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Familienfreundlichkeit

Mit Kind im Büro

Mutter mit Kind im Büro am Arbeiten

Familienfreundlichkeit schreiben sich viele Firmen auf die Fahne. Doch meist hört das Schlagwort bei einer mehr oder weniger kulanten Teilzeitregelung auf. «wir eltern» hat nach Firmen gesucht, die einen Schritt weitergegangen sind.

Punkt zehn steht Recruiting Manager Eva Sager (40) am Empfang der Axa Winterthur an der Paulstrasse in Winterthur. Mit dabei heute auch ihr Sohn, der 4 Jahre alte Oliver. Auf 11 Uhr ist ihr Referat angesetzt, doch zuvor muss sie noch letzte Abgleichungen machen. Für die Vorbereitungen nutzte sie den Home Office Day. Heute wäre eigentlich ihr Kinder-Tag, doch nicht immer lässt sich darauf in einer leitenden Position Rücksicht nehmen. Eva Sager versteht das. Und die Firma versteht, dass manchmal dann eben der Babysitter fehlt. So wie heute.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Mutter eines ihrer zwei Kinder zur Arbeit mitnimmt. Ihr Arbeitsort hat sich darauf eingerichtet: Seit Ende Mai 2011 stehen drei schwarze Rollkoffer aus festem Leder mit Spielzeug, Malstiften und Büchern für den Nachwuchs bereit. Bei Bedarf können sie via Intranet gebucht werden. Einen dieser Kids- Koffer nimmt Oliver nun vom Portier in Empfang. Im Büro angekommen, macht sich Oli gleich am Koffer zu schaffen. Das Bilderbuch zieht er als erstes raus. Der blonde Junge öffnet den Buchdeckel und taucht ein in die farbige Bilderwelt. Eva Sager hat derweil schon den Computer gestartet, bis zum Sitzungsbeginn bleibt noch eine halbe Stunde. Die nutzt sie, um letzte offene Fragen mit ihrem Kollegen zu klären.
Es klingt unspektakulär. Aber es ist alles andere als das. Kinder im Büro? Geht nicht. Hunde ja, aber Kinder? Und das in einer Sitzung? Das ungefähr kriegt zu hören, wer nach Betrieben recherchiert, in denen Kinder nicht nur auf der Lohnabrechnung in Form von Geldzulage erscheinen, sondern auch mal an einem ganz normalen Werktag. Nicht täglich, nur ausnahmsweise, wenn es nicht anders geht, versteht sich. Doch die meisten Betriebe können sich nicht einmal das vorstellen. Bei Anfrage verweisen zwar etliche auf ihre weiterführenden Angebote wie flexible Arbeitszeiten, Home Office Days, Hilfe bei Betreuungssuche und ergänzende Ferienangebote. Gebetsmühlenartig wird das runter gebetet. Doch darin erschöpft sich dann die Familienfreundlichkeit.

Nicht nur für Feministinnen

Dabei weiss jede arbeitstätige Mutter: Manchmal lässt sich auch bei guter Organisation kein Babysitter finden. Weil der Grossmutter nicht zwei Stunden Anfahrtszeit zugemutet werden können, um eine stündige Sitzung abzudecken. Weil die Kinder der Nachbarin krank sind und der Papa im Ausland. Gemäss einer Studie des Seco von 2007 entgehen dem Arbeitsmarkt wegen mangelnder Kinderbetreuungsmöglichkeiten ein Erwerbsvolumen in der Grössenordnung von 20 000 Vollzeitstellen. Ebenfalls seit 2007 ist die Mehrheit der Universitäts- und Fachhochschulabsolventen weiblich. Längst reden nicht mehr nur Feministinnen und Gleichstellungsbeauftragte von brachliegendem weiblichem Potenzial, sondern auch konservative Politiker und CEOs.

Auf Mamas Knien

Bei der Axa hat man nicht nur geredet, sondern auch gehandelt: Yvonne Seitz, die Verantwortliche für Diversity & Family Care, hat seit 2008 eine breite Palette von Massnahmen ins Leben gerufen, um Mütter und Väter bei diversen Fragen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu unterstützen. Mit dem Ziel, damit gute Leute zu halten, aber auch anzulocken. Die Bemühungen haben sich ausbezahlt. Axa Winterthur hat im vergangenen September den Prix Balance für das familienfreundlichste Zürcher Grossunternehmen erhalten. Das ist gut für das Image. Gut für die Bilanz ist, dass der Anteil Frauen sowohl im mittleren als auch im Senior Management um 2 Prozent gestiegen ist. Ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber gemischte Teams performen in der Regel besser. Das haben diverse Studien in den letzten Jahren bewiesen.
Sitzungsbeginn; 13 Leute sind zusammengekommen. Den Anfang der Sitzung erlebt Oliver auf Mamas Knien. Auch er wird von Felix Stein, dem Leiter HR Service Center, begrüsst und willkommen geheissen. Er bedankt sich dafür, dass sie auch ausserhalb ihrer Arbeitszeit kommen konnte. Vor zehn Jahren wäre das noch anders gewesen, da hätte sie sich wohl dafür entschuldigen müssen, dass sie ihr Kind dabei hat. Für Eva Sagers Referat ist eine halbe Stunde eingeplant. Oliver hat sich mittlerweile auf den Fussboden verzogen, er ist beschäftigt mit seinem Puzzle. Dazwischen macht er sich auch an der Kuscheldecke zu schaffen, fragt, wie lange es denn noch gehe, und hat einen kurzen Auftritt als kleines Gespenst mit der Decke über dem Kopf. Die Sitzungsteilnehmer registrieren das, lassen sich aber nicht ablenken. Die halbe Stunde, die vorgesehen war, geht in die Verlängerung. Doch die ganze Zeit über bleibt die Stimmung konzentriert und auf die Arbeit fokussiert. Das Timing ist perfekt. Gerade als Olivers Puzzle fertig ist und er langsam unruhig wird, bringt Felix Stein die Sitzung zum Abschluss. Er lobt Olivers Ausdauer und der Kleine darf sein Werk stolz der Runde präsentieren.

