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Erziehung

«Nicht alle Steine aus dem Weg»

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Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther ist ein Verfechter des Rechtes von Kindern auf eigene Erfahrungen. Auch auf schlechte.

wir eltern: Herr Professor Hüther, in Ihrem Buch «Gehirnforschung für Kinder» schildern Sie eine südamerikanische Untersuchung an ausgebüchsten Eseln. Die Tiere, die ihrer Gefangenschaft entflohen waren, wiesen nach einiger Zeit deutlich komplexere Gehirnstrukturen auf als ihre braven Hausesel-Kollegen. Was sagt uns das in Bezug auf Kinder?

Gerald Hüther: Jetzt werden viele schimpfen, aber ich mache mal einfach den Link: Esel – Kinder. Denn die Grundbotschaft ist die: Ein Gehirn, sogar das von Eseln und noch viel stärker das von Kindern, formt sich so, wie man es benutzt, wie es Gelegenheit hat, zu arbeiten. Wer es zu bequem hat, dessen Hirn wird auch bequem. Wer keine Herausforderungen sucht und findet, der lernt auch nicht, wie man neue Aufgaben meistert.

Welche Esel nimmt man sich also zum Vorbild?

Den Wildesel natürlich. Es geht nicht um freies Herumrennen, sondern insgesamt um Offenheit. Ein Kind, das die Freiheit hat, sich zu erproben, Erfahrungen zu machen, wird auch ein offener Mensch; einer, der Dankbarkeit zeigen kann, Zuneigung, Grosszügigkeit. Die Neidischen, Habgierigen, andere Herabsetzenden, die, die eng und ohne Selbstvertrauen unterwegs sind, das sind die Hausesel.

Heute neigen Eltern allerdings dazu, ihr Kind eher hauseselig zu machen, es in Watte zu packen, dafür gezielt zu fördern.

Das ist wahr. Die Erziehungsvorstellungen sind im vorigen Jahrhundert stecken geblieben. Damals dachte man, ein Kind sei wie ein Fass, in das man Wissen füllt bis zum Rand. Es abrichtet. Funktionstüchtige Maschinen erzeugt. Das führt zu einem Kinderleben, in dem alles vorgegeben ist, kein Raum für eigenes Erleben und eigene Fehler bleibt.

Dabei meinen es die Eltern doch nur gut.

Mag sein. Aber nachhaltig lernen und seine Persönlichkeit ausbilden kann man nur durch Erfahrung.

Dabei muss schmerzhaftes Auf-die-Nase-Fallen in Kauf genommen werden.

Natürlich. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. In den 80ern und 90ern gab es die fatale Erfindung des Lauflerngeräts. Kleinkinder sollten ohne Stürze laufen lernen, indem sie in so einem Ding hingen und vor sich hintrappelten. Diese Kinder wurden zu häufig gesehenen Gästen in Arztpraxen. Sie konnten den Fuss nicht richtig abrollen, nicht sinnvoll fallen, waren ungeschickt und hatten kein Zutrauen zu ihren eigenen Fertigkeiten erworben. Sich als selbstwirksam zu erfahren ist wichtiger, als einen blauen Fleck zu vermeiden.

Warum ist das so wichtig?

Jeder kennt doch das tolle Gefühl: Ich kann was, ich bin kompetent, ich schaff das schon. Diese Haltung befähigt zum Probleme lösen. Eine Fähigkeit, die im präfrontalen Gehirnlappen gespeichert wird. Übrigens ein sträflich vernachlässigtes Gebiet, dieser präfrontale Gehirnlappen. Sämtliche Metakompetenzen, die man für ein glückliches und erfolgreiches Leben braucht, sind dort angesiedelt. Dieses Defizit ist übrigens auch häufig bei Kindern mit der Diagnose ADHS festzustellen.

Und wie kann man diesen Frontallappen trainieren?

Nur durch Erfahrungen. Körperliches Erleben, gekoppelt mit Emotionen. «Das war super», «Na, das lief wohl eher nicht so toll» – das muss man am eigenen Leibe spüren, um zu einer starken Persönlichkeit zu werden.

Was können Eltern tun?

Erfahrungen ermöglichen, ermutigen und Probleme bereiten.

Wie bitte, Probleme bereiten?

Klar. Gute Probleme. Reibungsfläche bieten. Grenzen setzen, damit das Kind sich bemüht, sie zu überschreiten. Nicht alle Steine aus dem Weg räumen. Herausforderungen schaffen – in dem für sie richtigen Mass.

Ihr Rat an verunsicherte Eltern in unsicherer Zeit?

Wer Kindern in frühen Jahren nicht die Möglichkeit gibt, Abenteuer zu erleben, der zieht Kinder heran, die später wahrscheinlich am Abenteuer des Lebens scheitern.


Zur Person

Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg.
www.gerald-huether.de

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