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Illustration: Mutter Flucht wegen der Unordnung ihrer Kinder: Gopfridschtutz!

Erziehung

Meckerdiät

Schimpfe, nörgle, meckere ich tatsächlich zu viel mit meinen Kindern? Lässt sich der Alltag auch anders bewältigen? Ein dreiwöchiger Verzichtsversuch.

Illustration: Strichliste

Dein ewiges Gemecker geht mir so auf den Sack!» Kind eins (12) funkelt mich böse an. Hab ich gemeckert? Ich habe doch nur nebenbei bemerkt, dass die Reste in den Znüniböxli, die sich seit Wochen in seinem Zimmer stapeln, zu fauligen Massen mutiert sein dürften, dass das Fahrrad im Regen steht und subito unters Dach muss und dass bitteschön die Kochinsel keine Bücherablage ist. Gemecker? Alltagskram in einem Alltagsleben mit Kindern, so würd ich das bezeichnen. Drum sag ich noch: «Übrigens, deine Zehennägel hättens auch wiedermal nötig.» «Du regst mich SO auf», schreit das Kind und knallt die Tür.

Pädagogisch sinn- und wertvoll? Autoritativer Erziehungsstil? Alles prima. Doch manchmal interessiert mich das alles überhaupt nicht. Dann bin ich ganz einfach Mensch und habe absolut keine Lust, die unbezahlte Putze und gleichzeitig die Kinderversteherin zu sein. Zugegeben, vielleicht ists manchmal ein bisschen viel Gemotze. Ich nehme die «Katastrophen» oft bereits den Ereignissen voraus. Ein Beispiel? Kind zwei (6) will Milch trinken. Noch bevor es den Kühlschrank berührt, sag ich: «Gell, wenns beim Einschenken eine Sauerei gibt, dann putzt du das weg.» Kind zwei sagt: «Klar doch.» Aber garantiert brülle ich zehn Minuten nach dem saloppen «klar doch» nach hinten ins Kinderzimmer: «Ich habe doch gesagt, dass du die Schweinerei aufputzen sollst.» Und genau das geht mir so wahnsinnig auf den Keks: Dass die Kinder sich weigern, einfachste Alltagsdinge selber zu erledigen.

Sonst läufts eigentlich ganz gut mit uns, die Kinder sind ziemlich nett und lieb, fluchen nur unregelmässig und prügeln keine anderen Kinder, sondern nur sich untereinander. Es ist jetzt auch nicht so, dass ich immer nur meckere und schimpfe. Doch manchmal töne ich schon wie ein keifendes Marktweib und sorge so für Unfrieden im Haus.

Darum beschliesse ich, ein Experiment zu machen. Ich setz mich auf Diät – auf Meckerdiät. Ich nehme mir vor, drei Wochen lang möglichst nicht zu kritteln und zu schimpfen und zu versuchen, die Dinge gelassener zu nehmen. Und auch mal meinen Ordnungsfimmel zu hinterfragen. Den Kindern sag ich nichts von meinem Projekt.

Eine Strichliste hilft, die Übersicht zu behalten. Striche gibts für mich für: schreien, fluchen, meckern, motzen, erpressen, einmischen, drohen, ungerecht sein und stur.

Tag 1

Ich bin motiviert und gut gelaunt. Und sicher, dass ich den ersten Tag mit Links schaffe. Gemütlich plaudernd sitzen wir beim Abendessen. Nur Kind zwei blickt mürrisch. Es will den Brokkoli nicht essen. Ich bleibe gelassen: «Einen Löffel musst du probieren, Maus.» Kind: «Das hab ich schon.» Ich, ganz lieb: «Ich habs aber nicht gesehen.» Kind, gereizt: «Dann hättest du halt gucken müssen. Jedenfalls probier ich nicht noch einmal, das ist gruusig.» Ich: «Sag nicht gruusig, sag, ich mag das nicht.» Kind: «Aber es ist gruusig.» Mein Gehirn schaltet auf Automat: «Wenn du nicht probierst, gibts imfall kein Dessert.» «Du bist so fies!», schreit es, stopft sich einen Löffel kalten Brokkoli rein, schluckt, würgt und simuliert heftigste Kurz-vor-dem-Erbrechen- Geräusche.

Fetter Doppelstrich auf die Liste, aber dalli, fürs Drohen und Erpressen.

Tag 2 bis 5

Kind eins pubertiert, Kind zwei ist verliebt. Und ich? Ich bin verständnisvoll, ruhig, nachsichtig. Komme ohne Meckern durch die Tage. Top, finde ich. Es geht doch. Kind eins fragt: «Mama, bist du krank?»

Tag 6

Zu viel Laptop, zu viel Haushalt, zu viel Kinder, zu viel Leben. Ich mach mal präventiv überall einen Strich auf die Liste.