Kind spielt weil Mama an der Sitzung ist.

Die Teilnehmer sind sich einig, ab und zu hat ein Kind im Büroalltag Platz. Doch sollte es eher die Ausnahme als die Regel bleiben, wie die Verantwortlichen betonen. Solche Ausnahmen genügen, um den Frauen nach oben zu helfen: Eva Sager jedenfalls kletterte die Karriereleiter hoch. Im letzten Dezember wurde sie zum Head of Recruiting ernannt. Den Job erledigt sie in einem 80-Prozent-Pensum, davon 10 Prozent von zu Hause aus.
Mangelnde Teilzeitarbeitsmöglichkeiten auf Kaderstufe und die weitverbreitete Meinung, eine Leitungsposition könne nur in Vollzeit erfüllt werden, machen auch Frauen wie Eva Sager zur Ausnahme. Männer hingegen, die in Teilzeit Karriere machen, muss man suchen wie die Stecknadel im Heuhaufen. Aber auch sie kann man finden. In der Winterthurer Gartenbaufirma Grünwerk AG zum Beispiel. Dort arbeitet auch der Chef nicht jeden Tag. Stefan Nänni bezieht wöchentlich einen Familientag. Er vertritt die Meinung: «Hauptsache, die Arbeit ist gemacht. Wie, das entscheidet der Mitarbeiter selbst.» Seine Firma hat sich im früheren Speditionsraum der ehemaligen Seifenfabrik eingerichtet. Der Raum ist grosszügig und offen, darin die Arbeitsplätze für fünf Mitarbeiter. Zwischen den einzelnen Tischen gibt es auch Raum zum Spielen. Nicht zu überhören ist eine fröhliche Kleinkinderstimme, die aufgeregt kommentiert, was sie da gerade macht. Am Boden, neben dem Arbeitsplatz ihrer Mutter Claudia Walter, sitzt die zweijährige Lara- Jennifer und spielt.

Ausnahmen genügen, um den Frauen nach oben zu helfen.

Mutter am Arbeit und Sohn spielt gemütlich auf dem Boden

Wenn nötig Samstagsarbeit

Dahinter sitzt Petra Florstedt, die den gesamten administrativen Bereich der Firma verantwortet. Ihr Sohn sitzt am Tisch hinter ihr über seine Bücher gebeugt und arbeitet konzentriert. Der 14-jährige Eric kommt gerne ins Grünwerk: «Alle sind hier am Arbeiten, so kann auch ich mich gut auf meine Aufgaben konzentrieren.» In den Ferien geht er auch mal mit einer der Bauoder Pflegegruppen nach draussen, hilft mit bei der Gartenpflege oder Gartengestaltung. «So bekommt er auch einen Einblick in den Arbeitsalltag und sieht, was wir hier machen», sagt seine Mutter.
Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeitmodelle, arbeiten von zu Hause aus – sogenannte Home Office Days – und die Möglichkeit, das Kind bei der Arbeit dabei zu haben. All das kann die 28-jährige Claudia Walter bei Grünwerk nutzen. Die Verantwortliche für den Bereich Gartenpflege ist seit vier Jahren in der Firma. «Als ich meine Tochter bekam, wäre mir meine Stelle ein Jahr freigehalten worden. Doch nach sechs Monaten war ich wieder einsatzbereit. Anfänglich hatte ich die Kleine regelmässig dabei. Auch wenn ich zu Kunden musste. Noch heute fragt mich der eine oder andere, ob ich denn meine Tochter endlich wieder mal mitnehmen würde.»
Derzeit arbeitet Claudia Walter 50 bis 60 Prozent und kommt morgens erst um 9 Uhr, damit sie das Töchterchen nicht in aller Herrgottsfrühe in der Krippe abgeben muss. Dafür arbeitet sie wenn nötig auch mal an einem Samstag. Familienfreundlichkeit lässt sich eben nicht einfach verordnen, sie entsteht, wenn beide Seiten geben und nehmen.

www.berufundfamilie.admin.ch
www.und-online.ch
www.vereinbarkeit.zh.ch
www.familienplattform-ostschweiz.ch

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