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Stillen und die Männer

Neidisch aufs Stillen

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Es gibt Väter, die beim Stillen eifersüchtig auf ihre Frau und das Kind schielen. Der «Brust-Neid» ist jedoch meist tabu.

Als seine Frau einmal später als geplant nach Hause kam und das Baby plärrte, nahm sich der junge Vater ein Herz und probierte am eigenen Leib aus, wie «es» sich anfühlt. Er knöpfte sein Hemd auf, legte das Stillkissen zurecht und nahm seine zwei Monate alte Tochter aus dem Stubenwagen. Das Baby begann sofort zu nuckeln, als gebe es nichts Selbstverständlicheres als eine Männerbrust. Dass trotz kräftigem Saugen keine Milch floss, schien die Kleine nicht zu stören. Sie gab sich mit Nuckeln zufrieden. «Für mich war es ein einmaliges, sehr spezielles Erlebnis», erzählt der Vater, Mitglied einer Zürcher Männergruppe. «Es hatte nichts Erotisches, aber ich bekam eine neue Ahnung von der besonderen Intimität zwischen Mutter und Kind beim Stillen, und welch grossartige Erfindung weibliche Brüste sind.»

Ja, die weibliche Brust. Wegen ihrer Schönheit werden Frauen von den Männern begehrt. Frauen verspüren wohlige Lust, wenn die Brüste gestreichelt oder geleckt werden. Einige drapieren sie mit teurer Spitze und bringen sie kleidsam zur Geltung. Und in die Brüste investieren manche ein halbes Vermögen, wenn Grösse oder Form nicht (mehr) gefallen. Wenn Frauen aber ein Kind bekommen, ändert die Brust schlagartig ihre Aufgabe: Vom erotisch besetzten Körperteil mutiert sie zur Nahrungsquelle fürs Kind, die dem Mann versagt bleibt. Armer Vater: Wenn seine Frau das Baby stillt, bleibt er aussen vor, in jeder Beziehung. Kein Wunder, dass er sich ausgeschlossen fühlt. Die Folge: Brustneid.

Er macht ihr das Leben schwer

«Mein Mann hat einen ausgesprochenen Gebär- und Brustneid, und das macht mir das Leben mit ihm verdammt schwer», klagt eine junge Mutter in einem Internet-Forum. «Er interessiert sich nur noch für die Kleine, und wenn ich sie stille, ist er oft wehmütig und weint manchmal, weil er nicht stillen kann.» Ein anderer junger Vater soll, nachdem die Stillphase vorbei war, die Brüste seiner Frau mit den Worten umfasst haben: «Endlich wieder meine!»

Nun ist es allerdings nicht so, dass sich Männer öffentlich zum Brustneid bekennen würden oder untereinander darüber diskutierten. Ernsthafte Coming-outs im Sinne von «Ich habe Brustneid» oder «Anonymen Brustneidern» sind nicht bekannt. In keiner der vielen Männergruppen, die wir eltern kontaktierte, wurde jemals über Brustneid gesprochen (wohingegen das Thema «Väter» in der Dezemberausgabe der «Männerzeitung» ein ganzes Heft füllte).

Allein schon der Begriff ist schwammig: Analog zum Penisneid, den Sigmund Freud den Frauen im Rahmen seiner Psychoanalyse andichtete, vermutet man hinter dem Brustneid eine Freudsche Wortschöpfung. Doch dies ist nicht der Fall. Eher scheint es sich um einen Modebegriff junger Elterngenerationen zu handeln, der aber – um bei Freud zu bleiben – auf die gewaltigen Emotionen verweist, die eine Geburt bei Frau und Mann auslöst. Und auf das Unbewusste, das dabei mobilisiert wird.

