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Lebensabschnitte

Mit ein bisschen Hilfe von Freunden und guten Geistern

Zwei schmale brennende Opferkerzen

Axel Michaels (66) ist Professor für klassische Indologie und Religionswissenschaftler an der Uni Heidelberg (D) und in der Projektleitung der 12 Jahre dauernden interdisziplinären Studie zu Ritualen. Ein Gespräch über den Wert von Christbäumen, Zeremonien und nepalesische Tontöpfe.

wir eltern: Herr Professor Michaels, Sie haben an der Universität Heidelberg ein fächerübergreifendes Forschungsprojekt zu Ritualen abgeschlossen. Dauer der Studien: 12 Jahre. Warum dieser Riesenaufwand gerade beim Ritual?.

Axel Michaels : Weil wir der Meinung waren, dass Rituale falsch gesehen werden. Nämlich als etwas Stereotypes, Verstaubtes, Starres. Dabei sind Rituale sehr dynamisch. Sie wechseln von einer Zeit in die andere, von einem Land ins andere und von einer Religion zur anderen. Hochspannend.

Könnten Sie Beispiele nennen?

Natürlich. Da sind etwa Krönungsrituale, die sich durch die Jahrhunderte ziehen und trotzdem wandeln. Übergangsrituale, die es überall gibt, aber überall sind sie ein wenig anders. Rituale, die einfach von einem Land ins andere schwappen - wie Halloween. Politisch instrumentalisierte Rituale, wie die Jugendweihe der ehemaligen DDR, die vor allem dazu gedacht war, die Konfirmation religiös auszuhöhlen… Rituale zeigen immer das Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Individuum.

Apropos Individuum. Dem Menschen scheint ein Bedürfnis nach Zeremonien angeboren zu sein.

Tja, offenbar reicht der Alltag nicht aus. Der Mensch braucht Besonderes. Das macht Kultur aus. Und: Menschen sind soziale Wesen. Sich zusammen zu tun und das nach aussen hin zu dokumentieren, ist im Menschen angelegt. Deshalb mache ich persönlich auch eine klare Trennung zwischen Routine und Ritual: Zähneputzen und mit dem Hund Gassi gehen - das ist Routine, ein Ritual muss aus dem Alltag herausstechen. Nehmen wir das Ei: Warum gibt es sonntags ein Ei und montags nicht? Einen vernünftigen Grund dafür gibt es nicht. Ausser, dass der Sonntag herausstechen soll.

Wo wir gerade bei der Vernunft sind: Stehen rationale Menschen Ritualen distanzierter gegenüber?

Mensch und Vernunft – das geht sowieso selten zusammen. Und diejenigen, die von sich behaupten, rational zu sein, sind es meist am wenigsten. Im menschlichen Leben gibt es einfach zu viele Dinge, die man rein über den Kopf nicht erfassen kann: plötzliche Krankheit, Tod, Ungerechtigkeit… Rituale geben in all dem Willkürlichen Halt. Man weiss, was kommt.

Jedes Jahr der Weihnachtsbaum, jedes Jahr das gleiche Essen im Kreise der Familie, und jedes Mal schwört man sich, es nächstes Jahr anders zu machen.

Deshalb gehört auch das Schiefgehen fest zum Ritual. Es ist doch prima, wenn in diesen festen Abläufen Pannen passieren: Der Braten brennt an, der Teenie hockt mit Kopfhörern auf den Ohren unterm Christbaum. Dann knirscht es einen Moment. Das ist wie ein Katalysator.

Verstehe ich das richtig: Knirschen im Getriebe verdirbt ein Ritual nicht, sondern ist eigentlich ein Gewinn?

In gewisser Weise, ja. Einerseits stört es natürlich enorm, wenn etwa jemand im roten Kleid zur Beerdigung erscheint; andererseits ist das guter Anlass zu überlegen, um was es bei diesem Anlass geht, was vielleicht der Verstorbene gewollt hätte. Vielleicht hätte der das Rot ja gemocht. Und vielleicht findet ein Trauergast: Ich will bei meiner Beerdigung nicht so etwas Dunkles. Rituale sind dynamisch. Einerseits ein fester Rahmen, andererseits gibt es individuellen Spielraum. An vielen Beerdigungen wird inzwischen zum Beispiel das Lieblingslied des Verstorbenen gespielt. Das kann zuweilen eigenartig wirken.

Warum eigentlich gibt es Zeremonien vor allem bei Geburt, Heirat, Tod?

