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Familie und Finanzen

Plötzlich verschuldet: Familien in Geldsorgen

Mit dem Familienglück schrumpft das Bankkonto. Wer jetzt nicht aufpasst, gerät mitunter in eine Abwärtsspirale von nicht bezahlten Rechnungen, Kleinkrediten und Überschuldung. Wir zeigen, wie Familien in die Schuldenfalle schlittern, aber auch wieder daraus herausfinden können.

Die Gründung einer Familie belastet den Geldbeutel. Zwar federn Kindergeld, Prämienverbilligung und subventionierte Wohnung die Belastung des Budgets etwas ab. Dennoch kommen viele Familien finanziell ins Schleudern. Laut Bundesamt für Statistik (BfS) sind 24 Prozent der Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren mit mindestens einer Zahlung im Rückstand. Bei Einelternhaushalten sind es gar 39 Prozent. So bleiben Wasser-, Strom und Heizrechnungen, Mieten, Krankenkassenprämien oder Steuerrechnungen liegen.

Häufig bleibt es nicht bei der einen, erst nach der ersten oder zweiten Mahnung bezahlten Rechnung: Fast jedes zehnte Paar mit Kindern sitzt auf Betreibungen. Alleinerziehende sind noch häufiger betroffen (12 Prozent). Ungleich mehr als kinderlose Menschen.

In diesem Artikel finden Sie Informationen zu folgenden Aspekten des Themas Familie und Finanzen:

1. Geldschulden können jeden treffen
2. Finanzielle Sorgen wegen Familiengründung
3. Ratenzahlungen statt Konsumkredite
4. Professionelle Schuldenberatung
5. Letzte Chance: Schuldensanierung oder Privatkonkurs

Geldschulden können jeden treffen

Passieren kann eine Verschuldung jedem, wie das Beispiel des Familienvaters Jan Sieber* (32) zeigt:

«2013 zog ich mit Leila zusammen. Sie war noch in Ausbildung im Gesundheitswesen und ahnte nicht, dass es bei mir schon damals finanziell nicht rosig aussah. Da meine Kollegen mehr verdienten als ich, konnten sie sich schnelle Autos, teure Uhren und Restaurantbesuche leisten. Ich wollte ihnen nicht nachstehen und leaste deshalb ein viel zu kostspieliges Auto. Neben den Raten kamen Kosten für Benzin, Vollkaskoversicherung und Reparaturen hinzu. Mit dem Leasing begann mein Leben auf Pump. Ich lieh von Freunden, meinen Eltern und meiner Oma Geld – mit immer neuen Ausreden, weshalb ich im Moment die Steuern gerade nicht bezahlen konnte. Miete, Krankenkassen- und Auto-Rechnungen beglich ich zwar noch, viele andere Rechnungen aber schob ich unter einen Stapel und ‹vergass› sie. Für die Steuern vereinbarte ich Raten.»

Steuerschulden machen zwar den grössten Teil der Gesamtschulden in der Schweiz aus. Gerade mit wenig Einkommen aber kann das Leasing von Fahrzeugen eine «Schuldenkarriere» beschleunigen. Fachpersonen warnen deshalb, dass sich ein Auto-Leasing eigentlich nur leisten kann, wer mehr als ausreichend verdient.

Agnes Würsch kennt die Mechanismen, die Menschen in eine Überschuldung führen können. Die Verantwortliche für Prävention bei Plusminus, der Schulden- und Budgetberatung Basel begegnete in den letzten zehn Jahren unzähligen Frauen und Männern, Müttern und Vätern, die finanziell massiv ins Schlittern geraten waren. Die Ursachen für Schulden seien selten monokausal, sagt Agnes Würsch: «Die Hilfesuchenden sind oft von Schicksalsschlägen oder einschneidenden Lebensveränderungen betroffen. Krankheit, Stellenverlust oder eine Scheidung können der Auslöser dafür sein, dass eine zuvor schon prekäre Finanzlage komplett aus dem Gleichgewicht gerät.»

Finanzielle Sorgen wegen Familiengründung

Auch die Gründung einer Familie oder die Ankunft eines weiteren Kindes destabilisieren das System mitunter. Bei Jan und Leila Sieber etwa wurde die Kluft zwischen monetärem Pegelstand und Ansprüchen mit der Geburt des ersten Kindes immer grösser.

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Wenn das Leben auf Pump auffliegt und alles entgleitet.