Was also verbirgt sich hinter dem Brustneid genau? Ist er ein Mythos, der von gruppenbewegten «neuen» Vätern erfunden wurde, oder existiert er tatsächlich? «Ich glaube schon, dass es diesen Neid bei Männern gibt», meint der deutsche Schriftsteller Volker Remy auf Anfrage von wir eltern. Remy ist zwar Nichtvater, aber Onkel zahlreicher Neffen und Nichten. Und er äussert sich in seinem Blog (www.octavian.blog.de) immer wieder pointiert zu Männerthemen: «Zum Beispiel beobachte ich oft, dass junge Väter den Müttern ihre Nähe zum Kind neiden, die ja nach der Geburt nicht näher sein kann als im Moment des Stillens. Also ein ‹Nähe-Neid› und ein Gefühl der Exklusion davon.» Darüber hinaus gebe es natürlich auch die Eifersucht auf den Säugling, einen «Intim-Neid», der in der Stillzeit den Männern das Leben vergälle. «Sie fühlen sich von einem Einheitsakt ausgeschlossen», sagt Volker Remy, «einer Intimität beraubt oder betrogen.»

Stillen und Untreue

Ändern könnten sie daran nichts, denn Männer und Frauen seien von der Natur nun mal unterschiedlich ausgestattet. Neid auf die Fähigkeit zu nähren und Eifersucht auf die Nähe zwischen Mutter und Kind: Auf diese Formel bringt auch die Zürcher Psychoanalytikerin Bianca Gueye den Brustneid. Allerdings seien die Reaktionen darauf bei den Männern äusserst unterschiedlich. «Es kommt nicht selten vor, dass sie ihre Frau, also die Mutter, gerade in dieser Zeit verlassen oder eine Fremdbeziehung anzetteln, weil sie die Nähe zwischen Mutter und Kind nicht ertragen», sagt Bianca Gueye. Bei anderen löse das Stillen positive Gefühle aus. «Sie geniessen die Intimität zwischen Mutter und Kind als beteiligte Dritte und wollen die beiden nach aussen beschützen. Andere Männer entdecken ihre mütterlichen Talente.»

Veränderungen finden bei den Männern übrigens nicht nur in der Psyche, sondern auch im Körper statt. Einer im «New Scientist» veröffentlichten Studie aus Kanada zufolge verändert sich auch bei Männern der Hormonhaushalt rapide, wenn ein Kind unterwegs ist. Der Pegel des Stresshormons Cortisol steigt ebenso an wie derjenige des Milchbildungshormons Prolaktin, wenngleich weniger drastisch als bei der Frau. Darüber hinaus steigt bei den Männern der Anteil ihres Sexualhormons Testosteron. Und wie reagieren Männer auf dieses hormonelle Wechselbad?

Zärtlichkeit auf andere Art

Sehr unterschiedlich, wie Psychoanalytikerin Gueye sagte. Etliche Männer verspüren wie der eingangs beschriebene junge Vater das Bedürfnis, ihr Kind zu nähren und mit Nuckeln an Brustwarze oder Finger die gleiche Nähe herzustellen wie eine stillende Mutter. Viele Männer aber scheuen vor solchem Tun instinktiv zurück. Nicht nur, weil sie sich nicht einem möglichen Missbrauchsverdacht aussetzen wollen, sondern auch aus Respekt vor der Mutter- Kind-Einheit.

Zärtlichkeit zum Kind pflegen Väter auf andere Art – mit Tragen, Schmusen, Streicheln usw. Dass dergleichen bei der eigenen Frau während der Stillzeit aber zu kurz kommt, macht den Männern zu schaffen. «Es entsteht eine brutale Spannung, die sich bei vielen mit Wut entlädt», erzählt Philipp Suter, Leiter der Männerliga Baar. Er spricht dabei aus eigener Erfahrung: Seine Frau, die mittlerweile das vierte Kind erwartet, ertrage während der Schwangerschaft an den Brüsten «nicht die geringste Berührung», und während der Stillzeit auch nicht viel mehr. Um solche Durststrecken zu überstehen, treibt Philipp Suter unter anderem mehr Sport. Und er pflege mit seiner Frau eine gute Gesprächskultur, damit sie auch seine Situation verstehe.

Gemeinsam suchen sie nach Lösungen. «Das ist wichtig, um in dieser schwierigen Phase treu sein zu können.» Letztlich ist das Stillen ganz einfach Frauensache. So will es die Natur. Die Konsequenz daraus für die Frauen? «Vielleicht war und ist dieser unabänderliche Unterschied der Grund, warum das Stillen im Haus so abgeschieden geschieht», meint Schriftsteller Volker Remy. «Man sagt ja, was den Blicken entzogen ist, errege keine Begehrlichkeiten und damit keinen Neid. Es ist bei Reichtum generell so.»

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