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Sexualisierte Gewalt

Mit Kindern über sexualisierte Gewalt reden

Hinterhergejohlte Sprüche, sexualisierte Gewalt… Es hört einfach nicht auf. Deshalb sollten Eltern ihren Kindern das nötige Rüstzeug im Umgang damit vermitteln. Nur: welches?

Beim Thema Humor misch ich ja eigentlich gerne vorne mit. Doch so langsam bröckelt er an den Rändern. Massiv. Hört das denn nie auf? Treten wir immer noch auf der Stelle? «Hesch eifach nonig de richtig Schwanz gha» steht derzeit mit Kreide geschrieben in Zürich auf der Strasse, «Hey, Puppe, soll ichs dir mal besorgen» in Augsburg, «Boah, geiles Madl» in Graz und dazu diverse «Hola, Chica», «Ey, Süsse», «come over here» weltweit.

#Ankreiden

«Catcalling» heisst das heute, was Mädchen und Frauen so auf der Strasse hinterhergerufen, -gejohlt, -gepfiffen wird. Und durch die Instagram-Aktion «Ankreiden», bei der Frauen gehörte Sprüche auf die Strasse malen, machen sie nun international darauf aufmerksam. 2021! 2021 ist das immer noch nötig. Und beknackte Sprüche sind nur ein einziger Aspekt aus dem kunterbunten Spektrum sexualisierter Gewalt.

Tja, aber mal ehrlich, ist das Thema nicht ein bisschen angeschimmelt? Schnee von gestern? Überhaupt eher so ein Feministinnen-Ding? Mag vielleicht der (oder gibt es auch eine die?) ein oder andere mäkeln. Schön wärs, danke der Nachfrage. Aber: Nein. Ist es nicht. Nicht mal ausschliesslich ein Problem junger Frauen im Ausgang. Es ist – nach wie vor – ein Problem von uns allen.

Von Kindern, weil sie es erstens in diversen Schattierungen schon erleben und sie zweitens die Erwachsenen von morgen sind. Es ist ein Problem von Vätern, die Rollenbilder vermitteln. Von Müttern, die er-leben und vor-leben. Und es ist ein Problem, das gelöst werden muss: am besten auch durch uns Eltern. Weil wir es sind, die erziehen, prägen und unseren Kindern nützliche Tools bereitstellen sollten. Das aber tun wir nicht.

Übergriffe verschwiegen

An dieser Stelle werd ich jetzt mal ein bisschen privat und fass mich an die eigene Nase. Denn: Hab ich selbst meiner Tochter von dem fiesen Onkel erzählt, dem ich schon als Vierjährige mein Spitzenhöschen zeigen sollte? Von den Schuljungen, da war ich etwa zehn, die mich festgehalten und geküsst haben? Von der fremden Hand unterm Rock damals an der Uni? Den abendlichen Spiessrutenläufen vorbei an Beizen mit draussen rauchenden Männern? Den «Missverständnissen» mit selbst eingeladenen Besuchern? Allzu vertraulichen Witzigkeiten diverser Chefs? Und hab ich mit ihr darüber gesprochen, wie man umgeht, mit weitergeleiteten Schmuddel-Filmchen oder Kommentaren zu Posts, die ungebeten übers Display flimmern?

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Ziemlich schräg, zu fragen, was die belästigte Person hätte besser machen können.

«Eh, lass das mal!»

Nein. Hab ich nicht. Nicht aus Scham, das nicht. Vielleicht aber, weil sie dann gefragt hätte: «Und, was hast du dagegen gemacht?» «Nix», hätte die Antwort nämlich gelautet. Dämlich gelächelt. Weggegangen, «Eh, lass das mal» gemurmelt, Strassenseite gewechselt, Chefs gemieden, Zeug weggeklickt. Alles keine Reaktionen, mit denen man Blumentöpfe gewinnt.

«Du?», hätte sie dann nämlich gesagt, «du lässt dir doch sonst nie was gefallen.» Stimmt. Sonst. Warum hier? Ich weiss es auch nicht. Bis heute nicht. Möglicherweise steckt aber in der Frage schon der Wurm. Denn genau genommen ist es reichlich schräg, stets zu fragen, was die Belästigte hätte besser machen können, statt zu fragen, was getan werden muss, damit niemand mehr belästigt wird. Nur so’n Gedanke.

