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Familie / Patchwork

Scheidung: Vater will Zeit mit Kind geniessen

Sind Scheidungsväter Schönwetterpapas? Ja, meint einer, der seine Tochter nur alle zwei Wochen sieht. Die minimale Zeit mit ihr will er vollends geniessen. Eine aufgezeichnete Replik.

Hallo Mike,

Ich hätte auch «Lieber» als Anrede wählen können. Aber da du offenbar in Rage bist und den Adressaten deines Briefs, den Vater deiner Stieftochter, als Vollpfosten, Idioten und mit ähnlich Nettem titulierst, nehme ich besser ein neutrales «Hallo», damit du «Lieber» nicht als Ironie empfindest. Denn ich bin auch ein Vater – ein Scheidungsvater mit zweimal monatlichem Besuchsrecht. Ein Vater, der seine eigene Tochter seltener sehen darf als der Stiefvater die Tochter. Sie heisst übrigens Marie*.

Inzwischen ist sie erwachsen – ich kanns kaum glauben! – und lebt seit 14 Jahren leider nicht mehr mit mir zusammen. Vielleicht denkst du jetzt: Was soll der Mist, was interessiert mich ein weiterer Rabenvater! Doch genau deshalb will ich dir schildern, wie das so ist, als Teilzeit-Papa in kleinem Pensum. Vielleicht verstehst du dann den «Rabenvater» ein wenig besser.

Meine Ex und ich, wir haben uns getrennt, als Marie sechs Jahre alt war. Mensch, war das ein herziges Mädchen! Jeden Abend hab ich ihr die Zähne geputzt und dabei «Der Wolf und die sieben Geisslein» erzählt und sie hat dabei versucht, in die Zahnbürste oder auch in meinen Finger zu beissen. Was haben wir uns kaputtgelacht! Zehn Minuten konnte unser Zahnputzritual locker dauern. Marie hatte die saubersten Zähne der Ostschweiz. Danach hab ich sie ins Bett gebracht, ihr noch eine Geschichte vorgelesen und sie dann erneut ins Bett gebracht, weil sie grundsätzlich nochmal Pipi musste und ich sie dann ins Zimmer jagen musste, wo sie kichernd ins Bett gehüpft ist.

Tja, und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, waren da nur noch meine eigenen Zähne zum Putzen. Und Stille. Kein Kichern. Kein Kreischen. Keine Marie. Weisst du eigentlich, dass ein Herz zwei Tonnen schwer werden kann? Weisst du, wie Scheisse es ist, ganz ohne Schlafritual ins Bett gehen zu müssen? Für den Papa! Und wie es sich anfühlt, im Bett zu liegen und zu überlegen, wer jetzt Maries Zähne putzt? Ja, man kann jemandem eine rosa Kinderzahnbürste mehr neiden als einen Porsche 911.
Meine Frau wollte damals die Trennung. Die Ehe lief auch wirklich nicht mehr gut. Aber warum bedeutet das für den Vater oft auch eine Trennung vom Kind? Kann mir das irgendein Gesetzgeber erklären? Damals gab es ja noch nicht die gemeinsame Sorge. Ich bekam vom Gericht lediglich zweimal monatlich ein Wochenende mit Marie zugestanden. Manchmal hat nicht mal das geklappt, weil sie in den Ferien oder auf einer Geburtstagsparty war. Dann wurden vier Wochen draus. Vier Wochen im Leben einer Sechs-, Sieben-, Achtjährigen – da passieren währenddessen Quantensprünge! Zähne fallen aus. Das Einmaleins mit der Sieben sitzt plötzlich. Und wenn sie in der Zwischenzeit krank war, habe ich das nicht mal mitgekriegt! Keine Chance, Tee zu kochen. Keine Chance, ein Vater zu sein, der zu ihr hält, wenns ihr schlecht geht. Ich durfte sie ja nur am Papa-Weekend sehen.

Ich würde ja gerne mehr Aufgaben aus dem Spektrum Pflicht übernehmen statt nur die Kür, aber ich darf nicht!