In Ländern mit hoher Säuglingssterblichkeit gibt es häufig keine Zeremonien gleich nach der Geburt, sondern erst einige Monate später wird eine Art Willkommensfest gefeiert. Generell helfen Rituale vor allem in kritischen Situationen. Immer dann, wenn es angeraten scheint, überweltliche Kräfte zur Hilfe zu holen. Es gibt die Risiken des Lebens für ein Kind, das Risiko, dass eine Ehe scheitert. Und ein neuer Status sorgt auch für Unsicherheit; Jungfrau–Ehefrau, Kind-Erwachsener… Bei all dem will man sich den Beistand von etwas Höherem versichern. Sonst heisst es: «Da ruht kein Segen drauf.»

Klingt recht esoterisch-spirituell.

Irgendwo spielt das mit. Aber ganz sicher versichert man sich zudem der Unterstützung der Gruppe, die bei der Zeremonie mit dabei ist. Man versichert sich der Gemeinschaft. Und die trägt letztendlich wirklich durchs Leben. Da ein Ritual Alltag transzendieren muss, gehört ein bisschen magischer Glaube unbedingt dazu. Warum sonst feiert man einen 70. Geburtstag anders als einen 69? Das ist die Magie der Zahl.

Und aus magischem Glauben wickelt sich mein Mann bei Spielen seines Lieblingsfussballvereins Schalke in einen blau-weissen Schal?

Na, die haben derzeit ja auch wirklich eine Phase, in der sie alle ausserirdischen Kräfte gut gebrauchen können… Das sind Rituale für die Fussballgötter. Aber etwas abgewandelt gibt es das in diversen Gruppen. In unserer Heidelberger Akademie der Wissenschaften tragen wir zu bestimmten Anlässen zwar keinen Ringelschal, aber alle die gleiche Krawatte. Es geht darum, die Gemeinschaft zu beschwören. Zudem gilt: Je emotionaler aufgeladen ein Ritual ist und je seltener es stattfindet, desto besser wirkt es.

Aha, wenn man also zum zweiten Mal heiratet, sollte man also für ein bisschen mehr Zusatz-Aufregung als beim ersten Mal sorgen?

Muss nicht sein. Vielleicht findet der Bräutigam auch seine Frau schon aufregend genug.

Nun sagt man ja, dass vor allem Kinder Rituale brauchen. Das sich-an-den-Händen-fassen vor dem Essen, das Schlaflied…

_Das ist wieder im Grenzbereich der Routine. Aber auch Routine gibt selbstverständlich Struktur. Erwiesen ist allerdings, dass Kinder unter fünf Jahren Rituale überhaupt nicht verstehen. Sie begreifen noch nicht, dass da etwas abläuft, das nicht Wirklichkeit ist. Genauso wenig wie sie verstehen, dass der Tote im Theaterstück nicht tatsächlich tot ist. Kinder lieben Rituale vor allem deswegen, weil gefeiert wird, weil sie gesellig sind, weil es was Leckeres zu essen gibt und sie im besten Fall ein Geschenk bekommen. Der Grund für ein Ritual ist für die Beteiligten ohnehin oft sekundär. Es muss gemacht werden, was gemacht werden muss – egal, was man dabei denkt. _

Welche Rituale, die Sie durch Ihre Forschungen kennengelernt haben, haben Ihnen besonders gefallen?

Hm. Ich glaube zwei Rituale aus Nepal. Bei dem Einen werden alte Menschen geehrt, die etwa 77 Jahre, 7 Monate und 7 Tage alt sind oder eben oder 88 Jahre, 8 Monate und 8 Tage und so weiter. Die alten Menschen werden in einen Tontopf gesetzt, aus dem sie sich befreien müssen wie einst als Embryo aus dem Mutterleib. Eine Art symbolische Wiedergeburt. Danach werden sie auf einem Bollerwagen, das Pendant zum Kinderwagen, durchs Dorf gezogen und gefeiert. Mein anderes Lieblingsritual ist für kleine Kinder, die erstmals feste Nahrung zu sich nehmen. Bei der Feier sollen sie eine Gans - Symboltier der Göttin der Rede – küssen, damit sie später eloquent werden. Als ich das damals gesehen habe, hatte man aber gerade nur eine Ente zur Hand. Ich frage mich noch immer, ob das Kind heute schnattert.

Sie scheinen ein grosser Fan von Ritualen zu sein.

Nicht generell. Aber ich bin ein grosser Fan vom Feiern!

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