Kurz: Ich bin genauso hilf-, und damit – ja, vielleicht sogar verantwortungslos wie andere Eltern. Denn das sind wir diesbezüglich.

Wissen wir Eltern, was zu tun wäre?

Schwimmen bringen wir unseren Kindern bei, damit sie nicht ertrinken. Verkehrsregeln, damit sie nicht überfahren werden. Wir predigen von der Wichtigkeit des Skaterhelms und erklären ihnen, warum Lichtschutzfaktor 50 sein muss. Doch in dem Bereich «Umgang mit Sexkram der beklemmenden Sorte», da herrscht Schweigen. Achselzuckende Stille. Aber wissen wir Eltern überhaupt, was richtig wäre zu tun? Was wir sie lehren sollten? Die Mädchen UND die Buben.

Ich behaupte mal frech: Wir haben keine Ahnung. Klar, versuchen wir, sie zu respektvollem Umgang miteinander zu erziehen, zu Rücksicht und zu Berührungen, «nur wenn sie sich gut anfühlen». Aber wenn sie sich nun nicht gut anfühlen, diese Berührungen und Sätze? Tja, da stehen die braven Kinder da und wissen nicht recht weiter. Schliesslich soll man stets höflich sein. Nur passt höflich manchmal nicht zu tatschenden Händen, Dickpics und Zurufen, in denen das Wort f* ganz ohne Sternchen vorkommt.

Was also tun?

Mehr jedenfalls, als Kindern beizubringen, dass ein Schnäbbi in Wirklichkeit Penis heisst, «das da unten» Vulva, der Storch zwar zur Familie der Ciconiiformes gehört, mit Familienplanung aber nichts zu tun hat und es reicht auch nicht, wenn Eltern vage raunen, dass es gute und schlechte Geheimnisse und gute Gefühle und schlechte Gefühle gibt und dann erleichtert schnell wieder zu geschmeidigeren Gesprächsthemen hüpfen. Tacheles reden mit seinen Kindern, auch wenns unbequem wird, daran kommt man als Mutter und Vater nicht vorbei. Das heisst – doch, ja, man kommt. Aber: Man sollte es nicht.

Das Tabu brechen

«Es wird Zeit, dass wir endlich eine Sprache finden, um mit Kindern über sexualisierte Gewalt zu reden», sagt Agota Lavoyer, Leiterin der Opferhilfestelle des Kantons Solothurn. «Das ist für viele nach wie vor ein Tabu. Womöglich braucht es Mut, darüber zu sprechen. Trotzdem müssten wir es tun. Auch mit kleineren Kindern, nicht erst mit Pubertierenden.»

Wer den Fall «Boystown» ein bisschen in den Medien verfolgt hat, hört schnell auf mit dem Wundern darüber, dass es keinen Gesprächs-Schonraum für junge Kinder geben darf. 400 000 Nutzer hat die jetzt aufgeflogene Darknet-Kinderporno-Plattform. Unter den wählbaren Kategorien: «Toddler». Am häufigsten angeklickt: «Kindergarten».

Unnötig zu erwähnen, dass das nur die Spitze eines Eisbergs von schweren Fällen ist. Unnötig zu erwähnen, dass die Internetseite eine von vielen ist und, Irrtum, die User nicht irgendwie ersichtlich speziell sind oder von wabernden Schwefelschwaden umgeben.

Sie können, wie wir wissen, millionenschwere Fussballer sein, ein Nachbar, der Bruder… Und alle Zu-nah-ran-Drücker* innen, Grapscher und schlüpfrige Witzereisser, sogar Minderjährigen gegenüber, kommen noch oben drauf. Elterliches Schweigen über die hässlichen Seiten der Sexualität, bis beim Kind die ersten Schamhaare spriessen, ist also keine wirklich gute Idee.

Mutter: wichtigste Bezugsperson bei Aufklärung

Ja aber, belasten wir da nicht die unschuldigen Kinderseelen, und kann ich das nicht der Schule überlassen, die machen das doch? Das sind so typische Elternfragen, auf die die Antwort leider zweimal klar «Nein!» lauten muss. Denn die wichtigste Bezugsperson bei der Aufklärung ist – besagen Langzeitstudien seit 1980 – nach wie vor die Mutter. Auch bei den Jungs.

