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Auswandern

Neues Leben in Kanada

«Tschüss!», sagte Familie Graf und zog in die Wildnis Kanadas. Bericht aus einer Gegend, in der die Winter richtig kalt und das Wolfsgeheul eindringlich sind.

Es knallt laut, dann herrscht totale Stille. Ich höre mich selbst atmen. Das Schneemobil macht keinen Wank mehr. «Oh nein», denke ich. Und fluche. Es hört mich ja niemand in der weiten Wildnis. Ich rufe nach Adrian, meinem Mann. Das ist aber zwecklos, der Schnee und der Wald schlucken die Worte. Adrian ist mit unseren Kindern Jaro (6) und Zora (4) bereits vorausgefahren. Wir sind auf dem Nachhauseweg vom Einkaufen im drei Reisestunden entfernten Ort, es ist schon spät, die Sonne geht unter und ich bin müde. 12 Kilometer sind es noch bis nach Hause. Wie ich das mit dem Schlitten, geladen mit dem Einkauf für die nächsten drei Wochen, vor Einbruch der Dunkelheit schaffen soll, weiss ich nicht.

«Hoffentlich merken sie bald, dass ich nicht hinter ihnen bin», murmle ich noch vor mich hin – und siehe da, das Schneemobil mit Kind und Kegel kommt um die Kurve. Ich bin erleichtert. Gemeinsam stellen wir die kaputte Maschine an den Wegrand, kuppeln den Schlitten an Adrians Schneemobil und pferchen uns dann zu viert darauf.

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Unser Alltag hier im Norden von Britisch-Kolumbien, wo der Winter volle sechs Monate dauert, ist geprägt von Überraschungen und Abenteuern. Wir wohnen abgelegen in einem Holzhaus. Unser Grundstück mit Wald und Wiesen liegt direkt am Fluss und ist 35 Hektaren gross, was knapp 32 Fussballfeldern entspricht. Strom beziehen wir von Solarpanels und den Internet-Anschluss an die Welt garantiert unsere Satellitenschüssel. Der Briefkasten liegt 20 Kilometer, das nächste Dorf rund 40 Kilometer und die nächste grössere Stadt, Smithers, 200 Kilometer entfernt. Dort erhalten wir alles, was wir benötigen. Aber mit schnell mal einkaufen oder kurz auf ein Feierabendbier ist hier nichts. Und wenn wir irgendwo hin wollen, wissen wir nie im Voraus, was uns unterwegs erwartet: ein umgefallener Baum, eine eingebrochene Brücke oder ein Elch, der sich in den Weg stellt.

Für uns ist diese Art zu leben die Erfüllung eines lang gehegten Traums, den wir zuerst allein und später gemeinsam geträumt haben. 2014 haben Adrian und ich uns gefragt, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen, was wir noch erleben wollen. Dann begannen wir, unsere Vision mit Bildern auf einen grossen Karton zu kleben. Entstanden ist ein buntes, volles und wildes Bild mit viel Natur – die Destination stand fest. Wir wollten in die Wildnis. Mit dem Ziel, uns, soweit möglich, selbst zu versorgen. Und anderen Menschen Raum zu bieten, um Zeit in der Abgeschiedenheit zu verbringen.

Vor unserem Umzug hierhin hat Adrian zwei Jahrzehnte in der Baubranche und der Landwirtschaft gearbeitet. Er ist viel gereist. Ich habe internationale und nachhaltige Landwirtschaft studiert und arbeitete viele Jahre im Agrarsektor, zuletzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Fachhochschule. Einhergehend mit der Auswanderung habe ich mich als digitale Contentwriterin selbstständig gemacht und mich um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Seit wir auf unserer kleinen Farm leben, teilen wir uns Kinderbetreuung und Haushalt. Die schrittweise Erfüllung unserer Vision hat ein paar Jahre gedauert und ist noch lange nicht abgeschlossen.

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Regel Nummer 1 für die Kinder: sich nie aus unserer Hör- oder Sichtweite bewegen.

Wenn die Wasserleitung abgestellt ist, muss eine Katzenwäsche reichen.

Wölfe, Elche, Adler

Zurück zur Schneemobilpanne. Nachdem wir nach langer Fahrt endlich zu Hause ankommen, müssen wir zuerst den Holzherd einheizen, damit wir kochen können. Es ist bereits spät, als ich Jaro und Zora ins Bett bringe. «Weisst du Mama, ich fahre lieber mit Papa auf dem Töff mit. Papa fährt viel schneller als du», bemerkt Jaro, bevor er einschläft. «Jawohl», denke ich schmunzelnd, «die nächsten Tage fahre ich wohl nirgendwo hin. Zuerst müssen wir das Ding irgendwie reparieren.»

Zum Glück muss Jaro nicht schon frühmorgens auf und in den Kindergarten. Da der Schulweg viel zu weit ist, unterrichten wir unsere Kinder daheim. Und das eigentlich immer ein wenig. Wenn wir draussen sind, schauen wir, wie sich der Schnee verhält, welche Formen das Wasser annehmen kann und welche Eigenschaften es hat. Die Kinder sind in den Tagesablauf integriert, so wird das Kuchenbacken auch mal zum Matheunterricht. Und zu lesen gibt es sowieso immer und überall etwas. Manchmal auch Tierfährten.