Du wirfst dem Vater deiner Stieftochter vor, sich nicht zu interessieren, keine Verantwortung zu übernehmen, sich zu drücken. Mag sein. Aber hast du eine gute Idee, wie man einen ungekünstelten engen Kontakt zu einem Kind aufrechterhält, wenn der Alltag und der Löwenanteil des Lebens ohne einen stattfindet? Und weisst du, was ein unverkrampftes Verhältnis zum Kind besonders schwierig macht? Die Angst. Angst, das eigene Kind zu verlieren. Angst davor, dass es einen irgendwann nicht mehr besuchen mag. Weil man Fehler macht, weil man weit weg wohnt, weil der Gesprächsstoff ausgeht. Davor, dass es einen nicht mehr lieb haben wird, wenn es daheim von Mutter und neuem Partner hört, was für ein Loser der Vater ist. Angst, als Papa ein Versager zu sein, obwohl man das nie sein wollte. Und das Schlimme: Man kann nicht viel dagegen tun. Denn zwei Wochenenden sind nur zwei Wochenenden. Ich hätte gerne 50 Prozent der Zeit für Marie gesorgt. Aber meine Ex wollte das nicht. Und deshalb, das gestehe ich offen, bin auch ich ein typischer rundum sonniger «Wochenendpapi». Jawohl. Genau dieser Papi, der seine Tochter masslos verwöhnt, ihr alles durchgehen lässt und das Erziehen an den Wochenenden ausfallen lässt. Ich meine: Ich bin doch nicht blöd! Wenn ich Marie nur vier Tage im Monat habe, dann versau ich uns die kostbaren Stunden bestimmt nicht damit, dass ich sie ermahne, die Ellenbogen vom Tisch zu nehmen oder mit Diskussionen um herumgeschmissene Schuhe. Erstens stört mich das in der kurzen Zeit weniger, als wenn ich das jeden Tag hätte, und dann will ich einfach keine Konflikte. Nicht an unseren Wochenenden. Die sind mir heilig. Punkt. Ich will mit Marie reden, mit ihr Ufzgi machen und dabei vollkommen abschweifen, erzählen, lachen. Ich richte mich in meinem Programm vollkommen nach ihr, weil mir ohnehin alles recht ist, Hauptsache wir sind zusammen und dann auch, weil ich will, dass sie mich gerne besucht.

Bin ich deshalb ein «Rabenvater»? Ich würde ja gerne mehr Aufgaben aus dem Spektrum «Pflicht» übernehmen statt nur die «Kür», aber ich darf nicht! Was meinst du, wie eifersüchtig ich manchmal auf ihren Stiefvater, also so einen wie dich, bin! Als ich den neuen Partner meiner Frau kennengelernt habe, hab ich ihm die Hand gegeben und ganz fies gedacht: «Ach du Heiliger, ein Typ mit so schwitzigen Händen, der streichelt jetzt meiner Marie übers Haar. Bäh!» Ich weiss, das war kindisch und blöd. Aber ich bin auch nur ein Mensch. Und eifersüchtig. Nicht wegen meiner Ex-Frau, wie du ja deinem Vorgänger unterstellst, sondern wegen meiner Tochter. Ich bin bewusst Vater geworden, ich wollte einem heranwachsenden Menschen etwas mitgeben, mein Kind prägen. Jetzt muss ich oft feststellen, dass mein Nachfolger sie prägt. Das tut weh. Apropos wehtun. Vielleicht ist dort die Erklärung zu finden, warum sich manche Väter nach der Trennung von der Mutter komplett aus dem Papa-Job stehlen: Es schmerzt, Minimum-Vater zu sein. Es braucht enorme seelische Kraft. Diese Abschiede, diese Entfremdung, dieses Zerren am Kind. Das halten vielleicht nicht alle aus. Ja, ich mache mir viele Gedanken. Wie es ihr geht, wie ihr Alltag aussieht, wies in der Schule läuft. Ich glaube die meisten Trennungsväter sind keine Monster und sehen das wie ich. Aber es wird ihnen schwer gemacht. Ich bin zum Beispiel immer zu Maries Schulbesuchsmorgen gegangen. Irgendwann hat ihre Lehrerin mir gegenüber durchblicken lassen, dass das meiner Ex-Frau nicht so recht sei, und ob ich das nicht lassen könne. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Auf dem Gymnasium später wurde ich zumindest über Wesentliches per Brief mitinformiert. Oft habe ich mich gefragt, was ich eigentlich Schlimmes gemacht habe, dass ich fristlos als Vater gekündigt worden bin. Mir ist aber nichts anderes eingefallen, als dass die Liebe zwischen meiner Frau und mir verloren gegangen ist. Aber die Liebe zu meiner Tochter doch nicht!

Hoffentlich legen sich deine Gedanken wieder, dass es gut wäre, wenn Chiara, so heisst doch deine Stieftochter, erkennen könnte, was für ein Versager ihr Vater ist und den Kontakt abbräche. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass das schlimm für eine Tochter wäre. Ein Vater mag Schwächen haben, aber er ist der Vater. Willst du wirklich, dass Chiara denkt, 50 Prozent ihres Erbguts sei Schrott? Und, jetzt mal unter Männern: Ist der Ex deiner Frau wirklich so ein Troll? Ich jedenfalls vermute manchmal, dass ich mit dem Neuen meiner Ex gar nicht so schlecht auskäme. Von dem her, was meine Tochter erzählt, scheint er eigentlich ein cooler Typ zu sein. Ein cooler Typ mit sehr warmen Händen … Manchmal denke ich: Vielleicht sollten wir Männer einfach mal ein Bier zusammen trinken gehen und reden. Das würde ich dir auch empfehlen. So von Vater zu Vater. Und – weil wir uns jetzt durchs gegenseitige Blankziehen der Gefühle doch recht nah gekommen sind:

Ciao und liebe Grüsse, Peter

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