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Tischmanieren – Familienessen

«Meckern und kleckern – das Familienessen»

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Auch wenn das gemeinsame Essen anstrengend sein kann, es lohnt sich, sagt der Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber. Denn Kinder lernen dabei ganz viel.

wir eltern: Walter Leimgruber, Sie sind Vater von zwei Kindern – wenn Sie an Ihr letztes Familienessen denken, was fällt Ihnen als Kulturwissenschaftler zu dieser Mahlzeit ein?

Walter Leimgruber: Unsere Kinder sind schon siebzehn und einundzwanzig Jahre alt, aber die Rollenverteilung ist die alte geblieben: Die Kinder wollen immer noch bedient werden. Tischmanieren sind dagegen kein Thema mehr, ausser wenn mein Sohn mich zurechtweisen muss, weil sich meine Herkunft in bäurischen Tischmanieren bemerkbar macht.

Warum hat Essen für Familien eine so zentrale Bedeutung?

Das Familienessen erfüllt gleichzeitig physiologische, kulturelle und soziale Bedürfnisse. Man tut nichts anderes als sitzen, essen und miteinander reden, man ist auf sich selbst und die anwesenden Menschen konzentriert. Die wichtigen Fragen – von schlechten Noten bis hin zu Ferienplänen – werden in praktisch allen Familien beim Essen diskutiert.

Das Familienessen als sozialer Kitt, stimmt diese Vorstellung tatsächlich noch? Wenn der Vater eine Sitzung und die Tochter Handballtraining hat, wird doch eher nacheinander als miteinander gegessen.

In der Schweiz hat das gemeinsame Familienessen nach wie vor eine grosse Bedeutung. Die meisten Familien halten an diesem Grundkonzept fest, auch wenn sie viele Ausnahmen machen müssen.

Es gibt Studien, die behaupten, dass Kinder, die regelmässig mit ihren Eltern essen, gesünder sind, bessere Noten haben und später weniger Drogen konsumieren. Gemeinsame Mahlzeiten als Schlüssel zu einer perfekten Kindheit, das scheint mir aber doch eine etwas überzogene Vorstellung zu sein.

An der Art und Weise, wie eine Familie isst, kann man ablesen, wie sie insgesamt funktioniert. Hat das Essen eine zentrale Funktion, kann man davon ausgehen, dass es auch in anderen Belangen Strukturen gibt, die Orientierung schaffen. Das Fehlen solcher Strukturen kann ein Alarmzeichen sein: Britische Sozialarbeiter haben festgestellt, dass ein Grossteil der Jugendlichen, mit denen sie arbeiten, aus Familien kommt, in denen weder gekocht noch zusammen gegessen wird.

Wenn wir ehrlich sind, bedeuten gemeinsame Mahlzeiten in der Regel, dass die Kinder am Essen herumnörgeln, und anstatt eines erfreulichen Tischgesprächs entwickelt sich oft bloss ein nerviger Geschwisterstreit. Wird da nicht einfach der Mythos des idyllischen Familienessens heraufbeschworen?

Essen mit Kindern ist keineswegs immer ein Vergnügen. Aber genau darum geht es ja: Man muss einen Umgang mit Stresssituationen finden, damit man als Familie funktionieren kann. Bei uns gab es zum Beispiel immer die Regel, dass die Kinder essen, was auf dem Tisch steht. Wenn sie das Essen nicht mochten, durften sie sich ein Butterbrot streichen, aber Extrawürste haben wir nie gekocht. So muss jede Familie ihre eigenen Regeln aufstellen und durchsetzen.

Als Mutter habe ich den Eindruck, dass ich während des Essens ununterbrochen mit der Erziehung meiner Kinder beschäftigt bin. Ich muss sie ständig ermahnen, nicht mit vollem Mund zu reden und auch einigermassen anständig am Tisch zu sitzen. Ist das normal?

Auf jeden Fall. Es braucht viel Zeit, Aufwand und Energie, bis Kinder gelernt haben, wie man sich sozial verhält. Aber sie kommen nicht darum herum, weil sie später nur als soziale Wesen in einer Gemeinschaft funktionieren und ihre persönlichen Ziele erreichen können.

