einfach umsetzen. Für unsere Kinder hat sich insofern auch nicht viel verändert: Wir fahren weiterhin gemeinsam in die Ferien, wir besuchen sonntags en famille die Grosseltern und kümmern uns um sie, wenn sie krank sind.»

Mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, erscheint für viele von uns genauso undenkbar, wie das Modell «Für-immer-und-ewigdein». Was letztlich bleibt, ist die Erkenntnis, dass langjährige Beziehungen einer ständigen Auseinandersetzung bedürfen. Einer ehrlichen, unbequemen Auseinandersetzung mit sich selber und seinem Gegenüber. Dazu muss man bereit sein – egal für welchen Weg man sich als Paar entscheidet.

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