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Kind mit Kita-Betreuerin in Maske

Corona und Kinder

Masken in Kitas: Die Folgen für die Kleinsten

In vielen Kitas tragen Betreuende aufgrund der Coronapandemie Schutzmasken – eine Herausforderung für die Kinder, besonders für die Kleinsten. Wie sieht ein verantwortungsbewusster Umgang mit Masken im Kinderalltag aus?

Noah ist im vergangenen August in die Kita eingetreten. Er war damals ein halbes Jahr alt, so alt wie viele Kinder bei ihrem ersten Tag in der Krippe. Die Eingewöhnung verlief zuerst recht gut, er schien sich wohlzufühlen und wurde bald an drei ganzen Tagen von acht Uhr morgens bis abends um sechs in der Kita betreut.

Anfang September stieg in den Betreuungsinstitutionen des Kantons Zürich die Zahl der positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Mitarbeitenden stark an, ebenso die angeordneten Quarantänen.

Empfehlungen zum Maskentragen in Kitas

Der Verband Kinderbetreuung Schweiz Kibesuisse gab darauf in Zusammenarbeit mit dem Marie Meierhofer Institut für das Kind und mit Fachleuten aus dem Bereich Kindergesundheit Empfehlungen zum Maskentragen in Kitas heraus. Die Massnahmen, die zunächst nur für Hotspots galten, wurden Mitte Oktober auf die ganze Schweiz ausgeweitet.

In Noahs Krippe, einer städtischen Institution in Zürich, tragen seit September alle Angestellten Schutzmasken. Zwar empfiehlt Kibesuisse dringend, Ausnahmen von der Maskentragpflicht im Tagesablauf festzulegen. Doch in Noahs Kita sind die Ausnahmen selten. Denn die Betreuenden sollten nicht mit zu vielen verschiedenen Kindern maskenlosen Kontakt haben.

Maskenlose Kontakte dokumentieren

Jeder einzelne dieser Kontakte muss zudem lückenlos dokumentiert werden. Füttert die Betreuerin Noah also ohne Maske, wickelt ihn oder singt ihm beim Einschlafen ein Lied vor, schreibt sie Datum, Uhrzeit, Dauer der maskenfreien Zeit und ihren Namen auf. Vom Mittagstisch wird mittlerweile immer ein Foto gemacht, damit die Kita-Leitung allfällige Fragen des Contact- Tracings beantworten kann.

Kita-Schliessung verhindern

Bei sämtlichen Massnahmen zur Eindämmung von Covid-19 in Kita, Tagesfamilien und Schulen geht es weniger darum, die Kinder vor einer Ansteckung zu schützen, sondern vielmehr die Erwachsenen. Denn, das ist schon länger klar, Kinder erkranken kaum je schwer am Virus.

Das gilt fast genauso für junge Erwachsene, von denen besonders viele in Kitas arbeiten – eine ideale Situation, könnte man meinen. Leider nicht, denn das Problem liegt woanders: «Wird in einer Kita eine Betreuungsperson positiv getestet, die keine Maske getragen hat, besteht die Gefahr, dass die ganze Kita in Quarantäne muss. Das gilt es um jeden Preis zu vermeiden», sagt Tanja Bischof, Fachverantwortliche für Kindertagesstätten bei Kibesuisse.

Denn Eltern, die arbeiten, sind darauf angewiesen, dass der Nachwuchs betreut wird. Und für die Kitas sind Betriebsunterbrüche wegen Quarantäne fatal; wiederholte Ertragsausfälle könnten zum wirtschaftlichen Ruin führen.

Maske schützt vor Quarantäne

Tragen die Angestellten während der Arbeitszeit so oft wie möglich eine Maske, reduziert sich die Zahl der Mitarbeitenden, die in Quarantäne müssen, wenn jemand positiv getestet wird. «In der Regel müssen dann nur die betroffene Person und diejenigen Kinder in Quarantäne, mit denen sie ohne Maske engen Kontakt hatte», erklärt Bischof. «Ausserdem ist es mit Blick auf das Kindeswohl wichtig, dass die Kinder ohne längere Unterbrüche in die Kita können und die für sie wichtigen gewohnten Strukturen aufrechterhalten bleiben. Routine ist für Kinder wichtig – neu halt eine Routine mit Betreuungspersonen, die häufig eine Maske tragen», sagt Bischof.

