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Elternzeit

Oh mein Papa

Vater mit Baby auf dem Schoss

Im Ausland erhalten frischgebackene Väter Wochen oder gar Monate frei, um sich um ihr Baby zu kümmern. Hierzulande wird mit der «Papazeit» geknausert. Das muss sich ändern.

Papa spendet eine Runde Bier und feiert die Geburt des Nachwuchses am Stammtisch. Genauso wie er am Ende eines langen Tages die Beine hochlagert und am Ende des Monats die Kohle nach Hause trägt. Die Papapflichten erfüllt, wer die schwangere Ehefrau in den Spital gefahren und danach das Kind auf der Gemeinde angemeldet hat. Sie finden diese Ansichten veraltet? Dann werfen Sie einmal einen Blick in das Schweizer Obligationenrecht (OR): Artikel 329 Absatz 3 gewährt einem Schweizer Vater einen einzigen lausigen Tag, um sein Baby auf der Welt willkommen zu heissen. 24 Stunden, um die winzigen Füsschen zu küssen und grosse Gefühle zu hegen. Genauer: 24 Stunden abzüglich Geburt. Eine solche dauert durchschnittlich 13 Stunden. Für einen Vater bleiben also faktisch 11 Stunden, sich um das Familiennest zu kümmern. Dann muss er zurück in den Stollen oder an den Schreibtisch. Kann das einer? Will das einer? Ist das zeitgemäss?
Nein. Denn die Väterzeitregelung stammt aus einer Zeit, als die Rollen der Eltern noch so klar getrennt waren wie die Planeten Venus und Mars: die Mutter als Heimchen am Herd, der Vater als Patriarch.
Heute aber möchten die Männer ihre Arbeitszeit liebend gern zugunsten von Haushalt und Familie reduzieren. Auch für weniger Lohn. In einer kürzlich veröffentlichten Studie von Pro Familia zum Thema «Was Männer wollen» bekennen sich 90 Prozent der Befragten dazu. Aber nur 13,8 Prozent setzen das Bekenntnis um. Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander wie der San-Andreas-Graben.
Dabei ist quer durch alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen längst erwiesen: Ein anständiges Zeitbudget für die Familie stärkt alle in der kleinen Sippschaft: Die Kinder binden sich sicherer, der Vater tritt vom Rand in das Zentrum und darf mehr als die Ernährerrolle spielen, und für Mama erhöht sich die Chance, den Anschluss im Beruf nicht zu verpassen.

Ein Papa zum Anfassen

Dass ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat, merkt man nicht nur, wenn man Studien und Zahlen studiert. Auch der Besuch einer Podiumsdiskussion im Zürcher Stadtspital Triemli an einem ganz normalen Werktag kann die Augen öffnen. Das Thema: «Wie viel Vater braucht ein Kind?» Der Saal ist proppenvoll mit Männern jeden Alters, werdende Väter, gestandene Väter, Grossväter. Generationen von Männern sitzen statt am Stammtisch in den Bänken des Weiterbildungszentrum in der Maternité und nicken beipflichtend, wenn der Professor und Philosoph Dieter Thomä aus St. Gallen Dinge sagt wie: «Qualitytime ist zu wenig – es braucht vor allem Zeit, dem Kind nahe zu kommen.» Dieter Thomä, Autor des Buches «Väter – eine moderne Heldengeschichte », plädiert für ein Vaterbild, das viele Anwesenden bereits verinnerlicht zu haben scheinen. Ein Papa soll sich anfassen lassen, Vorbild sein und Rückhalt geben. Heute wollen Väter mitmischen im Familienleben, das Prädikat «Fürsorglich» tragen sie, ohne sich kastriert zu fühlen.
Genau das ist den meisten Papas nicht vergönnt. Zwar gibt es einzelne löbliche Unternehmen wie Mobility, die Alternative Bank, Migros oder die SBB, die ihren Angestellten grosszügig Vaterzeit gewähren, bis zu vier Wochen. Und viele Gemeinden gestehen ihren Mitarbeitern 10 Tage «Vaterzeit» zu. Angesichts der jährlich fast 80 000 Geburten aber profitieren davon nur eine Handvoll Privilegierter. Der grosse Rest beugt sich dem antiquittierten Gesetz oder opfert notgedrungen einen Teil des Jahresurlaubes.