«Als unser Sohn zur Welt kam, zogen wir in eine geräumigere Wohnung. Um die Miete zahlen zu können, nahm ich bei einer Konsumkredit-Bank einen Kredit von 20 000 Franken auf. Ich war erstaunt, wie leicht das ging. Obwohl ich alle meine Kreditkarten bereits überzogen hatte, erhielt ich das Geld. Es genügte zu betonen, dass ich mit dem Kredit meine Schulden abbezahlen wollte. Zwar konnte ich jetzt meine Steuerschulden und ein paar weitere Rückstände begleichen, aber bald war ich wieder gleich weit. Neu musste ich zusätzlich 800 Franken monatlich für Kredit- und Zinsschulden bezahlen. Nach einem Jahr nahm ich bei derselben Bank nochmals 20 000 Franken auf. Auch diesmal problemlos.»

Ratenzahlungen statt Konsumkredite

Konsumkredite führen oft erst recht in eine Schuldenfalle. Im Internet wimmelt es von Kredithaien und es ist ein leichtes, selbst mitten in der Nacht Kredite mit zwar kleinen Rückzahlungsraten, aber immer längeren Laufzeiten zu beantragen. Deshalb rät jeder Schuldenberater: Hände weg von Konsumkrediten, wenn es um das Abbezahlen von Schulden geht!

«Mittlerweile war unser zweites Kind auf der Welt. Nach dem Mutterschaftsurlaub arbeitete Leila wieder 60 Prozent, sie hatte inzwischen ihre Ausbildung abgeschlossen. Sie wusste zwar, dass ich nicht viel Geld hatte – aber vom Ausmass meiner Schulden ahnte sie noch immer nichts. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem ich weder das geliehene Geld, noch die Rechnungen, weder die Steuern, noch die Kredite oder das Leasing bezahlen konnte.»

Während der Schuldensanierung leben Schuldner auf dem Existenzminimum.

Fachleute raten Familien, die in Zahlungsnot geraten, mindestens Miete und Krankenkassenprämien zu begleichen. Denn durch unbezahlte Rechnungen entstehen über die Zeit hinweg Mahngebühren, Verzugszinsen und Betreibungskosten. Steuerschulden sollten zudem in Raten, statt über einen teuren Konsumkredit abbezahlt werden. Eine Überschuldung zieht weitere Probleme nach sich: Stress, Schwierigkeiten bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder Unmut im sozialen Umfeld. Geld von Verwandten und Freunden zu leihen, kann Beziehungen belasten. Das erlebte auch Jan Sieber:

«Zu meiner Grossmutter war ich bezüglich meines finanziellen Desasters halbwegs ehrlich. Deshalb lieh sie mir – nicht das erste Mal – mehrere tausend Franken. Weil sie sich mittlerweile aber Sorgen um mich machte, kontaktierte sie hinter meinem Rücken meinen Bruder. Da brach das Kartenhaus zusammen. Mein Bruder konfrontierte mich und machte Druck, professionelle Hilfe zu holen.»

Professionelle Schuldenberatung

Im Durchschnitt häufen sich Schulden von 60 000 Franken an, bevor jemand überhaupt eine Schuldenberatung aufsucht. Ob Darlehen im Freundeskreis, Umschuldungen, Kredit für Steuern – alles wird ausprobiert, um sich selber und anderen die Schuldensituation nicht eingestehen zu müssen. Keiner soll merken, dass das Geld nicht reicht. «Leute mit Schulden schämen sich zutiefst und fühlen sich als Versager», erklärt Agnes Würsch von der Fachstelle Plusminus. In der traditionellen Rolle erst recht: «Gerade Männer haben oft das Gefühl, sie könnten sich und ihrer Familie selber aus der Patsche helfen – das ist Gift.» In den Schuldenpräventionskursen, die Agnes Würsch leitet, lernen Lehrlinge und Schülerinnen deshalb, über Geld zu reden. Was kosten Miete, Krankenkasse, Steuern? Finanzkompetenz hilft, in finanziell schwierigen Situationen die Dinge beim Namen zu nennen und richtige Entscheidungen zu treffen statt aus Scham zum Handeln unfähig zu sein.

«Beim Erstgespräch, zu dem auch Leila mitkommen musste, verlangte man von mir, alle Schulden offen auf den Tisch zu legen. Wir kamen auf einen Betrag von 160 000 Franken. Meine Frau war schockiert und fühlte sich hintergangen. Ich schämte mich bodenlos. Vor Leila, meinen Kollegen, meiner Familie. Die Schuldenberaterin war fadegrad. Sie erklärte meiner Frau und mir schon an der erstenSitzung, worauf wir künftig verzichten müssten. Von der teuren Wohnung zügelten wir zurück in eine kleinere und günstigere. Dann kündigten wir alle überteuerten Versicherungen und Handy-Abos und kauften ab sofort nur noch in Billigläden ein. Fleisch aus der Metzgerei konnten wir uns nicht mehr leisten. Wir durchleuchteten jedes Detail. Doch selbst eine Umstellung unseres Lebensstils reichte nirgends hin. Deshalb leiteten wir mithilfe der Schuldenberaterin eine Schuldensanierung ein.»