Masken in Kitas: Kontroverse unter Eltern

Es ist keine einfache Situation für die Kinderkrippen. Das Maskentragen ist auch unter den Eltern der Kita-Kinder umstritten. «Manche Eltern fordern, dass die Angestellten dauerhaft Schutzmasken tragen, andere wiederum sagen, dass sie ihre Kinder nicht mehr bringen, wenn dies der Fall wäre», sagt Bischof.

Ein Kind mit Teddy und Maske

Sind Betreuerinnen in der Kita maskiert, kann das bei kleinen Kindern zu Verunsicherung, Ängsten und auch zu verzögerter Sprachentwicklung führen.

Verzögerter Spracherwerb

Was aber bedeutet es für Babys und Kleinkinder, wenn die Erwachsenen um sie herum zweidrittel ihres Gesichts bedeckt halten? Dass kleine Kinder Sprache nicht nur über das Gehör lernen, sondern Mundpartie und Mimik aufmerksam beobachten, darüber sind sich Fachleute einig. Und gehen davon aus, dass sich der Spracherwerb verzögert, wenn ausgedehntes Maskentragen zum Standard wird, gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund und solchen, die viel Zeit in der Kita verbringen.

Das Tragen von Schutzmasken verändert jedoch auch unsere Beziehungen und hat einen Einfluss aufs Wohlbefinden. Wir sind es gewohnt, in jeder Situation am Gesichtsausdruck des Gegenübers abzulesen, ob es uns wohlgesonnen ist, ob wir ihm vertrauen können, ob es uns gerade ermutigt oder kritisiert.

Masken irritieren Kleinkinder

Für Kinder, die noch nicht so beziehungssicher sind wie Erwachsene, gilt das noch viel mehr. «Kinder reagieren individuell unterschiedlich auf Distanzregeln und ein Gegenüber mit Hygienemaske», schreibt das Marie Meierhofer Institut für das Kind begleitend zu den Maskentragempfehlungen. «Die Reaktionen reichen von neugierig, vorübergehend verunsichert bis verstört.»

Als die Kita-Mitarbeitenden anfingen Schutzmasken zu tragen, veränderte sich auch das Verhalten des kleinen Noah. Er wirkte oft irritiert und befangen, weinte öfter und war deutlich weniger lebendig als vorher. Es dauerte mehrere Wochen, bis er sich wieder einigermassen gefangen hatte, obwohl die Kita-Mitarbeitenden die Empfehlungen für das Kommunizieren mit Maske befolgten (siehe Interview zum Thema). Fachleute stellen fest, dass sensible, eher introvertierte Kinder deutlich stärker auf die veränderten Bedingungen reagieren.

Kindliche Bedürfnisse missachtet

«Ich vermisse das wirkliche Einstehen für die kindlichen Bedürfnisse», sagt Maria Luisa Nüesch, Gründerin des Kinderhauses Storchennest in Grabs (SG). «Es ist an der Zeit, dass wir auch vom Kind aus denken.»

Die Reaktionen der Kinder auf die gegenwärtige Situation könnten verhalten sein und erst viel später sichtbar werden, mahnt die Pädagogin. Bereits im Sommer stellte der deutsche Kinderarzt und Psychotherapeut Hartmut Horn in einem Vortrag bei der Deutschen Gesellschaft für anthroposophische Psychotherapie fest: «Die schutzbedürftigste Gruppe unserer Menschengemeinschaft, die Kinder, haben seit März 2020 im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung sehr grosse Belastungen ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit hingenommen.»