«Staatlich geförderte Entfremdung von Vater und Kind», nennt das Markus Theunert. Der Präsident von männer.ch nimmt kein Blatt vor den Mund. Er will das Private endlich als Politikum verstanden wissen - wie vor vierzig Jahren die Frauen - und vertritt angriffig die Interessen von Männern und Vätern in der Schweiz. Nur eine gesetzlich geförderte Elternzeit ermögliche es den Vätern, sich von der Wiege weg ins Familienleben einzubringen.
Dazu will eigentlich niemand mehr Nein sagen. Schliesslich will man nicht als unzeitgemäss gelten. Schon gar nicht in einer Zeit, in der selbst konservative Politiker eingesehen haben, dass die Wirtschaft die gut ausgebildeten Frauen braucht. Alle Parteien – ausser der SVP – äussern sich in ihren Programmen oder Positionspapieren zum Thema Elternzeit und Elterngeld. Von links bis Mitte bürgerlich reichten sie Motionen und Postulate zuhauf ein. Nur ändern tut sich damit noch lange nichts. Denn die Schweizer Gesetzesmühlen mahlen langsam. Einige Vorstösse motten seit Jahren unbehandelt vor sich hin, die meisten wurden abgelehnt. Die Begründung? Es bestehe für den Gesetzgeber kein verfassungsmässiger Auftrag, einen Vaterschaftsurlaub analog zum Mutterschaftsurlaub einzuführen. Punkt. Eine billige Ausrede, die jedes parteipolitische Lippenbekenntnis zur Familienpolitik als Makulatur entlarvt. Wie schon beim Mutterschaftsurlaub verschläft die Schweiz den Zeitgeist. Familienpolitisch besetzen wir laut Studien der OECD im internationalen Vergleich die Schlussränge.

Vater mit Baby im Bett

Weniger Scheidungen

Musterschülerin punkto gesetzlich verankerter Fürsorglichkeit ist Schweden. Müttern und Vätern stehen dort insgesamt 480 Tage Elternzeit zu, wovon ein Elternteil mindestens 60 Tage beziehen muss. Während der ersten 390 Tage beträgt das Elterngeld 80 Prozent des Bruttolohns, die 90 Folgetage werden mit rund 60 Euro pro Tag überbrückt. Als Sahnehäubchen obenauf erhält derjenige Elternteil, der innerhalb eines Jahres am meisten Elterntage in Anspruch genommen hat, einen Steuererlass.
Nordländische Glückspilze. Denn der Vaterschaftsurlaub erweist sich in Schweden auch als Kollagen für die Partnerschaft: In Familien, in denen der Vater beim ersten Kind einen umfassenden Elternurlaub eingezogen hat, sank die Scheidungsrate um nahezu 30 Prozent, wie eine Studie aus dem Jahr 2001 belegen konnte.
Die Zahl scheint hoch – leuchtet aber ein. Denn die Geburt eines Kindes kann eine junge Familie auf Schleuderkurs bringen. Besonders in den ersten Lebensjahren beansprucht und belastet der Nachwuchs die Eltern aufs äusserste. Die Unzufriedenheit wächst vor allem bei den Müttern. Besonders dann, wenn sie nicht freiwillig zu Hause geblieben sind, sondern sich im Korsett der traditionellen Geschlechterrolle wiederfinden.

Vaterurlaub? Wer einen Säugling betreut, macht keine Ferien!