Der Soziologe Norbert Elias hat aufgezeigt, dass die Verfeinerung der Umgangsformen in unserer Gesellschaft mit einer zunehmenden emotionalen Selbstkontrolle einhergegangen ist. Er hat dies am Gebrauch von Messer und Gabel dargelegt. Kann man sagen, dass Kinder diesen Lernprozess, den unsere Gesellschaft über Jahrhunderte durchmachte, sozusagen im Zeitraffer durchlaufen?

Es ist einleuchtend, dass die äusserliche und innerliche Entwicklung eines Menschen miteinander verbunden sind: Es dauerte viele Jahrhunderte, bis die Menschen gelernt hatten, dass man weder aus Liebe noch aus Hass über seinen Nachbarn herfallen darf. Sie mussten erst Selbstkontrolle, Empathie und ein Bewusstsein für die Konsequenzen entwickeln. Denselben Lernprozess machen auch Kinder durch: Wenn ein Kind noch sehr klein ist und Hunger hat, dann will es nur eines, nämlich dieses Bedürfnis befriedigen und essen. Sofort. Erst nach und nach lernt es, dass es nicht jedes Mal Süssigkeiten gibt, wenn es Lust darauf hat, dass man Wünsche manchmal zurückstellen und Rücksicht nehmen muss.

Kinder lernen also tatsächlich, ihre Gefühle zu kontrollieren, indem sie den richtigen Gebrauch von Messer und Gabel erlernen?

Ja, sie lernen, dass sie sich auf eine gewisse Art verhalten müssen, um etwas Bestimmtes zu erreichen, in diesem Fall, satt zu werden. Diese Erkenntnis lässt sich auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Es reicht nicht, einfach viel Geld verdienen zu wollen – man muss zuerst eine gute Ausbildung machen und sich nachher im Beruf bewähren. Oder man muss eben anständig essen, um als Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Muss ich meinem Kind beibringen, wie man ein Fischmesser benutzt, um seine Chancen in der Gesellschaft zu erhöhen?

Heute muss nicht mehr jeder wissen, wie man einen Hummer knackt. Aber grundsätzliche Kenntnisse, etwa wie man einen Fisch isst, sind bestimmt irgendwann mal nützlich, auch wenn es bloss in den Ferien ist.

Wie haben sich Tischmanieren im Laufe der Zeit verändert?

Regeln spiegeln immer den Wandel der Gesellschaft. Bis ins Mittelalter assen vom Bauern bis zum König alle gleich unanständig, jedenfalls aus heutiger Sicht. Man schaufelte das Essen mit den Händen oder einem Löffel in den Mund, häufig aus einer gemeinsamen Schüssel. In der frühen Neuzeit begann der Adel Wert auf feinere Tischmanieren zu legen. Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese dann auch für das aufstrebende Bürgertum wichtig. Nach dem damaligen Rollenverständnis befahl der Vater, die Mutter bediente, und alle anderen hatten zu gehorchen. Noch in meiner Kindheit war das nicht viel anders: Man ass jeden Tag um 12.30 Uhr zu Mittag, damit der Vater die Radionachrichten hören konnte. Die Kinder mussten ruhig sein. Wer sich nicht anständig verhielt, bekam eine Ohrfeige.

Das hat sich gründlich verändert: Heute dominieren die Kinder das Tischgespräch.

Ja, wir geben Kindern viel Raum, weil wir möchten, dass sie sich entfalten können. Ich finde es aber genauso falsch, wenn Eltern am Tisch nicht mehr zu Wort kommen wie wenn Kinder schweigen müssen. Man muss einen Mittelweg finden. Heute muss jede Familie ihre eigenen Regeln definieren, weil es keine allgemeingültigen Normen mehr gibt. Das ist anstrengend und führt dazu, dass in manchen Familien gar nichts mehr definiert wird.

Allzu schlimm kann es nicht sein: Gemäss einer aktuellen Studie fangen in 80 Prozent der Schweizer Haushalte alle gleichzeitig mit Essen an. Und in nur 4 Prozent der Haushalte läuft der Fernseher während des Essens. Das ist doch vorbildlich, oder?

Das klingt in der Tat gut. Bei solchen Umfragen muss man allerdings bedenken, dass die Befragten dazu tendieren, das zu sagen, was gesellschaftlich erwünscht ist. Trotzdem gehe ich davon aus, dass die Tendenz stimmt.

