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Schule – Stützunterricht

Nachhilfe für die Katz?

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Eltern geben viel Geld aus, um ihre Kinder nach Schulschluss büffeln zu lassen. Doch hilft Nachhilfe wirklich? Eine Studie weckt Zweifel.

Es knistert wieder in der Luft – die Selektionsprüfungen stehen an. Wer schaffts von der Primarschule ins Gymnasium? Wer von der Sekundar- in die Fachmittelschule? Nie verdichtet sich der schulische Druck so sehr, wie wenn es um Übertritte geht. Kein Wunder greifen jetzt viele Eltern tief in den Geldbeutel. Das Geschäft mit der bezahlten Nachhilfe blüht. Aber nicht erst bei der Weichenstellung für die nächste Schulstufe, schon lange vorher wird in ausserschulisches Pauken investiert. Verpatzt ein Kind zweimal eine Matheprüfung, sehen besorgte Eltern bereits den Bildungszug abfahren. Und sind schnell bereit, Schulstofflücken mit gekauften Lektionen in Rechnen, Rechtschreibung und Geometrie zu stopfen.

Nun der Keulenschlag: Nachhilfe nützt kaum. Zu diesem Ergebnis kam der Erziehungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder, der mit seinem Forscherteam an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz die wohl weltweit grösste Studie zur Verbreitung von Nachhilfe in der Schweiz und ihrer Wirksamkeit durchführte. Er befragte 10 700 Fünft- bis Neuntklässler in der Deutschschweiz; untersucht wurden die Fächer Mathe, Deutsch, Französisch.

Jetzt sitzt der Professor für Pädagogik in seinem hochräumigen Büro auf dem Basler Campus, schwarzes Hemd, ernster Blick: «Ja, ich habe in ein Wespennest gestochen; nun werde ich von allen Seiten attackiert.» Eltern, Schulen, Lerninstitute – ihnen allen ist er an den «Charre» gefahren, wie sich der Professor in Berndeutsch mit einer Spur trotzigmarkiger Genugtuung ausdrückt. Tatsächlich liefern die eruierten Zahlen Ernüchterndes. Dank dem Zusatzunterricht verbesserten sich die Schüler im Fach Deutsch von einer Zeugnisnote zur nächsten durchschnittlich von einer 4,4 auf eine 4,6. In Mathe betrug die gemessene Steigerung gar nur eine Zehntelnote — von einer 4,3 auf eine 4,4. Ein mageres Resultat angesichts der Auslagen: Die Nachhilfe bei einem Privatlehrer kostet durchschnittlich 25.30 Franken pro Stunde, bei einem Lerninstitut 48.10 Franken.

Ein Kernproblem der Nachhilfe ist, dass sie oft wie «Doping» wirkt. Vorübergehend mag der Schüler die miese Mathe- oder die kümmerliche Deutschnote zwar hochzuschrauben. Oder dank Vorbereitungskursen gar die Hürde ins Gymi schaffen. Nachhaltig zu reüssieren aber gelingt oft nur mit erneutem Stützunterricht. Damit wird eine gewaltige Nachhilfe-Industrie in Gang gehalten, die in Deutschland jährlich mehr als zwei Milliarden Euro umsetzt. Für die Schweiz fehlen zwar entsprechende Zahlen, doch Hans-Ulrich Grunder schätzt die Dimensionen proportional vergleichbar ein.

Gerade von den institutionellen Anbietern, den Lerninstituten, hält Grunder wenig: 12 Schüler in einer Gruppe seien für wirksame Nachhilfe zu viel. «Zudem sind Nachhilfelehrer an den Instituten nicht unbedingt gut ausgebildet», sagt er und hebt die Hände entschuldigend in die Höhe.


Drei Lektionen genügen


Wie entmutigend. Eltern schmerzt es, mitanzusehen, wenn ihr Kind trotz guten Willens in Prüfungen versagt und den Anschluss zu verpassen droht. Verständlich, dass sie es unterstützen wollen. Wenn aber nicht mittels Lerninstituten, wie dann? Die Wissenslücken selber füllen? Das Kind Englischwörtchen abfragen und mit ihm die umgekehrte Proportionalität pauken? Lehrer und Lehrerinnen raten davon ab. Das Kind muss den Schulstoff selbstständig aufnehmen können. Auch für Professor Grunder birgt häusliches Büffeln lediglich Konfliktpotenzial in der Familie – denn «Eltern sind normalerweise lernpsychologische Dilettanten – was nicht als Vorwurf zu verstehen ist.»