Tag 7

Ich liege gemütlich auf der Couch, abgetaucht, versunken, lausche der sexy Stimme von Daniel Brühl aus dem CD-Gerät, der «Lila Lila» liest. Da dröhnt aus dem Zimmer von Kind zwei Taylor Swift: «Du bist der König Baaaby und ich deine Kööönigiin, yeah yeah.» Schon kommt das Kind dahergehüpft: «Mama, ich mach in meinem Zimmer ein Konzert, kommst du auch?» Oh nein! Zimmerkonzerte von Kind zwei bedeuten, es performt und singt zu ohrenbetäubend lauter Musik mindestens fünf Songs, und dann gibts noch Zugaben, und das alles in der totalen Dunkelheit des Zimmers, und ich muss den Beleuchter per Taschenlampe und das begeisterte Fanpublikum machen. Darauf hab ich nun absolut keine Lust. Die spontane Reaktion auf solche Ideen ist normalerweise ein klares Nein. Doch diesmal sag ich Ja, warum zur Hölle auch immer. Das Kind ist glücklich. Und ich das Discolicht.

Tag 8 bis 13

Ferientage. Besuch im Zoo, durch den Wald streifen, Herbstfeuer im Garten mit Würste braten und Marroni. Ich geniesse die schönen Seiten des Mamaseins: wenn knuddlige Kinderarme mich umfangen, wenn der Kanon funktioniert, wenn wir Geschichten hören, frischen Tee kochen, die Kinder «Beiz» spielen und ich Gast sein darf. Wunderschöne Tage und Abende. Es ist entspannend, die Zeit mit den Kindern zu verbringen statt mit unnötigem Kram. Dinge, die sonst endlos nerven, mit Gelassenheit und Humor zu nehmen.

Tag 14

Aufräum- und Putztag. Überall blitzeblank. Zufrieden steh ich da und habe diese surreale Idee, dass es nun mindestens sieben Tage so aussehen sollte – bis Kind eins mit dem Hund, beide nasstropfend, zur Tür reinspaziert und Kind zwei im Wohnzimmer am Delfin aus Speckstein schleift. Reaktion: Austicken. Konsequenz: Drei Striche. Fürs Brüllen, Drohen, Fluchen.

Tag 15

Kind zwei liegt abends im Bett: «Mama, würdest du mich weggeben? » «Niemals Maus, warum meinst du?» Kind: «Auch nicht, wenn ich was ganz Schlimmes gemacht habe und die Polizei kommt?» «Nein, natürlich nicht.» Kind: «Was würdest du denn dann machen?» «Wir würden mit der Polizei reden und schauen, wie wir das wiedergutmachen können. Warum denkst du denn, dass ich dich weggeben könnte?» «Wenn du manchmal so viel schimpfst, dann denke ich das.» Oh nein! «Ich hab dich ganz fest lieb. Schimpfe ich denn so viel?», frag ich. «Ja, manchmal schon. Aber weisst du, das macht nichts», sagt das Kind. Doch, finde ich, das macht was. Ich bin überwältigt, wie gross Kinder im Verzeihen sind. Und mache eine neue Spalte auf der Liste: Fürs Schämen.

Tag 16

Ich hasse Umkleidekabinen. Wenn ich Kleider brauche, geh ich in den Laden, schnappe mir was, halte es hin, passt. Wenn meine Kinder Kleider brauchen, wird das zur ausufernden Orgie. Sie krallen sich alles, was ihnen gefällt und rauschen ab in die Umkleide. Jedes einzelne Teil wird anprobiert, im Spiegel begutachtet, ausgezogen und hingeschmissen, und ich darf es dann zusammenlegen oder auf die krakeligen, gummierten Kleiderbügel wuseln. Ich sitze vor der Kabine auf der Bank, Berge von Kleidern auf mir, schwitze, weils in Kleiderläden warum auch immer ganz wahnsinnig heiss ist. Eine Stunde später und trotz drei noch weiteren Kollektionen bin ich äusserlich ruhig, innerlich nur ein klitzekleines bisschen unentspannt: Oooohhm, ich bin ein Adler und schwebe hoch durch die Lüfte.

Tag 17

Es ist keine olfaktorische Halluzination, sondern der ganz reale Wahnsinn: Das Zimmer von Kind eins hat seit gefühlten zwei Monaten keine Frischluft mehr zugeführt bekommen. In der Dunkelheit der herabgelassenen Jalousien türmen sich Berge von ungewaschenen Kleidern, Jugendmagazinen, Gläsern, Essensresten, Keksschachteln. Normalerweise kümmere ich mich nicht darum, weil ich finde, dass ab einem bestimmten Alter das Zimmer Privatsache ist. Doch das hier sprengt jegliches Recht auf Privatsphäre. «Du musst dein Zimmer heute aufräumen, das geht so nicht.» Das Kind sagt in gereiztem Ton: «Aber ich hab heute abgemacht, ich machs morgen.» «Das machst du heute, sonst geht dein nächstes Sackgeld drauf für Rentokil », sag ich ruhig und im Bewusstsein, dass meine Liste grad um einen Strich reicher geworden ist. Mir egal, sag ich mir, weil Maden als Haustiere kann ich mir nur ganz schlecht vorstellen.