Dabei steht die naturgegeben aufopfernde Mama längst angestaubt auf dem Regal der Muttermythen, gleich neben dem Mythos «Powerfrau». Beide entsprechen nicht der heutigen Realität. Auch nicht derjenigen von Schweizer Müttern. Vor einer Generation noch waren zwei Drittel aller Mamas «Nur-Hausfrauen». Heute bleiben 80 Prozent der Frauen – auch mit Kleinkindern – erwerbstätig. Aus gutem Grund, sagt Anita Fetz, Ständerätin SP Basel-Stadt: «Als Realistinnen ist den Frauen klar, dass heutzutage eine gute Arbeitsstelle wichtig ist.» Nicht nur, weil viele Familien auf ein zweites Einkommen angewiesen sind, sondern auch, weil jede zweite Ehe geschieden wird.

Schrumpfjob für Mama

Die Erziehungs- und Hausarbeit aber bleibe auch heute noch an der Frau hängen und so arbeitet meist die Mutter Teilzeit, ergänzt Anita Fetz. Das Resultat: Zum einen fühlen sich junge Mütter durch die Doppelbelastung überfordert, zum andern nagt der Frust. Weshalb die gute Ausbildung, um dann in einem schlecht bezahlten Schrumpfjob zu landen?
Weg mit der Rollenzementierung! hat sich auch die Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF) auf die Fahnen geschrieben und ein Modell zur gesetzlichen Regelung von «Elternzeit und Elterngeld» ausgearbeitet. In einem umfassenden Bericht schlägt sie vor, eine Elternzeit von 24 Wochen einzuführen. Je vier Wochen davon sind für Mutter und Vater vorgesehen, der Rest kann frei aufgeteilt werden. Damit dürfte eine Mama maximal achteinhalb Monate zu Hause bleiben, ein Vater bis zu fünf Monaten. Das Elterngeld beträgt 80 Prozent des Einkommens, die Elternzeit kann bis zur Einschulung bezogen werden.

Vater mit Baby in den Armen

Sparen für die Elternzeit

«Wer aber bezahlt das?» Diese Gretchenfrage müssen sich engagierte Wegbereiter für den Vaterschaftsurlaub in ermüdender Regelmässigkeit stellen lassen. 1,2 Milliarden würde das von der EKFF vorgeschlagene Modell kosten, finanziert über die Erwerbsersatzordnung oder Mehrwertsteuer. Das ist viel Geld. Aber: Verglichen mit Ländern wie Deutschland, Österreich, Norwegen und Schweden wendet die Schweiz zwei- bis dreimal weniger des Bruttoinlandproduktes für Familien auf. Als eines der reichsten Länder der Welt würde unserem Land etwas weniger Knausrigkeit gut anstehen. Leider denken nicht alle so. Die Diskussion ist damit blockiert. Um dem Finanzierungsargument gegen den Vaterschaftsurlaub den Wind aus den Segeln zu nehmen, setzt der Dachverband der Männer- und Väterorganisationen jetzt auf die private Mitfinanzierung. Mit der sogenannten «Elternzeitversicherung» sollen – wie bei der Altersvorsorge – junge, berufstätige Männer und Frauen steuerbefreit Geld zur Seite legen (3. Säule) oder gemeinsam mit dem Arbeitgeber ein «Zeitflexibilitätskonto» äufnen (2. Säule). Um es als Zeitguthaben auszulösen, wenn ein Kind zur Welt kommt.
Ob dieses Modell durchsetzbar ist? Gewiss ist: Solange man Väter staatlich verordnet aus dem Kinderzimmer aussperrt, wird unser Land demografisch altern. Denn Männer und Frauen, die man in Rollen zwingt, von denen sie sich längst emanzipiert haben, füllen ihr Zuhause kaum mehr mit einer heiteren Kinderschar.


Interview

«Alte Männer entscheiden über die Lebensform junger Familien»

wir eltern: Herr Theunert, machen ein paar Wochen «Papazeit» den Mann wirklich zu einem besseren Vater?