Für den Erziehungswissenschaftler ist klar: Die Schulen ihrerseits müssten mehr leisten. Nämlich das Wissen so vermitteln, verarbeiten und üben, dass jede Nachhilfe überflüssig wird. Auch René Weber von der Organisation «Schule und Elternhaus» (S&E) ist der Meinung, dass die Stoffvermittlung Aufgabe der Schule sei. Pauschal ablehnen würde er die Nachhilfe jedoch nicht. Diese sei dann wirkungsvoll, wenn Schüler und Schülerinnen Kurse besuchen, welche Lerntechnik und Lernstrategie vermitteln. Zudem sollte der Zusatzunterricht nicht mehr als 3 Lektionen à 2-3 Stunden umfassen. «Eine dauernde Nachhilfe oder die gezielte Vorbereitung auf Prüfungen erachte ich nicht als sinnvoll.»

Für Hans-Ulrich Grunder sind ältere Schülerinnen oder Studenten die kompetentesten Nachhilflehrer. Weil sie den Schulstoff noch präsent haben und die aktuellsten Lernmethoden kennen. Die grosse Nachhilfe-Studie widerlegt aber auch in den Köpfen verankerte Ansichten. So besucht nur rund ein Sechstel der Kinder, 17 Prozent, Nachhilfeunterricht – und nicht ein Drittel aller Schüler, wie so oft in den Medien kolportiert. Auch die Ansicht, Nachhilfe gehöre heute wie ein begehrenswertes Accessoire zu den Kindern von Gutbetuchten, ist falsch. Grundsätzlich besteht kein Zusammenhang zwischen der Beanspruchung von Nachhilfe und dem sozioökonomischen Status der Eltern. Im Gegenteil: Nachhilfe wird noch immer assoziiert mit der Anschubleistung für lernschwache Schüler, die vor dem Sitzenbleiben bammeln. So informieren die wenigsten Eltern die Fachlehrer über die Nachhilfelektionen ihrer Kinder, «was einer gezielten Verheimlichung gleichkommt», moniert Professor Grunder. Wo man sich doch ein konstruktives Miteinander von Eltern und Lehrern wünschte.

Nur Hoffnungstrümmer aber hinterlässt die Studie nicht. Immerhin fühlen sich die befragten Kinder dank der Nachhilfe dem zusätzlich gebüffelten Stoff gegenüber etwas sicherer. Ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt – oder im Jargon der Sozialwissenschaften: «Ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung steigt.» Vielleicht muss man es als Eltern so sehen: Wenn der Nachhilfeunterricht schon kaum nützt, erhält man wenigstens das erbauliche Gefühl, mit dem Geld in die Bildung und Zukunft des Kindes zu investieren.


Nachhilfe im Netz

Online-Nachhilfe ist noch wenig verbreitet, bietet aber einige Vorteile: Anfahrtswege fallen weg, die Preise sind günstiger, die Unterrichtszeiten flexibler. Die Kehrseite: Trotz interaktivem Unterricht via Skype oder im Einzelchat fehlt der persönliche Kontakt zum Nachhilfelehrer.

Teachpoint

  • Interaktive Nachhilfelektionen via Skype. Rund 500 Lehrer decken alle Fächer ab. Ab ca. CHF 30.– pro Stunde. www.teachpoint.ch


Sofatutor

  • Über 10 000 Lernvideos mit Clips zwischen drei und sieben Minuten zum gesamten Schulwissen, Testfragen, Einzelchat mit Lehrpersonen. 12-Monatsabo: EUR 20.–/Mt. www.sofatutor.com


Nachhilfelehrer Tutor 24

  • Vermittlungsportal mit über 2000 Lehrpersonen, viele Studentinnen und Studenten. Ab ca. CHF 30.– www.tutor24.ch


Know-how

  • Nachhilfelehrer für Primarschul- bis Maturastoff. Einzellektion ab CHF 44.–
    www.know-now.ch


Nachsitzen

  • Vermittlungsportal mit über 380 Lehrpersonen, Vermittlungsgebühr CHF 15.-
    www.nachsitzen.ch


Hausaufgabenhilfe für Eltern

  • Kostenloser Online-Kurs, der Eltern darin unterstützt, den Kindern bei den Hausaufgaben angemessen zu helfen.
    www.mit-kindern-lernen.ch


Nachhilfe-Akademie

  • Einzeln oder in Kleingruppen werden Kinder ab der dritten Klasse in Winterthur und Zürich unterstützt, 45-Minuten-Lektion ab Fr. 27.-.
    https://nachhilfeakademie.ch/

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