Und warum übt Fast Food eine so grosse Anziehungskraft auf Jugendliche aus? Weil sie das kultivierte Familienessen irgendwann gründlich satthaben?

Jede Erziehung besteht darin, dass Eltern gewisse Regeln aufstellen und Kinder diese Regeln zu durchbrechen versuchen, weil sie die Grenzen ausloten wollen. Und gerade weil das Essen und die damit verbundenen Normen so wichtig sind, ist auch die Lust, sie umzustossen, sehr gross. Da dies zu Hause meistens nicht gelingt, tun es die Jugendlichen eben bei McDonald’s. Dort dürfen sie lustvoll wie Kleinkinder mit den Händen essen. Und sie müssen sich an keine Regeln halten: Man kann drinnen oder draussen, im Stehen oder Gehen essen, ganz wie es einem beliebt. Das ist der Reiz, der Fast Food ausmacht. Es ist normal, dass sich Jugendliche davon angezogen fühlen. Wenn sie im Elternhaus mitbekommen haben, was gesunde Ernährung und gute Tischkultur bedeuten, wird sich das wieder einpendeln.

Ist Fast Food eigentlich eine Erfindung aus unserer Zeit?

Das ambulante Essen hat es schon immer gegeben, etwa auf dem Jahrmarkt, auf Reisen oder während der Arbeit. Das Neue an Fast Food im heutigen Sinne ist die fliessbandmäs sige Produktion und Zubereitung. Mit der Formierung wurde die Produktion von Essen schnell, effizient und günstig. Auch ein ungelernter Mitarbeiter begreift in kürzester Zeit, wie man einen Hamburger brät. Aber ob es wirklich sinnvoll ist, etwas so Wichtiges wie das Essen vollständig den Gesetzen der Effizienz zu unterwerfen, darüber muss man sich schon Gedanken machen.

Heute essen viele Kinder in der Tagesschule und am Abend stellen die Eltern Fast Food und Convenience-Produkte auf den Tisch. Gibt es eine Krise des Kochens?

Vor allem in sozial schwächeren Familien wird tatsächlich weniger gekocht. Menschen, die in Schwierigkeiten stecken, schaffen diesen Kraftakt schlicht nicht mehr. Problematisch daran ist auch, dass Kinder das Kochen gar nicht mehr lernen. In vielen Schweizer Kantonen wurde der Kochunterricht in der Schule ja abgeschafft.

Dafür flimmern jetzt massenhaft Kochsendungen über den Bildschirm.

Ja, aber Kochen lernt man nicht über mediale Vermittlung. Ich bin überzeugt, dass wir derzeit eine grosse Chance vergeben: Das Angebot an Tagesschulen wird laufend ausgebaut, warum beziehen wir die Schüler bei der Zubereitung der Schülermahlzeiten nicht ein? So würden Kinder mehr über gesunde Ernährung lernen, als jede Ernährungskampagne vermitteln kann.

Auch wenn heute weniger gekocht wird – das Kochen wurde noch nie so sehr inszeniert. Wir lieben Kochsendungen, opulente Kochbücher, teure Küchenmaschinen. Warum?

Wir kochen heute insgesamt weniger und flexibler. Nur deswegen konnte Kochen zur Freizeitbeschäftigung werden. Meiner Mutter, die mindestens zweimal am Tag Essen zubereitet hat, wäre es nie in den Sinn gekommen, dass diese Tätigkeit ein Hobby sein könnte. Wir erleben gerade den Übergang vom Versorgungs- zum Genusskochen, vom Zwang zum Genuss, vom Alltag zum Weekendvergnügen.

Das gilt vielleicht für kinderlose Paare, nicht aber für Familien.

Ja, in der Familie hat die Versorgungsküche bis heute überlebt. Ich kenne zwar auch Eltern, die jeden Tag lustvoll kochen und sogar das Brot selbst backen. Aber das sind wohl Ausnahmen. Im Normalfall ist das Kochen entweder Pflicht oder Kür.

Gibt es Kulturen, in denen die Väter für die Versorgungsküche zuständig sind?

In heute existierenden Kulturen ist die Versorgungsküche fest in Frauenhand. Das Kochen wird dann zur Männersache, wenn es professionalisiert oder als Show inszeniert ist. Bei uns stehen Väter gerne am Herd oder noch lieber am Grill, wenn Gäste kommen. So demonstrieren sie, dass sie zu Hause Verantwortung übernehmen.

