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Muttersein als Parteiprogramm?

Marine Le Pen

Muttersein hat sich vom Handycap zum Programm gemausert. Showbiz und Politik feiert die Mutter. Zu Recht?

Beyoncé war der eigentliche Star an den diesjährigen Grammy-Awards. Obwohl sie nicht die grossen Preise abgesahnt hat, redete man am nächsten Tag vor allem über sie. Kein Wunder, trat sie doch auf wie die Mutter aller Mütter. Eine schwangere Naturgöttin, die ihren Zwillinge-Bauch ganz sicher nicht zu verstecken braucht. (Na ja, sie ist Beyoncé! Wassereinlagerungen? Schwangerschaftsstreifen? Nix da!)

Ich fand den Auftritt toll, sie ist eine Wahnsinnsfrau, die nicht nur schwarzen Frauen, sondern uns allen ein Vorbild ist. Eine Feministin, eine Superwoman, eine erfolgreiche Businessfrau, die ihresgleichen sucht. Ein Problem mit dieser exhibizionistischen Mutterrolle habe ich deshalb eigentlich erst, wenn sie zu Propaganda-Zwecken missbraucht wird.

Wie zur Zeit gerade von Marine Le Pen, Leaderin des rechtsradikalen Front National in Frankreich. Kandidatin für die Präsidentschaftswahl Ende April. Eine Frau, die – getreu ihrer Parteilinie – gegen die EU, Immigranten und das Establishment schimpft. Ist alles ihr gutes Recht, gehört zum Programm und wenn man sich den Rest der Welt anschaut, ist das im Moment sowieso Trend. Als Tochter des französischen – und mittlerweile offenbar etwas dementen – Oberfaschos Jean-Marie Le Pen haben wir auch nichts anderes erwartet.

Aber seit kurzem ist auch dem hintersten und letzten Franzosen ein weiteres Detail ihre Lebens bekannt. Denn, anders als ihr Vater, hat sie einen Trumpf für Ihre Kampagne im Ärmel: Marine Le Pen ist Mutter! Ha! Und Muttersein ist «très importent»! In jeder Rede kommt sie auf dieses «Detail» ihres Lebens zu sprechen. «Ich als Mutter von drei Kindern möchte, dass sie in einem sicheren, freien Land aufwachsen.» (Was gemäss ihren eigenen Aussagen wegen der vielen Immigranten/Flüchtlinge eben nicht mehr möglich ist).

«Viele Franzosen glauben mich zu kennen, das tun sie aber nicht. Sie wissen nicht, dass ich eine Mutter bin.» Das haben Sie, Madame Le Pen, auch jahrelang ganz bewusst unter den Teppich gekehrt. Die Kinder waren in den Medien absolut nie ein Thema. Ein Interview mit «Closer» im Oktober 2015 war das erste, in dem das Thema ihrer Mutterschaft diskutiert wurde. Und es überraschte so sehr, dass viele andere Medien ganz diese Tatsache aufnahmen, um darüber zu schreiben.

Mutter sein ist für die Karriere hinderlich, das wissen wir schon lange. Für die Karriere am rechten Rand der Politik? Mitnichten, im Gegenteil! Und es ist eben kein Zufall, dass im Wahljahr das Bild der aufopfernden, sich (alleine) kümmernden Übermutter politisch so interessant ist: Die Faschisten waren es schon in den Dreissigern, welche dieses Bild genährt und hochgelobt haben, Madame Le Pen wäre schlicht schlecht beraten, wenn sie es nicht für ihre Kampagne nutzen würde!

Also spielt sie sich jetzt als Mami der Nation auf. Ein Label, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel – genannt «Muddi» - schon lange hat. Im Unterschied zu Le Pen ist sie jedoch weder Mutter, noch Faschistin. Aber den Kosenamen hat sie sich auch nicht selber auf ihre PR-Fahne geschrieben. Weshalb sie in meinen Augen auch viel glaubwürdiger ist.

Muttersein ist keine Heldentat. Sie ist ein Fakt. Wie blond sein. Oder Frau sein. Aber hey, Marketing ist eben alles, auch in der Politik!


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