Dicht gefolgt, schildert Torsten Linke in seinem Buch «Sexualität und Familie», von Lehrer* innen. Väter spielen eher im Mittelfeld mit. Nach den Freunden und Freundinnen. Hat man zudem die Ergebnisse einer Erhebung der Zeitschrift «Bravo» im Hinterkopf, dass in der Schule primär sachliche Themen wie: Anatomie, körperliche Entwicklung, Geburt und Empfängnisverhütung abgehandelt werden, ist klar, dass das Tabu sexualisierte Gewalt bis ins Erwachsenenalter bleibt, was es ist: ein Tabu.

Dabei hat in der Schweiz, laut einer gfs-Studie, mehr als jede zweite Frau Erfahrungen mit realen sexuellen Belästigungen gemacht. Im Netz sind es noch einige mehr. 12 Prozent der in der Schweiz wohnenden Frauen haben schon Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen erlebt. Die Hälfte davon spricht mit niemandem darüber. 8 Prozent (!) der Übergriffe werden zur Anzeige gebracht. Jedes vierte Kind, so Agota Lavoyer, wird mindestens einmal während seiner Kindheit Opfer sexualisierter Gewalt.

Wissen wir als Eltern davon?

Vielleicht. Aber eher nicht.

Was ist sexualisierte Gewalt überhaupt?

«Denn selbst bei älteren Jugendlichen herrschen diverse Mythen darüber, was das überhaupt ist: sexualisierte Gewalt», weiss Agota Lavoyer. Brutalität. Schwere Vergewaltigung. Fremde Männer im Gesträuch. Schreien, Kratzen, Blut… Nur so was ist in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen damit gemeint.

Aber der Götti, der sich vor einem extra im Schritt rumfummelt? Die Haare streichelnde Lehrerin? Ein gejohltes «geile Titten»? Das indiskrete Aushorchen, wie weit man denn nun schon gekommen sei «mit der kleinen Freundin»? Nö, das ist doch… Hm, was? Spass? Merkwürdig? Ein verrutschtes Kompliment? Verstaubter Humor von einem, der vermutlich noch in Sütterlin schreibt? Tja, was? Dafür haben Kinder und Jugendliche keine Sprache.

Und weil das so ist, haben wir Fachpersonen um ihre Tipps gebeten, was wir als Eltern konkret tun sollten. Besser gesagt: müssen. Hier sind ihre Ratschläge.

Sexualisierte Gewalt: Tipps für Eltern

  1. Peter Döscher, Spezialist für Gewaltprävention: Auf keinen Fall höflich bleiben!
  2. Regula Bernhard-Hug, Kinderschutz Schweiz: Kompetenz im Internet ist wichtig
  3. Agota Lavoyer, Opferberatungsstelle Solothurn: Kinder erklären, dass Belästigungen Machtdemonstrationen sind
  4. Eveline Lüscher, «Y.E.S Starke Mädchen» Schweiz: Notlügen sind erlaubt
  5. Diana Baumgarten, Genderwissenschaftlerin: Einmischen ist erlaubt
  6. Tian Wanner, Trainer bei «Functional Fighting»: Gruppendruck thematisieren
  7. Elisabeth Tuider, Soziologin: Mit Kindern über ihre Rechte sprechen
  8. Olivier Andermatt, Psychologe: Mit Buben arbeiten

1. Es heisst nicht «bitte»

Peter Döscher, Geschäftsführer beim Institut für Gewaltprävention, Selbstbehauptung und Konflikttraining, ehemaliger Kommissar, Mitglied der deutschen Sonderkommission im «Maskenmörderfall» mit diversen missbrauchten Kindern und mindestens drei Mordopfern.

Ganz klar: Ein Kind kann gegen einen Erwachsenen eher wenig ausrichten. Trotzdem lässt sich im Vorfeld etwas tun. Ein pädophiler Straftäter hat mal gesagt: «So lange es Kinder gibt, die sich gemocht fühlen, nur weil man sie beim Vornamen nennt, so lange haben wir Täter leichtes Spiel.» Da ist was dran. Viele Kinder sind gefühlsmässig einsam.

Nicht wenige Eltern haben kaum noch eine enge emotionale Bindung zum Kind. Entweder fehlt zusammen verbrachte Zeit oder jeder ist hinter seinem Smartphone verschwunden. Und – Eltern spielen kaum noch mit ihren Kindern. Dabei wäre das wichtig: um den Umgang mit Frustration und Regeln zu lernen, miteinander ins Gespräch zu kommen oder sich einfach durch gemeinsamen Spass einander nah zu fühlen. Apropos spielen.