Eines der am häufigsten zitierten Bonmots im Zusammenhang mit Essen ist «Liebe geht durch den Magen«. Gilt selbst zubereitetes Essen in heutigen Familien immer noch als Liebesbeweis?

In Asien würde es kaum einer Mutter einfallen, selbst für ihre Familie zu kochen, wenn sie sich eine Hausangestellte leisten kann, die das übernimmt. Auch in unserer Kultur bekam das Selbst-Kochen seine Bedeutung erst mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem damit verbundenen Rollenverständnis: Der Mann verdient das Geld, und die Frau ist für den Haushalt zuständig, also auch für die Essenszubereitung. Ich bin deshalb skeptisch, wenn man das Kochen zum Liebesbeweis stilisiert, denn damit sagt man implizit meist auch, dass Frauen an den Herd gehören. Andererseits ist es natürlich schon ein Zeichen des Respekts und der Liebe gegenüber den Essenden, wenn jemand freiwillig und gerne einen Hackbraten in den Ofen schiebt. Denn beim Kochen stehen Aufwand und Ertrag in einem Verhältnis zueinander, man braucht viel Zeit, um etwas herzustellen, was in kürzester Zeit verschlungen wird.

Was haben Kinder eigentlich gegessen, bevor Teigwaren auf unserem Speiseplan standen?

(lacht) Sie assen, was auf den Tisch kam. Im Mittelalter waren das vor allem Brei- und Musspeisen. Das hat gut gefüllt, war aber vom Nährwert her nicht immer ideal. Je nach Region ernährte man sich eher von Getreide oder von Milchprodukten. Fleisch gab es nur selten. Einseitige Ernährung und die daraus resultierenden Mangelerscheinungen waren bei Kindern bis in die Zwischenkriegszeit verbreitet. Mit den Kartoffeln und weiteren Neuerungen wie Mais oder Reis, aber auch mit zunehmendem Ernährungswissen und neuen Konservierungsmethoden von Einmachen bis Tiefkühlen verbesserte sich die Situation.

Heute spielt gesundes Essen in vielen Familien eine sehr grosse Rolle. Versucht sich die Mittelschicht mit ungeschälten Biokarotten von jenen abzusetzen, die sich diesen Luxus nicht leisten können?

Dass dieses Thema so wichtig ist, spiegelt unsere Unsicherheit in Bezug auf unser Essen wider. Und die ist durchaus berechtigt, denn viele unserer Nahrungsmittel werden unter unökologischen Bedingungen produziert und sind alles andere als gesund. Ich finde es wichtig, dass wir mit unseren Kindern über die Vorund Nachteile verschiedener Nahrungsmittel und über die damit verbundenen Gesundheits- und Umweltfragen sprechen. Aber: Nie ein Hamburger, nie etwas Süsses, das wird uns auch nicht gerecht. Auch Erwachsene sind ja nicht konsequent, sie trinken beispielsweise mal ein Glas Wein zu viel. Der Mensch funktioniert nicht wie eine perfekte Maschine.

In jüngster Zeit wurden rund 12 000 sogenannte Kinderlebensmittel erfunden. Die meisten sind süss, fettig und ungesund. Warum sind sie trotzdem so erfolgreich?

Gerade weil sie süss, fettig und ungesund sind. Kinder mögen das. Ich bin der Meinung, dass man diese vollkommen unnötigen Produkte verbieten sollte. Warum jagt man den Eltern mit moralischen Gesundheitskampagnen ein schlechtes Gewissen ein und toleriert gleichzeitig Werbung für Kinderlebensmittel? Hier lügt sich unsere Gesellschaft selbst an. Die Firmen dürfen profitieren, die Eltern sind die Geplagten, und die Gesellschaft trägt die Gesundheitskosten.


Zur Person

Walter Leimgruber ist Professor und Leiter des Seminars für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Universität Basel. Er war als Ausstellungsmacher und Journalist tätig und hat sich verschiedentlich mit der Kultur des Essens auseinandergesetzt.

Buchtipp

Einmal kochen, zweimal essen. Das grosse Familienkochbuch für die alltägliche Familienküche, praktisch, gesund, abwechslungsreich. Julia Hofer, AT Verlag, 54 Franken

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