Homeschooler sind in Kanada keine Exoten. Auch unsere Nachbarn und viele Familien im Tal unterrichten ihre Kinder selbst. An regelmässig stattfindenden Homeschooler-Meetings tauschen wir uns mit anderen Eltern aus und die Kinder treffen ihre Freunde. Jaro ist in einer Online-Schule registriert, die aber keineswegs online stattfindet. Vielmehr stellt uns die Schule das Lehrmaterial zur Verfügung und unterstützt uns Eltern bei Fragen. Ein monatliches Treffen mit einer Lehrperson gehört auch dazu. Auf Anfrage erhalten wir Finanzierungsbeiträge für Aktivitäten wie Besuche von Museen, Hallenbad oder Kletterhalle. Für uns ist diese Art von Homeschooling perfekt.

Das Leben in der Wildnis lehrt die Kids, dass nicht alles selbstverständlich ist. Wenn es im Winter zu kalt wird – die Temperaturen sinken schon mal auf minus 30 Grad Celsius – und wir das Wasser abstellen, damit die Leitungen nicht einfrieren, dann muss auch mal eine Katzenwäsche reichen. In der Abgeschiedenheit sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, weshalb wir die meisten Reparaturen – so wie beim Schneemobil – selbst vornehmen. Den Kindern leben wir dadurch vor, dass sie vieles allein machen können.

Auch wenn wir unseren Kindern viel Raum für eigene Ideen lassen, gelten bei uns Regeln und Strukturen, an die sie sich halten müssen. Die allerwichtigste Regel für Jaro und Zora: sich nicht aus der Sicht- oder Hörweite von uns bewegen. Damit wollen wir überraschenden Begegnungen und Unfällen mit Wildtieren vorbeugen. Denn diese sind da, auch wenn grösstenteils nicht sichtbar. Die Spuren zeugen von ihrer Anwesenheit.

Nach dem Grosseinkauf und der Schneemobilpanne gönnen wir uns einen Tag Pause. «Wir wollen Skifahren», ruft Zora und Jaro steht mit den Skiern schon im Hauseingang. Ich helfe ihnen beim Anziehen. Dann setzen Adrian und ich uns mit einem Kaffee in die warme Wintersonne. «Ich fahre runter», ruft es vom Schneehügel und das erste Kind braust in der Hocke in unsere Richtung. Manchmal fühlt sich unser Leben hier – trotz viel Arbeit und fehlendem Skilift – wie lange Skiferien in einer Schweizer Berghütte an. Mit dem Ski- und Schlittenhügel direkt vor der Haustür erleben die Kinder viele Winterabenteuer. Und wenn es richtig viel Schnee hat, dann bauen die Kids den ganzen Tag Schneehöhlen und sind glücklich damit.

Oft fragen uns Bekannte, ob es nicht doch ein wenig abgelegen sei und wir die sozialen Kontakte nicht vermissten. Auf diese Frage gibt es von uns ein ehrliches Nein. Einsam sind wir hier selten, ich würde schon eher sagen in guter Gesellschaft. Die Wölfe heulen, Elche laufen über unsere Wiese, der Adler zieht seine Kreise und Mäuse können auch hier ziemlich mühsam werden.

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Langer Winter auf der Farm der Grafs: Adrian und Jori hacken Holz, Martina ist in Fahrt.

Gute Nachbarschaft

Trotz der Abgeschiedenheit (und wenn das Schneemobil wieder läuft) pflegen wir ein reiches Sozialleben. Freunde kommen zu Besuch – im Winter auch auf Langlaufskiern – oder wir machen ein Play-Date mit den Kindern unserer Nachbarn ab. Die Bewohner des Kispiox Valley sind gesellige und grosszügige Menschen. Die Abgeschiedenheit scheint die Wertschätzung für das Gegenüber und die Mitmenschen zu steigern. Und kommt jemand auf Kaffee und Tratsch – von dem gibt es auch hier zur Genüge –, ist die Freude umso grösser. Ohne Nachbarschaftshilfe ginge es nicht, denn alle Services sind weit weg – das nächste Spital liegt im Sommer eineinhalb Autostunden von uns entfernt. Die jährliche Ostereiersuche, das Rodeo und ein Musikfestival bieten gute Gelegenheiten, Menschen vor Ort zu treffen.

Übrigens: Das Schneemobil fährt wieder. Was für eine Erleichterung! Ich habe die Maschine mit der Unterstützung von meinem Mann und mithilfe von Anleitungen auf Youtube repariert. Das hat ein wenig gedauert und wir waren uns auch nicht immer einig. Aber jetzt knattert meine Polaris wieder und wir sind stolz – auf die Teamarbeit und dass wir als Grünschnäbel wieder eine kleine Alltagsherausforderung gemeistert haben. Wir sind da, wo wir sein wollen, und trotz aller Anstrengungen sehr zufrieden mit unserem Leben.

Der Winter dauert noch eine Weile, Zeit, um ein wenig runterzufahren. Erst, wenn die ersten Vögel von Süden kommend Richtung Yukon fliegen und kanadische Teenager beginnen, in kurzen Hosen herumzulaufen – Adrian und ich noch in dicke Pullis eingepackt –, dann ist der Frühling da. Und damit nicht nur viel Arbeit, sondern auch viele Mücken und Blackflies. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Familie Graf ist auch online zu finden: ➺ wherethebearlives.com

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