Letzte Chance: Schuldensanierung oder Privatkonkurs

Sich aus der Schuldenspirale zu befreien ist ein harter und langer Weg. Während einer Schuldensanierung leben Schuldner und Schuldnerinnen mit dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum. Mit dem Einkommen, das darüber hinausgeht, werden die Schulden in Raten abbezahlt. Mithilfe einer Schuldenberatungsstelle wird ein Abzahlungsplan erstellt. Im besten Fall verzichtet ein Teil der Gläubiger auf einen Teil der Schulden. Eine Schuldensanierung setzt aber einiges voraus: Man verpflichtet sich zu absoluter Offenheit, was die Schulden betrifft und diese müssen innerhalb von drei Jahren zurückzahlbar sein. Zudem muss das Einkommen über dem Existenzminimum liegen und man muss sich an die mit den Gläubigern vereinbarten Ratenzahlungen halten.

Ist keine Schuldensanierung möglich, bleibt nur der Privatkonkurs – oder ein Leben mit Schulden. Beim Privatkonkurs werden sämtliche Betreibungen und eine allfällige Lohnpfändung sofort gestoppt. Aber die Schulden bleiben trotzdem bestehen, sie werden sozusagen in den Keller verbannt. Die Gläubiger erhalten Verlustscheine, die nach zwanzig Jahren verjähren. Sobald jemand wieder mehr verdient oder erbt, können die Gläubiger die Verlustscheine geltend machen und die Schulden zurückfordern. Ein Privatkonkurs kostet zudem mehrere tausend Franken und informiert mit einem Eintrag im Betreibungsregister zukünftige Arbeitgeber und Vermieter über die Schuldensituation. Die Überschuldung wird also öffentlich einsehbar.

«Mein Vater trommelte die Familie zusammen. Das war extrem hart und peinlich für mich. Ich stand mit heruntergelassener Hose da. Aber letztendlich kamen mit der Hilfe von den Eltern, meinem Bruder, Cousins und meiner Grossmutter 60 000 Franken Darlehen zusammen. Der nächste Schritt war, jedem einzelnen Gläubiger ausserhalb der Familie meine Situation zu schildern und anzufragen, ob sie sich mit einer Rückzahlung von 35 Prozent der Schulden begnügen, und uns den Rest erlassen würden. Mit einem Privatkonkurs hätten sie gar nichts erhalten.

Wir leben nun seit drei Jahren mit einem extrem knappen Budget.

Weil alle Gläubiger einverstanden waren mit meinem Vorschlag, war ich die Schulden ausserhalb der Familie zwar auf einen Schlag los. Aber von unseren Einnahmen bezahlten wir jeden Monat 2500 Franken via Schuldenberatung für die Darlehen an die Familienmitglieder zurück. Leila und ich leben mit den Kindern nun seit fast drei Jahren mit einem extrem knappen Budget. Da man einen Auto-Leasing-Vertrag nicht einfach auflösen kann, stellten wir die teure Leasing-Karre ein und fahren jetzt ein altes Occasion-Auto, das uns eine Kollegin kaufte. Die Kleider für die Kinder erhalten wir geschenkt und beim Einkaufen drehen wir jeden Franken um.»

Die Corona-Krise brachte viele bereits von Schulden betroffene Familien zusätzlich in die Bredouille. Da aber bei Verlust der Arbeit zunächst Arbeitslosengeld und Überbrückungshilfen beansprucht werden können, gehen Schuldenberatungsstellen davon aus, dass sich das Ausmass der privaten Überschuldungen erst im Laufe der Jahre 2021 und 2022 zeigen wird.
Jan Sieber und seine Familie werden – trotz erneutem Rückschlag – voraussichtlich nicht mehr zu den Betroffenen gehören.

«Die Schulden und Darlehen sind zwar abbezahlt, aber Ende letzten Jahres verlor ich wegen der Corona-Pandemie meinen Job. Da kam ich nochmals ins Schwitzen. Trotzdem sind wir zuversichtlich. Leila hat eine sichere Stelle im Spital und wir leben weiterhin sehr sparsam. Wir können statt der 2500 Franken Abzahlung für die Schuldensanierung nun sogar jeden Monat etwas aufs Sparkonto legen. Die Anstrengung hat sich gelohnt. Ich hätte uns allerdings viel ersparen können, wenn ich die Überschuldung nicht so lange verheimlicht und verdrängt hätte.»

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