In Rollenspielen, etwa in der Schule, lassen sich Situationen mit sexualisierter Gewalt antizipieren. In meinem Training mit Drittklässlern spiele ich folgende Situation: Ein Mädchen sitzt an der Bushaltestelle. Ich komme dazu, setze mich neben sie, beginne sie auszufragen. Reaktion des Kindes: Ich kriege höflich auch die privatesten Fragen beantwortet.

Ich rutsche näher. Was passiert? Nichts. Ich streichele die Haare und sage: «Schöne Haare.» Was passiert? Nichts. Ich lege ihr die Hand aufs Knie. Jetzt sagen manche leise: «Lass das doch bitte.» Anschliessend besprechen wir die Situation. Nein, ich war NICHT «freundlich». Nein, es wäre NICHT feige, sondern klug gewesen, wegzugehen.

Nein, es heisst in dem Fall NICHT «bitte». Es heisst nicht «Du». Bei «Du» denken Passanten, man kenne sich. Ich übe mit den Kindern ein lautes und bestimmtes «Lassen Sie mich in Ruhe» und «Dieser Mann hier belästigt mich».

Allein das laute Sprechen ist besonders für die Mädchen schwierig. In ähnlichen Rollenspielen mit erwachsenen Frauen passiert übrigens fast das Gleiche. Sie sind zu höflich, um wegzugehen, sondern fangen manchmal sogar lächelnd eine Plauderei übers Wetter an. Besser den Konflikt suchen? Nein.

Sondern: Weggehen, klar in der Reaktion sein, Hilfe holen. Das muss man trainieren, bis es sich automatisiert. Denn in Stresssituationen ist rein Kognitives wie weggeblasen. Dieses in den Köpfen Festgetackerte: um jeden Preis höflich sein, Unangenehmes durchstehen, sich nicht anstellen. Das kann gefährlich werden. Im schlimmsten Fall lebensgefährlich.

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Im Netz gehts zur Sache. Wissen Eltern, was ihre Kinder dort alles so tun und erleben? Selten.


2. Kompetent im Netz sein

Regula Bernhard-Hug, Geschäftsstellenleiterin Kinderschutz Schweiz

Sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige findet vermehrt im Internet statt. Kompetenz in der Medienerziehung von Eltern ist deshalb enorm wichtig. Und: Ein Kind muss wissen, dass es nie Gefahr läuft, eine Mitschuld zu bekommen. Nein, auch dann nicht, wenn es etwa heimlich am Computer war und daher in einem Chat sexuell belästigt wurde. Ausserdem fehlt Kindergärten und Schulen oft geeignetes Unterrichtsmaterial und den Pädagogen die passende Ausbildung. Aber das ist ein neues Thema …


3. Mini-Jupe? Darf.

Agota Lavoyer, Opferberatungsstelle Solothurn

Es ist wichtig, dass wir als Erziehende Kindern erklären, was sexualisierte Übergriffe sind und wo diese anfangen. Catcalling beispielsweise ist nicht misslungenes Flirten und nie ein Kompliment, sondern sexualisierte Belästigung. Es ist eine Machtdemonstration und für viele Betroffene demütigend. Das gilt es, Kindern zu erklären.

Auch bei sexualisierten Beschimpfungen wie «F* deine Mutter», «Du Schlampe» sollten wir einschreiten, denn auch diese sind sexualisierte Übergriffe. Unabhängig davon, ob Kinder verstehen, was sie sagen, verinnerlichen sie dabei, dass sie mit Beleidigungen, die auf die Sexualität zielen, Menschen besonders verletzen können.

Bei der Prävention sexualisierter Gewalt sollte der Fokus nicht darauf liegen, dass Kinder nicht zu Opfern werden, sondern dass sie keine Täter*- innen werden. Es geht nicht darum, Mädchen zu verbieten, Mini-Jupes zu tragen, sondern darum, den Kindern beizubringen, wie sie mit Mädchen im Mini-Jupe umzugehen haben. Ebenso sollten wir bei sexistische Witzen einschreiten. Ich weiss, das ist nicht immer einfach. Aber es wäre so wichtig.