Illustration: Mädchen mit modischen, aber verrückten Kleidern

Das Kind beginnt hysterisch-wütend zu keifen: «Du und deine beschissenen Erpressungen. Warum kannst du NIE einen Kompromiss eingehen, das regt mich SO auf, ich werde heute garantiert NICHT mein Zimmer aufräumen, das kannst du glatt VERGESSEN!» Ich wende die Entspann-dich-in-sechs- Sekunden-Technik an. Kind eins macht, was es in solchen Situationen gewöhnlich tut: Es knallt die Tür.

Tag 18

Frühmorgens. Kind zwei zieht sich an. Es wählt die Kleider selber aus. Alles andere wäre vergeudete Lebenszeit, denn meinen Kleidervorschlägen verweigert es sich grundsätzlich. Das Kind kommt in die Küche und sieht aus wie Jane Fonda in einem Video aus den 70ern. «Dir ist schon bewusst, dass du in die Schule gehst und nicht zum Aerobic?», sag ich. «Was ist Aerobic?», fragt das Kind. «Das ist etwas wie Hip-Hop im Altersheim.» «Die ziehen sich dort so an?», fragt es. «Genau so», sag ich. Fünf Minuten später kommt es wieder, Hosen in Karo, Pulli mit Streifen. Das Kind braucht einen Modeberater. Ich aber bleib ruhig, weil ich kürzlich eine interessante Lektüre gelesen (siehe Box «Buchtipp») und seither einen Geheimtrick habe. Ich sag: «Wenn du zwei verschiedene Muster anziehst, dann stirbt ein Einhorn.» Grosse Augen. «Echt?» Ich nicke. Das Kind geht Jeans anziehen.

Tag 19

Egal ob ich eine SMS oder eine Mail schreibe: Mit Garantie kommt eins der Kinder und nervt: «Mama, was machst du? Spielen wir Tschau Sepp? Wann denn? Jeheeetzt? Wem schreibst du? Darf ich auch gucken? Darf ich einen Schluck Molkedrink? Gehts noch laahang? Mir ist langweilig. Darf ich Fernsehen? Bist du jetzt fertig?» Ja. Ich bin fertig und hochgradig genervt: «EIN EINZIGES MAL NUR MÖCHTE ICH …», ähm… «eine Mail in Ruhe zu Ende schreiben, geht das, Schatz, hm?» (Wo verflucht hab ich die kleinen bunten Pillen?)

Tag 20

Muss man ruhig bleiben, wenn ein Kind im Badezimmer Zoo spielt? Man kann, wenn es einen nicht stört, dass die Ringelnatterbabys und Regenwürmer im Lavabo aus Zahnpasta sind, dass am frisch geputzten Spiegel Schimpansen in Form von Matschknetklumpen kleben und in der Wanne Stoffbären, Elefanten, Tiger, Giraffen und Mäuse schwimmen, weil heute im Zoo Badetag ist. Und ja, so viele Tiere machen natürlich mächtig viel Überschwemmung. Doch vom Tierwärter fehlt jede Spur, weil der schon Feierabend hat und draussen ist am Kartfahren. Man kann also ruhig gelassen bleiben, sag ich mir. Denn der Tierwärter ist Kind zwei. Und das steht total auf Kuchen. Ich rufe: «Wenn der Zoo aufgeräumt ist, gibts Kuuchen!» Erstaunlich, was eine Positivnachricht bewirken kann. Ohne Jammern geht das Kind rasch ans Werk. Drei Minuten später steht es neben mir: «Das ist so viel, hilfst du mir, Mama?» «Klar doch.»

Tag 21

Was übrig bleibt, sind ein Berg Notizen, kleine Zettelchen mit Momentaufnahmen von drei Wochen Zusammenleben, eine Liste mit 17 Strichen und ich, die in diesen drei Wochen immer wieder gestolpert bin. Permanente Harmonie ist nicht nötig, auch nicht realistisch. Das Leben ist anders. Doch es braucht nicht viel, um das Zusammenleben mit Kindern etwas schöner zu machen: reflektieren, reden statt brüllen, mehr Humor und ab und an wegkommen von der Neinsagen- Kultur. Wie lange diese Erkenntnisse anhalten werden? Keine Ahnung. Ich arbeite daran.

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