Spuren in der kindlichen Psyche

Es hinterlässt Spuren in der kindlichen Psyche, wenn in weiten Teilen der Gesellschaft Angst, Vorsicht und Unsicherheit regieren wegen eines Virus. Kleine Kinder wie der heute neun Monate alte Noah, der geboren wurde, als Covid-19 sich in Europa gerade auszubreiten begann, kennen keine andere Realität. Ihre Lebenswelt wurde sozusagen ab Geburt durch Corona geprägt und ein Ende ist nicht absehbar.

Laut einer Studie der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste Luzern hat die Zahl der jungen Menschen mit Depressionen, Angstzuständen, Aggressionen und sozialen Phobien seit dem Lockdown im Frühling 2020 markant zugenommen.

Durchgehendes Maskentragen muss nicht sein

Nicht überall lässt man sich vom Virus den Alltag diktieren. Im Kinderhaus Storchennest in Grabs setzt man statt auf durchgehendes Maskentragen auf gesundheitsförderndes Verhalten, auf gute Beziehungen zu den Eltern und moderaten Schutz: Eltern und Kinder waschen als erstes die Hände, wenn sie ins Storchennest kommen, es wird auf Abstand geachtet.

«Tagsüber sind die Kinder viel draussen, auch im Winter. Das stärkt ihr Immunsystem», sagt Kinderhausleiterin Jeannette Berger. «Auch legen wir Wert auf gutes Essen und beschäftigen genügend Mitarbeitende, sodass niemand unter Stress steht.» Damit bei einer Covid- 19-Erkrankung nicht alle in Quarantäne müssten, wurden autonome Gruppen gegründet, die auch räumlich getrennt sind voneinander. Auch hier: Das Wohl des Kindes steht an erster Stelle.


Beschwerde im Kanton Freiburg: Maskenpflicht beschäftigt Gericht

Seit dem 28. August 2020 galt für die Kita-Angestellten des Kantons Freiburg eine vollumfängliche Maskentragpflicht, die am 25. September minim gelockert wurde.

Gegen die von der Gesundheitsdirektion erlassene Massnahme haben Privatpersonen und der westschweizer Verein 38,5, der sich für die Belange der Kinder einsetzt, eine Beschwerde eingereicht. Sie sind der Meinung, dass mit dieser Maskenpflicht in Kitas das Kindswohl und das Grundrecht der Kinder auf eine gesunde und menschenwürdige Entwicklung missachtet wird.

Schaden für Kleinkinder

«Verschiedene Fachleute weisen darauf hin, dass Babys und Kleinkindern in der momentanen Situation Schaden zugeführt wird», sagt Antragstellerin Clarissa Frankfurt, Juristin und Mutter einer zweijährigen Tochter, die an drei Tagen in der Woche eine Kita besucht.

«Logopädinnen etwa warnen davor, dass die Kinder längerfristig schlechter kommunizieren lernen und in ihrem Verständnis weniger empathisch sein werden, wenn Mimik und Lachen der Erwachsenen fast ausschliesslich hinter Masken vorborgen bleiben.»

Beschwerde soll Anpassung der Massnahmen erwirken

Deshalb verlangen die Beschwerde führenden Personen unter anderem eine Anpassung der Massnahmen an die Bedürfnisse der Kinder sowie eine wissenschaftliche Begleitung der momentanen Situation. Das Kantonsgericht des Kantons Freiburg hat die Beschwerde am 21. Dezember 2020 abgewiesen. Juristin Clarissa Frankfurt wird sie mit Hilfe eines Anwalts jedoch ans Bundesgericht weiterziehen. «Kinderbelange sind etwas vom Wichtigsten, auch in Ausnahmesituationen wie jetzt. Das Verstören einer ganzen Generation, wie es zurzeit geschieht, lässt sich mit rein gar nichts rechtfertigen. Es sind die Menschen, für die wir als Eltern die Verantwortung tragen und später sind es sie, die die ganze Last der Welt auf ihren Schultern tragen werden. Wir müssen unseren Kindern eine faire Chance geben», begründet Clarissa Frankfurt ihre Haltung.


Zuletzt aktualisiert 7.1.21

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