4. Es muss nicht jeder Schrott ins Haus

Eveline Lüscher, Gründerin von «Y.E.S Starke Mädchen» Schweiz

Wir sollten Kindern beibringen, darauf zu achten, was sie spüren und diesem Gefühl zu vertrauen. Also: Was sagt mir mein Körper? Der Körper sendet nämlich Alarmsignale. Wenn die Kehle eng wird, der Schweiss ausbricht oder die Beine zittern, dann ist etwas passiert, das definitiv NICHT okay war.

Eine Bitte, wenn Jungs die Grenzen von Mädchen überschreiten: Eltern, verkneift euch den Satz «So zeigen Buben halt, dass sie in ein Mädchen verliebt sind». Das ist das völlig falsche Signal. Und: Traut euch, Sachen zu verbieten. Es muss nicht jeder Schrott ins Haus. Schaut und hört genau hin, wo Mädchendarstellungen sexualisiert werden.

Eine zu frühe Sexualisierung weicht das natürliche Schamgefühl nämlich auf. Übergriffe werden so weniger gut erkannt und benannt. Zwei wichtige Merksätze für Kinder: Bist du in Not, sind Notlügen erlaubt: Zum Beispiel «Meine Mama wartet auf mich». Zweiter Merksatz, den selbst kleine Kinder verstehen: «Spass ist nur, wenn beide lachen.»


5. Einmischen ist gar nicht schlecht

Diana Baumgarten, Genderwissenschaftlerin, Pädagogin und Soziologin, Uni Basel

Wir reden zwar mehr über sexualisierte Gewalt, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse – die Erziehung und Kinder prägen – haben sich kaum geändert. Zwar wird über Sexualität mehr gesprochen, aber eine so essenzielle Frage wie etwa: «Wie handelt man eigentlich sexuelle Einvernehmlichkeit aus?», die kann kaum jemand beantworten. Kinder und Jugendliche erst recht nicht.

Bei den Vätern stellen wir einen Wandel des Selbstverständnisses fest, sie wollen fürsorglich sein, Stereotype aufbrechen, sich emotional engagieren. Aber irgendwie steht das im Kontrast zu ihrem Männerbild. Denn bei dem ist eigentlich vieles beim Alten. Sie senden also ihren Söhnen widersprüchliche Signale.

Bei Müttern ist es ähnlich, wenn auch genau vertauscht. Das Frauenbild ist emanzipierter geworden. Aber Mutterschaft? Dieses Bild ist hoch traditionell. Wir stecken gesellschaftlich also mitten in einem spannungsvollen Prozess. Deshalb leben wir Mädchen und Jungen weiterhin oftmals Fragwürdiges vor.

Und noch ein anderer Erziehungsaspekt ist in diesem Zusammenhang interessant: Ist es wirklich immer richtig «sich rauszuhalten», dieses «geht uns nichts an» und «misch dich nicht ein»? Wird jemand Zeuge einer Belästigung, ist «einmischen» wie in diesem bekannten Gillette-Werbespot gar nicht schlecht.


6. Raubtiere suchen Beute

Tian Wanner, Trainer bei «Functional Fighting», bietet in Zürich Selbstverteidigungskurse und private, von Elterngruppen oder Pädagogen gebuchte Workshops für Teenager und Kinder ab dem Schulalter an.

Hilfreich ist es, das Drei-Stufen-Modell zu kennen: 1. Aufmerksamkeit 2. Situationskontrolle 3. Abwehr und Angriff. Am wichtigsten ist bei Kindern und Jugendlichen Stufe 1, das Scannen der Umwelt. Also sehen und hören: Wer ist da um mich herum? Was passiert? Häufigster Fehler: aufs Handy starren.

Wer den Blick auf dem Display hat, Kopfhörer drin oder leicht alkoholbenebelt ist, der nimmt nicht wahr, was drumherum passiert und kann sich daher vielleicht auch nicht rechtzeitig entziehen. 2. Stufe: Situationskontrolle: der Zeitpunkt des Entziehens ist verpasst. Jetzt kommt Deeskalieren, sprich: «Lass mich in Ruhe» sagen oder Drittpersonen um Hilfe bitten. 3. Stufe: Abwehr und Angriff. In emotionalen Ausnahmesituationen sollte es aber tunlichst gar nicht so weit kommen, weil dann selbst die tollsten Kampfkunstfähigkeiten oft nicht funktionieren, die in der Turnhalle noch prima geglückt sind.

