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Erziehung

Nur ein Klaps!

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Dass Prügel keine Erziehungsmethode sind, bestreitet seit den 50er-Jahren niemand mehr. Nun ist der Klaps auf den Hintern als Abgrenzung zur «Kuschelpädagogik» wieder salonfähig geworden. Zu welchem Preis?

Sie sind egoistisch, eigenwillig, egozentrisch, rotzfrech, trotzig, wild, ungestüm, laut, rechthaberisch, rücksichtslos. So sind Kinder nun mal. Alle. Und diese Liste liesse sich wohl beliebig verlängern. Und dann, dann brauchts manchmal nicht mal mehr die ganz grosse Katastrophe. Die Katze muss nicht unbedingt auch noch ins Wohnzimmer pinkeln, wenn die Dreijährige beim Spaziergang in jede Pfütze hüpft, zum dritten Mal auf die Strasse rennt und das lustig findet, der Nachbarin im Treppengang die Zunge rausstreckt, kreischt, weil sie kein Popcorn bekommt und dann auch noch Fernseh schauen will und zwar SOFORT! In solchen Situationen brennen schon mal die Sicherungen durch, und dann – ja, was dann? Schimpfen, schreien, hauen, ruhig bleiben, überlegen, erklären, reagieren, ignorieren, resignieren?

Thema mit Sprengpotenzial

Die Reaktionen entnervter Eltern sind genauso vielseitig wie die Ansichten darüber. Genau hier scheiden sich die Geister, verhärten sich Fronten. Auf Internetforen schlagen sich Mütter und Väter verbal die Köpfe ein, wenn es um das Thema «Klaps» geht. Und fragt man im Bekanntenkreis nach, ist der Umgang mit der trotzenden Brut recht unterschiedlich. Ein Vater zum Beispiel findet, dass man «schon mal mit einem Klaps ein Zeichen setzen kann. Die Kleine kapierts so besser, dass sie zu weit geht.» Eine andere sagt: «So was liegt bei uns überhaupt nicht drin. Wir setzen auf Reden und Erklären, und sonst schicken wir die Kinder ins Zimmer.» «Ich bin total gegen Prügel», sagt eine andere Mutter, «aber meine Jüngste, die ist so eigenwillig und frech, da ist mir auch schon die Hand ausgerutscht. Ich habe mich danach so geschämt.» Wieder eine andere sieht das ganz anders: «Seien wir doch ehrlich, manchmal tuts einfach verdammt gut, auf diese Weise kurz Dampf abzulassen.»

«Strafe muss sein»: Dieser Slogan war während Jahrhunderten Norm. Viele Eltern kennen ihn aus der eigenen Kindheit. Wer nicht hören wollte, musste spüren. Nicht immer, aber gefackelt wurde nicht lange. Eine Ohrfeige war nichts Aussergewöhnliches. Eine Tracht Prügel auch nicht. Mit der 68er-Bewegung und dem antiautoritären Erziehungsstil der 70er wollte man sich frei machen vom engen, konservativen und restriktiven Korsett der Gesellschaft und der Elternhäuser. Kinder zu schlagen wurde zum Tabu. «Aber gemacht hat man es trotzdem», sagt Franz Ziegler, Leiter der Fachstelle Kinderschutz Kanton Solothurn. «Es wurde einfach unter den Teppich gekehrt, ganz nach dem Motto, was nicht sein darf, ist nicht.» Ziegler sagt, dass zwischen 1970 und 1995 praktisch keine öffentliche Debatte zur Körperstrafe stattgefunden habe. «Erst ab Mitte der 90er-Jahre wurden Schläge wieder zum Thema und gesellschaftlich klar verurteilt», so Ziegler. Doch diese Haltung habe nicht lange angedauert: «Mit der medial angeheizten Polemik zur Jugendproblematik und Jugendgewalt, aufgrund all der Berichte und Bücher über grenzenlose Kinder schon im Kindergartenalter, und mit der Erfindung der Wortkreation Kuschelpädagogik hat sich das Blatt wieder gewendet», erklärt Ziegler. So hätten selbst Politiker und Prominente öffentlich propagiert, in der Kindererziehung die Zügel wieder zu straffen, wenns sein muss auch mal mit einer Ohrfeige. «E Chlapf zur rächte Zyt» ist wieder gesellschaftsfähig geworden: «Die Akzeptanz der Körperstrafen ist in der Gesellschaft heute sehr hoch», so Ziegler. Laut einer Umfrage des Instituts Isopublic aus dem Jahr 2007 finden 68 Prozent der Befragten einen gelegentlichen Klaps oder eine Ohrfeige als Mittel zur Erziehung okay.

Schläge fördern den Trotz

Wie schlimm ist es nun aber, wenn der Mutter, dem Vater mal die Sicherung durchbrennt? Muss man sich dafür schämen, ein schlechtes Gewissen haben? «Schämen darf man sich», sagt Franz Ziegler. Doch Scham allein genügt nicht. «Wichtig ist, mit dem Kind zu reden, sich zu entschuldigen, zu erklären, warum man gerade ausgerastet ist. Insbesondere dann, wenn es ein einmaliger ‹Ausrutscher› war. Kinder sind sehr gross im Verzeihen», sagt Franz Ziegler. Verheerend sei, wenn es öfter passiere, wenn Ohrfeigen, auf die Hand schlagen, auf den Po hauen, an den Haaren ziehen zu Erziehungsmassnahmen würden. «Es ist erwiesen, dass Körperstrafen keine positiven Reaktionen beim Kind erzeugen. Es wird nicht braver, es macht keine besseren Noten, es ist nicht weniger wild oder störrisch», so Ziegler.

Im Gegenteil: Laut Forschungsergebnissen kann regelmässiges Schlagen, in welcher Form auch immer, dazu führen, dass Kinder mehr trotzen, rebellieren, ungehorsam sind. Dass sie aus Angst lügen oder sich zurückziehen und resignieren. Geschlagene Kinder verlieren an Selbstvertrauen und Vertrauen in andere. Sie lernen zudem, Probleme mit Gewalt zu lösen. «Aus geschlagenen Kindern werden häufig schlagende Kinder. Und hier schliesst sich der Kreis zum Thema Jugendgewalt», so Ziegler. Was aber können Eltern tun, wenn der Kleine ihnen mal wieder die Nerven blank legt, wenn die Elfjährige im Mini und bauchfrei vor der väterlichen Nase die Haustür zuknallt? Nichts? Schreien? «Laut werden, ist nicht immer schlecht. Wer sich aufregt, zeigt Engagement», sagt der Zürcher Psychologe Allan Guggenbühl. Letztlich ist das ein Zeichen, dass man das Kind ernst nimmt. «Man muss jedoch Abschied nehmen von der Idee, einen Konflikt sofort lösen zu können, oft muss man ihn später wieder aufgreifen», so der Psychologe. Wenn man kurz vor dem Explodieren ist, empfiehlt er, sich aus der Szene zu nehmen, ein Time-out einzuschalten: «Damit gewinnt man Abstand, bevor man reagiert.» Abstand gewinnen war auch das Rezept von Liedermacher und Buchautor Linard Bardill (siehe Interview). Er hat seinen ältesten Sohn geschlagen. Bis zum Tag, an dem er den Hass in seinen Augen gesehen hat. Nur ein Klaps? Bardills mutige Beichte zeigt, dass der Preis dafür hoch ist.

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