Markus Theunert: Nein. Trotzdem passiert etwas: Ein Vater entwickelt einen eigenen Stil des «Bevaterns», gewinnt Selbstvertrauen im Umgang mit dem Baby und könnte so jederzeit die volle Verantwortung für das Kind übernehmen. Deshalb sprechen wir auch nicht von «Väterurlaub», sondern von «Väterzeit». Wer einen Säugling betreut, macht keine Ferien!

In Internet-Foren wird Ihre Forderung nach Elternzeit als Angriff auf die traditionelle Familie verstanden. Ist sie das?

Es sind vor allem ältere Männer, die so argumentieren. Mit der Begründung, sie selber hätten damals auch ihre Ferien opfern müssen. Bei dem Gerangel um die Mutterschaftsversicherung vor sechs Jahren waren es übrigens analog die älteren, bürgerlichen Frauen, die sich der Mutterschaftsversicherung widersetzten.

Missgunst der Alten gegenüber den Jungen?

Die Anforderungen an Familien haben sich geändert. Die Altvorderen sind meiner Ansicht nach nicht dazu legitimiert, zu entscheiden, wie junge Familien zu leben haben. Und es ist eine Frage mangelnder politischer Weitsicht. In der Schweiz kommen schlicht zu wenige Kinder zur Welt. Künftig werden Arbeitskräfte fehlen, die wir aus dem Ausland importieren müssen. Ausgerechnet jene politischen Kreise, die gegen die Zuwanderung wettern, stemmen sich auch dagegen, moderne Familien zu unterstützen.

Ein Vaterschaftsurlaub ist politisch nicht durchsetzbar, weil er den Staat zu viel kostet.

Er ist nicht durchsetzbar, weil im Ständerat viele alte Männer sitzen, die von den Lebensrealitäten junger Eltern wenig Ahnung haben und in den letzten Jahren jegliche Vorstösse schnöde bachab geschickt haben. Ein Argument dafür war meist die Finanzierung. Deshalb haben wir nun einen konsensfähigeren Vorschlag ausgearbeitet. Und siehe da, mit unserer «Elternzeitversicherung» werden wir das erste Mal vom Bundes- und Ständerat unterstützt!

Wie sieht dieser Vorschlag aus?

Wir setzen uns für eine privat finanzierte, steuerbefreite «Elternzeitversicherung» ein. Wie bei der steuerbefreiten Altersvorsorge können sich Männer und Frauen – lange bevor sie Eltern werden – mit einem frei wählbaren Prozentsatz des Lohnes ein Elternzeitguthaben aufbauen. Wenn ein junger Vater beispielsweise vier Jahre lang fünf Prozent seines Einkommens spart, kann er sein Arbeitspensum nach der Geburt eines Kindes ein Jahr lang auf 80 Prozent reduzieren.

Und wenn sich der Kinderwunsch nie erfüllt?

Dann fällt das angesparte Guthaben ans Altersguthaben oder kann analog der Kriterien bei der Säule 3a für Immobilienerwerb, Selbstständigkeit oder zum Auswandern verwendet werden.

Ist es nicht naiv, zu glauben, junge Leute würden freiwillig für die Gründung einer Familie sparen?

Wir beginnen doch auch 30 Jahre vor der Pensionierung fürs Alter zu sparen. Da ist es doch nicht abwegig, fünf Jahre vor der Familiengründung Geld auf die Seite zu legen! Es wird ein Markt und eine Dynamik geschaffen, die den sozialen und familienpolitischen Wandel beschleunigt. Da das Engagement der Väter in der Kinderbetreuung von allen erwünscht ist, wird eine Elternzeitversicherung schon bald zur gesellschaftlichen Normalität. Vielleicht wird es für junge Frauen künftig ein Kriterium für die Partnerwahl sein, ob ihr neuer Freund ein «Elternzeitkonto» besitzt.

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