Sollte aber der absolute Härtefall eintreten, und den trainieren wir, gilt es zu versuchen, beim Angreifer Augen, Genitalien und Hals zu treffen. Genereller Merksatz für Teenies: «Zu einer dummen Zeit, mit dummen Leuten, an einem dummen Ort dumme Dinge tun, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Dummes passiert.»

Gruppendruck ist ein grosses Ding bei Kindern und Jugendlichen. Kinder fähig zu machen, sich dem nicht zu beugen, ist wichtig. Dann kann Training zusätzlich helfen, ein Gefühl von Selbstwert und Selbstwirksamkeit zu steigern. Merke: Raubtiere suchen Beute, Täter suchen Opfer. Wer per Körpersprache Stärke ausstrahlt, etwa durch Augenkontakt, frontales Zuwenden und klare Aussagen mit fester Stimme, hat bessere Karten.»


7. Rechtslage ansprechen

Elisabeth Tuider, Soziologin an der Uni Kassel und Herausgeberin des Buches «Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten»

Kinder und Jugendliche sollten wissen, dass es bei sexualisierter Gewalt nicht um Sex geht, sondern um Gewalt, die über Sexuelles ausgeübt wird. In der Schule könnte man im Unterricht etwa den Deutsch-Rap auf Sexualisierungen abklopfen. Und: Erziehende sollten mit Kindern die Rechtslage, also ihre unveräusserlichen höchstpersönlichen Rechte ansprechen. Das Weiterleiten von Sexfilmen an unter 16-Jährige, oder Minderjährigen Pornografie auf dem Smartphone zu zeigen, ist nämlich strafbar.


8. Was für ein Junge willst du werden?

Olivier Andermatt; Psychologe, Psychotherapeut und Leiter von Kursen für Buben bei «Respect Selbstbehauptung», Uster

Jungen sind genauso häufig Opfer von Gewalt wie Mädchen, vielleicht sogar häufiger. Wir müssen dringend mehr mit den Buben arbeiten. Damit wir beidem vorbeugen: dem Täter-Werden und dem Opfer-Werden. Jungen wird noch immer nicht zugestanden, unsicher mit ihrer Körperlichkeit, scheu, ängstlich und schüchtern zu sein, Rat und Hilfe zu brauchen.

Die Frage: «Was für ein Junge möchtest du eigentlich sein?» wäre gut. Sie wollen ja gar nicht unbedingt dem Klischee entsprechen, aber tun sie es nicht, wankt ihr Selbstwert, weil sie abgewertet und ausgelacht werden. Und weil sie sich für vermeintliche Schwäche schämen, suchen sie seltener Unterstützung, wenn sie sie nötig hätten.

Ein schwaches Selbstwertgefühl wird zuweilen durch Herabwürdigung anderer kompensiert. Viele Buben wissen gar nicht, wo ihre wirklichen Stärken liegen. Denn die liegen ja oft nicht bei angeblich «männlichen» Tätigkeiten wie Fussball, Gamen oder Raufen. Eltern können Jungen darin unterstützen, ihr Eigenes zu finden, ihre Stärken zu entdecken. Das stärkt ihren Selbstwert. Und selbstsichere Jungen haben es nicht nötig, sich aufzuplustern, sie brauchen die Machtposition nicht und nicht den Beifall der Gruppe.

Jungs erleben zuweilen kaum Männer in ihrem Umfeld. Gibt es keine guten Vorbilder, passiert leicht der Rückgriff auf alte Männerschablonen wie sie in Action-Filmen, Computer-Games oder Pornos weiterleben. Durch Pornos bekommen sie zudem lebensfremde Vorstellungen davon, wie Sex abzulaufen hat. In Familie und Schule müssen wir deshalb über Sex sprechen. Und zwar schon in der Primarschule, wenn die Kinder anfangen, sich im Netz über Sexualität zu informieren.

Viele Väter heute sind ambivalent: Einerseits sollen und wollen sie «neue» Väter sein, präsent, einfühlsam, nicht machohaft. Aber einen «schwachen» Jungen, ein «Weichei», das wollen sie noch viel weniger. Dieses Dilemma spüren die Buben und es macht es ihnen schwer, ein gesundes Konzept von Männlichkeit zu entwickeln.

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